Mephisto
- Автор: Mann Klaus
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Mephisto». Краткое содержание книги:
Ein gro�er englischer Film, in dem sie die Hauptrolle spielte, wurde in Berlin vorgef�hrt. Aber nur ein paar Tage lang, dann gab es Krach. Der Propagandaminister befahl �spontane Emp�rung�. SA-Leute w�rden in Zivil o-esteckt und ins Kino geschickt. Als das Gesicht der Dora Martin in Gro�aufnahme auf der Leinwand erschien, begannen die Burschen, die man im ganzen Saale verteilt hatte, zu pfeifen, zu johlen und mit Stinkbomben zu werfen. �Wir wollen keine verdammten J�dinnen mehr in einem deutschen Kino�, br�llten die als Publikum verkleideten Rowdys1. Das Licht mu�te angedreht und die Vorstellung abgebrochen werden. In panischem Schrecken verlie�en die Neugierigen und Venvegenen, die sich zu der suspekten Darbietung eingefunden hatte, das Haus. Wer von den Fliehenden j�disch wirkte - und es waren ziemlich viele Juden gekommen, um Dora Martin zu sehen -, wurde festgehalten und verpr�gelt. Das Propagandaministerium lie� in London die Nachricht verbreiten, die liberal gesinnte deutsche Regierung h�tte den Film passieren lassen, das Berliner Publikum aber dulde dergleichen nicht mehr. Die �ffentliche Entr�stung sei unmittelbar, heftig und �brigens sehr begreiflich gewesen. Von nun ab m�sse jeder Film, in dem die Schauspielerin Martin auftrete, verboten werden. Da sie erfuhr, da� man um ihretwillen - oder doch anl��lich ihres bewegten Schattenbildes - Juden mi�handelt hatte, kr�mmte sich Dora Martin vor Ekel, als w�re ihr �bel von einer vergifteten Speise. �Diese Schufte�, murmelte sie, und aus ihren Augen schlugen die schwarzen Flammen eines gro�en Zornes. �Diese gemeinen, niedertr�chtigen Schulte!� Und wie sie die F�uste sch�ttelte, glich sie - das Gesicht von der r�tlichen M�hne umweht - einer jener heroischen Frauengestalten ihres Volkes, die zur Rache rufen.
In vielen St�dten lebten sie, in vielen L�ndern suchten sie Zuflucht: Oskar H. Kroge, zum Beispiel, hatte sich vorl�ufig in Prag niedergelassen. Es war kein Jude und kein Kommunist, aber ein alter Vork�mpfer der Literatur: er glaubte an das Theater als moralische Anstalt und an die ewigen Ideale der Gerechtigkeit und der Freiheit, so vielen Entt�uschungen zum Trotz wollte er nicht lassen von seinem naiven und zuversichtlichen Pathos - f�r ihn war kein Platz gewesen im neuen Deutschland. Entschlossen, an die edlen Traditionen seiner guten Frankfurter Zeit wieder anzukn�pfen, machte er sich in Prag sofort auf die Suche nach Menschen, die f�r seinen Enthusiasmus Verst�ndnis h�tten und ihm ein paar tausend Tschechenkronen zur Verf�gung stellten; denn er wollte in einem Vorstadtkeller eine literarische B�hne er�ffnen. Schmilz, der seinem Freunde treu gehliehen war, hatte sich um das Finanzielle zu k�mmern, w�hrend Kroge - hartn�ckiger Idealist, eigensinniger Schw�rmer f�r das H�chste und Sch�nste - unbehelligt in der reinen Sph�re der Kunst bleiben wollte. Ach, nicht immer durfte Schmilz ihn dort oben lassen. Es fehlte am N�tigsten, niemals h�tte Kroge- b�rgerlicher alter Bohemi-en, der wohl Geldschwierigkeiten, aber nie die wirkliche Armut gekannt hatte - es f�r m�glich gehalten, da� man mit so l�cherlich geringen Summen auch nur das bescheidenste Theater halten k�nnte. Es ging - vorl�ufig ging es noch, obwohl zu den �konomischen Schwierigkeiten auch noch politische kamen; denn die deutsche Gesandtschaft in Prag intrigierte bei den Beh�rden gegen den emigrierten Hamburger Theaterdirektor, dessen pazifistischen Verstiegenheiten ihr l�stig waren. Kroge und Schmilz wehrten sich, waren standhaft, gaben nicht nach. Dabei fielen beide vom Fleische und alterten. Schmilz sah gar nicht mehr rosig aus, und Kroge bekam immer st�rkere Falten auf der sorgenvollen Stirn und um den Katermund.
In vielen St�dten und in vielen L�ndern�
Juliette Mertens, genannt Prinzessin Tebab, die K�nigstochter vom Kongo, halle in einem kleinen Kabarett am Montmartre Stellung gefunden: zwischen Mitlernacht und drei Uhr morgens durfte sie den Amerikanern - die immer seltener in Paris wurden, seitdem der Dollar gesunken war -, ein paar angeheiterten Herren aus der franz�sischen Provinz und einigen Zuh�ltern ihren sch�nen K�rper und ihre kunstvollen Steps zeigen. Sie trat heinahe nackt auf, angetan nur mit einem kleinen B�stenhalter aus gr�nen Glasperlen, einem knappen dreieckigen Badeh�schen aus gr�nem Atlas und mit sehr viel gr�nen Strau�enfedern am Hinterteil. Auf diese Federnpracht anspielend, behauptete sie, da� sie ein V�gelchen sei. Sie wiederholte es mehrfach: Ich bin ein V�gelchen und �ber den Ozean herbeigeflogen, um mir hier, am Montmartre, ein Nest zu bauen. In Wahrheit hatte sie kaum �hnlichkeit mit einem V�gelchen. Ihr trauriges Zimmer in der Rue des Martyres erinnerte auch keineswegs an ein Nest. Es war finster und hatte den Blick auf einen engen, schmutzigen Hof. Der einzige Schmuck an den kahlen, fleckigen W�nden war eine Photographie des Schauspielers Hendrik H�fgen: Juliette halte sie einst, w�hrend eines Zornes- und Schmerzensanfalls, zerrissen, aber dann hatte sie die Fetzen sorgf�ltig wieder aneinandergeklebt - Hendriks Mund sa� nun ein wenig schief und gab seinem Gesicht einen h�mischen Ausdruck; quer �ber seine Stirn lief ein Streifen von Leim wie eine Narbe; aber sonst war seine Sch�nheit ziemlich tadellos wiederhergestellt.
An jedem Monat.sersten holte sich Juliette beim Portier eines Hauses, dessen Inhaber sie nicht kannte, die kleine Geldsumme ab, welche Hendrik ihr zukommen lie�. Die Gage vom Montmartre-Kabarett und die Unterst�tzung aus Berlin machten zusammen gerade so viel aus, da� Juliette leben konnte, ohne auf den Strich gehen zu m�ssen. Sie sah wenig Menschen, einen Geliebten hatte sie nicht. �ber ihre Berliner Abenteuer sprach sie mit niemandem: teils aus Angst, ihr Leben oder doch mindestens die kleine Monalsrenle zu verlieren; teils um Hendrik keine Unannehmlichkeiten zu bereiten. Denn ihr Herz hing an ihm.
Sie hatte nichts vergessen und nichts verziehen. T�glich mindestens einmal erinnerte sie sich mit Ha� und Grauen der halbdunklen Zelle, in der sie so viel gelitten hatte. Sie dachte an Rache, aber es sollte eine Rache von gro�er und s��er Art sein, keine sch�bige und mesquine1.
Einmal, als sie ihre abendliche Promenade machte, sah Juliette in dem Strom von Menschen, der sich von der Madeleine zur Place de la Concorde bewegte, Barbara an sich vor�bergehen. Hendriks Gattin, die so lang der Gegenstand von Juliettens eifers�chtigen oder mitleidigen Betrachtungen gewesen war, schritt eilig und in Gedanken vertieft. Juliette ber�hrte ganz leicht mit den Fingerspitzen ihren �rmel und sagte mit ihrer tiefen, rauhen Stimme: �Bon soir, Madame.� Dabei neigte sie ein wenig das Haupt. Als die Angeredete verwundert aufblickte, war die Negerin schon vor�ber. Barbara sah nur noch ihren breiten R�cken, und auch der wurde schnell durch andere R�cken, andere Leiber zugedeckt.
In vielen St�dten und in vielen L�ndern� Manche lebten in D�nemark, manche in Holland, manche in London oder in Barcelona oder in Florenz. Andere waren nach Argentinien oder nach China verschlagen worden.
Nicoletta von Niebuhr aber, Nicoletta Marder, fand sich eines Tages wieder in Berlin ein. Mit ihren roten Hutkoffern, die recht rissig und br�chig geworden waren, erschien sie in Hendrik H�fgens Wohnung am Reichskanzlerplatz. �Hier bin ich�, sagte sie und versuchte ihre Augen so blank zu machen, wie es nur irgend ging. �Ich konnte es nicht mehr aushaken, dort unten. Theophil ist wunderbar, ein Genie, ich liebe ihn mehr denn je. Aber er hat sich au�erhalb der Zeit und ihrer realen Gegebenheiten gestellt. Er ist ein Tr�umer geworden, ein Parsifal - ich ertrage das nicht. Verstehst du es, Hendrik, da� ich das nicht ertrage?�
Hendrik verstand es. Er war ganz und gar gegen Tr�umer und besa� seinerseits durchaus den notwendigen Kontakt zu der Zeit und ihren Gegebenheiten. �Diese ganze Emigration ist eine Angelegenheit f�r Schw�chlinge�, erkl�rte er streng. �Diese Leute in ihren s�dfranz�sischen Badeorten kommen sich wie M�rtyrer vor, sind aber nur Deserteure. Wir hier stehen an der Front, die dort drau�en dr�cken sich in die Etappe.�
�Ich will unbedingt wieder Theater spielen�, sprach Nicoletta, die ihren Gatten verlassen hatte.