Mephisto
- Автор: Mann Klaus
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Mephisto». Краткое содержание книги:
Der Intendant war sehr w�rdig. Das Monokel hatte er gegen eine Hornbrille mit breitein Rand vertauscht. Seine Haltung war aufrecht, zusammengenommen, beinah steif. Der Zauber seiner Pers�nlichkeit lie,� das Fett �bersehen, das er doch in Wahrheit reichlich ansetzte. Meistens sprach er mit einer leisen, belegten, dabei singenden Stimme, die gebieterische, kokett-wehleidige und sinnlich-werbende T�ne auf diskrete Art miteinander abwechseln lie� und zuweilen, bei festlichen Anl�ssen, den �berraschend aufleuchtenden Metallton hergab.
Jedoch konnte der Intendant auch munter sein. Im Repertoire der Mittel, mit denen er verf�hrte, hatte die typisch rheinische, bei ihm aber �berm�tig pers�nlich gepr�gte Lustigkeit ihren wichtigen Platz. Wie der Intendant zu scherzen verstand, wenn es galt, verdrossene B�hnenarbeiter, widerspenstige Schauspieler oder die schwer zu behandelnden Repr�sentanten der Macht f�r sich zu gewinnen! Er brachte Sonnenschein in ernste Versammlungss�le, er erhelle mit der ihm angeborenen und durch eine lange Routine perfektionierten Schalkhaftigkeit tr�be Probenvormittage.
Der Intendant war beliebt. Beinah alle Menschen mochten ihn, r�hmten seine Leutseligkeit und waren der Ansicht, er sei ein feiner Kerl. Ihm gegen�ber schien sogar die politische Opposition, die nur bei geheimen Zusammenk�nften, in sorgf�ltig verschlossenen R�umen ihre Ansicht �u�ern konnte, milde gestimmt. Es sei doch ein rechtes Gl�ck - so meinten die, welche mit dem Regime nicht einverstanden waren -, da� auf einem so wichtigen Posten, wie der es war, den H�fgen innehatte, ein deklarierter Nicht-Nationalsozialist sitze. In diesen verschw�rerischen Zirkeln wollte man wissen, da� der Chef des Staatstheaters sich, den Ministerien gegen�ber, manches leistete und herausnahm. Er hatte Otto Ulrichs an die preu�ische B�hne gebracht - eine ebenso riskante wie lobenswerte Tat. Seit neuestem hielt er sich sogar einen Privatsekret�r, der Jude oder mindestens Halbjude war: Johannes Lehmann hie� der junge Mensch, er hatte sanfte, goldbraune, etwas �lige Augen und war dem Intendanten ergeben wie ein treuer Hund. Lehmann war zum Protestantismus �bergetreten und sehr fromm. Neben germanistischen und theatergeschichtlichen Kollegs hatte er theologische geh�rt. F�r Politik interessierte er sich nicht. �Hendrik H�fgen ist ein gro�er Mensch�, pflegte er zu sagen und verlieh dieser Meinung in den j�dischen Kreisen, zu denen er durch seine Familie, und in den oppositionell-religi�sen, zu denen er durch seine Fr�mmigkeit Beziehung hatte, eifrig Ausdruck.
Hendrik honorierte den ergebenen Johannes aus eigener Kasse: er lie� es sich etwas kosten, einen Menschen von der Paria-Rasse in seinem Dienste zu haben und, auf solche Weise, den Gegnern des Regimes zu imponieren. F�r das Gehalt eines �arischen� Privatsekret�rs w�re das Staatstheater aufgekommen; jedoch konnte der Intendant nicht gut die �ffentliche Kasse f�r den Sold eines �Nichtariers� in Anspruch nehmen. Vielleicht h�tte ihm der Ministerpr�sident sogar diese Laune verziehen. Aber Hendrik legte Wert darauf, das finanzielle Opfer zu bringen. Die zweihundert Mark, die er monatlich zu zahlen hatte und die �brigens in seinem Etat eine minimale, kaum sp�rbare Rolle spielten, lohnten sich ihm. Denn gerade sie gaben seiner sch�nen Tat ein besonderes Gewicht und vergr��erten ihre Wirkung. Der J�ngling Johannes Lehmann war ein bedeutender Aktivposten in der Bilanz jener �R�ckversicherungen�, die H�fgen sich ohne gar zu gro�e Risiken leisten durfte. Er brauchte sie, ohne sie h�tte er seine Situation kaum ertragen, sein Gl�ck w�re zerst�rt worden durch ein schlechtes Gewissen, das wunderlichenveise nie ganz schweigen wollte, und durch eine Angst vor der Zukunft, die den gro�en Mann zuweilen bis in seine Tr�ume verfolgte.
Im Theater selbst - dort also, wo er als hohe Amtsperson handelte - erschien es ihm keineswegs ratsam, sich gar zuviel herauszunehmen: der Propagandaminister und seine Presse schauten ihm auf die Finger. Der Inntendant mu�te froh sein, wenn er das �u�erste an k�nstlerischer Blamage1, wenn er die Auff�hrung v�llig dilett amischer St�cke, das Engagement total unbegabter, nichts als blonder Schauspieler verhindern konnte.
Selbstverst�ndlich war das Theater garantiert �judenrein�, von den B�hnenarbeitern, Inspizienten und Portiers bis hinauf xu den Stars. Selbstverst�ndlich durfte die Annahme eines St�ckes nicht envogen werden, wenn die Ahnentafel des Verfassers nicht bis ins vierte und f�nfte Glied nachweisbar tadellos war. St�cke, in denen sich eine Gesinnung vermuten lie�, die das Regime als anst��ig empfinden konnte, kamen ohnedies nicht in Frage. Es war nicht ganz leicht, unter solchen Umst�nden ein Repertoire zusammenzustellen; denn auch auf die Klassiker konnte man sich nicht verlassen. In Hamburg hatte es bei einer Auff�hrung des �Don Carlos� demonstrativen und fast aufr�hrerischen Beifall gegeben, als Marquis Posa vom K�nig Philipp die �Gedankenfreiheit� forderte; in M�nchen war eine Neuinszenierung der �R�uber� so lange ausverkauft gewesen, bis die Regierung sie verbot: Schillers Jugendwerk hatte als aktuellrevolution�res Drama gewirkt und begeistert. Intendant H�fgen wagte sich also weder an den �Carlos� noch an die �R�uber�, obwohl er selber, gerne sowohl den Marquis Posa als auch den Franz Moor gespielt haben w�rde. Fast alle modernen St�cke, die bis zum Januar 1933 in den Spielplan einer anspruchsvollen deutschen B�hne geh�rt hatten - die fr�hen, noch kraftvollen Werke Gerhart Hauptmanns, die Dramen Wedekinds, Strindbergs, Georg Kaiser, Sternheims -, wurden wegen zersetzend kulturbolschewistischen Geistes scharf und mit Emp�rung abgelehnt: Intendant H�fgen konnte sich nicht erlauben, eines von ihnen zur Auff�hrung vorzuschlagen. Die j�ngeren Dramatiker von Talent waren beinah ausnahmslos emigriert oder lebten in Deutschland nicht anders denn in der Verbannung. Was sollte Intendant H�fgen spielen lassen in seinen sch�nen Theatern? Die nationalsozialistischen Dichter - forsche Knaben in schwarzen oder braunen Uniformen - schrieben Dinge, von denen jeder, der etwas vom Theater verstand, sich mit Grausen abwandte. Intendant H�fgen erteilte Auftr�ge an jene von den militanten Buben, denen er am ehesten einen Funken von Begabung zutraute: an f�nf von ihnen lie� er ein paar tausend Mark auszahlen, ehe sie noch mit der Arbeit begonnen hatten, damit er nur endlich ein St�ck bek�me. Die Resultate aber fielen j�mmerlich aus. Was abgeliefert wurde, waren patriotische Trag�dien, die das Machwerk hysterischer Gymnasiasten zu sein schienen. �Es ist wahrhaftig keine Kleinigkeit, in diesem Deutschland auch nur halbwegs vern�nftiges Theater zu machen�, �u�erte Hendrik im Kreise der Intimen und st�tzte sein fahles, �beranstrengtes, ein wenig angewidertes Gesicht in die H�nde.
Die Situation war sehr schwierig, aber Intendant H�fgen war sehr geschickt. Da es keine modernen Lustspiele gab, entdeckte er alte Possen und hatte starke Erfolge mit ihnen; monatelang machte er volle H�user mit einer verstaubten franz�sischen Kom�die, �ber die unsere Gro�v�ter sich am�siert hatten. Er selber spielte die Hauptrolle, zeigte sich dem Publikum in einem wunderbar bestickten Rokokokost�m*, sein k�stlich geschminktes Gesicht wirkte mit einem schwarzen Sch�nheitspfl�sterchen am Kinn derartig pikant, da� alle Weiber im Parkett vor Wonne kicherten, als h�tte man sie gekitzelt, seine Geb�rden hatten eine Beschwingtheit, seine Konversation eine Verve, die den wacker fabrizierten Gro�vaterscherz wirken lie�en wie den glanzvollsten modernen Rei�er. Da Schiller, mit seiner ewigen Beschw�rung der Freiheit, anr�chig war, bevorzugte der Intendant Shakespeare, den die ma�gebende Presse als den gro�en Germanen, als das v�lkische Genie par excellence- proklamiert hatte. - Lotte Lindenthal, Favoritin eines Halbgottes und repr�sentative Menschendarstellerin des neuen Deutschland, konnte es wagen, als Minna von Barnhelm aufzutreten - also in einer Kom�die, deren Verfasser f�r seine Judenfreundlichkeit ebenso unliebsam bekannt war wie f�r seine g�nzlich unzeitgem��e Liebe zur Vernunft. Weil die Lindenthal mit dem Fliegergeneral buhlte, verzieh man Gotthold Ephraim Lessing seinen �Nathan der Weise�. Auch die �Minna von Barnhelm� machte gute Kasse. Die Einnahmen der Staatlichen B�hnen, die unter der Direktion des Dichters C�sar von Muck so miserabel gewesen waren, verbesserten sich zusehends, dank der Gewandtheit des neuen Intendanten.