Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
»Ja«, bestätigte ihm der alte Lehrmeister, »dein Sohn ist mit einer außergewöhnlichen Begabung gesegnet, deren Zeugen sowohl ich als auch meine Studenten im Hospital bereits wurden. Es reicht aus, daß er seinen mitleidigen Blick auf einem Menschen ruhen läßt, für dessen Leiden wir kein Heilmittel kennen, es reicht, daß er eine schwache, fiebernde Hand in die seine nimmt, und schon kehrt Leben und Hoffnung in Augen zurück, die bereits fast erloschen waren. Wäre ich nicht ein Mann der strengen Wissenschaft, ich wäre versucht zu glauben, daß ein lebenspendender Strom von seinem Auge und seiner Hand in die Menschen überfließt. Schon allein sein Talent für die Diagnose und sein umfassendes Gedächtnis für Heilverfahren und Medikamente läßt ihn als einen der brillantesten Studenten herausragen, den ich je hatte. Wenn er sich trotz der ungeheuer vielen menschlichen Leiden, die zu heilen auch er außerstande sein wird, diese seltene und kostbare Gabe bewahrt, diese Fähigkeit, seinen Patienten ein Gefühl des Wohlbefindens und Vertrauens einzuflößen, ihnen die Prüfung des nahenden Todes zu erleichtern, dann wird aus ihm ein Arzt von ganz besonderem Rang.«
»Euer Lob ist überwältigend.«
»Ich spreche nur die Wahrheit. Ich bin zu alt, um mich mit Schmeicheleien abzugeben, wie das die Herren bei Hofe für nötig erachten.«
»Ich danke Euch, Meister. Möge Gott Euch noch viele Jahre gesund am Leben erhalten.«
An jenem Abend, als Hai auf Da'uds schmerzenden Knie mit leichter Hand den Umschlag auflegte, den er eigens für ihn zubereitet hatte, wußte sein Vater, daß die Linderung, die er verspürte, von dem tiefen Mitgefühl, das von seinem Sohn zu ihm strömte, ebenso ausging wie von den Heilkräutern. In Hais Augen leuchtete eine Wärme, die von seinem Verständnis für jegliche Form menschlichen Leidens zeugte und von dem leidenschaftlichen Wunsch, es zu lindern.
26
Diese Bande von Räubern und Schurken!« entfuhr es Da'ud bei seiner Rückkehr aus dem Palast, während er unter Schmerzen in den Garten humpelte. »Da legen sie mir arabische Fassungen von Abhandlungen großer griechischer Astronomen vor und behaupten, sie seien von Hunayn übersetzt. Haben sie vergessen, mit wem sie es zu tun haben? Oder haben sie eine so geringe Meinung von meiner Gelehrsamkeit, daß sie denken, sie könnten mich an der Nase herumführen? Ein geübtes Auge erkennt auf den ersten Blick die Mängel einer Übersetzung. Und für diese plumpen Fälschungen verlangen sie auch noch einen horrenden Preis! Sie verdienen alle Strafen, die die Kadis über sie verhängen! Wenn man ihnen erst die Hände abgehackt hat, dann stehlen sie wenigstens nicht mehr!
Barmherziger Gott, wie müde ich es bin, ständig auf der Hut vor allen möglichen Formen des Betrugs und der Lüge zu sein, vor Verschwörungen und Unwahrheiten und Verleumdungen jeglicher Art. Wie ich die Wesire verachte, deren Eingeweide von Mißtrauen und endlosen Spekulationen über die Verschwörungen zerfressen sind, die ich ihrer Meinung nach mit dem Kalifen aushecke. Es würde mir unendliche Freude bereiten, wenn sie erführen, daß wir stets nur über Bücher und Manuskripte reden oder über das passive Erdulden des von Gott bestimmten Schicksals im Gegensatz zum freien Willen des Menschen und seiner Fähigkeit, sein Geschick selbst zu lenken. Wie satt ich das alles habe«, seufzte er und wandte sich Sari zu, die ihm tief besorgt in sein Zimmer gefolgt war. Ausgemergelt und aschfahl vor Erschöpfung, legte er sich auf seinen Diwan. »Rufe Hai«, murmelte er, »laß ihn kommen, damit er die Schmerzen in meinen Knochen lindert.«
Hai begrüßte seinen Vater fröhlich, als er eintrat, aber seine tiefblauen Augen umwölkten sich, als er bemerkte, wie ungewöhnlich blaß Da'ud war. »Haben die Fälscher dich wieder geärgert?« scherzte er, während er die Salbe, die er immer zur Hand hatte, auf das linke angeschwollene Knie seines Vaters strich. Beim Auftragen spürte er unter dem Zeigefinger einen Knoten, der keinem Druck wich. Da'ud ließ mit keinem Stöhnen vernehmen, daß ihn die Berührung dieses Knotens schmerzte. Hai warf dem Vater einen raschen Blick zu, stellte erleichtert fest, daß der mit geschlossenen Augen dalag, während die Salbe ihre tröstliche Wärme verbreitete. Noch einmal berührte er den Knoten, ohne daß Da'ud es bemerkte, drückte dann fest auf das umliegende Gewebe. Darauf reagierte sein Patient. Hais Gedanken rasten: kein Schmerz, kein Verlust an Reaktionsvermögen, keine Heilung – Megatechne, Band 3 (unzählige Male durch Beobachtung bestätigt) –, außer man nahm einen chirurgischen Eingriff vor, und selbst dann … Aber vielleicht hatte er unrecht, gebot er sich selbst Einhalt. Vielleicht war es keine Fasergeschwulst, sondern einfach ein verhärteter Abszeß, den man langsam mit aufweichenden Mitteln auflösen konnte – mit Zugsalbe, Honig, getrockneten Feigen, Storax, Knochenmark und Fetten – De Medicamentorum Facultatibus V – rasselte er aus dem Gedächtnis herunter.
Zum Glück war Da'ud in leichten Schlummer gefallen und bemerkte die Verwirrung seines Sohnes nicht. Denn hier lag nicht irgendein Patient hilflos und unwissend auf dem Krankenbett. Er war auch nicht nur sein Vater, den er liebte, wie jeder Sohn seinen Vater liebt. Er war selbst ein anerkannter Arzt, hatte bei denselben Lehrern studiert. Wie behandelte man einen solchen Mann? Fragte man ihn nach seiner Meinung, beriet man sich mit ihm? Erklärte man ihm, daß sein Leben bald ein Ende haben würde, wenn sich die Diagnose bewahrheitete? Oder zog man sie in Zweifel, wie offensichtlich sie auch erscheinen mochte, und gab vor, eine Behandlung zu verschreiben, um ihm Hoffnung zu schenken? Würde der Vater sich trotz all seines Wissens an eine solch vage Hoffnung klammern, genau wie jeder andere Sterbliche? Oder verpflichtete gerade seine Gelehrsamkeit den behandelnden Arzt zur absoluten Offenheit? Gott, der in den Himmeln wohnt, führe mich durch dieses Dilemma!
»Ich habe noch etwas zu erledigen«, erklärte er seiner Mutter. Die hatte das Zimmer ihres Gatten verlassen, während Hai ihn behandelte, und saß draußen im Garten in der kühlen Frische der Herbstluft, während sich die Dunkelheit herabsenkte.
»Wie geht es ihm?« erkundigte sie sich besorgt.
»Er ruht sich aus«, beruhigte Hai sie und verließ das Haus, ehe sie seinen inneren Aufruhr bemerkte.
Er vergaß Raum und Zeit und wanderte ziellos durch die Straßen, ein Teil seiner Gedanken so kristallklar wie der andere Teil verwirrt war, die Sinne benommen, der Körper angespannt vor ängstlicher Erwartung. Unaufhaltsam brach die Nacht herein, der Vollmond stieg am Himmel auf und tauchte die schlummernde Stadt in ein gespenstisches Licht. Ein scharfer Wind erhob sich. Hai begann zu frösteln, ihm klapperten die Zähne. Kälte? Furcht? Verzweiflung über die Nichtigkeit seines erbärmlichen Wissens? Mit der Zeit führten ihn seine Schritte zu dem einzigen Ort, an dem er noch Hilfe zu finden hoffte.
Trotz der späten Stunde hämmerte er an die dicke Holztür. Die Dienstboten hatten sich schon längst zurückgezogen, und es dauerte eine Weile, bis er drinnen langsame, zögernde Schritte näher kommen hörte.
»Wer ist denn da zu so unziemlicher Stunde?« ließ sich die vertraute Stimme vernehmen, die noch ganz verschlafen klang.
»Ich bin es, Hai ben Da'ud.«
Ibn Zuhr machte sich an den Riegeln der Haustür zu schaffen, während Hai unruhig von einem Fuß auf den anderen trat und die Arme um sich schlang, um sich aufzuwärmen.