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Mephisto

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Mephisto
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Hendrik meinte, das werde ohne gar zuviel Schwierigkeiten einzurichten sein. Am Staatstheater kann ich ziemlich alles durchsetzen, wozu ich Lust habe. Csar von Muck - nun ja, er ist noch der Intendant. Aber der Ministerprsident mag ihn nicht, und der Propagandaminister deckt ihn nur noch aus Prestigegrnden. Es hat sich herumgesprochen, da unser Csar ein miserabler Theaterleiter ist. Er macht ein langweiliges Repertoire, am liebsten mchte er immer nur seine eigenen Stcke auffhren lassen. Von Schauspielern versteht er auch nichts. Das einzige, was er kann, ist ein enormes Defizit machen.

Die wiedergekehrte Nicoletta durfte damit rechnen, am Staatstheater ein Engagement zu bekommen. Zunchst aber wollte Hendrik in Hamburg mit ihr gastieren, und zwar in dem Stck, das nur zwei Personen hatte und mit dem die beiden auf Tournee in den Ostsee-Badeorten gewesen waren, unmittelbar vor der Hochzeit Hfgens mit Barbara Bruckner. Das Hamburger Knstlertheater war stolz, sein ehemaliges Mitglied, das inzwischen so berhmt und ein Freund der Macht geworden war, nun als Gast bei sich zu empfangen. Der neue Leiter des Institutes, Kroges Nachfolger, ein Herr namens Baidur von Totenbach, erwartete Hfgen und seine Begleiterin auf dem Bahnhof. Herr von Totenbach war aktiver Offizier gewesen, hatte viele Schmisse im Gesicht und stahlblaue Augen wie Herr von Muck, sprach auch schsisch wie dieser. Er rief: Willkommen, Kamerad Hfgen! - als ob auch Hendrik die ehrenwerte Vergangenheit eines Offiziers htte, anstatt die verdchtige eines Kulturbol-schewisten. Willkommen! riefen auch verschiedene andere Menschen, die mit Herrn von Totenbach zur Bahn geeilt waren, um den Kollegen Hfgen zu begren. Unter ihnen war die Motz, sie umarmte Hendrik und hatte Trnen echter Ergriffenheit in den Augen. Wieviel Zeit vergangen ist! rief die wackere Frau und lie Gold im Inneren des Mundes funkeln. Und was wir alles erlebt haben! - Sie ihrerseits hatte ein Kind bekommen, Nicoletta und Hendrik erfuhren es bald: ein kleines Mdchen - spte, eigentlich schon etwas berraschende Frucht ihrer langjhrigen Beziehung zum Vterspieler Petersen. Ein deutsches Mdelchen, sagte sie, wir haben es Walpurga genannt.

Petersen hatte sich gar nicht verndert. Sein Gesicht wirkte immer noch etwas nackt, da ihm der Schifferbart fehlte. Seinem unternehmungslustigen Wesen war anzumerken, da er es sich keineswegs abgewhnt hatte, das sauer verdiente Geld zu verschwenden und den jungen Mdchen nachzusteigen. Wahrscheinlich liebte ihn die Motz immer noch mehr als er sie. - Der schne Bonetti erschien in schwarzer SS-Uniform und sah blendend aus: es lie sich verstehen, da er nun noch zahlreichere Liebesbriefe aus dem Publikum erhielt als frher. - Die Mohrenwitz war nicht mehr beim Theater. Sie hat ja jdisches Blut, zischelte die Motz hinter der vorgehaltenen Hand und wurde dann von einem lasterhaften kleinen Lachen geschttelt, als htte sie etwas Obsznes geuert. Rolf Bonetti machte ein sehr angewidertes Gesicht - vielleicht weil er an all die Rassenschande dachte, die er einst mit Rahel getrieben hatte. Das dmonische junge Mdchen - so viel wurde Hendrik noch mitgeteilt - hatte einen Selbstmordversuch gemacht, als die Unreinheit ihres Blutes bekannt geworden war, und schlielich einen tschechoslowakischen Schuhfabrikanten geheiratet.

Was das Materielle betrifft, wird es ihr wohl ganz, gut gehen, da drben - im Ausland, yerrmutete die Motz init dem Akzent der Verachtung, und ihr Daumen deutete nach hinten, ber die Schulter, als lge dort, in irgendeiner hlichen Ferne, das Ausland.

Die neuen Mitglieder des Ensembles - blonde, etwas ungeschlachte Burschen und Mdel, die eine derbe Lustigkeit mit straffer militrischer Disziplin wacker vereinigten - lieen sich dem groen Hfgen vorstellen und bezeigten ihm jede nur denkbare Devotion. Er war der Mrchenprinz, der schne Verzauberte, der Neid und Bewunderung einsteckt als den Tribut, der ihm zukommt. Ja, er war herniedergestiegen, lr eine kleine Weile zurckgekehrt zu der niedrigen Sttte, von welcher er ausgegangen. brigens zeigte er sich leutselig und lie sich dazu herbei, der Motz den Arm um die Schulter zu legen. Ach, du bist doch ganz der Alte geblieben, schwrmte sie und prete seine Hand. Petersen lie sich vernehmen: Hendrik war immer ein famoser Kamerad. Whrend Herr von Totenbach abschlieend, nicht ohne eine gewisse Strenge erklrte: Im neuen Deutschland gibt es nur Kameraden, auf welchem Platz sie auch immer stehen mgen.

Eine Erleichterung empfand Hendrik, als er feststellen drfte, da von den kommunistischen Bhnenarbeitern, denen er frher gern mit geballter Faust und dem Rot-Front-Gru begegnet war, sich keiner mehr im Theater befand. Er wagte es nicht, sich nach ihrem Verbleib zu erkundigen. Vielleicht waren sie erschlagen, vielleicht eingesperrt, vielleicht in der Emigration

Abends war das Haus ausverkauft, die Hamburger jubelten ihrem alten Liebling zu, der in Berlin so gewaltig Karriere gemacht hatte: erst unter dem Professor, dann unter dem dicken Ministerprsidenten. Von Nicoletta war man allgemein enttuscht. Man fand sie starr, unnatrlich und sogar etwas unheimlich. Wirklich hatte sie das Theaterspielen ziemlich verlernt. Ihre Haltung war steif geworden, und ihre Stimme hatte einen merkwrdig hohlen, klagenden Klang bekommen. Es war, als ob etwas in ihr zugleich erfroren und zerbrochen wre. brigens nahm das Publikum jetzt auch an ihrer groen Nase Ansto. Ob sie nicht doch etwas jdisches Blut hat? flsterte man im Parkett. Aber nein, sagten andere - dann wrde doch Hfgen sich nicht ffentlich mit ihr zeigen!

Am nchsten Morgen hatte Hendrik die kuriose Idee, Frau Konsul Mnkeberg einen Besuch abzustatten. Auch sie sollte ihn in seinem Glnze sehen - gerade sie, die ihn jahrelang gedemtigt hatte durch ihr vornehm patri-zisches Wesen. Barbara, die Geheimratstochter, war gleich von ihr zum Tee in den ersten Stock geladen worden. Ihn aber hatte man nur fein und spttisch angelchelt. Jetzt wollte er im Mercedes-Wagen bei der alten Dame vorfahren.

Zu seiner Enttuschung mute er in der Villa von einem fremden Hausmeister erfahren, da Frau Konsul Mnkeberg gestorben war. Das sah ihr hnlich! Einer Begegnung, die peinlich fr sie gewesen wre, entzog sie sich durch die Flucht. Diese Brger vornehmen alten Stils, diese Patrizier ohne Geld, aber mit nobler Vergangenheit und mit zarten, vergeistigten Gesichtern - blieben sie denn unerreichbar, waren sie nie zu treffen? Sollte es dem mephistophelisch gewordenen Kleinbrger, der mit der blutigen Macht paktierte, niemals vergnnt sein, seine Triumphe ber sie zu genieen?

Hendrik rgerte sich. Ein Coup war ihm miglckt, von dem er sich viel Spa versprochen hatte. Im brigen war er recht zufrieden mit seiner Hamburger Visite. Herr von Totenbach hatte zum Abschied gesagt: Ich und meine ganze Spielgemeinschaft - wir sind stolz darauf, da Sie bei uns gewesen sind, Kamerad Hfgen! Und die Motz hatte ihm ihre kleine Walpurga gereicht, mit der dringlichen Bitte, er mte das schreiende Geschpf segnen. Segne sie, Hendrik! forderte die Motz. Dann wird etwas Rechtes aus ihr werden! Segne meine Walpurga! Und auch Petersen war sehr dafr gewesen. -

Als Hendrik von seinem Ausflug zurckkam, berichtete ihm Lotte Lindenthal, da um seine Person in den hchsten Kreisen heftige Debatten im Gang seien. Der Ministerprsident- Mein Brutigam, sagte Lotte jetzt schon von ihm - war unzufrieden mit Csar von Muck; das wute jeder. Noch nicht so allgemein bekannt war, wen der Fliegergeneral als Nachfolger fr den Intendanten der Preuischen Staatstheater ausersehen hatte: es war Hendrik Hfgen. Hiergegen strubte sich der Propagandaminister und, mit ihm, alle jene hohen Wrdentrger der Partei, die von radikaler Gesinnung, hundertprozentige Nationalsozialisten und jedem Kompromi, besonders in kulturellen Dingen, unerbittlich abgeneigt waren. Es geht nicht an, auf einen derart prominenten, reprsentativen Posten einen Mann zu setzen, der nicht zur Partei gehrt und die rgste kulturbolschewistische Vergangenheit hat, erklrte der Propagandaminister. - Es ist mir gleichgltig, ob ein Knstler Parteimitglied ist oder nicht. Die Hauptsache ist, da er etwas kann, erwiderte der Ministerprsident, der sich, in seiner groen Macht und Herrlichkeit, oft erschreckend liberale Launen gnnte. Unter Hfgen werden die Preuischen Staatstheater Kasse machen. Die Intendanz des Herrn von Muck ist ein zu groer Luxus fr unsere Steuerzahler. Wenn es um die Karriere seiner Proteges und Lieblinge ging, dachte der General sogar pltzlich an die Steuerzahler, was sonst selten geschah.

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