Mephisto
- Автор: Mann Klaus
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Mephisto». Краткое содержание книги:
Denn dir die Grillen zu verjagen, Bin ich als edler Junker hier,
begrt Hendrik mit keckem Faust-Zitat den Gewaltigen. - Nach all seinen blutigen und glanzvollen Geschften wei der Mchtige sich keine nettere Erholung, als mit dem Schalksnarren zu tndeln. Frulein Lindenthal htte beinah Anla zur Eifersucht. Aber sie ist ja gutmtig, und brigens hat sie ihrerseits eine Schwche fr Hendrik Hfgen. Was fr ein Ansehen, welchen Nimbus verschafft diesem in weiten Kreisen seine allgemein bekannte, berall besprochene Freundschaft mit dem gefrchteten Dicken!
Bewundrung von Kindern und Affen, Wenn Euch darnach der Gaumen steht
Hieran mu Hendrik zuweilen denken, angesichts der Schmeicheleien, der devoten Liebenswrdigkeiten, mit denen die Kollegen und die Dichter, die Damen der neuen Gesellschaft und sogar Politiker ihn nun traktieren. Steht ihm der Gaumen wirklich nach dem zuckersen Gelispel des deutschen Nationalisten Monsieur Pierre Larue? Ergtzt er sich wahrhaftig an den literarisch pointierten Komplimenten des Doktor Radig, an den weltmnnischen Artigkeiten des Herrn Mller-Andrea? Otto Ulrichs, dem alten Freund, gegenber uert er sich verchtlich ber die ganze verfluchte Bande. Aber schmecken sie ihm nicht doch s, all die Ergebenheitsbeteuerungen; die gehuften Aufmerksamkeiten? Mundet nicht doch der Champagner am Tische Pierre Lames im Hotel Esplanade, geschlrft im schnen Kreise dekorativer SS-Jnglinge?
Barbara hatte ihm aus Paris geschrieben, da sie wnsche, sich scheiden zu lassen. Die gerichtlichen Formalitten wurden in Abwesenheit der beiden Ehegatten schnell und leicht durchgefhrt. Es bedurfte keines besonderen Scheidungsgrundes: die Richter hatten Verstndnis dafr, da ein Mann in der Stellung und von der Gesinnung Hfgens - prominentes Mitglied des Preuischen Staatstheaters und persnlicher Freund des Herrn Ministerprsidenten - keinesfalls mit einer Dame verheiratet bleiben konnte, die als Emigrantin im Ausland lebte, aus ihrer staatsfeindlichen Gesinnung kein Hehl machte und brigens, wie sich neuerdings herausgestellt hatte, von unreiner Rasse war. Ihrem politisch schwer kompromittierten Vater, dem Geheimrat, jdisches Blut nachzusagen, wagten selbst die professionellen Lgner der nationalsozialistischen Presse nicht. Was man ihm aber vorzuwerfen hatte, war womglich noch rger und unverzeihlicher: er hatte Rassenschande getrieben, seine Gattin, die Tochter des Generals, war keine einwandfreie Arierin gewesen. Nicht umsonst hatte Barbaras Grovater, der hohe Offizier, von dessen militrischen Verdiensten pltzlich niemand mehr etwas wissen wollte, immer verdchtig liberale Neigungen gehabt. Auch die geistige Angeregtheit der Generalin, die weit ber das in Offizierskreisen bliche und statthafte Ma hinausging, erklrte sich nun auf die einfachste, aber peinlichste Weise. Der General war kein deutscher Volksgenosse gewesen, sondern ein Untermensch und Semit: Wilhelm II. hatte es wohlwollend bersehen; aber ein Nrnberger Antisemitenblatt brachte es an den Tag. Eine halbe Semitin war auch die Generalin: Das Pogromblatt konnte es beweisen. Was ntzten ihr nun eine groe, glanzvolle Vergangenheit, ihre frstliche Schnheit und all ihre Wrde? Ein schmieriger Skribent1 und ungewaschener Geselle, der in seinem Leben keinen korrekten deutschen Satz zustande gebracht hatte, durfte feststellen, da sie nicht zur nationalen Gemeinschaft gehre.
Barbara ihrerseits also hatte ber dreiig Prozent schlechten Blutes: schon dieser Umstand wrde dem deutschen Gericht als Scheidungsgrund gengt haben. Blonde Rheinlnder haben Anspruch auf ein tadellos reinrassiges Eheweib. Eine Frau wie Barbara aber htte Hendrik sich selbst dann nicht gefallen lassen mssen, wenn sie garantierte Arierin gewesen wre. Es war ja eine Schande und ein offener Skandal, wie sie es trieb! Sie hatte Paris nicht verlassen, seit sie im Februar 1933 dort eingetroffen war. Jeder, der sie von frher her kannte, mute bemerken, da sie verndert war. Alles Trumerische war von ihr abgefallen, und sie schien kaum noch geneigt zu wehmtigen oder heiteren Spielen. Ihr Gesicht hatte einen Zug von Entschlossenheit bekommen: er sa zwischen den Augenbrauen, er beherrschte die Stirn. Sogar ihr Gang, der ehemals schlendernd gewesen war, verriet nun eine neue Energie. So bewegt sich jemand, der ein Ziel hat und nicht ruhen, will, ehe es erreicht und erobert ist.
Barbara, die sich mit kleinen Zeichnungen und schweren Bchern, mit sorgendem Interesse fr ihre Freunde, mit leichten Spielen und grblerischen Gedanken die Zeit vertrieben hatte, war aktiv geworden. Sie arbeitete in einem Komitee fr politische Flchtlinge aus Deutschland. Auerdem besorgte sie, gemeinsam mit ihrem Freund Sebastian und.Frau von Herzfeld, die Herausgabe einer Zeitschrift, die sich mit den Kriegsvorbereitungen, den kulturellen und juristischen Greueln, mit dem Schmutz und der Gefhrlichkeit des deutschen Faschismus beschftigte. Sebastian und die Herzfeld waren verantwortlich fr die Redaktion; Barbara hatte das Geschftliche zu erledigen. Zu ihrer eigenen Verwunderung stellte sich heraus, da sie nicht unbegabt und nicht ohne Geschicklichkeit fr finanzielle Dinge war. Die kleine Revue mute sich selber erhalten, sie wurde von keiner Seite gesttzt. Sie erschien wchentlich, jede Nummer in deutscher und franzsischer Sprache. Zunchst wurde sie nur einem engen Kreis von Abonnenten zugesandt und war nicht gedruckt, sondern hektographiert. Nach einem halben Jahr war aus den dnnen Blttern eine Zeitschrift geworden, die in allen europischen Stdten auerhalb Deutschlands ihre Freunde hatte. In Stockholm lesen uns fnfzig Leute, und in Madrid fnfunddreiig, und in Tel-Aviv hundertundzehn, durfte Barbara feststellen. Mit Holland und der Tschechoslowakei bin ich ganz zufrieden. In der Schweiz mu es besser werden. Wenn wir nur einen geschickten Vertreter in Amerika htten! Es ist alles noch viel zuwenig. Hunderttausende sollten erfahren, was wir zu sagen haben. Wir sind so arm, sagte sie - man hielt eine Redaktionskonferenz in ihrem kleinen Hotelzimmer. Unsere Feinde geben Millionen aus, damit ihre Lgen unter die Leute kommen - und wir wissen kaum, wovon wir die Briefmarken bezahlen sollen. Sie ballte ihre schmalen, brunlichen Hnde zu Fusten. Ihre Augen bekamen den drohenden Blick - wie immer, wenn sie an die Verhaten, an die Feinde dachte.
Verndert hatte sich auch Sebastian, der sich frher nur um die feinsten und schwierigsten Dinge bekmmert hatte. Nun bemhte er sich, einfach zu denken und einfach zu schreiben. Der Kampf hat andere Gesetze als das hohe Spiel der Kunst, sagte er. Das Gesetz des Kampfes fordert von uns, da wir auf tausend Nuancen verzichten und uns ganz auf eine Sache konzentrieren. Meine Aufgabe ist es jetzt nicht, zu erkennen oder Schnes zu formen, sondern zu wirken- soweit das in meinen Krften steht. Es ist ein Opfer, welches ich bringe - das schwerste. Manchmal wurde er mde. Dann sagte er. Es ekelt mich. Es hat auch gar keinen Sinn. Die anderen sind ja doch viel strker als wir, bei ihnen sind alle Chancen. Es ist so bitter und auf die Dauer so lcherlich, den Don Quijote zu spielen. Ich habe Sehnsucht nach der Insel, die so weit entlegen ist, da auf ihr all dies, womit wir uns qulen, sich auflst und keine Realitt mehr hat
Die gibt es nicht! rief ihn Barbara an. Die gibt es nicht, und soll es gar nicht geben, Sebastian! - brigens sind unsere Feinde gar nicht so entsetzlich stark. Sie frchten sich sogar etwas vor uns. Jedes Wort, jede Wahrheit, die wir gegen sie sagen, tut ihnen ein klein bichen weh und beschleunigt um eine Winzigkeit - um eine Winzigkeit, Sebastian! - ihren Untergang, der doch einmal kommt. So zuversichtlich war sie, oder konnte sie doch scheinen, in den Augenblicken, da ihr Freund Sebastian mde wurde. Denke dir, erzhlte sie ihm, wir haben zwei neue Abonnenten in Argentinien, das ist doch fein, sie haben sogar das Geld schon geschickt. Barbara verbrachte ihren halben Tag damit, Mahnbriefe an die Buchhandlungen und Vertriebszentralen in Sofia oder in Kopenhagen, in Tokio oder in Budapest zuschreiben wegen der kleinen Summen, die man ihr schuldig blieb.