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Mephisto

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Mephisto
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/Avischen Barbara und Hedda von Herzfeld hatte sich ein Verh�ltnis herausgebildet, das nicht ganz Freundschaft war, aber doch etwas mehr als nur die sachliche Beziehung zwischen zwei Menschen, die miteinander arbeiten. Barbara empfand Achtung vor Frau von Herzfeld;.denn diese zeigte Energie und Tapferkeit. Sie war sehr allein, sie hatte nur ihre Arbeit. An der kleinen Revue, die sie mit Sebastian redigierte, hing sie wie die Mutter am Kind. Als das Heft zum erstenmal gedruckt und in der besseren Ausstattung vorlag, weinte Hedda beinahe vor Freude. Sie umarmte Barbara und sagte ihr - ranz leise ins Ohr, obwohl kein Dritter im Zimmer war -, vie dankbar sie ihr f�r alles sei. Barbara schaute lange in Frau von Herzfelds gro�es, weiches, flaumig gepudertes Gesicht und stellte fest: Es hatte sch�rfere und tiefere Z�ge bekommen. Sie lie�en auf innere K�mpfe schlie�en, auf seelische Vorg�nge von heftiger und bitterer Art, denen Hedda ausgesetzt gewesen war in diesem Jahr, das man gemeinsam �berstanden hatte. In den ersten Wochen der Emigration hatte sie einmal den Mann getroffen, mit dem sie vor vielen Jahren verheiratet gewesen war. Vielleicht hatte sie auf diese Begegnung Hoffnungen gesetzt. Es stellte sich heraus, da� der Mann in Moskau mit einem M�dchen zusammen lebte. Nichts konnte selbstverst�ndlicher sein als dies. Hedda war vern�nftig genug, es einzusehen. Trotzdem wurde sie von der Mitteilung wie von etwas Unerwartetem getroffen und in Hoffnungen, die sie sich kaum noch eingestanden hatte, entt�uscht.

Dachte sie noch zuweilen an Hendrik? Einmal, nur ein einziges Mal, erw�hnte sie Barbara gegen�ber seinen Namen. �Ob es ihm gut geht?� fragte sie leise - es war sp�t in der Nacht, man hatte lange zusammen gearbeitet. �Ob der Betrieb ihm Spa� macht? Ob er zufrieden ist mit seinem neuen Ruhm?� - �Von wem sprichst du?� fragte Barbara zur�ck, ohne aufzuschauen. Frau von Herzfeld wurde ein, wenig rot, w�hrend sie ironisch zu l�cheln versuchte: �Nun, von wem denn wohl? Von deinem geschiedenen Herrn Gemahl�� Barbara sagte trocken: �Lebt der noch? Ich wu�te gar nicht, da� es ihn noch gibt. F�r mich ist er lange tot. Ich liebe nicht die Gespenster.der Vergangenheit, am wenigsten so dubiose Gespenster wie dieses.� - Seitdem sprachen sie nie mehr von ihm.

Manchmal besuchte Barbara ihren Vater, der ganz allein in einer s�dfranz�sischen Stadt am Mittelmeer wohnte. Er hatte Deutschland sofort nach dem Reichstagsbrand verlassen - zur Wut und zur Entt�uschung einer Horde von nationalsozialistischen Studenten, die sein Haus leer fanden, als sie anr�ckten, um dem �roten Geheimrat�, mal zu zeigen, was �die wahre deutsche Jugend� von ihm dachte. Die wahre deutsche Jugend war dazu entschlossen, den weltber�hmten alten Herrn durchzupr�geln, ihn dann in ein Auto zu packen und im n�chsten Konzentrationslager abzuliefern. Die Bande tobte, weil sie in der Villa nur eine zitternde Haush�lterin fand. Um doch etwas f�r die nationale Sache zu leisten und der n�chtlichen Spazierfahrt einen gewissen Sinn zu geben, beutelte man die arme alte Frau ein wenig und sperrte sie in den Keller, w�hrend man sich oben in der Bibliothek vergn�gte. Die �wahre deutsche Jugend� trampelte auf den Werken Goethes und Kants, Voltaires und Schopenhauers, Shakespeares und Nietzsches herum. Das ist alles Marxismus, stellten die Uniformierten angewidert fest. Als die Schriften Lenins und Freuds ins Kaminfeuer fielen, f�hrten sie einen Freudentanz auf. Auf der R�ckfahrt konnten die jungen Menschen konstatieren, da� sie schlie�lich doch ein paar ganz nette Abendstunden im Hause des Geheimrats zugebracht hatten. �Und wenn das alte Schwein gar noch selber dagewesen w�re�, riefen die fr�hlichen Burschen, �das h�tte erst eine Hetz gegeben!�

Der Geheimrat hatte in seinen Koffern die wichtigsten Papiere und einen geringen, aber ihm besonders lieben Teil seiner B�cherei mit sich nehmen k�nnen. Nachdem er einige Wochen auf Reisen, in der Schweiz und in der Tschechoslowakei zugebracht hatte, lie� er sich in S�dfrankreich nieder. Er mietete sich ein kleines Haus, im Garten gab es ein paar Palmen und sch�ne Bl�tenb�sche, und man hatte den Blick aufs Meer.

Das nationalsozialistische Regime hatte das Haus und das Verm�gen des Geheimrats beschlagnahmt; es erkl�rte ihn seiner Staatsb�rgerschaft f�r verlustig. Bruckner erfuhr es durch eine Notiz in der franz�sischen Presse, da� er �ausgeb�rgert� und kein Deutscher mehr sei.

Einige Tage, nachdem er diese Mitteilung gelesen hatte, begann er wieder zu arbeiten. �Es soll ein gro�es Buch werden�, schrieb er an Barbara, �und es wird,Die Deutschen' hei�en. In ihm werde ich alles zusammenfassen, was ich �ber sie wei�, was ich f�r sie bef�rchte, was ich f�r sie hofle. Und ich wei� viel �ber sie, ich bef�rchte viel f�r sie, und ich hoffe, immer noch, viel f�r sie.

Leidend und sinnend verbrachte er seine Tage an einer fremden und geliebten K�ste. Manchmal vergingen Wochen, ohne da� er ein Wort sprach, au�er einigen franz�sischen Phrasen mit dem M�dchen, das sein Haus besorgte. Er empfing viele Briefe. Menschen, die fr�her seine Sch�ler gewesen waren und nun in der Emigration oder verzweifelt in Deutschland sa�en, wandten sich an ihn um Zuspruch und geistigen Rat. �Ihr Name bleibt f�r uns der Inbegriff eines anderen, besseren Deutschlands�, wagte jemand aus einer bayrischen Provinzstadt ihm zu schreiben - freilich mit verstellter Schrift und ohne da� er seine Adresse verraten h�tte. Solche Gest�ndnisse und Treueschw�re las der Geheimrat halb mit R�hrung, halb mit Bitterkeit.,Und alle diese, die so empfinden und schreiben, haben mitgeduldet, mitverschuldet, da� unser Land zu dem werden konnte, was es heute ist', mu�te er denken. Er legte die Briefe beiseite, und er �ffnete wieder sein Manuskript, das langsam wuchs und reich ward an Liebe und an Erkenntnis, an Gram und Trotz, an tiefem Zweifel und einer noch hinter tausend Vorbehalten starken Zuversicht.

Bruckner wu�te, da� in einer anderen s�dfranz�sischen kleinen Stadt, die von dem Orte seines Aufenthalts noch keine f�nfzig Kilometer entfernt war, Theophil Marder mit Nicoletta wohnte. Die beiden M�nner hatten sich einmal auf einem Spaziergang getroffen und begr��t, es war aber zu keiner Verabredung und zu keinem Wiedersehen zwischen ihnen gekommen. Marder war ebensowenig wie Bruckner gestimmt zum Gespr�ch und zur Geselligkeit. Dem Satiriker war die aufger�umte, Aggressive Schnoddrigkeit vergangen. Ihn hatte das Entsetzen �ber die deutsche Katastrophe verstummen lassen. Wie Bruckner sa� er stundenlang in einem G�rt-chen, wo es Palmen und bl�hende Geb�sche gab, und starrte aufs Meer. Aber Marders Augen hatten nicht den stillen, sinnenden Blick; sie waren unruhig, sie flackerten, sie irrten ratlos und trostlos �ber die schimmernd ausgebreitete Fl�che. Seine bl�ulich gef�rbten Lippen hatten ihre saugende und schmalzende Beweglichkeit behalten; nur bildeten sie jetzt keine Worte mehr, sondern lautlose Klagen.

Theophil, der den Kopf so aufrecht getragen hatte, sa� nun in sich zusammengesunken. Die bleifarbenen H�nde lagen ihm auf den mageren Knien und sahen so m�de aus, als ob er sie niemals mehr w�rde r�hren k�nnen. Er kauerte regungslos, nur seine Augen irrten und seine Lippen f�hrten ihre jammervoll stumme Sprache. Manchmal zuckte er zusammen, als h�tte ein gar zu grauenhaftes Gesicht ihn erschreckt. Dann richtete er sich m�hsam auf und schrie mit einer Stimme, die nicht mehr schnarrte, sondern greisenhaft kr�chzte. �Nico-letta! Komm! Ich bitte dich, komm sofort!� verlangte Theophil, zugleich jammernd und drohend. Und Nico-letta trat aus dem Hause.

In ihrem Gesicht gab es jetzt einen Zug von M�digkeit und melancholischer Geduld, der zu der k�hn gebogenen Nase, dem scharfen Mund und der gew�lbten Stirne nicht passen wollte. Ihre Wangen waren breiter und weicher geworden, ihre sch�nen und weiten Augen hatten nicht mehr jene herausfordernde Blankheit, durch die sie fr�her fasziniert und beunruhigt hatten. Nicoletta schien nicht mehr das eigensinnige und hochm�tige M�dchen zu sein, sondern eine Frau, die viel geliebt und viel gelitten hat. Sie hatte ihre Jugend geopfert. Besessen von einem Gef�hl, in dem sich krampfhafte Hysterie mit einer echten Glut, einer kostbaren Ergriffenheit des Herzens verband, hatte sie ihre Jugend verschenkt an den Mann, der dort als ein Gebrochener im Sessel vor ihr lag.

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