Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
Alle hatten ihren Spaß an Nills Sprachversuchen, besonders sie selbst. Abends lag sie wach auf den Fellen und flüsterte die neuen Silben vor sich hin, denn sie wollte unbedingt die Sprache der Elfen erlernen – nicht zuletzt, weil die Klänge so weich und fließend über die Zunge rollten. Wenn Kaveh und die Ritter sprachen, dann klang es wie ein rasches Lied, wie ein sachter Wind, der durch die Weiden flüstert.
Doch abgesehen von der Zeit, in der die Elfen Nill ihre Sprache beibrachten, warteten sie alle schweigend die Minuten, die Stunden, den Tag ab. Die Langeweile und die Sorgen drückten ihre Stimmung.
Einerseits konnte Nill nicht abwarten, dem schweigsamen Maferis zu danken, die Hütte zu verlassen und endlich wieder im Freien zu sein, andererseits fürchtete sie sich davor, wieder in die Welt hinauszutreten.
Die Grauen Krieger, der Turm des Königs, die Marschen lauerten jenseits der Hütte ... und vielleicht, ja, vielleicht sogar der Tod.
Wenn sie es genau betrachtete, wartete am Ende ihrer Reise sogar sehr wahrscheinlich der Tod, auf die eine oder andere Art. Nill wusste, dass Dinge vor ihr lagen, die sie vielleicht zerstören würden ... Aber sie verdrängte diese Gedanken. Andern konnte sie ohnehin nichts mehr.
Als es Scapa besser ging, setzte sich Nill öfter neben seine Pritsche, sprach mit ihm über dies und jenes und fragte ihn, wie er sich fühle. Wie er so im Bett lag, bleich und fiebrig und ohne seinen schwarzen Mantel, kam er Nill kaum mehr unheimlich vor.
Lediglich die Kühle seines Blicks hatten weder Fieber noch Erschöpfung ihm nehmen können.
Einmal, als Nill neben Scapa saß und ihm erzählte, wie sie Kaveh versehentlich in der Elfensprache ein Rebhuhn genannt hatte, gelang es ihr erstmals, ihm ein kurzes Lachen abzuringen. In dem Augenblick trat Kaveh hinter sie und sagte barsch: »Komm mal mit.«
In der Vorratskammer verschränkte er die Arme vor der Brust. »Ich finde, du solltest dich ein bisschen in Acht nehmen«, sagte er. »Dieser Scapa ist und bleibt ein Dieb, ein Betrüger und ein listiger Lügner. Wer weiß, wie schnell er in deine Rocktasche greifen und den Steindorn ein zweites Mal stehlen kann, wenn du ständig bei ihm bist und mit ihm kicherst!«
Nill klopfte dem Prinzen auf die Schulter. »Ich lasse mich schon kein zweites Mal überlisten. Außerdem, was sollte Scapa denn mit dem Steindorn anfangen? In seinem Zustand hinaus in den Schnee rennen und uns davonlaufen?« Sie lächelte bei dieser Vorstellung.
»Ich sage bloß, dass man ihm nicht vertrauen kann. Er ist – er ist gefährlich.«
»Ja, ja«, erwiderte Nill. »Ich würde mir aber mehr Gedanken über Maferis machen. Der kommt mir doch noch unheimlicher vor als Scapa.«
Es war spät in der Nacht, lange nach dem mageren Abendessen aus harten Wurzelknollen und gedörrtem Hirschfleisch, als Scapa aus dem Schlaf schrak.
Für mehrere Augenblicke rieselte noch Schnee vor ihm; dann umgaben ihn wieder die gewohnte Umgebung und das friedliche Licht des Kamins. Er richtete sich auf und tastete nach seinem Herzen. Es schlug ihm heftig gegen die Brust. »Wieder der Traum?«, flüsterte eine Stimme.
Scapa fuhr herum und blickte in das verbrannte Gesicht des Moorelfen. Er saß ihm gegenüber und beobachtete ihn.
Soweit Scapa wusste, hatte Maferis sich den ganzen Tag über in seine Schlafkammer zurückgezogen.
Nur einmal war es Scapa gelungen, einen Blick hineinzuwerfen, als Maferis nach dem Abendessen hinter seiner Tür verschwunden war. Scapa hatte riesige Berge von Pergament gesehen, einen dunklen Tisch und ein paar Schreibutensilien. Das hieß, dass der Moorelf doch hin und wieder sein Versteck verließ und sich irgendwo Papier, Feder und Tinte besorgte – höchstwahrscheinlich in einer kleineren Menschenstadt jenseits der Berge.
»Morgen müsst ihr gehen«, sagte Maferis jetzt leise.
»Warum?«
Etwas wie ein Lächeln glitt über Maferis’ verunstaltete Züge. »Weil du morgen wieder gesund bist.«
Tatsächlich hatte Scapas Gesundheitszustand in den vergangenen vier Tagen große Fortschritte gemacht. Inzwischen hatte er selbst das Gefühl, dass das schummrige Brummen in seinem Kopf nur noch vom langen Liegen kam.
»Also«, murmelte Maferis. »Du kannst mir jetzt deinen Traum verraten. Ich werde euch alle danach nie wieder sehen.«
Scapa musterte den Moorelf eine Weile. Ihn überkam Mitleid, als er an dessen einsames Leben dachte, und zur gleichen Zeit ... ja, ein Gefühl erfasste Scapa, das er lange, lange nicht mehr bei einem anderen empfunden hatte: ein bisschen Furcht. Da war etwas in Maferis’ Augen, etwas Kühles, Berechnendes, das Scapa bis auf die Knochen zu durchschauen schien.
»Wieso sollte ich dir meine Träume verraten?«, erwiderte Scapa.
Maferis zuckte mit den Schultern. »Mir hat lange niemand mehr seinen Traum erzählt. Und ich habe lange keinen mehr gedeutet. Es würde mich unterhalten.«
Wieder spürte Scapa, wie ihn die Mischung aus Mitleid und Furcht verunsicherte. Er zog unter der Decke die Knie an den Körper und stützte sich mit seinen Armen darauf.
»Du würdest ihn nicht verstehen. Keiner versteht mich.«
Zu Scapas Erstaunen lachte Maferis auf. »Was bist du nur für ein Dramatiker!«
»Was soll das denn heißen?«, fauchte Scapa.
Das Kichern des Moorelfs schwebte im Raum, aber seine Augen blieben kalt und reglos. »Du bist so dramatisch, dass dich der Tod einer Fliege, die du irgendwie gerne hattest, zum ewigen Trauern bringen könnte! Ich kenne Jungen wie dich genau, junger Dieb, auch wenn es nicht viele von dir gibt – das stimmt.« Ein verschwommener Glanz trat in seinen Blick. Es war, als versinke er in fernen Erinnerungen. »Du kannst so schrecklich leidenschaftlich hassen wie lieben, nicht wahr? Etwas dazwischen gibt es für dich gar nicht. Du verzehrst dich nach etwas mit aller Leidenschaft oder bist so gleichgültig wie ein Stein. Genauso kannst du entweder der glücklichste König der Welt sein oder die kummervollste Kreatur auf Erden und sonst nichts anderes – eben weil du so verflucht tragisch bist mit allem, was dir passiert! Nur Regen oder Sonne, aber wehe etwas dazwischen!«
Scapa fühlte sich, als hätte der Moorelf einen heiligen Altar in seinem Inneren umgestoßen und entweiht. Und auch jetzt noch tanzte er mit schmutzigen Füßen darauf herum: »Also, Junge, ich kenne dich, ich kenne dich sehr gut. All deine herzzerreißenden Leidenschaften. All das Verzweifeln und Sehnen und Lodern und Glühen hinter deinem bleichen Gesicht, ja, ja, mir kannst du nichts verbergen. Nicht deinen übertriebenen Kummer und auch nicht deine verheiligte Liebe.«
Scapas Blick wurde so verächtlich wie nur möglich. »Du hast nicht den blassesten Schimmer.«
Maferis klang nun fast freundlich. »Ach nein? Beweise es mir. Erzähle mir deinen Traum. Ecrath seyouvdb, verschlossene Seele.«
Nach einigem Zögern beschloss Scapa doch, seinen Traum zu erzählen. Wieso, das war ihm nicht recht klar. Vielleicht erzählte er ihn aus Mitleid für Maferis, vielleicht aus Langeweile, vielleicht ... vielleicht, weil er tatsächlich neugierig auf eine Deutung war.
»Na schön. Hier ist mein Traum, reim dir davon zusammen, was du willst.« Scapa fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Und dann brauchte er doch einen Moment länger, um einen Anfang zu finden.
»Ich stehe am Himmel«, begann er. »Jedenfalls ... ich weiß, dass es der Himmel ist, obwohl alles um mich finster bleibt. Und über mir erstreckt sich die Welt. Ich sehe jemanden, und ... es beginnt zu schneien.«
»Zu schneien?«, wiederholte Maferis.
»Ja, es schneit. Doch der Schnee fällt aus dem Boden unter mir in die Höhe. Und dann – jemand steht vor mir. Eine Erinnerung. Und ich weiß plötzlich, dass die Erinnerung nicht in der Vergangenheit ist, sondern in meiner Zukunft, und dass sie dort auf mich wartet. Dann fange ich aus meinen Armen zu bluten an, und überall um ihr Gesicht strömt das Blut nach oben. Ich will die Hand nach ihr ausstrecken, aber sie ist nicht mehr echt. Sie löst sich in Schnee auf und wirbelt in die Höhe, das heißt in die Welt hinunter, und dann – dann wird alles weiß. Und davor, da sehe ich einen Herzschlag lang bloß Wiesen, unendlich weite, grüne. Und da ist ... Jetzt ist der Traum zuende.«