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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Sind Sie schon dort gewesen?« fragte Rudolf. – »Mehr als einmal,« versetzte die Frau; »wohnt doch eine Frau dort, die Geld auf Pfänder leiht, kauft und verkauft und auch sonstige Geschäfte noch mit allen möglichen Leuten macht. Aber was gehts mich an? Ich habe bloß einiges gekauft bei ihr, und bin noch einmal später bei ihr gewesen, um für den jungen Mann, der im vierten Stock wohnte, etwas Mobiliar zu erstehen ...«

»Wohl Franz Germain? Wie?« – »Ganz recht. Kennen Sie ihn etwa?« – »o freilich! Schade, daß er aus der Rue du Temple gezogen ist, ohne seine neue Wohnung zu sagen. Ich habe schon versucht, ihn ausfindig zu machen, aber ohne Erfolg.« – »Ich meine gehört zu haben, daß er bei einem Notar angestellt sei,« fugte Rudolf. – »Doch nicht gar beim Ferrand?« erwiderte die Trödlerin; »es war doch mit dem jungen Menschen eine gar zu komische Sache: er kam zu mir, ich solle ihm all sein Mobiliar abkaufen; ich machte ihm den Preis, und er ging darauf ein; er mag wohl mit mir zufrieden gewesen sein, denn er kam nach vierzehn Tagen wieder und kaufte sich ein Bett; aber als er bezahlen wollte, fand er, daß er seine Börse vergessen; ich wollte ihm das Bett hinschicken und mir das Geld dabei mitnehmen; er sagte aber, er sei selten zu Hause, ich solle lieber beim Notar Ferrand vorsprechen, wo er nachmittags sicher zu treffen sei; daß er dort angestellt sei, hat er mir nicht gesagt; aber als ich am andern Tage hinging, war er in der Kanzlei und bezahlte mich auf Heller und Pfennig ... Von einem jungen Menschen ists doch wunderlich, heute sein Mobiliar zu verkaufen und morgen sich wieder neues anzuschaffen.«

Rudolf meinte, den Grund hierfür in dem Bestreben Germains, seine Widersacher von seiner Spur abzubringen, suchen zu sollen, und da er fürchten mochte, daß sie, wenn er umzöge wie andere Leute, leicht seine neue Wohnung erfahren möchten, hielt er es wahrscheinlich für gescheiter, in der alten Wohnung sein bißchen Gerät zu verkaufen und sich in der neuen neu einzurichten. Das Herz krampfte sich ihm vor Freude darüber, daß es ihm endlich gelungen sei, den Sohn von Frau Georges ausfindig zu machen, zusammen, und kaum konnte er es erwarten, ihn ihr in die Arme zu führen. Als Lachtaube mit freudestrahlendem Gesicht zurückkam, und ihm jubelnd zurief: »Sehen Sie, ich habe ganz richtig gerechnet, die Rechnung macht netto 640 Franks, aber nun sind Morels auch eingerichtet wie Patrizier,« – reichte er ihr dankerfüllten Herzens die Hand, gab der Trödlerin ihr Geld und begab sich mit seiner schmucken Gefährtin hinweg.

Neuntes Kapitel.

Eine Verhaftung

»Jesus, Jesus,« rief Lachtäubchen, als sie bei sich zu Hause wieder eintraten, »es ist ja ein Polizeikommissar mit seinen Leuten da.« – Und kaum waren sie ins Haus getreten, als sich der an seiner Schärpe kenntliche Herr mit ernstem, strengem Gesicht ihnen nahte. – »Hier wohnt doch der Steinschneider Hieronymus Morel?« lautete die Frage, die er ihnen stellte. – »Jawohl, Herr Kommissar,« antwortete an ihrer Statt die aus ihrer Loge tretende Frau Pipelet. »So führen Sie mich zu ihm!« befahl der Kommissar kurz, gebot seinem Sergeanten, das Haus scharf zu bewachen, den Flur nicht zu verlassen und einen Wagen holen zu lassen.

Als er mit der Pförtnersfrau die Treppe hinaufging, wandte sich Rudolf an ihn, in der Erwartung, es mit einem humanen Beamten zu tun zu haben ... »Ich weiß ja nicht, Herr, welch neuer Schlag dem armen Manne droht; gestern ist ihm ein Kind an Hunger und Kälte vor den Augen gestorben, und in der verwichenen Nacht ist er von einer sehr schweren Prüfung heimgesucht worden: es handelte sich um einen von ihm ausgestellten Wechsel, Infolgedessen er in Schuldhaft abgeführt werden sollte; nur durch eine mildtätige Person ist er hiervon erlöst worden. Soll die arme Familie etwa schon wieder ihres Ernährers beraubt werden?«

»Nicht ihn betriffts heute,« versetzte der Kommissar kurz, »sondern seine Tochter ... er hat doch eine Tochter, die Luise heißt?« – »Das Mädchen?« rief Rudolf erschrocken, »und wessen klagt man sie an?« – Der Kommissar maß ihn mit scharfem Blicke; dann sagte er: »Ich glaube, daß den Mann unverdientes Elend trifft; aber er wird all seine Stärke vonnöten haben, den neuen Schlag zu ertragen, der ihm droht: seine Tochter ist des Kindesmordes angeklagt.« – »Luise? Was sagen Sie? O Gott, ihr armer Vater!« rief Rudolf, tief ergriffen. – »Ich muß meiner Pflicht gehorchen,« sagte der Kommissar, die weitere Unterhaltung abschneidend, »das Mädchen ist denunziert worden, und zwar von einem in jeder Hinsicht achtbaren und vertrauenswürdigen Herrn ...« –

»Von wem?« fragte Rudolf hastig. – »Von dem Herrn, der bisher ihr Brotgeber war,« versetzte der Kommissar, Frau Pipelet folgend, die schon ein ganzes Stück vorausgeeilt war. – »Vom Notar Ferrand?« rief Rudolf empört. – Der Kommissar nickte, Rudolf aber rief, außer sich vor Entrüstung: »Ha, dieser Schurke!« – »Ich muß Sie darauf aufmerksam machen,« versetzte der Kommissar barsch, »daß Sie von einem unserer achtbarsten Mitbürger nicht in solcher herabwürdigenden Weise sprechen dürfen. Ich kann nur annehmen, daß Sie über ihn gänzlich falsch unterrichtet sind, denn sonst müßte ich Sie auf der Stelle zur Rechenschaft ziehen.« – »Sie haben recht, Herr Kommissar,« sagte Rudolf, »und es erfüllt mich mit Bedauern, in einem vielleicht völlig begründeten Unwillen vergessen zu haben, daß hier nicht der Ort und der gegenwärtige Augenblick auch nicht dazu geeignet ist, derartige Erörterungen anzustellen. Aber um eine Gefälligkeit möchte ich Sie nichtsdestoweniger ersuchen: das Mädchen, das mit der Pförtnersfrau vorausgeht, dürfte gern bereit sein, Ihnen Ihr Zimmer zur Verfügung zu stellen. Es möchte wohl angehen, Luisen dorthin rufen zu lassen und den Vater im stillen zu unterrichten, damit der auf den Tod kranken Mutter wenigstens der schwere Kummer erspart bliebe.« – »Wenn Sie mir Bürgschaft dafür leisten wollen, daß das Mädchen keinen Fluchtversuch unternimmt, will ich dieser Bitte willfahren ...«

Beide kamen jetzt auf dem Flure des vierten Stockwerks an, vor der Tür, die zu der von dem Steinschneider Morel mit seiner Familie bewohnten Stube führte. Da ging mit einem Male diese Tür auf, und Luise trat bleich und mit verweinten Augen auf die Schwelle... »Vater, leb Wohl,« fügte sie, »ich bin bald wieder da, aber ich muß jetzt gehen.« – »Aber, Luise, mein Kind,« rief Morel, indem er seiner Tochter nachlief und sie aufzuhalten suchte, »so höre doch nur, was ich dir noch zu sagen habe.«

Als sie nun Rudolf und den Polizeikommissar vor sich stehen sahen, blieben beide wie an den Boden gewurzelt stehen ... »Ach, gnädiger Herr,« redete Morel Rudolf an, »Sie sind unser Retter. Helfen Sie mir, Luisen zurückzuhalten!« – Rudolf brach das Herz. Es gebrach ihm an Kraft zur Antwort. Der Kommissar wandte sich zu dem Mädchen und fragte mit strenger Stimme: »Sie sind Luise Morel? Tochter des Steinschneiders Morel?« – »Jawohl, Herr,« erwiderte Luise, am ganzen Leibe zitternd. – »Und Sie sind Hieronymus Morel, Steinschneider, und Vater des Mädchens?« fragte der Kommissar Morel?« – »Jawohl, Herr,« antwortete auch dieser; »aber ...« – Der Kommissar zeigte auf die Stube, in der sich Rudolf bereits befand. – »Dann treten Sie beide hier herein!« sagte er streng; »ich weiß, Morel,« fuhr er hier fort, »daß Sie ein rechtschaffener Mann sind, der aber vom Unglück verfolgt wird; darum erfüllt es mich mit tiefem Schmerz, Ihnen sagen zu müssen, daß ich mit dem Auftrage hierher kommandiert worden bin, Ihre Tochter Luise zu verhaften.«

»Jesus, Jesus!« schrie Luise auf, »alles ist entdeckt! Vater, Vater, es ist um mich geschehen! – Ich bin verloren, ich bin verloren!« – Morel wich entsetzt zurück. »Was sagst du? Was redest du?« rief er, »bist du bei Sinnen oder nicht? Warum droht dir Verhaftung? Was hast du verbrochen?« Und mit drohend erhobener Faust trat er auf den Kommissar zu ... »Sie wollen mir mein Kind entreißen? Ich lege meine Hand ins Feuer, sie kann nichts verbrochen haben, was der Polizei ein Recht gäbe, Hand an sie zu legen.« – Rudolf trat auf ihn zu und nahm ihn am Arme ... Ihm fiel plötzlich das Geld ein, das Luise hergebracht, den Vater vor der Schuldhaft zu bewahren... Der gleiche Gedanke kam auch Morel, und er rief: »Nicht wahr, das Geld, das du heute früh hattest? Du wolltest doch den Wechsel aus der Welt schaffen, und dann sähest du erst, daß es doch nicht dazu reichte?« Während er seinem Kinde einen schrecklichen Blick zuwarf, nahm Rudolf wieder das Wort ... »Beruhigen Sie sich, Morel! Luise kann nichts getan haben, das sie in Gefahr bringen könnte; ihre Unschuld wird sich herausstellen, es wird alles zu einem guten Ende kommen.«

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