Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
Gemeinsam trugen sie Scapa hinter dem Fremden her.
Der Mann im Wolfpelz drehte sich kein einziges Mal zu ihnen um, um nachzusehen, ob sie ihm folgten. Bald tauchten verschwommene Lichter vor ihnen auf. Erst im Näherkommen erkannten sie, dass es eine Holzhütte war: Durch ein kleines Fensterchen und die Ritzen im Türrahmen sickerte warmes Gelb in die Nacht. Nill war selig vor Erleichterung. Mochte der Fremde sein Gesicht auch nicht zeigen, mochte er wie ein Geist erschienen sein, das lockende Licht eines Herdfeuers konnte nicht trügen.
»Gleich geht es dir besser, Herr der Füchse«, murmelte sie mit einem matten Blick zur Hütte hin, während sie näherkamen.
Jahrhunderte hatten die Berge in Frieden vor sich hingeschlummert. Ihre felsigen Gipfel hüllten sich seit Anbeginn der Zeit in weiße, kalte Decken, die nur im kurzen Sommer sanft zerschmolzen, und wurden nie gestört. Allein das träge Wachsen der Fichten und Tannen, nur ein Fuchs, der sich verirrt hatte, brachte ab und zu ein zartes Aufglimmen von Leben in die reglose Schneewelt.
Aber vor vierzehn Sommern und Wintern hatte etwas die Einsamkeit der Berge durchdrungen – Fußstapfen, die sich in den reinen, unberührten Schnee gruben. Vor vierzehn Jahren war ein Vergehen besonderer Art unter den Moorelfen vorgekommen. Ihre Dörfer in den Marschen verstießen zwar nicht selten ein abtrünniges Mitglied; aber etwas wie vor vierzehn Jahren hatte sich noch nie zugetragen. Welcher Moorelf würde schon so weit gehen, sich in der schlimmsten aller Untaten zu versuchen: den eigenen Vorteil über das Wohl des ganzen Volkes, über den König zu stellen? Nur einen hatte es gegeben, und der war verstoßen worden, um sein Leben fern der Marschen zu fristen, so wie es das Schicksal aller Verräter war.
Doch anders als erwartet war dieser Moorelf nicht nach Kesselstadt gezogen, um fortan ein Ganove, ein Säufer oder Hehler zu werden. Nein, er hatte sich entschieden, die Einsamkeit zu suchen und seine Machtgelüste dabei sterben zu lassen wie einen erstickenden Fisch. Er hatte sich entschieden, in die ungestörten Berggipfel zu ziehen. Er zerriss die uralte Stille, brach die reinen Schneedecken mit Fußspuren und den Spuren der gefällten Bäume, die er hinter sich herzog. Dann errichtete er ein Haus inmitten der friedlichen Einsamkeit, baute und hämmerte und bohrte in die unberührte Erde, und schließlich entfachte er das Feuer, das noch nie die tiefen Nächte entweiht hatte. Dann schloss er die Tür seines Baus und verharrte in seinem Licht, bis der Hunger ihn hinaustrieb und zum Jagen zwang. Und war dies erledigt, verkroch er sich wieder in seinem kleinen Fleckchen Licht, und lebte immer so weiter, bis vierzehn Jahre verstrichen waren und abermals die Fußspuren fremder Eindringlinge den Frieden der Berge störten. Fast war es, als atmeten Wind und Schnee erleichtert aus, als der Mann die Fremden zu sich in seine Hütte nahm und sorgsam die Tür hinter ihnen verschloss, sodass es wenigstens für eine Weile so war, als herrsche in den Gebirgen wieder stiller, unberührter Schlummer.
Träume vom Schnee
Scapa schien es, als breite sich die ganze Welt vor ihm aus. Das Land war eins mit dem Himmel, es war alles ein riesiger, stiller Ozean – und der goss sein kaltes dunkelblaues Licht über Scapa, tauchte seine Gedanken in den Glanz einer klaren Nacht kurz vor der Morgendämmerung. Seine Wahrnehmungen waren so intensiv, dass sie fast in den Augen schmerzten.
Er wanderte durch die Unendlichkeit des reglosen Ozeans, lief und lief und war mit jedem Atemzug hundert Schritte weiter. Er fühlte sich dabei sehr leer und rein, war mal Scapa und mal der Herr der Füchse, bis er am fernen Horizont einen weißen Flecken ausmachte. Er atmete drei Atemzüge und war dabei so weit näher gekommen, dass er in dem Flecken einen Menschen erkannte. Der Mensch näherte sich – aber immer erst dann, wenn auch Scapa auf ihn zuging.
Die Gestalt strahlte immer heller, je deutlicher er sie hätte erkennen sollen. Der Ozean rings um ihn begann zu pochen wie sein Herzschlag und wurde von einem Augenblick zum nächsten tintenschwarz.
Und jetzt, in dieser Finsternis, wo es weder oben noch unten, fern noch nah gab, erkannte Scapa die weiße Gestalt und blieb stehen.
Arane rannte auf ihn zu und weiße Funken erblühten unter ihren Füßen. Es waren Schneeflocken, die aus der Finsternis sprossen, sie wirbelten auf und schwebten um Scapa und Arane, bis sich alles vor seinen Augen in ein Flimmern aus Weiß und Schwarz verwandelte.
Arane stand nun vor ihm und sah ihn an, wie sie ihn vor Jahren in Kesselstadt angesehen hatte. Ihr Gesicht war so klar, so deutlich, so nah – er sah ihre Wimpern zucken, er sah die Fältchen ihrer Lippen, er sah jedes einzelne dunkle Haar, das sich dem Bogen ihrer Augenbrauen anschloss.
»Wieso kommt der Schnee aus der Erde?«, flüsterte er ihrem Gesicht entgegen, und sein Flüstern erfüllte die weite Finsternis, die vielleicht auch nur noch so groß war wie ein winziger Raum.
»Wir stehen am Himmel, Scapa«, flüsterte sie, ohne dass ihre Lippen sich bewegten. »Über uns liegt die Welt.«
Und Arane stieg auf die Zehenspitzen und küsste Scapa, wie sie ihn in jener Nacht im Fuchsbau geküsst hatte, als sie Torron besiegt hatten. Er spürte ihre vom Regen kalten Lippen auf den seinen. Ihre Hände schlossen sich um seinen Nacken. Er roch wieder den Moder der Kanalwege, spürte seine eigenen Kleider nass auf der Haut und die Aufregung in jeder Zelle seines Körpers.
Plötzlich schlitzte ihm etwas durch die Arme. Er starrte hinab. Dickes, rotes Blut strömte ihm aus den Pulsadern, strömte in die Höhe und tanzte in schlangenhaften Rinnsalen an Arane vorbei. Dann zog in den hoch fließenden Blutbächen ein anderes Bild vor ihm auf: Wiesen, die so grün leuchteten, dass ihm das Herz stehen blieb vor Staunen – und inmitten des Grüns stand Nill in weiter Ferne. Ihre Haare und ihr Kleid flatterten im Wind. Sie streckte eine Hand nach ihm aus. Dann brausten die Schneeflocken auf, ein weißer Wirbel stob über Scapa hinweg, verschlang das Bild der Wiesen und löste auch Arane in winzige flimmernde Flocken auf.
Er schrie ihren Namen und griff nach ihr, aber es war zu spät. Sie war nicht mehr als eine Schneeböe, die vor ihm in die Höhe brauste. Und Scapa fiel. Er fiel nach oben, wo die Erde lag, oder nach unten in den Himmel hinein, wer wusste das schon, er fiel, fiel, fiel aus seinem Traum zurück in ein enges, feucht geschwitztes Bett.
Entsetzt fuhr er auf. Ein Kaminfeuer knisterte.
Sanftes rotes Licht schimmerte im Raum. Sein Rücken war nass vor Schweiß. Wo war er? Träumte er noch? Verwirrt strich er sich über die unverletzten Arme.
»Wer ist Arane?«
Scapa fuhr herum. Er blickte geradewegs in das Gesicht eines Mannes – aber was für ein Gesicht! Es war verbrannt ... jeder Zentimeter der Haut war entstellt, verbuckelt ... es sah aus, als sei ein Feuerregen darauf herniedergegangen. Nur das Haar war vollkommen unversehrt und hing in dunklen, wirren Strähnen über die Schultern des Mannes. Zwei Augen, hart wie Steine, erwiderten Scapas Blick.
»Wer bist du?«, fragte Scapa. »Wo bin ich? Wo ist Fesco? Das Mädchen und die Elfen, wo sind sie?«
»Nebenan«, erwiderte der Mann mit dem verbrannten Gesicht, ohne sich zu regen. Scapas Blick irrte kurz zur Seite, wo eine Tür in ein dunkles Zimmer führte, dann sah er wieder den Fremden in den Wolfspelzen an. Einige Herzschläge lang sagten sie nichts. Nur der Wind heulte und pfiff draußen, als verlange er Einlass.
»Wer bist du?«, fragte Scapa.
Der Mann blickte langsam zur Zimmerdecke auf.
Seine Augen wirkten verschleiert.
»Maferis«, raunte er. »Maferis, der Verstoßene.«