Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
»Was ist aus den Pflanzen geworden, die er züchtete?«
»Als ich endlich alle Zutaten des Großen Theriak ermittelt hatte und Zeit gehabt hätte, mir um sie Gedanken zu machen, hatten Banausen sie bereits alle ausgerissen. Seltsamerweise hatte auch mein Lehrer Ibn Zuhr Gerüchte von einer Heilpflanze gehört, die in den Ländern des Ostens gegen bösartige Krankheiten angewandt wird. Aber alle Nachforschungen, die wir im Laufe der Jahre anstellten, waren ergebnislos.«
»Meinst du, es könnte die gleiche sein wie die, von der der Einsiedler sprach?«
»Ich weiß es nicht, aber es wäre wunderbar, wenn du die Suche fortsetzen würdest. Vielleicht hast du mehr Erfolg als ich. Du darfst jedoch nicht zulassen, daß die Liebe zur Botanik dich von deinen medizinischen Studien ablenkt, die nun bald beginnen. Wenn du dich in den wissenschaftlichen Fächern als ebenso brillanter Schüler erweist wie in deinen jüdischen, klassischen und sprachlichen Studien, dann bin ich ziemlich sicher, daß Ibn Zuhr, obwohl er inzwischen ein alter Mann ist, doch zustimmen und dich in den erlauchten Kreis derer aufnehmen wird, die er heute noch zu unterrichten geruht. Du hast mehr Glück als ich seinerzeit, denn heute haben wir ein Hospital, das diesen Namen verdient und in dem du die Krankheiten und ihre Symptome und die Wirkungen unserer Behandlungen studieren kannst. Du hast inzwischen die religiöse Volljährigkeit erreicht, und ich rate dir: Nimm die Weisheit dieses Lehrers in tiefen Zügen in dich auf und nutze jeden Tag, den Gott ihm noch schenkt.«
Saris Augen strahlten vor Freude, als sie dieses Gespräch zwischen Vater und Sohn hörte. Möge Da'ud noch erleben, wie die ehrgeizigen Pläne, die er für Hai schmiedete, sich verwirklichten.
Angefüllt mit Lernen und unersättlicher Neugier, verging Hais Jugend und frühes Mannesalter wie im Flug. Sein Vater wurde nun allmählich alt und zunehmend streitsüchtig, da ihn die Bürde seiner Aufgaben drückte. Das wachsende Mißtrauen gegen Intrigen im Palast verschlechterte seine Laune noch mehr, raubte ihm die Kraft, die er gebraucht hätte, um seine Gelenkschmerzen zu ertragen. Sari war die Geduld in Person, und auch Hai war voller Mitleid und Zuneigung für seinen Vater, wenn es ihm die Studien einmal erlaubten, mit ihm zusammen zu sein. Bei diesen Gelegenheiten versuchte Da'ud seinen Sohn in die Kunst des Überlebens am intriganten Hof von Córdoba einzuweihen, denn er bezweifelte keinen Augenblick, daß Hai in seine Fußstapfen treten würde. Der aber fand immer einen Vorwand, um derlei Gesprächen aus dem Weg zu gehen – einen Aufsatz über Fieberkrankheiten, den er noch einmal durchlesen mußte, anatomische Zeichnungen, die es anzufertigen galt, Listen von wärmenden und kühlenden Arzneimitteln, die auswendig zu lernen waren. Nie versuchte Da'ud ihn zurückzuhalten. Die intellektuellen Fähigkeiten und die Strebsamkeit seines Sohnes waren außergewöhnlich, und wie er es zu Recht vermutet hatte, gab Ibn Zuhr wiederholt seiner Genugtuung über das Vergnügen Ausdruck, das ihm die Unterweisung des jungen Mannes bereitete.
Auch Hais Besuche in dem Häuschen auf dem Land wurden seltener, je anstrengender seine Studien wurden. Trotzdem bereiteten sie ihm unverändert große Freude. Wann immer er erschien, kam im ganzen Haus eine fröhliche und festliche Stimmung auf. Djamila und ihre Töchter machten sich um ihn zu schaffen, Menahem lauschte in seiner mit Büchern vollgestopften Ecke, wo er sein Lexikon zu Ende schrieb, den neuesten Nachrichten aus Córdoba. Dann gingen Hai und die Mädchen nach draußen, um sich die Pflanzen anzusehen, die auf Hais Gartenstück in den Jahren seit seiner Bar Mizwa herangewachsen waren. Er hatte sie mit großer Sorgfalt und unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der Familie ausgewählt: dichte Büsche graublauen Lavendels, dessen Blüten man zwischen die Kleidung und die Wäsche der Familie legen konnte; die gelb blühenden pelzigen Senfpflanzen, aus denen Würze für die Speisen bereitet wurde, die Djamila aus dem von ihr angebauten Gemüse kochte, und schließlich der süße gelbe Steinklee, nach dem Da'ud so fieberhaft gesucht hatte, die einzige Zutat, die ihm für die Bereitung des Großen Theriak noch gefehlt hatte, als er wenig älter gewesen war als Hai jetzt. Die Geschichte der Entdeckung des Steinklees, die im Kreise der Familie immer und immer wieder wie eine Legende erzählt wurde, hatte Hai angeregt, ihn anzubauen. Seit seiner frühen Kindheit wußte er, daß auch dessen Wurzeln schon ein wirksames Mittel gegen Schlangenbisse darstellten, und der Gefahr von Schlangenbissen war Djamilas Familie, da sie ja auf dem Land lebte, ständig ausgesetzt. Wenn ihnen aus irgendeinem Grund der Vorrat an dem kostbaren Heilmittel der Ahnen, dem Großen Theriak, ausging, konnten die Kleewurzeln ihnen von großem Nutzen sein.
In den ersten Sommern nach seiner Bar Mizwa hatten es sich Hai und die Mädchen angewöhnt, die Ernte und das Trocknen der Lavendelblüten und der Senfkörner zu einem richtigen Fest zu gestalten. Sie begannen am frühen Morgen mit der Arbeit, lachten und neckten sich, bis sie völlig erschöpft in der sengenden Mittagshitze niedersanken und die Nachmittage hindurch schliefen. Doch als Hai die Menge seiner Studien derlei Vergnügungen nicht mehr erlaubte, mußte er den Mädchen den größten Teil der Arbeit überlassen. Wie vorauszusehen war, wurde Dalitha als Jüngste geschont. Sie behauptete, die pelzigen Senfpflanzen verursachten ihr am ganzen Körper schrecklichen Juckreiz, weigerte sich, sie auch nur anzurühren, und half Amira nur beim Lavendel.
Sobald aber Hais Studien der verschiedensten Arzneien weit genug fortgeschritten waren, kümmerte er sich wieder um die Pflanzen, die er gesät hatte, in dem verzweifelten Bemühen, einen wärmenden Umschlag zusammenzustellen, der die Schmerzen seines Vaters lindern könnte. Jeden Sommer trocknete er Senfkörner und mahlte sie zu Pulver. Dann fügte er Mehl und soviel Lavendelöl hinzu, wie er aus den Stengeln der Sommerernte gewann, ein zusätzliches wärmendes Ingredienz, das wirksam und – wichtig für Da'ud – zugleich wohlriechend war. Amira stellte sich als fähige Helferin heraus, Dalitha vergnügte sich damit, die Lavendelstengel aufzuheben, die bei der Ölgewinnung hierhin und dorthin flogen. Sie rieb sie zwischen den Handflächen und sog den erfrischenden Duft tief ein.
Dann ruhten sich die drei im kühlenden Schatten der Pergola aus, und während sie das Scherbett nippten, das Djamila ihnen gebracht hatte, erfragte Amira von ihrem Halbbruder zuweilen seine Meinung zu einem Gedicht, das sie geschrieben hatte. Einmal feierte sie das Thema des Frühlings, das Menahem für sie aus dem Hohen Lied Salomos ausgesucht hatte. Ein anderes Mal hatte sie, angeregt von den Wundern der Natur, die sie täglich beobachtete, ein Herbstgedicht verfaßt, in dem es lyrische Anklänge an das Buch Ruth gab. Hai lobte sie immer sehr, und wenn er zuweilen vorschlug, ein Wort oder einen Reim zu verändern, so tat er das so taktvoll und zart, daß er sie nicht kränkte.
Dalitha wurde dann immer ganz unruhig, rannte ins Haus und kam, eine Hand hinter dem Rücken verborgen, zurück. Sie war fest entschlossen, sich nicht von ihrer älteren Schwester in den Schatten stellen zu lassen, näherte sich Hai und errötete mit einer Mischung aus Schüchternheit und Bewunderung für diesen rotschopfigen, blauäugigen Halbgott, der sich mit der Anmut einer Antilope bewegte und der über alles unter der Sonne Bescheid wußte. Scheu und doch voller Stolz zog sie eine Seite mit hebräischer Kalligraphie hervor und hielt sie ihm hin. Hai legte dann immer den Arm um ihre schmalen Mädchenschultern und versprach ihr, er und sie würden eines Tages auch schöne Verse miteinander schreiben. Dalithas Herz hüpfte vor Freude, und wenn Hai sah, wie sich ihr Gesicht erhellte, wurde auch ihm ganz warm ums Herz.
Mit der Zeit war Ibn Zuhr mit Hais Fortschritten in der Kunst des Aderlasses zufrieden und erlaubte ihm, diese ab und zu an seinem Vater zu erproben, um ihn von den dickflüssigen Blutsäften zu befreien, die ihm die schmerzhafte Entzündung seiner Gelenke verursachten. Dabei bemerkten sowohl Da'ud, der Patient, als auch Sari, die als helfender Engel immer in der Nähe war, daß ihr Sohn eine Begabung besaß, die ihn unter allen anderen Ärzten, die sie kannten, hervorhob. Da'ud war sich nicht sicher, ob nicht vielleicht väterlicher Stolz ihn blind machte, und brachte das Thema bei seinem verehrten Lehrmeister zur Sprache, als er ihm aus Anlaß des großen moslemischen Festes Id il-Fitr als Vertreter der jüdischen Gemeinde einen Besuch abstattete.