Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
In manchen Augenblicken vergaß Nill sogar, dass sie nicht allein war, denn sie sprachen kaum miteinander. Sie fühlte, wie der Wald sie in sich aufsog, sie unsichtbar und leicht machte, und in einigen Momenten wunderte sie sich sogar, wenn der Blick einer der Gefährten sie streifte und ihr bewusst wurde, dass sie noch da und zu sehen war und nicht etwa ein durchscheinender Sonnenstrahl.
Gegen Nachmittag des dritten Tages bewölkte sich der Himmel und der Wald veränderte sein Gesicht.
Dünne Fichten ragten in die Höhe, und mit einem Mal fühlte Nill sich wieder beobachtet und unwohl – in so einer Gegend konnte man sich Graue Krieger vorstellen.
Gleichzeitig war Nill erleichtert, weil die Berge hinter ihnen lagen und die kahlen Wälder ringsum ihre letzten Ausläufer waren. Die Marschen von Korr eröffneten sich direkt vor ihnen. Und Nill näherte sich dem Ziel ihrer Reise.
In der Nacht schloss sie die Hände fest um den Steindorn. Trotz der Finsternis glaubte sie ihn sehen zu können: Seine Aura schien so verräterisch zu pochen, dass die Grauen Krieger es im Umkreis von Meilen spüren mussten. Nill drückte ihn an die Brust.
Er war ein wärmender Trost und eine schreckliche Drohung zugleich.
Sie würde damit töten müssen.
Nill bekam zitternde Finger bei diesem Gedanken.
Sie konnte niemanden töten. Unmöglich konnte sie jemandem ein Messer ins Herz stoßen, der unmittelbar vor ihr stand – jemandem noch dazu, den sie noch nie gesehen hatte! Abgesehen davon war der Steindorn doch gar nicht spitz. Er war ungeschliffen und stumpf, es würde Kraft kosten, ihn durch Haut, Fleisch und Knochen zu stoßen ...
Nill wurde übel bei der Vorstellung. Sie schloss die Finger ganz fest um das magische Messer, befühlte den wunderbaren, glatten Stein und erkannte gleichzeitig, wieso sie ihn so fürchtete. Der Steindorn würde ihr etwas nehmen. Ihre Unschuld.
Der Himmel hing schwer und bleiern über dem Land, das sich vor den Gefährten erstreckte. Die letzten Bäume des Waldes waren hinter ihnen zurückgeblieben. So weit das Auge blickte, reichten die Sümpfe von Korr. Ein Bach führte durch die graue Ödlandschaft.
Mit bangen Schritten gingen die Gefährten in die Marschen hinein. Schon aus der Ferne hatten sie die dichten, reglosen Nebelschwaden gesehen, die über dem Moorland lagen wie ein staubiger Pelz – nun tauchten sie geradewegs in sie ein. Der Boden war weich und schlammig. An manchen Stellen wucherte hohes Gras, unter dem sich tückische Treibsandmulden und Morastgruben versteckten. Knotige Bäume, von der Witterung verrenkt, schmückten das trostlose Land, und schwarze Wäldchen erschienen hier und dort. Das dichte Geäst schien sich nach den Gefährten zu recken, die Zweige waren wie Hexenhände und Klauen, im letzten Augenblick erstarrt, bevor sie einen unvorsichtigen Wanderer hätten ergreifen können. Einmal stieß Kaveh einen überraschten Laut aus, als er in einen Tümpel trat, den er hinter dem Schilf nicht gesehen hatte. Ein erschrockener Krähenschwarm flatterte aus den Bäumen und verschwand in den Nebeln.
»Ich wusste ja gar nicht, dass du kreischst wie ein kleines Mädchen. Da werden die Grauen Krieger wohl auch verblüfft sein, was?«, sagte Scapa bissig.
»Edyen Sbdr«, zischte Kaveh zurück und erklärte nicht weiter, welches Schimpfwort er Scapa damit an den Kopf geworfen hatte.
Zufällig stießen sie auf einen Trampelpfad im Unterholz: wie ein dünner brauner Faden schlängelte er sich an dem Bach entlang. Auf dem Weg liefen sie zwar Gefahr, von Grauen Kriegern entdeckt zu werden, doch das war weniger riskant als blindlings durch die Wildnis zu stolpern, wo bei jedem Schritt Sumpfschlamm nach ihren Füßen greifen konnte – ganz zu schweigen von den gefährlichen Schlangen.
Der Pfad war so schmal und verwildert, dass sie ihn immer wieder im Dickicht verloren. Der Bach neben ihnen mündete bald in einen breiten, trägen Fluss. Sie hatten ihn zuvor wegen der dichten Dunstschwaden weder gesehen noch hatten sie sein Rauschen gehört, denn er strömte so gemächlich dahin, dass kaum Wellen gegen die Ufer schwappten.
»Guckt mal, da!« Mareju wies geradeaus. Ein Stück abseits neigte sich ein verwitterter Steg in den Fluss. Im Näherkommen sahen sie, dass ein festgebundenes Floß im brackigen Ufergewässer lag. Es schien wie für die Gefährten bereitgestellt worden zu sein. Allerdings ein paar Jahrzehnte zu früh.
»Was meint ihr, sollen wir’s versuchen?«, frage Arjas.
Fesco zog die Augenbrauen so hoch, dass sie unter seinen Locken verschwanden. »Ich tu jetzt einfach so, als wüsste ich nicht, was du meinst!«
»Ist unser Dieb vielleicht wasserscheu?«, bemerkte Mareju. »Dabei ist deine beste Freundin doch eine Wasserratte.«
»Eine Hausratte!« Fesco hob würdevoll das Gesicht. »Außerdem bin ich gar nicht wasserscheu. Du spinnst wohl. Ich könnte einmal quer durchs Meer paddeln, verstanden? Aber das Ding da, das ist ja unappetitlich, überall dieser dicke Schlamm.«
»Du musst das Floß ja auch nicht fressen, oder?«, erwiderte Mareju. »Es wird uns aber nicht alle tragen können.«
»Das wissen wir erst, wenn wir es versucht haben«, sagte Kaveh und kämpfte sich durch das Dornengestrüpp zum Ufer. Grummelnd folgte Fesco den anderen. Der Steg war bereits halb im Uferschlamm versunken. Das Tau, das den schiefen Holzpfosten mit dem Floß verband, war über und über von Moos bewuchert.
Kaveh sprang vom Steg. Das Floß wankte bedrohlich, die ersten Wurzelgeflechte, die es überzogen hatten, zerrissen und sanken ins aufschwappende Brackwasser zurück. Kaveh ließ seinen Bogen und Quersack fallen, ergriff mit beiden Händen etwas, das der Algenteppich vollkommen bedeckte, und zerrte ein vermodertes Ruder hervor. Er zupfte die Erd- und Grünzeugklumpen davon ab, wandte sich dann zu den Gefährten um und warf das Ruder Scapa zu. Der fing es mit einer Hand auf.
»Los, kommt!«, rief Kaveh, ging ein paar Schritte weiter und befreite ein zweites Ruder aus dem dichten Pflanzengewächs.
»Das bricht doch gleich zusammen. Also, ich will nicht in dieser Schlammbrühe landen.« Fesco kräuselte die Lippen.
»Ein Bad würde dir ganz gut tun«, erwiderte Erijel von hinten und gab Fesco einen Schubs, sodass er mit einem erschrockenen Laut auf das Floß stolperte.
Erijel sprang ihm hinterher. Das Floß schwankte und die letzten Rankenarme rissen von ihm ab. Arjas und Mareju, die den unwirsch schnaubenden Bruno in den Armen hielten, kletterten ebenfalls vom Steg.
Schwarzes Wasser sickerte zwischen den dünnen Baumstämmen auf, als sie tiefer sanken. Nill und Scapa blieben zuletzt am Steg stehen. Als beide das Zögern des anderen bemerkten, warf Scapa ihr einen Blick zu, packte dann das Ruder fester und sprang zu den anderen. Dann wandte er sich zu Nill um und wollte ihr die Hand reichen – allerdings war sie bereits gesprungen und fiel mehr gegen Scapa, als dass er sie auffing. Sie stolperten auseinander und Scapa sah sie danach nicht mehr an.
Erijel hatte sein Schwert gezückt und hieb das Tau am Stegpfosten ab. Schlamm spritzte auf, als das Seil ins Wasser platschte. Kaveh tauchte sein Ruder in den weichen Ufergrund und stieß ab.
»Stake los!«, rief er Scapa zu.
Mit einem finsteren Blick in die Richtung des Prinzen folgte Scapa der Aufforderung. Dabei musste er sich mit beiden Armen gegen das Ruder stemmen – das Floß saß im Morast fest und war mit den Unterwasserpflanzen verwachsen. Doch Scapa hütete sich, seine Anstrengung zu zeigen. Unter ihnen knarrte und ächzte es – einen Moment fürchteten sie, die Baumstämme könnten sich lösen und das Floß auseinanderbrechen – dann glitt es mit leichtem Schwung vom Ufer ab und zum offenen Fluss hinaus.
Wasserläufer und Libellen, die auf der Wasseroberfläche gesessen hatten, flohen vor ihnen. Mücken surrten auf. Mit angehaltenem Atem warteten die Gefährten ab, ob das Floß standhalten würde. Das Holz knackte, das dickflüssige Wasser schmatzte, wann immer Scapa und Kaveh die Ruder aus ihm herauszogen, und blubberte, wenn sie sie wieder eintauchten. Sonst geschah nichts. Das Floß hielt.