Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
Sobald man Hai sorgfältig an dem Stamm der Zypresse gemessen hatte, die mit ihm heranwuchs, rannte der Junge fort, um sich zu Amira zu gesellen und mit den Unterrichtsstunden fortzufahren, in denen die beiden mit unermüdlichem Fleiß ihren Vögeln beizubringen versuchten, einander zu antworten.
»Wie gut die Kinder miteinander auskommen«, sagte Sari freundlich, als sie, Da'ud und Djamila sich neben den Wasserlauf setzten und in der leichten Abendbrise ihre erfrischenden Scherbetts nippten. Da'ud bestätigte dies mit einem kurzen Nicken und erging sich dann in einer lyrischen Beschreibung der Schönheit des kühlen, klaren Sonnenlichts, das in den Wäldern des Nordens durch das bebende Laub der Buchen drang. Die Frauen hörten ihm wie gebannt zu, als plötzlich der Zauber, in den sie seine Redekunst gebannt hatte, durch einen Aufruhr an der Tür zur Straße gestört wurde. Wenig später kam ein Diener hereingerannt, doch ehe er noch den Mund aufmachen konnte, wurde er bereits von einer Frau zur Seite gedrängt, die sich auf keinen Fall von einem Untergebenen abweisen lassen wollte.
Da'ud stellte sein Scherbett ab und betrachtete die Frau. Seine anfängliche Verwunderung verwandelte sich in die Wärme, die ihm die Gebote der Gastfreundschaft abverlangten.
»Meine liebe Witwe Tamara«, begann er, während er sich erhob und auf sie zuschritt, die Hände zum Willkommensgruß ausgestreckt. »Was verschafft uns die Ehre dieses unerwarteten Besuchs am Sabbat?«
»Es ist kein Besuch«, erklärte die Frau mit steinerner Miene und wimmerte ein wenig, als sie ihre gebeugte und eingesunkene Gestalt aufrichtete, um wenigstens eine Erinnerung an ihre frühere Größe und Würde heraufzubeschwören. »Ich bin gekommen, um mich in aller Form zu beschweren.«
»Es muß eine ernste Angelegenheit sein, wenn Ihr Eure Sabbatruhe dafür gebrochen habt«, erwiderte Da'ud eisig. Er machte sich gar nicht erst die Mühe, seine Verärgerung über diese unerhörte Störung seines Privatlebens zu verbergen.
»Sie ist mehr als ernst. Es ist ein Skandal«, stellte die Witwe mit hochmütiger Empörung fest. Sie drehte mit den Fingern der einen Hand den riesigen Smaragdring, den sie an der anderen Hand trug, hin und her, nahm dann die Haltung einer Frau an, die es gewohnt war, daß man ihr wegen der Stellung ihres Gatten stets gehorchte, und brachte ihren Protest vor.
»Heute morgen, während mein Mieter, Euer Sekretär Menahem, in der Synagoge weilte, brach eine Bande wilder Gesellen mit Gewalt in mein Haus ein. Die Kerle packten Menahems Habe und warfen sie aus dem Fenster, mitten auf die Straße. Dann nahmen sie am Fenster seines Zimmers Aufstellung und warteten dort, bis sie sahen, daß er nach Hause zurückkehrte, worauf sie auf die Straße rannten und ihn überfielen, mit Eisenstangen und Peitschen auf ihn einschlugen, bis er beinahe das Bewußtsein verlor. Schließlich warfen sie ihn, verletzt und blutend, auf seine armseligen Siebensachen, schütteten einen Eimer Wasser über ihm aus, um ihn wieder zu Bewußtsein zu bringen, und brüllten ihm ins Ohr: ›Schlimmeres erwartet dich, wenn du nicht bis zur Abenddämmerung die Stadt verlassen hast.‹ Dann machten sie sich aus dem Staub, offensichtlich höchst zufrieden mit dem, was sie angerichtet hatten.
Ich frage Euch, Abu Suleiman – oder sollte ich sagen Abu Hai? –, was hat dieser stille, rechtschaffene, harmlose Gelehrte verbrochen, daß er es verdiente, mit Gewalt aus seinem Zuhause und aus unserer guten Stadt Córdoba vertrieben zu werden? Als man ihn vor einigen Wochen mitten in der Nacht zum ersten Mal verprügelt hat – und mich dabei zu Tode erschreckte, wenn ich das hinzufügen darf –, sind wir davon ausgegangen, daß in Eurer Abwesenheit Ordnung und Disziplin zusammengebrochen waren. Heute aber ist das nicht der Fall, da ja die Neuigkeit von Eurer Rückkehr sich gestern abend wie ein Lauffeuer durch die Gemeinde verbreitet hat. Ich verlange, die Gründe für diese empörenden Vorfälle zu erfahren! Des weiteren verlange ich volle Wiedergutmachung für die Schäden an meinem Haus sowie für den Mietverlust, den ich nun wegen der brutalen Vertreibung meines Mieters erleiden muß.«
»Aber natürlich, Witwe Tamara«, erwiderte Da'ud gewandt. »Ich verstehe Eure Empörung. Ich bin über die Geschehnisse genauso schockiert und betroffen wie Ihr. Ihr sagt, mein Sekretär wurde während meiner Abwesenheit schon einmal überfallen? Habt Ihr eine Vorstellung, warum?«
»Es hieß, zwischen ihm und dem Dichter Saul habe es ein Zerwürfnis gegeben. Menahem hätte behauptet, Saul hätte in einem seiner Gedichte eine skandalöse Anspielung gemacht, und zwar auf verbotene Beziehungen zwischen Männern und Jünglingen, soweit ich das verstanden habe. Man munkelt, Saul steckte hinter diesem Vorfall.«
»Vielleicht ist der Zwist seither noch gewalttätiger geworden«, bemerkte Da'ud geistreich. »Ich danke Euch, daß Ihr gekommen seid, um mich über diese Angelegenheit in Kenntnis zu setzen. Ich werde sie genau untersuchen, sobald der Sabbat vorüber ist. Was die Entschädigung betrifft, so braucht Ihr Euch keine Sorgen zu machen.« Er hielt einen Augenblick inne, dachte nach und fuhr dann fort. »Es stimmt doch, daß Ihr ein kleines Stück Land zwischen der Stadt und den Ausläufern der Berge Euer eigen nennt?«
»Das ist richtig«, erwiderte die Witwe steif.
»Steht ein Haus darauf?«
»Ein kleines Häuschen, aber es ist verlassen.«
»Könnte man es wieder bewohnbar machen?«
»Sicherlich. Es war einmal ein zauberhaftes kleines Anwesen.« Tamaras Blick schweifte in die Ferne, als sie sich erinnerte: »Wir hatten dort einen Pächter, der uns von diesem Stück Land mit beinahe allem versorgte, was für unseren Haushalt notwendig war. Seine Frau kümmerte sich um das Haus, als wäre es ein Palast, und jeder schlichte Gegenstand war für sie wie ein kostbarer Schatz. Aber das war vor vielen Jahren, als mein armer Isaac noch lebte.«
»Als Entschädigung schlage ich Euch vor, daß die Schuldigen oder, falls man ihrer nicht habhaft wird, die Gemeinde für Euch dieses kleine Häuschen renovieren soll. Dann könnt Ihr es vermieten, vielleicht an Menahem selbst, da ja nun das Leben in Córdoba für ihn unerträglich geworden ist.«
»Hat er denn ausreichende Mittel, um mich regelmäßig zu bezahlen?« erkundigte sich Tamara mißtrauisch.
»Das wird geregelt. Habt keine Sorge, ich will Euch nicht betrügen, wie es schon so viele andere getan haben. Ihr erhaltet von mir eine schriftliche Erklärung und alle notwendigen Sicherheiten, für die ich persönlich bürge. Ich hoffe, das ist zu Eurer Zufriedenheit. Jetzt wird Euch einer meiner Diener nach Hause begleiten und Euch helfen, Menahem wieder auf die Beine zu bringen. Zusammen könnt Ihr ihn dann mit all seinen Habseligkeiten zu dem kleinen Häuschen bringen, und dort kann er die Nacht über bleiben. Es mag dort vielleicht nicht sehr bequem sein für ihn, aber er ist zumindest in Sicherheit.«
Nachdem er einen Diener gerufen und seine Befehle gegeben hatte, geleitete Da'ud selbst die Witwe zur Tür und versicherte sich, daß sie, in Gesellschaft eines seiner Diener, auf dem Heimweg war.
Während Da'uds kurzer Abwesenheit tauschten Sari und Djamila im Garten Blicke äußerster Besorgnis. Obwohl sie im Charakter sehr unterschiedlich waren – Sari so schüchtern und zurückhaltend wie Djamila lebhaft und unternehmungslustig –, waren doch beide Frauen verblüfft darüber, wie Da'ud mit einem Handstreich Menahems Schicksal besiegelt hatte. Die Szene, die sie gerade miterlebt hatten, bot ihnen eine seltene Gelegenheit, ihren Mann zu beobachten, wie er Menschen und Situationen seinem Willen unterwarf. Das Geschick, das er dabei an den Tag gelegt hatte, erfüllte sie beide mit einer Mischung aus Schrecken und Bewunderung. Wie aalglatt er die Witwe beruhigt hatte. Wie glänzend er die Angriffe auf Menahem gleichzeitig verdammt und gutgeheißen hatte und doch seine Vertreibung aus seinem Heim und aus der Stadt bestätigt hatte, indem er eine Lösung vorschlug, die für die Witwe außerordentlich reizvoll und zudem geschickt als großzügige Geste guten Willens gegenüber Menahem getarnt war, so daß weder die Witwe noch Menahem sie ablehnen konnten. Aus gutem Grund wollte der Kalif seinen jüdischen Berater immer in seiner Nähe wissen, dachte Djamila traurig, während sie sich fragte, warum Menahem wegen einer scheinbar so trivialen Angelegenheit eine derart harte Strafe auferlegt wurde. Sicherlich hätte Da'ud weniger drastische Maßnahmen ergreifen können, um diesen Disput zu schlichten und den Frieden in der Gemeinde wieder herzustellen?