Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
Die Antwort auf diese unausgesprochene Frage ließ denn auch nicht lange auf sich warten. Als er in den Garten zurückkehrte, nahm Da'ud einen langsamen Schluck von seinem Scherbett, ehe er sich Djamila zuwandte. »Ich hatte immer das Gefühl, daß das Leben in den engen Mauern eines Hauses und einer Stadt, noch zusätzlich zu den Beschränkungen, die dir deine Stellung als meine Ehefrau auferlegt, deinem beweglichen, unabhängigen Geist zuwider ist. Selbstsüchtig und gedankenlos habe ich dich aus deiner natürlichen Umgebung herausgerissen, dich mit Reichtum und Ansehen verlockt. Das war ein Fehler. Das Unglück steht dir ins Gesicht geschrieben. Nicht die höchsten Ehren, nicht der Reichtum von Prinzen kann einen Menschen für das Fehlen der Liebe in seinem Leben entschädigen. Das hast du nun herausgefunden. Ich hege daher die Absicht, dich in eine Umgebung zurückzuversetzen, die deinem Wesen besser entspricht, jedoch nicht, ohne sicher zu sein, daß dich dort liebende Hände willkommen heißen werden.«
Vollkommen verständnislos schaute Sari zwischen Da'ud und Djamila hin und her, konnte die Bedeutung dieser Worte nicht erfassen. Da'ud hielt inne und ließ Stille herabsinken, schuf eine Atmosphäre der Spannung, der Vorahnung, die so deutlich zu spüren war, daß sogar die Kinder ihr Spiel unterbrachen, da sie mit ihren zartfühlenden Seelen bemerkt hatten, daß sich vor ihren Augen ein menschliches Drama abspielte, dessen Bedeutung sie nicht zu ergründen vermochten.
Djamila fröstelte leicht vor innerer Kälte, hielt sich aber aufrecht, während sie darauf wartete, daß Da'ud über ihr Schicksal bestimmte. Mit einer beinahe unmerklichen Bewegung zog er aus den Falten seines Gewandes ein kleines, zusammengefaltetes Stück Papier, dessen Siegel säuberlich gebrochen war.
»Dies hier«, sagte er und hielt das Papier zwischen Daumen und Zeigefinger, »hat mir die Lösung eines Problems beschert, über das ich schon lange nachgrübele. Nicht die Worte der Botschaft, die hier geschrieben steht, weißt du. Menahem ist ein zu kluger Kopf, als daß er sich oder dich kompromittieren würde. Nein. Es geht um das, wofür diese Botschaft steht: daß eine Beziehung so weit herangereift ist, daß beiderseitiges Vertrauen zwischen meinem Sekretär und dir entstanden ist.«
Mit größter Achtsamkeit faltete Da'ud den Zettel auseinander und las laut vor: »›Ich bin nun beinahe vollständig wieder hergestellt und sorgsam darauf bedacht, Euren Rat zu befolgen. Es scheint daher keine Gefahr zu drohen. Stets Euer treuer Diener.‹ Natürlich keine Unterschrift, aber es gibt in ganz Córdoba nur eine Hand, die so schön zu schreiben vermag. Hat dein Vater den großen Irrtum begangen, dir eine Erziehung angedeihen zu lassen, die dich befähigt, derlei Botschaften zu lesen?« fragte er, ehe er fortfuhr. »Deine Besorgnis um Menahem ist lobenswert, und der Rat, den du ihm gegeben hast, war zweifellos gut, doch beides scheint mir einem Gefühl zu entspringen, das tiefer geht, als man es von einer Frau in deiner Position dem Sekretär ihres Gatten gegenüber erwarten würde. Was Menahem betrifft, so verrät er sich nur mit einem Wort: ›stets‹. Die Floskel ›Euer treuer Diener‹ wäre ausreichend gewesen, aber es gibt Zeiten im Leben eines jeden Mannes, in denen die Leidenschaft alle Vernunft zum Schweigen bringt.
Aus all dem schließe ich, daß es zwischen Euch beiden ein Band des Verstehens und der Zuneigung gibt, und wenn mich mein Gespür nicht trügt, leidenschaftliche Liebe zu dir auf seiten Menahems. Ihm werde ich dich daher anvertrauen. Zusammen werdet ihr das Land wieder fruchtbar machen, das ich gerade für euch gepachtet habe, und gemeinsam werdet ihr das verlassene Haus zu neuem Leben erwecken. Ich muß wohl nicht erwähnen, daß alle Formalitäten einer Scheidung und Heirat rasch und mit äußerster Diskretion vorgenommen werden. Und jetzt«, sagte er und erhob sich, um damit anzudeuten, daß die Entscheidung unwiderruflich war, »in Anbetracht der Sorge, die du um Menahems Wohlbefinden an den Tag gelegt hast, erfordert es der menschliche Anstand, daß du unverzüglich zu ihm gehst, dich um seine Wunden kümmerst und ihm etwas zu essen bringst. Morgen früh schicke ich eine Abordnung Bauarbeiter los, die das Haus bewohnbar machen sollen, so daß ihr am Abend dort ein neues Leben beginnen könnt, ein Leben voller Liebe und ohne alle Einschränkungen.«
Empört sprach Sari die Worte, die Djamila in ihrer Erschütterung nicht hervorbrachte. »Und was soll aus deiner Tochter Amira werden, wo kommt sie in all den Vorkehrungen vor, die du soeben getroffen hast?« fragte sie mit vor Zorn bebender Stimme.
»Für sie und ihre Mutter wird großzügig gesorgt, und sie wird immer als meine Tochter gelten. Ihr natürlicher Platz ist jedoch an der Seite ihrer Mutter.«
»Das mag sein, aber ich bestehe darauf, daß du sowohl Djamila als auch mir dein feierliches Versprechen gibst, daß die geschwisterlichen Bande zwischen deinem Sohn und deiner Tochter ein Leben lang erhalten bleiben. Die Kinder sollen den Preis für deine Fehler nicht zahlen müssen.«
Saris leiser, aber unbeugsamer Ton und ihr kaum verhohlener Tadel trafen Da'ud bis ins Mark.
»In dieser Hinsicht habt ihr meine Zusicherung«, antwortete er knapp.
Dann erhob sich Djamila, und in ihrer stolzen Kopfhaltung, in ihrem festen Schritt zeigte sich ihre ganze angeborene Würde. »Mit deiner Erlaubnis, Abu Hai, beginne ich mein neues Leben sofort. Sobald der Sabbat vorüber ist, sei so gut und bitte die Diener, meine Habseligkeiten zu packen und sie heute abend noch am Haus abzuliefern. Amiras Kinderschwester soll sie morgen in aller Frühe zu mir bringen. Auch sie wird das einfache, ehrliche Landleben genießen.«
Ohne einen Blick zurück verließ sie das Haus, das in Wahrheit niemals ihr Heim gewesen war.
In dem eisigen Schweigen, das sich nun herabsenkte, warf Sari ihrem Mann einen Blick unverhohlener Verachtung zu. »Warum?« fragte sie ihn schließlich. »Warum hast du sie so gedemütigt?«
»Um meine Ehre zu wahren.«
»Sie hat deine Ehre nicht befleckt.«
»Ist das hier nicht Beweis genug?«
»Nein, Da'ud. Du hast die Botschaft nur als Vorwand benutzt, um sie loszuwerden, sie für ein Verbrechen bestraft, das sie nicht begangen hat«, murmelte Sari, und die Ruhe, mit der sie ihren Tadel vorbrachte, verlieh der Wahrheit, die sie ausgesprochen hatte, nur noch größere Gewalt und Überzeugungskraft.
»Ich glaube nicht, daß ich sie bestraft habe. Vielleicht war es die größere Strafe für sie, daß ich sie je geheiratet habe. Ich kann sie nicht lieben. Menahem kann es. Hier war ihr Leben falsch und unfruchtbar. Dort wird es Wahrhaftigkeit bekommen und aufblühen wie das Land. Verurteile mich nicht vorschnell. Laß den Schock vergehen, und das Leben beginnt neu in den frisch gepflügten Furchen aufzubrechen. Wenn die Ernte eingebracht wird, ist noch Zeit genug für ein Urteil.«