Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
Sola, die seit Ya'kubs Tod in ruhiger Abgeschiedenheit gelebt hatte, von ihren Enkelkindern und gelegentlich ihren Töchtern umgeben, vernahm mit erschrockenem Schweigen die Kunde von der Verbannung Djamilas. In ihrem Innersten zerriß der letzte dünne Faden, der sie noch ans Leben band. Wenige Wochen später starb sie im Schlaf, stahl sich leise davon, um sich wieder zu dem Mann zu gesellen, dessen Leben ihr Daseinsgrund gewesen war.
25
Sari und Djamila machten es sich auf den aufgehäuften Kissen mit groben Leinenüberzügen bequem, deren Farben von der andalusischen Sonne ausgebleicht waren und von jahrelangem Gebrauch zeugten. Ein dichtes Dach aus Weinblättern über der Pergola schützte sie vor der aufsteigenden Hitze des Mittags, während sie miteinander sprachen und ab und zu einen wachsamen Blick auf die Kinder warfen: Amira, Hai und die siebenjährige Dalitha. Die drei tobten zwischen den graugrünen Olivenbäumen herum, die in geordneten Reihen hinter dem Haus wuchsen und deren knotige und verschlungene Stämme die flinken Kinderbeine geradezu zum Hinaufsteigen einluden. Sari beobachtete ein wenig ängstlich, wie Hai an einem Stamm hochkletterte, sich in eine Astgabel hockte und dann vorbeugte, um Dalitha seine starke helfende Hand hinzustrecken, damit sie ihm nachkommen konnte.
»Hai beschützt Dalitha, als wäre sie seine kleine Schwester«, sagte Djamila lächelnd.
»Sie hätte sehr wohl seine Halbschwester sein können«, murmelte Sari traurig. »Manchmal bedaure ich, daß sie es nicht ist.«
Djamila blickte mit offener Verwunderung auf. In den acht Jahren seit ihrer jähen Vertreibung aus dem Hause Ibn Yatom war dies das erste Mal, daß Sari auf die Ereignisse damals zu sprechen kam.
»Aber warum?« fragte sie. »Nach Hais Geburt war ich doch kaum mehr als ein Eindringling in eurem Hause. Du, Hai und Da'ud, ihr wart eine so verschworene Gemeinschaft, daß für Amira und mich einfach kein Platz mehr war.«
»Es tut mir auch nicht um deinetwillen leid, sondern um unseretwillen, um Da'uds und meinetwillen. Ich habe die Haltung, die er nach Hais Geburt dir und Amira gegenüber an den Tag gelegt hat, nie gutgeheißen. Es ist das einzige Thema, das er sich strikt mit mir zu besprechen weigert. Bis heute habe ich ihm die Art und Weise nicht vergeben, in der er dich damals aus dem Haus gejagt hat. Es steht zwischen uns, ist ein ständiger unsichtbarer Vorwurf, der das Glück trübt, das wir einmal kannten. Es tut nichts zur Sache, daß du heute unendlich viel zufriedener bist, als du es je unter unserem Dach hättest werden können. Die Art, wie er dich benutzt und dann weggeworfen hat, ohne auch nur einen Augenblick lang deine Wünsche in Betracht zu ziehen, ist unverzeihlich. Selbst gestern, bei einem so feierlichen Anlaß wie Hais Bar Mizwa, die mit all der schlichten Eleganz und ruhigen Würde begangen wurde, die du aus unserem Hause kennst, konnte er sich nicht durchringen, Amira als seine Tochter zu behandeln. Ich selbst fühlte mich für sie gedemütigt. Ich hätte mir beinahe gewünscht, sie wäre nicht gekommen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie das meine Freude getrübt hat.«
»O doch, das kann ich«, stimmte ihr Djamila traurig zu. Die Erinnerung an die Beschneidungsfeier war ihr noch schmerzlich im Gedächtnis. »Menahem ist wie du«, fuhr sie fort. »Er wird ihm auch nie vergeben. Er ist immer noch überzeugt, daß Da'ud hinter dem zweiten Angriff und seiner Verbannung aus der Stadt steckte. Saul und er müssen diesen Plan ausgeheckt haben, als sie sich am Abend zuvor in der Synagoge trafen. Menahem kannte seinen Dienstherren gut genug, um sich darüber im klaren zu sein, daß er den literarischen Streit mit Saul für seine eigenen Zwecke ausnutzen würde. Da'ud würde aus der ganzen Angelegenheit mit unbefleckter Ehre und makellosem Ruf hervorgehen und dazu noch die Einheit der Gemeinde wahren, daran bestand kein Zweifel. Da'ud konnte Menahem nie leiden, mußt du wissen. Er hatte ihn mehr oder weniger gegen seinen Willen eingestellt, um seinem ehrenwerten Lehrer Rabbi Samuel einen Gefallen zu tun. Obwohl Menahem ihm stets treu gedient hat, war Da'ud nur zu froh, einen Vorwand gefunden zu haben, unter dem er ihn loswerden konnte – und mich gleich dazu«, sagte sie lachend. »Ich werde nie vergessen, wie charmant er nach seiner Rückkehr aus Leon zu mir war, während er seinen Plan doch schon ausgeheckt hatte. Was für ein schlauer Fuchs er doch ist!«
»Du nimmst das alles so leicht«, wunderte sich Sari.
»Es ist zwecklos, Groll zu hegen. Mein Zorn kann Da'ud nicht erreichen. Er kann mich nur bitter machen. Ich streiche ihn lieber ganz aus meinem Leben und wende mich schöneren Dingen zu. Außerdem mußt du zugeben, daß er klug genug war, aus Menahems unschuldigen Zeilen eine Wahrheit herauszulesen, die keineswegs offensichtlich war, nicht einmal für mich. Nichts hätte mir ferner gelegen als eine Ehe mit Menahem. Und doch, als man uns so zusammengeworfen hatte und wir auf uns gestellt waren, wurde schon bald klar, wie grenzenlos dieser Mann lieben kann: Er fing mich auf, wenn ich strauchelte, beruhigte mich, wenn ich tobte, linderte meine Pein, wenn jede Faser meines Wesens schmerzte. Und er wurde für Amira der Vater, der Da'ud nie war und auch nie sein wird. Weißt du«, lächelte sie und breitete die Arme aus, als wolle sie das weißgetünchte Haus umfassen, die Blumenbeete in allen Farbschattierungen, die es umgaben, die schwer beladenen Obstbäume und die gut gepflegten Weinstöcke und Olivenhaine, »überall ist Leben und Freude und Schönheit. Ich bedaure nur, daß mein Vater es nicht mehr hat erleben dürfen.«
»Wäre Da'ud nicht in Leon gewesen, als ihn das Fieber ereilte, er könnte vielleicht heute noch unter uns weilen.«
»Vielleicht. Wenn ich mir auch niemals vergeben habe, daß ich auf Da'ud gehört, meinen Besuch an jenem Sabbatnachmittag verschoben und ihn so meiner tröstlichen Gegenwart in seiner Sterbestunde beraubt habe, danke ich doch Gott, daß es ihm erspart geblieben ist, die Schande meiner Verbannung aus dem Hause Ibn Yatom zu erleben.«
»Wer weiß?« fragte sich Sari. »Er hätte sie vielleicht als Segen betrachtet, so wie du selbst sie inzwischen siehst. Aber liebst du Menahem so sehr, wie du ihn zu schätzen weißt?« fragte sie.
»Ich habe es gelernt«, erwiderte Djamila und erhob sich plötzlich, um das Gespräch zu beenden. Sari hatte mit ihrer Frage an etwas gerührt, das sie sich selbst nicht eingestehen wollte. Denn trotz des Grolls, den sie einmal gegen Da'ud gehegt hatte, konnte sie nicht leugnen, daß er es vermocht hatte, sie in einen süßen Aufruhr der Liebe und Leidenschaft zu versetzen, daß schon seine zarte Berührung ausgereicht hatte, sie für ihn zu erwärmen, daß seine Distanziertheit in ihr nur das Verlangen und die Begierde noch vergrößert hatte.
Menahem hatte in ihr keine solchen wirbelnden Leidenschaften erregt, keine Begeisterung entfacht. Hatte sie ihn zu leicht gewonnen? fragte sie sich manchmal. Liebte sie ihn nicht so, weil sie sich nicht bemühen mußte, ihn zu erobern, ihm zu gefallen, ihn zu halten? Aber er besaß alle Eigenschaften, die sie brauchte, um ihr Leben neu aufzubauen: Er war maßvoll, wo sie stürmisch war, vorsichtig, wo sie waghalsig war, er schützte sie und war ungeheuer zuverlässig. Sie konnte nicht behaupten, daß sie nicht geliebt und geachtet wurde. Sie konnte sich nicht beklagen, daß er sie geringschätzte oder übersah. Und wenn auch ihr Herz nie raste, ihre Sinne bei seinem Anblick nicht erbebten, unter seinen ungeschickten Berührungen nicht entbrannten, dann lag der Fehler nicht bei ihm, wahrscheinlich nicht einmal bei ihr. Das Geheimnis der lodernden Leidenschaften lag anderswo, sie wußte nicht, wo. Sie hatte längst aufgegeben, danach zu suchen, war fest entschlossen, ihr Leben in ruhigen, gemächlichen Bahnen verlaufen zu lassen.
»Komm, laß uns Feigen für die Kinder pflücken«, sagte sie fröhlich und ging auf einen Baum zu, der in der Nähe stand. Dalitha kam sofort angerannt. Hai folgte ihr, nahm die runde, dunkelrote Frucht, die Djamila ihm hinhielt, und strich mit einem seiner langen, feinen Finger über den Flaum, der zart darauf lag. Sorgfältig öffnete er die Feige und untersuchte das reife, rote Fleisch, ob auch kein Wurm darin sei, ehe er eine Hälfte Dalitha reichte. Sie ahmte ihn nach und betrachtete die Feige genau. »Oh, das sieht ja wie ein ganzes Würmernest aus!« rief sie und schrak vor Ekel zurück.