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Die Jüdin von Toledo

Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:

Eine tragische Liebesgeschichte
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
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Alfonso argwöhnte, daß hinter diesem Schreiben Doña Leonor stecke oder der Erzbischof. Aber er wurde nicht zornig, er fühlte sich leicht und überlegen. Er hatte seine innere Stimme, und sie befahl ihm: »Schick den Juden noch nicht weg. Vielleicht später einmal.«

Ehrerbietig antwortete er dem Kardinal, es bedrücke ihn, daß er sich so lange eines Ratgebers bediene, der dem Heiligen Vater mißfällig sei. Aber erst die Hilfe dieses Ibn Esra habe ihn instand gesetzt, den Kreuzzug gegen die Moslems zu rüsten. Sowie er Siege errungen habe und also die Künste des Juden nicht mehr benötige, werde er, wie es einem treuen Sohne zieme, dem Willen des Heiligen Vaters gehorchen.

Kardinal Gregor, ein großer Redner, predigte in der Kathedrale. Vor Jahrhunderten schon, lange vor der übrigen Christenheit, hätten die Bewohner dieser Halbinsel den Krieg gegen die Moslems aufgenommen. Der Satan aber habe Zwist gesät zwischen die Könige, so daß sie ihre Schwerter gegeneinander brauchten statt gegen den gemeinen Feind der Christenheit. Nun aber habe der Allmächtige ihre Herzen erschüttert, und nun werde Hispanien seinen alten Kampf gegen die Ungläubigen mit neuer Inbrunst aufnehmen. Gott will es!

Die Kastilier, durch den Tod des kleinen Infanten darauf vorbereitet, daß der Krieg nun endlich beginnen werde, ließen sich die Predigt des Kardinals ins Innere dringen. Die erhabene Allgegenwart der Kirche hatte ihnen von Kindheit an die Vergänglichkeit des Diesseits ins Bewußtsein getrieben; jetzt verlor das Irdische vollends seinen Wert vor der Seligkeit des Ewigen, das sich so nah und wirklich vor ihnen auftat. Denn wer an dem Feldzug teilnahm, war aller Sünde ledig; er wird entweder rein wie ein Kind zurückkehren oder, selbst wenn ihm Gefangenschaft oder Tod bestimmt sein sollten, sichern Lohn im Himmel finden. Auch diejenigen, welche die Fülle und Behaglichkeit der guten letzten Jahre genossen und gewürdigt hatten, trauerten nicht um den bevorstehenden Verlust dieser Güter, sondern suchten sich das Unvermeidliche schmackhaft zu machen, indem sie sich die größeren Freuden des Paradieses vorstellten.

Waffenfähige Männer suchten ihren Besitz loszuwerden; man konnte kleine Güter, Werkstätten und dergleichen billig erstehen. Dafür stieg im Preis, was immer man für einen Kriegszug benötigte; Waffenschmiede, Lederhändler, Reliquienhändler hatten gute Zeit. Der Gärtner Belardo holte das Koller und die Kappe seines Großvaters hervor und rieb das Leder mit Öl und Fett ein.

Den Erzbischof Don Martín belebte die greifbare Nähe des Krieges. Ständig nun unter dem geistlichen Gewand trug er sichtbar die Rüstung. Er vergaß seinen Zorn gegen Alfonso und die Galiana, er pries Gott, der den Sünder mit so kräftiger Hand auf den Weg ritterlicher Tugend zurückgeholt hatte.

Da er sah, daß sein Rodrigue an dem Enthusiasmus der andern nicht teilzunehmen schien, redete er ihm freundschaftlich zu. Der Domherr gestand, daß sich in seine Lust an dem frommen Unternehmen immer wieder, wie ein Tropfen Blutes in einen Becher Wein, der Gedanke mische an die vielen Toten, welche der Krieg nun auch der Halbinsel abfordern werde. Don Martín hielt ihm entgegen, Gott habe den Menschen nun einmal zu Streit und Kampf geschaffen. »Wohl hat er ihm«, führte er aus, »die Herrschaft verliehen über alles Getier, er hat es aber so gefügt, daß sich der Mensch diese Herrschaft erst hat erkämpfen müssen. Oder glaubst du, daß sich der wilde Stier ohne Kampf vor den Pflug hat spannen lassen? Sicher hat Gott noch heute Wohlgefallen an dem Ritter, der den Stier bekämpft. Mir ist, ich bekenne es gerne, von allen Sätzen, die der Heiland sprach, am liebsten jener, den Matthäus überliefert: ›Wähnet nicht, daß ich gekommen sei, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.‹« Er wiederholte den Vers im Urtext. »Allà máchairan!« rief er fröhlich, und die griechischen Worte des Evangeliums klangen viel heller und streitbarer als die gewohnten lateinischen: sed gladium.

Die schmetternde Botschaft vom Schwert drang Don Rodrigue schmerzhaft ins Innere, und es bekümmerte ihn, daß sich der nicht eben gelehrte Erzbischof aus dem Urtext gerade dieser Worte erinnerte. Es wäre dem Domherrn ein leichtes gewesen, dem einen Satze, in dem das Evangelium den Krieg rühmte, viele andere entgegenzustellen, in welchen es mild und herrlich den Frieden pries. Aber Gott hatte nun einmal dem Erzbischof Eisen ums Herz gelegt, so daß er nur hören konnte, was er hören wollte. Don Rodrigue schwieg kummervoll.

Don Martín redete ihm weiter zu: »Wenn der Frühling kommt, dann ziehen die Könige in den Krieg. So heißt es im Zweiten Buche Samuel. So ist es bestimmt. Lies nach, lieber Bruder! Lies auch in den Richtern nach und in den Königen über die Kriege des Herrn! Tu dein Jeremia-Gesicht ab und lies, wie Gott teilnimmt am Kriege und wie der Krieg die Frommen einigt und das Reich einigt und die Ungläubigen vernichtet! Sie zogen ins Feld, die gottesfürchtigen Hebräer, sie stießen ihr Kriegsgeschrei aus und machten ihre Feinde nieder. Sie hatten ihren Kriegsruf: Hedád, du selber hast ihn mir gesagt. Hedád! das klingt hell und gut. Aber unser: Deus vult – Gott will es, klingt auch nicht schlecht, und es läßt sich kräftig dazu dreinschlagen. Stimm ein, lieber Bruder! Reiß dich heraus aus deiner Trübsal und erhebe dein Herz!«

Vertraulich, da der Domherr in seinem unglücklichen Schweigen verharrte, fügte er hinzu: »Und vergiß nicht jene andern Segnungen des Feldzugs, daß er nun endlich unsern teuern Alfonso aus dem faulen Frieden und aus dem Pfuhle reißt.«

Allein Don Rodrigue war nicht so zuversichtlich wie der Erzbischof. Ein leiser Zweifel war in ihm, ob der Tod des Kindes den König wirklich aus seinem Sündenschlaf geweckt habe, eine leise Furcht, Alfonso werde auch weiter einen Mittelweg suchen zwischen seiner Sünde und seiner Pflicht.

Er überwand sich und faßte sein Beichtkind hart an. »Nun du in den Krieg ziehst, mein Sohn und König«, mahnte er, »sei dir bewußt: es genügt nicht, mit dem Schwerte dreinzuschlagen. Vergebung deiner Sünden wird dir auch im Kriege nur, wenn du sie ehrlichen Herzens und tätig bereust. Hör auf mich, mein Sohn Alfonso, und lüge nicht weiter, wie du bisher dich und mich und die andern belogen hast. Es ist uns nicht bestimmt, die Seele dieser Frau zu retten, du weißt es. Deiner liebenden Mühe ist es nicht geglückt, in ihr Gemüt zu dringen, und auch meinem Worte hat der Herr die Kraft versagt. Es ist dir nicht erlaubt, mit ihr zu leben. Reiß die Sünde aus deiner Brust. Zieh nicht in Sünde in den Krieg. Gott hat deinen Sohn erschlagen, wie er den Sohn des Pharao schlug, da dieser sich nicht von seiner Sünde trennen wollte. Achte die Mahnung. Scheide dich von dieser Frau. Jetzt. Sogleich.«

Alfonso unterbrach den Domherrn nicht. Er fühlte sich leicht und schwebend, die bösen Worte erzürnten ihn nicht. Heiter beinahe antwortete er: »Ich muß dir was sagen, mein Vater und Freund, ich hätte es dir vielleicht schon früher sagen sollen: Raquel ist schwanger.« Er ließ die Worte in den andern einsinken und fuhr fort, freudig, vertraulich: »Ja, Gott hat mich abermals begnadet. Wenn er’s mir bisher versagt hat, Raquels Seele zu retten, so war das wiederum nur einer seiner Umwege, eine kleine, gnädige Schalkheit.« Und: »Ich werde nicht nur eine Seele dem Christentum gewinnen!« jubelte er heraus. »Ich werde ein Kind von Raquel haben, und zweifelst du, daß die Mutter folgen wird, wenn wir dieses Kind taufen? Ich bin sehr glücklich, mein Vater und Freund Don Rodrigue.«

Der Domherr war tief angerührt. Da hatte er sich überwunden und hart zu seinem lieben Sohne gesprochen, und der hatte bereits das Licht gesehen. »Meine Gedanken sind nicht die euern, und meine Wege sind nicht die euern«, spricht der Herr; das hatte Alfonso besser begriffen als er selber.

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