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Die Jüdin von Toledo

Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:

Eine tragische Liebesgeschichte
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
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Als er indes in der Galiana zurück war, sah er, wie zart die schwangere Frau war und daß nur die Sicherheit ihres Glückes ihr Stärke gab, und er brachte es nicht über sich, ein Gespräch zu führen, das sie gefährden konnte.

Unverrichteterdinge kehrte er zurück in die Trägheit seines Glückes.

Wie früher waren sie den ganzen Tag müßig und den ganzen Tag beschäftigt. Wieder erzählte ihm Raquel Märchen, und er staunte, wie leicht ihr die Worte zuflossen und wie sich ihr die Geschichten ineinanderschlangen und wie sie fabulierte und an ihre Fabeln glaubte und ihn daran glauben machte.

Ja, Raquel war beredt. Sie vermochte Worte zu finden für alles, was sie bewegte.

Nicht für alles. Sie konnte Alfonso nicht sagen, wie sehr sie ihn liebte, niemand konnte das, nur die alten Lieder des Großen Buches. Und sie sprach ihm vor die klingenden, jauchzenden, brünstigen Verse des Hohenliedes. Sie versuchte, sie ihm zu übersetzen in ihr Arabisch und in sein niedriges Latein und in ihrer beider Geheimsprache. So konnte sie ihm sagen, wie sehr sie ihn liebte. Auch die dunklen Verse jenes Psalms sprach sie ihm vor, welche die Schönheit der Königsbraut und den Glanz und die Glorie des Königs überschwenglich verkündeten. Er aber war hoch verwundert, daß diese alten hebräischen Könige noch stolzer waren als die ritterlichen der Christenheit.

Dann, eines Morgens, in einer jähen Anwandlung, nahm er sich ein Herz und bat sie, endlich doch die letzte Schranke einzureißen, die sie von ihm trenne, und den wahren Glauben anzunehmen, so daß sie ihm als Christin einen christlichen Sohn gebäre. Raquel schaute ihn groß an, mehr verwundert als klagend oder empört. Still, doch entschieden sagte sie: »Ich werde das nicht tun, Alfonso, und sprich mir nicht wieder davon.«

Den Tag darauf zeigte sie Alfonso die drei Bilder, welche Don Benjamín von ihr gemacht hatte. Er schaute die Zeichnungen an, lange, bemüht. Raquel erzählte ihm, es habe Mut dazu gehört, daß Don Benjamín sie gezeichnet habe; Bilder zu machen, verstoße gegen das Gebot des Mose ebenso wie gegen das Gebot des Mohammed. Nun sah es Alfonso nicht gern, daß sich Raquel mit diesem Don Benjamín abgab, er nahm an, Benjamín bestärke sie in ihrer Verstocktheit. »Wenn ihm das Zeichnen verboten ist«, sagte er unwirsch, »dann soll er’s doch lassen. Ich mag keine Ketzer. Meine Untertanen sollen die Gesetze ihrer Religion halten.« Raquel war verblüfft. Verlangte er nicht von ihr die schlimmste Ketzerei? Daß sie ihren Glauben abschwöre? Er merkte ihr Staunen. »Es muß Leute geben«, setzte er ihr auseinander, »welche die Gesetze machen; das sind die Könige und die Priester. Die Untern haben nicht an den Gesetzen herumzudeuteln, sie haben sie zu befolgen.«

Aber als sie die Zeichnungen zurücknehmen wollte, bat er: »Laß sie mir noch.« Und als er allein war, beschaute er die Bilder von neuem, lange, kopfschüttelnd. Was er sah, war seine Raquel und trotzdem eine andere. Er entdeckte an ihr Züge, die er nie gesehen hatte; dabei kannte er sie doch besser, als irgendwer sonst sie kennen konnte. Aber sie war unerschöpflich an Schönheit und vielfältig von Wesen wie Wolken am Himmel und die Wellen des Tajo.

Moslemische Musikanten waren nach Toledo gekommen. Man hatte Bedenken getragen, sie jetzt in währendem Kreuzzug ins Land zu lassen, doch Alfonso hatte leichtsinnig erklärt, das werde ja nun vor dem großen Krieg das letztemal sein, daß man sich an der Kunst moslemischer Sänger erfreuen könne. Da waren sie also, und diejenigen, die auf Bildung und verfeinerte Sitten hielten, ließen sie in ihren Häusern singen und spielen.

Alfonso ließ sie in die Galiana kommen. Es waren zwei Männer und zwei junge Mädchen; die Männer, wie die meisten Musikanten, waren blind, weil die Frauen in der Langeweile des Harems Musik nicht entbehren wollten und sich im Harem vor Männern nicht zeigen durften. Die Spielleute hatten Guitarre, Flöte, Laute und eine Art Klavier, das Kánun. Sie sangen und spielten, langsame, eintönige und dennoch aufreizende Weisen. Zuerst sangen sie Heldenlieder, darunter jenes uralte vom Cid Compeador; der im moslemischen Andalús lebende Jude Aben-Alfanche hatte es gedichtet zum Lob des feindlichen Ritters. Später sangen sie die neuen Weisen, die jetzt in Granada, Córdova und Sevilla umgingen. Sie sangen von der Schönheit dieser Städte, von ihren Gärten, ihren Brunnen, ihren Mädchen, ihren Rittern. Die Amme Sa’ad konnte sich nicht halten, sie weinte. Auch Raquel verspürte Sehnsucht nach Sevilla; doch war es eine linde Sehnsucht, sie störte nicht das Glück der Galiana, sie erhöhte es.

Zuletzt sangen die blinden Sänger noch Romanzen und Balladen, welche von Geschehnissen des Gestern und des Heute erzählten; sie hatten aber die Farbe des Märchens, genommen war ihnen der genaue Umriß der Zeit, sie hätten sich vor fünfhundert Jahren so gut ereignen können wie jetzt. Sie sangen auch eine Romanze, die handelte von einem ungläubigen König, einem Christen, der sich in eine andere Ungläubige verliebt, eine Jüdin indes, und der in seinem Schlosse Tage, Monate, Jahre mit ihr verlebt, er in seinem Unglauben und sie in dem ihren, und wird Allah es fügen, daß das glücklich ausgeht? Die Blinden sangen mit Gefühl, das eine Mädchen rührte ihre Laute, das andere schlug ihr Kánun. Raquel hörte zu, sie lächelte, sie war gewiß, Allah wird es zum guten Ende führen. Alfonso spürte eine leise Befangenheit, aber er lachte sie fort. Die jüdischen Flüchtlinge aus Francien waren nun, fast alle die sechstausend, angesiedelt und fügten sich ein in das Leben und Weben des Landes. Die Haßreden der Prälaten und Barone verklangen in dem fröhlichen Lärm des allgemeinen Wohlstandes.

Dieser allgemeine Wohlstand machte auch Jehudas »Glückstopf«, die Lotterie, deren Plan ihm das Buch Esther eingegeben hatte, zu einem märchenhaften Erfolg. Man kaufte ein Los für wenige Sueldos und konnte zehn Goldmaravedí gewinnen. Alle spielten, die Granden, die Bürger, die hörigen Bauersleute. Sie freuten sich und hielten es für ihr persönliches Verdienst, wenn sie gewannen; und wenn sie verloren, hatten sie wochenlang in einer glücklichen Spannung gelebt und hofften auf das nächste Mal.

Auch Jehudas Geschäfte mit dem Ausland blühten, wie er sich’s schöner nicht wünschen konnte, und sein Name hatte Klang von London bis Bagdad.

Erschien also Jehuda der Welt und sich selber als ein Oker Harim, als ein Mann, der Berge versetzen konnte, so kam ihn doch manchmal des Nachts Angst an: wie lange noch wird mein Glück dauern? Er hatte die abgründige Verzweiflung nicht vergessen, die ihn packte, als er die Nachricht vom Tode des Infanten erhalten hatte. Er war damals überzeugt gewesen, Alfonso werde sogleich zu Feld ziehen, und sein und seiner Raquel Glück werde zerbrechen. Dann hatte er erleben dürfen, wie Raquels Schwangerschaft den König noch enger an sie knüpfte, und er hatte sich geschämt, daß er an seinem Glück irre geworden war. Ganz los aber ließ ihn die Erinnerung an jene Stunden der Verzweiflung nicht mehr, und des Nachts vor allem stellte seine starke Phantasie Bilder der Angst vor ihn hin. Einmal, all seinen Künsten zum Trotz, wird der Krieg kommen, es wird ein langer und harter Krieg sein, es wird Rückschläge geben, und die Schuld der ersten Niederlage wird man ihm, Jehuda, und der Aljama von Toledo zuschreiben. Großes Leid wird die Judenheit Kastiliens heimsuchen, und die volle Wut Edoms wird ihn treffen und seine Tochter.

Auch die nähere Zukunft war unsicher. Was wird werden, wenn Raquel ihr Kind zur Welt bringt? Manchmal hatte Jehuda freche, irrsinnige Träume von dem Glanz, der um dieses sein Enkelkind sein wird. Die Barragana, das Kebsweib, die Uxor inferioris conditionis, genoß viele Rechte auch in der christlichen Gesellschaft, und das Kind, das sie gebar, stand rechtlich den legitimen Kindern kaum hintan. Hispanische Könige hatten ihre Bastarde zu großen Herren gemacht. Der Traum, ein Enkel von ihm könnte Prinz von Kastilien werden, umtanzte den Jehuda.

Allein sein guter Verstand zerriß schnell den Traum und zeigte ihm die Gefahr, welche die Geburt dieses Enkelkindes ihm und Raquel bringen mußte. Don Alfonso wird es für selbstverständlich halten, daß sein Kind getauft wird; es war aberwitzig, dem König von Kastilien vorschreiben zu wollen, er solle sein Kind »im Unglauben« heranwachsen lassen. Und doch mußte Jehuda dieses Aberwitzige von ihm verlangen.

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