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Die Jüdin von Toledo

Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:

Eine tragische Liebesgeschichte
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
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Wenn er ihr so erzählte, wie viele blutige Gefechte er durchgekämpft hatte und wie viele Feinde er hatte in die Erde beißen machen, dann antwortete sie selten so, wie er’s erwartete. Vielmehr fragte sie etwa: »Wie viele, sagst du? Dreitausend von den andern und zweitausend von den deinen?« Es lag in ihrer Frage nicht eben ein Vorwurf, eher Befremdung, ein schmerzhaftes Staunen. Dann wieder sperrte sie sich zu und versank in eine Einsamkeit, der er sie nicht zu entreißen vermochte. Am schlimmsten war es, wenn sie ihn nur anschaute und schwieg. Es war ein beredtes Schweigen, es kratzte ihn übler als zorniger Widerspruch.

Einmal, da sie so schwieg, sagte er plötzlich feindselig: »Weißt du, wer das Glas deines Amuletts, deiner Mesusa, zerschlagen hat? Ich. Hier mit dieser Hand. Auch die Zisternen deines Rabbi Chanan hab ich zuschütten lassen. Gerade.« Sie erwiderte nichts. Er atmete stark, stand auf, ging ein paar Schritte, kam zurück, setzte sich wieder zu ihr, sprach von anderm. Unterbrach sich. Wollte sich entschuldigen. Sie legte ihm sacht die Hand auf den Mund.

Sosehr Alfonso das Fremde an ihr haßte, er wußte, er war ihr verhaftet, und für immer. »Et nunc et semper et in saecula saeculorum, amen«, sagte er vor sich hin, lästerlich. Er hatte das Heil seiner Seele verspielt; denn er war sich jetzt klar, daß er sie niemals werde bekehren können. Er war es zufrieden. Er gab es auf, aus dem Kreise auszubrechen, in den er sich selber gebannt hatte, er sperrte sich trotzig in seine Sünde ein.

Der Domherr Don Rodrigue sprach nicht mehr mit ihm über die Galiana. Es hätte keinen Sinn gehabt; sie hatten einander gesagt, was ein Mensch einem andern über dergleichen Dinge sagen konnte. Allein wenn auch Alfonso seine Sünde als ein königliches Privileg betrachtete, das kein Priester ihm abstreiten durfte, so bedrückte ihn doch die stumme Trauer des Mannes, der sein Freund war, und er dachte nach, wie er ihm ein Zeichen seiner Liebe und seines Dankes geben könnte.

Über den Kopf des Erzbischofs hinweg erließ er ein Edikt, welches für seine Länder die hispanische Zeitrechnung abschaffte und die römische des übrigen Abendlandes an ihre Stelle setzte.

Don Rodrigue, dankbar und vergnügt inmitten seiner vorwurfsvollen Trübsal, anerkannte: »Das hast du gut gemacht, Don Alfonso.«

Der Erzbischof, da er’s nicht wagte, dem König wegen seines verworfenen Wandels ins Gewissen zu reden, rügte mit um so heftigeren Worten das Edikt über die Briefausfertigung. Er hielt Alfonso vor, er habe ohne Not, lediglich um ein paar Ausländern ein wenig Nachdenken zu sparen, eines der wichtigsten Privilegien der hispanischen Kirche preisgegeben. Keiner seiner Vorfahren hätte ein so edles Gut so leichter Hand weggeworfen. Alfonso wußte, es war nicht das Edikt; es war die Galiana, welche den Erzbischof so heiß eifern machte, und er wies den Tadler streng zurück. Nachdem er, Alfonso, manche unbillige Forderung des Papstes habe ablehnen müssen, freue er sich, wenn er dem Heiligen Vater in einer geringfügigen Sache entgegenkommen könne. Überdies habe Rom recht. Es sei in Wahrheit unchristlicher Stolz, wenn die Spanier die Zeit nach dem größten Ereignis ihrer eigenen Geschichte berechneten; so wichtig es gewesen sei, daß der Kaiser Augustus ihnen das Bürgerrecht verliehen habe, man müsse zugeben, die Geburt Christi sei für die Welt und also auch für die Halbinsel noch bedeutsamer gewesen.

Die Freude Alfonsos über die Genugtuung, die er dem bekümmerten Rodrigue verschafft hatte, hielt nicht lange vor. Die eingesperrte Sünde kratzte. Eines Tages nach der Frühmesse fragte er den überraschten Kaplan der Königsburg: »Sage mir, hochwürdiger Bruder, was ist denn nun eigentlich Sünde?« Der Priester, ein jüngerer Herr, durch die außergewöhnliche Frage Don Alfonsos geschmeichelt, erwiderte: »Erlaube mir, Herr König, dir die Meinung des Heiligen Augustin zu zitieren. Sünde, sagt er, ist das Begehen von Handlungen, von denen der Mensch weiß, daß sie verboten sind, und deren sich zu enthalten ihm frei steht.« – »Ich danke dir, hochwürdiger Bruder«, antwortete der König. Er bedachte lange den Ausspruch des großen Kirchenvaters, dann zuckte er die Achseln und sagte sich, daß er zuletzt ja doch durch den Kreuzzug seiner Sünde ledig sein werde, wenn sie eine Sünde sein sollte.

Wiewohl man den König nicht öffentlich zu beschimpfen wagte, so ging doch viel böses Gerede um. Der Gärtner Belardo erzählte Alfonso, schlechte Leute hießen Unsere Herrin Doña Raquel eine Teufelin und erklärten, sie habe den Herrn König behext.

Das Gerede versteifte nur Alfonsos Willen, für seine Liebe zu Doña Raquel einzustehen. Nun gerade hielt er darauf, daß sie den kurzen Weg von der Galiana ins Castillo Ibn Esra in offener Sänfte zurücklegte. Etliche dann grinsten ihr frech ins Gesicht, und der oder jener rief ihr wohl auch zu: »Du Teufelin, du Hexe.« Aber Raquel sah keineswegs aus wie ein Sendling der Hölle; sie war jetzt weniger knabenhaft, es eignete ihr eine neue, wissende, schicksalsvolle Schönheit, welche alles Volk wahrnahm. Die Schmäher blieben vereinzelt; die meisten fanden es nicht verwunderlich, daß sich der König diese ausnehmend Schöne zur Freundin erlesen hatte, sie fanden es richtig. »Ah, du Schöne«, riefen sie ihr zu, sie hatten ihre Freude an ihr, sie nannten sie nicht anders als La Fermosa, die Schöne, und sie sangen freundliche, gefühlvolle, bewundernde Romanzen über ihre und des Königs Liebe.

Alfonso ließ es sich nicht nehmen, Raquel zuweilen in die Stadt zu begleiten. Er ritt neben ihrer Sänfte, und es mischten sich die Rufe: »Es lebe Alfonso der Edle!« und: »Es lebe die Schöne!«

Gerade die Hochrufe des Volkes machten Raquel bewußt, daß sie die Barragana des Königs war, sein Kebsweib. Sie schämte sich dessen nicht.

Alfonso spann sich immer tiefer in das Leben in der Galiana ein. Er war überzeugt, Gott habe ihn in seine besondere Hut genommen, und jeder Umweg, den die Vorsehung ihn machen lasse, werde ihn zuletzt zum rechten Ziele führen.

Er scheute sich nun nicht mehr, Staatsgeschäfte in der Galiana zu erledigen. Die meisten seiner Granden hielten es für einen Gnadenbeweis und für eine Auszeichnung, wenn er sie in die Galiana berief. Es kam wohl vor, daß einer leise befremdet vor der Mesusa stehenblieb. Alfonso gab dann lächelnd Bescheid: »Das ist ein gutes Amulett. Es hilft gegen den bösen Blick und verhindert, daß man mich übers Ohr haut.«

Etliche der Herren erfanden aber eine durchsichtige Ausrede und blieben der Galiana fern. Alfonso merkte sich ihre Namen. In einem sachlich freundlichen Schreiben teilte Doña Leonor dem König mit, Don Pedro habe sie besucht, und sie glaube, daß allen Hindernissen zum Trotz eine Allianz mit Aragon und also der Feldzug gegen die Ungläubigen möglich sei. Sie käme gerne selber nach Toledo, mit Alfonso zu beraten; doch verbiete ihr eine Erkrankung des Infanten Enrique ihre Entfernung von Burgos. Sie bitte deshalb Alfonso, unverzüglich zu ihr zu kommen.

Der König erkannte sogleich, daß nun die Begegnung mit Doña Leonor nicht länger aufgeschoben werden konnte. Doch tröstete er sich damit, daß vor so wichtigen Staatsgeschäften persönliche Zwistigkeiten ihre Bedeutung verlören, so also, daß das Wiedersehen mit Leonor weniger peinlich sein werde.

Er teilte Don Jehuda mit, er werde in zwei Tagen nach Burgos reiten.

Er war jetzt oft mit seinem Escrivano zusammen, die beiden fühlten sich seltsam verknüpft. Der König brauchte die Schlauheit seines Juden. Er sehnte sich danach, seinen Heiligen Krieg zu beginnen, doch wollte er sich nicht zu neuen Voreiligkeiten verleiten lassen und hörte gerne die Einwände seines Juden. Jehuda seinesteils kannte den König besser als dieser sich selber. Er wußte, Alfonso konnte sich nicht losreißen von der Galiana und hieß es in seinem Innern wissentlich unwissentlich willkommen, wenn Jehuda das Bündnis mit Aragon und den Feldzug vereitelte. Er, Jehuda, war, seitdem er von Alfonso die Zulassung der fränkischen Flüchtlinge erreicht hatte, gewiß, ihn fest in der Hand zu halten, und freute sich seiner Macht, diesem barbarischen Fürsten Atem und Sinn einzublasen wie Gott dem Adam.

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