Mephisto
- Автор: Mann Klaus
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Mephisto». Краткое содержание книги:
�Was fehlt dir, Theophil?� fragte sie. Die musterhafte Aussprache hatte sie sich bewahrt, was sonst ihr auch verlorengegangen sein mochte in all den Jahren. �Womit kann ich dir helfen, mein Lieber?�
Er aber st�hnte, wie aus schlimmen Tr�umen. �Nicoletta - Nicoletta, mein Kind� Es ist so grauenhaft� Es ist viel zu grauenhaft�Ich h�re die Schreie derer, die man in Deutschland foltert� Ich h�re sie ganz deutlich, der Wind tr�gt sie �ber das Meer� Die Folterknechte spielen Grammophon w�hrend der infernalischen Prozeduren, das ist ein gemeiner Trick, sie stopfen ihren Opfern Kissen vor den Mund, damit die Schreie erstickt werden� Aber ich h�re sie doch� Ich mu� alles h�ren. Gott hat mich gestraft, indem er mir das empfindlichste Ohr unter den Sterblichen gab� Ich bin das Weltgewissen, und ich h�re alles. Nicoletta, mein Kind!� Er klammerte sich an sie. Seine gepeinigten Augen irrten �ber die s�dliche Landschaft, deren Frieden sich ihm mit schauerlichen Figuren belebte. Nicoletta legte ihm die Hand auf die hei�e und nasse Stirn. �Ich wei� es, mein Theophil�, sprach sie mit der sanftesten Exaktheit. �Du h�rst alles, und du durchschaust alles. Du mu�t der Welt Rechenschaft geben von deinem Wissen: das w�rde f�r dich und f�r die Weh sehr von Vorteil sein. Du solltest schreiben. Theophil! Du mu�t schreiben!�
Seit einem Jahr flehte sie ihn an, er solle arbeiten. Sie litt unter seiner Erstarrung, sie ertrug nicht seine verzweifelt gr�belnde Tatenlosigkeit. Sie bewunderte ihn, sie hielt ihn f�r den Gr��ten unter den Lebenden, sie wollte ihn nicht am Rande der Geschehnisse sehen, sondern in ihrem Zentrum: wirkend, eingreifend, die Welt zur Besinnung rufend, alarmierend. Aber er antwortete ihr: �Was soll ich noch schreiben? Ich habe alles gesagt. Ich habe alles vorausgewu�t. Ich habe den Schwindel entlarvt. Ich habe die F�ulnis gerochen. Wenn du ahntest, mein Kind, wie schwer ertr�glich es ist, so furchtbar recht zu behalten. Meine B�cher sind so vergessen, als seien sie nie geschrieben worden. Meine gesammelten Werke hat man verbrannt. Meine ungeheuren Prophetien scheinen im Wind verhallt - und doch ist alles, was heute geschieht, der ganze uns�gliche Jammer, nichts als ein geringes Nachspiel, ein Satyrspiel zu meinem prophetischen Werk. In meinem Werk steht schon alles, in ihm ist alles vorweggenommen, auch das, was sich erst noch zutragen wird - das Schlimmste, die finale Katastrophe. Ich habe es schon durchlitten, ich habe es schon geformt. Was soll ich denn jetzt noch schreiben? Ich trage das Leid der Welt. In meinem Herzen spielen alle Zusammenbr�che sich ab, die gegenw�rtigen wie die zuk�nftigen. Ich - ich - ich�� �ber diesen drei Buchstaben, �ber diesem �Ich�, in dem sein halb verwirrter Geist sich verfing wie in einer Falle, verstummte er. Sein Haupt, das die furchtbaren Leiden versch�nt hatten - es schien jetzt feiner, zarter und strenger gebildet; genauer durchgearbeitet als ehemals -, sank ihm nach vorne. Theophil war pl�tzlich eingeschlafen.
Nicoletta trat ins Haus zur�ck. Sie blieb in dem dunklen und k�hlen Vorplatz stehen. Langsam hob sie die Arme und legte sich die beiden H�nde vors Gesicht. Sie wollte schluchzen, aber es kamen keine Tr�nen; sie hatte zuviel geweint. In ihre H�nde hinein fl�sterte Nicoletta: �Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich mu� weg von hier. Ich halte es nicht mehr aus.�
�ber die L�nder verstreut, in vielen St�dten lebten die Menschen, die Hendrik seine Freunde genannt hatte. Einigen von ihnen ging es gut, der �Professor� zum Beispiel hatte nicht zu klagen, ein Weltruhm wie der seine verbraucht sich nicht, er konnte wohl damit rechnen, da� er bis zu seinem Lebensende in Schl�ssern mit Barockm�beln und Gobelins oder in den f�rstlichen Appartements der ersten internationalen Hotels wohnen w�rde. Man wollte ihn in Berlin nicht mehr inszenieren lassen, weil er Jude war? Gut - oder vielmehr: um so schlimmer f�r die Berliner. Der Professor bewegte die Zunge majest�tisch in seinen Backen, knarrte und knurrte ein paar Tage lang ver�rgert, und fand schlie�lich, er habe ohnedies in letzter Zeit etwas reichlich zu tun gehabt, mochten die Berliner sich also ihr Theater allein machen, sollte doch �dieser H�fgen� seinem �F�hrer� Kom�die vorspielen - er, der Professor, hatte w�hrend dieser Saison noch eine gro�e Operette in Paris, zwei Shakespearsche Lustspiele in Rom und Venedig und eine Art von religi�ser Revue in Londen zu ins/enieren. Au�erdem gab es eine Tournee mit �Kabale und Liebe� und der �Fledermaus� durch Holland und Skandinavien zu erledigen, und im Fr�hling mu�te er in Hollywood sein, denn er hatte einen gro�en Filmvertrag unterschrieben.
Seine beiden Theater in Wien verwalteten Fr�ulein Bernhard und Herr Katz: auch um diese beiden brauchte man sich keine Sorgen zu machen. Manchmal dachte Herr Katz mit Wehmut an die lustigen Zeiten, als er die Berliner mit seinem abgr�ndigen Drama �Die Schuld� hereingelegt und sich als den spanischen Nervenarzt ausgegeben hatte. �Das sind doch noch Scherze von Format gewesen!� sagte er und spielte mit der Zunge im Mund, fast genauso majest�tisch wie sein Herr und Meister. Jetzt war nichts mehr mit der Dostojewski-Seele anzufangen, und Herr Katz war endg�ltig verbannt in die niedrige gesch�ftliche Sph�re. - Wehm�tig wurde auch Fr�ulein Bernhard, wenn sie an den Kurf�rstendamm, besonders aber, wenn sie an H�fgen, dachte. �Was f�r herrlich b�se Augen er hat!� erinnerte sie sich tr�umerisch. �Meinen Hendrik - den g�nne ich den Nazis am allerwenigsten, so was Sch�nes verdienen die wirklich nicht.� �brigens lie� sie sich jetzt von einem jungen Wiener Bonvivant, der zwar nicht so d�monisch war wie H�fgen, daf�r aber galanter und anspruchsloser als dieser, �Rose� nennen und am Kinn kraulen.-
Einen zweiten Aulstieg, einen neuen Triumph, der alle ihre Berliner Erfolge �bertraf und in den Schatten stellte, erlebte Dora Martin in London und New York. Sie hatte englisch gelernt mit dem Eifer eines ehrgeizigen Schulkindes oder eines Abenteurers, welcher sich ein fremdes Land erobern will. Nun konnte sie sich, in der neuen Sprache, alle jene eigenwilligen Extravaganzen leisten, mit denen sie fr�her Berlin bezaubert und �berrascht hatte.
Sie reiste zwischen London und New York hin und her, in jeder der beiden St�dte spielte sie dasselbe St�ck Hunderte von Malen hintereinander. Tags filmte sie. Es war erstaunlich, was sie physisch leistete und aushielt. Ihr schmaler, kindlicher K�rper schien unerm�dlich, als w�re er besessen von einer d�monischen Kraft. Die amerikanischen und englischen Zeitungen priesen sie als die gr��te B�hnenk�nstlerin der Erde. Wenn sie nach der Vorstellung f�r eine Viertelstunde im Hotel Savoy erschien, schmetterte die Kapelle einen Tusch, und alle Anwesenden erhoben sich ihr zu Ehren. Der j�dischen Schauspielerin, die man aus Berlin vertrieben hatte, huldigte die Gesellschaft der beiden angels�chsischen Kapitalen. Sie wurde von der englischen K�nigin empfangen, cler Prince of Wales schickte ihr Rosen in die Garderobe, junge amerikanische Dichter schrieben St�cke f�r sie. Manchmal fragten Journalisten, die aus Wien oder aus Budapest herbeigereist kamen, um sie zu interviewen, ob sie nicht Lust h�tte, einmal wieder in deutscher Sprache zu spielen. Sie erwiderte: �Nein. Ich habe keine Lust dazu. Ich bin keine deutsche Schauspielerin mehr.� Aber zuweilen dachte sie doch:,Was man wohl in Berlin zu meinen neuen Erfolgen sagt? Ob man von ihnen erf�hrt? Nat�rlich erf�hrt man von ihnen. Ich darf hoffen, da� man sich ein wenig �rgert. Denn freuen wird sich dort niemand �ber meine Siege. Diese hunderttausend Menschen, die mit mir angegeben haben, als ob sie mich gl�hend liebten: �rgern sollen sie sich doch jetzt wenigstens �ber mich, damit sie mich nicht ganz und gar vergessen'.