Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
»Von einem Gespräche zwischen den beiden Männern hatten Sie nichts gehört?« fragte Rudolf. – »Nicht das geringste. Hätte ich eine Ahnung davon gehabt, daß er jemand bei sich in dem Kabinett habe, wäre es mir sicher nicht eingefallen, den Fuß über die Schwelle zu setzen. Das durfte ja nicht einmal die Haushälterin. Am andern Tage verrichtete ich meine Arbeiten wie sonst, trotzdem ich recht krank und schwach war und beim Aufräumen ein paarmal mich einer Ohnmacht nahe fühlte. Beim letzten Anfall wäre ich schier umgefallen, wenn ich mich nicht an einem Mantel hätte festhalten können, der an einer Wand hing: es passierte mir dabei, daß ich ihn vom Nagel riß und so unter ihn zu liegen kam, daß er mich fast verdeckte. Im selben Augenblick wurde die Glastür des Alkovens eingeklinkt, und ich hörte Ferrands Stimme. Er sprach sehr laut: mir kam der Auftritt vom vorigen Abend in die Erinnerung; mich beschlich Angst vorm Tode, und ich getraute mich nicht zu rühren. Er hatte mich wahrscheinlich darum nicht gesehen, weil der Mantel mich verdeckte. Aber wenn er mich gesehen hätte, dann hätte er doch sicher nicht geglaubt, daß hier ein Zufall obwalte. So hielt ich den Atem an und wurde Wider Willen Ohrenzeuge des Schlusses einer Unterredung, die sicher schon geraume Zeit gedauert hatte.«
»Und wer führte die Unterredung mit Ferrand?« fragte Rudolf. – »Ich kann es nicht sagen. Kannte ich doch nicht einmal die Stimme des Menschen, der bei Ferrand war. Ich habe nur das Folgende gehört: »Nichts kann einfacher sein,« sagte die unbekannte Stimme, »durch einen Schmuggler oder doch Steuerhinterzieher namens Rotarm bin ich der eben besprochenen Affäre halber mit Leuten zusammengebracht worden, die auf einer kleinen Insel unfern von Asnières hausen und Flußräuberei treiben. Vater und Großvater sind hingerichtet worden; die Mutter lebt aber noch mit drei Jungen und zwei Mädchen im Lande, und von ihnen sticht eins das andere an Schlechtigkeit aus, die für Geld zu allen Schandtaten zu haben sind. Um was handelt es sich aber denn? Den kleinen Irrwisch von Frauenzimmer – der Ihnen den Kopf so dick macht – werden die Martials – so heißen die braven Leute – bald um die Ecke gebracht haben, und schwemmt die Kröte am Ufer an, nun, dann ist sie eben selbst ins Wasser gegangen. Dafür sorgen schon ein paar Tränkchen, die ihr rechtzeitig beigebracht werden. Draußen auf dem Dorfe macht man sich mit einer Leiche nicht viel Schererei. In Paris ists ja was anderes. Da sieht man schärfer hin ... Aber wann gedenken Sie Ihre kleine Kröte nach Asnieres hinaus zu spedieren? Ich muß doch Martials von der Rolle in Kenntnis setzen, die sie bei der Affäre spielen sollen.«
»Die Mamsell kann schon morgen dort sein,« versetzte Ferrand, »ich werde ihr weismachen, daß Dr. Vincent sie besuchen soll.« – »Der Name verrichtets ebensogut wie jeder andere,« erwiderte der Unbekannte, »ich habe also nichts dagegen einzuwenden.« – Darauf hörte ich, wie Stühle gerückt wurden; Ferrand sagte noch zu dem Menschen, er verlange von ihm, daß er reinen Mund halte; worauf der Unbekannte sagte, Ferrand hätte ihn, und er Ferrand in den Händen; sie könnten einander also immer von Nutzen, aber wohl kaum von Nachteil oder gar zum Schaden sein ... Zwei Stunden später holte mich Frau Seraphim – die Haushälterin – aus meiner Kammer, in die ich mich kränker als vordem zurückgezogen hatte ... »Der Herr will mit Ihnen sprechen« sagte sie. – »Gleich?« fragte ich erschrocken, denn mir war es zumute, als sei die Unterhaltung der beiden Männer um meinetwillen geführt worden. – »Jawohl,« versetzte Frau Seraphim, »und was Sie von ihm hören werden, wird Ihnen geschwind wieder die Farbe ins Gesicht bringen.«
Ferrand war wieder in seinem Kabinett... »Es scheint nicht zu best mit Ihnen zu stehen,« sagte er. Ich war verwundert, daß er mich nicht, wie bisher, du nannte. – »Das ist aber weiter nicht zu verwundern,« nahm er wieder das Wort, »das hängt mit Ihrem Zustande zusammen und rührt wesentlich von dem Bestreben her, Ihren Zustand zu verheimlichen ... Aber,« setzte er hinzu in freundlicherem Tone, »Sie tun mir leid, denn nach ein paar Tagen werden Sie Ihren Zustand vor niemand mehr verbergen können. Ueber mein Haus mühte so etwas natürlich Schande bringen, und über Ihre Familie herbes Unglück. Es ist also für Sie und alle übrigen das beste, wenn Sie auf einige Zeit verschwinden. Darum habe ich mir vorgenommen, Sie auf ein Vierteljahr aufs Land hinaus zu bringen. Ich kenne unfern von Asnieres Leute mit Namen Martial. Dort werden Sie aufgehoben sein wie ein Kind vom Hause. Aerztlichen Beistand kann Ihnen ein mir befreundeter Arzt leisten, der Doktor Vincent ... Sie sehen also, daß ich es nur gut mit Ihnen meine.«
»Ein ganz schändliches Komplott!« rief Rudolf empört aus; »jetzt wird mir alles verständlich; Ferrand dachte, Sie hätten am Abend vorher ein für ihn bedeutsames Geheimnis erlauscht und wollte Sie aus dem Wege schaffen.« –
»Mir war es entsetzlich zumute; ich konnte nicht antworten, sah aber den Mann, der wie ein Teufel vor mir stand, eine Weile lang an, bis er mich fragte: »Nun, verstehen Sie mich nicht?« – »O ja,« erwiderte ich, am ganzen Leibe zitternd, »aber ich ginge lieber nicht aufs Land.« – »Was?« rief Ferrand, noch immer sich den Zorn verhaltend, »du schlägst meine Güte in den Wind?« – Ich konnte weiter nichts sagen, sondern sah ihn nach wie vor stumm und starr an. – »Aber deiner Familie Schande zu machen, scheust du dich nicht?« schrie er; »ich sage dir kurz und bündig: entweder gehst du morgen zu den Leuten, die ich dir nannte, oder du sagst deinem Vater, ich hätte dich aus dem Hause gewiesen und er müsse ins Gefängnis wandern.« – »Frau Seraphim war, als sie die laute Stimme ihres Herrn hörte, herbeigerannt, und mit ihrer Hilfe gelangte ich in meine Kammer, wo ich unter großen Schmerzen bis gegen ein Uhr früh auf meinem Bette lag. Da stellten sich die ersten Wehen ein, und ich wußte, daß ich das Kind, das ich unter meinem Herzen trug, vor der Zeit zur Welt bringen würde.«
»Aber warum haben Sie nicht um Hilfe gerufen?« fragte Rudolf. – »Ich wagte es nicht,« antwortete Luise, »und das sollte mir zum Unglück werden, denn statt dessen erstickte ich mein Geschrei, indem ich weinend vor Schmerz in das Bett biß. Nun folgten qualvolle Augenblicke, bis ich endlich der Bürde ledig war, die ich unter dem Herzen getragen hatte. Aber das Kind, dem ich das Leben geschenkt hatte, lebte nicht, sondern war tot; ohne Zweifel infolge seiner vorzeitigen Geburt.«
Luisens Stimme erstickte in Schluchzen. Morel hatte die Erzählung seines Kindes mit dumpfer Gleichgültigkeit angehört. Erst Luisens Tränen lösten ihm die Stimme ... »Sie weint, sie weint,« lallte er, »warum? warum?« Und nach kurzer Pause sprach er weiter: »Ach ja, ich weiß, ich weiß – Ferrand, der Notar, sprich nur weiter, nur weiter ... Du bist ja meine Tochter, meine arme Luise... ich habe dich nach wie vor lieb ... aber ich habe dich ja gar nicht mehr erkannt, mein Kind! Wie wird mir denn? Ach, mein Kopf! mein Kopf!«
»Ich drückte mein Kind an mich,« fuhr Luise fort, »freilich verwunderte es mich, daß ich es nicht atmen hörte, aber ich dachte, kleine Kinder atmen wohl nicht laut. Dann aber fiel mir auf, daß es eiskalt war. Es war finster in der Stube. Licht konnte ich nicht machen. Ich suchte es zu erwärmen, ohne daß es mir gelang; ich dachte, die Kälte in meiner Kammer sei daran schuld; ich wartete, bis es hell geworden war, dann hielt ich mein Kind zum Lichte hin, und sah, daß es sich nicht rührte, fühlte, daß es kalt und steif blieb ... ich legte ihm die Hand aufs Herz... es schlug nicht, sondern stand still, ganz still ...« Luise konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. Sie weinte bitterlich, und sie war lange Zeit nicht imstande, ein Wort zu sagen ... »In diesem Augenblicke,« sagte sie dann, »ging etwas Unbeschreibliches in mir vor. Verzweiflung, Schreck, Zorn übermannten mich; ich fürchtete, wenn man mein Kind tot neben mir fände, so würde man mich beschuldigen, es umgebracht zu haben; und da überkam mich der Gedanke, es zu verstecken; ich hoffte, meine Schande würde der Welt dann verborgen bleiben, mein Vater würde mir nicht mehr zürnen, und ich würde auch Ferrands Rache entgehen, weil ich, meiner Bürde ledig, mich ja nach einem andern Dienste umsehen könnte, der mir die Möglichkeit schüfe, nach wie vor für meine Eltern und Geschwister mitzusorgen. Diese Gedanken, Herr, waren es, die mich bestimmten, über meine Niederkunft zu schweigen und den Leichnam meines Kindes zu verstecken. Als es Tag zu werden anfing, bin ich aufgewacht. Nun zögerte ich nicht länger, sondern nahm die Leiche, wickelte sie in ein Tuch und ging leise die Treppe zum Garten hinunter. Dort wollte ich ein Loch in die Erde graben und die Leiche verscharren. Aber es hatte in der Nacht gefroren, die Erde war hart und steif; ich konnte, da es mir an Werkzeug gebrach, mit der Arbeit nicht vom Flecke kommen und versteckte die Leiche im Keller, wohin ja im Winter kein Mensch zu gehen pflegte, deckte einen Blumenkasten über sie und schlich wieder in meine Stube hinauf, ohne von jemand gesehen worden zu sein. Wie ich bei meiner Schwäche den Mut und die Kraft fand, das alles zu verrichten, kann ich mir noch jetzt nicht erklären; aber in der neunten Stunde kam Frau Seraphim, um zu sehen, warum ich noch nicht aufgestanden sei; ich sagte ihr, daß ich mich zu krank fühlte, um aufzustehen, und zu Bett bleiben möchte, aber am andern Tage aus dem Hause gehen werde, da Herr Ferrand mir den Dienst aufgekündigt habe.