Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
Luisens Wangen erröteten vor Unwillen über des Vaters Gedanken, sie könne an fremdem Eigentum sich vergriffen haben, und der Ausdruck ihres Gesichtes, der Klang ihrer Stimme gaben dem Vater seine Ruhe wieder. Der Kommissar nahm jetzt wieder das Wort ... »Nicht des Diebstahls wird Ihre Tochter angeschuldigt, Herr Morel,« sagte er, tief ergriffen, »sondern ...«
»Luise, Luise!« rief Morel, »sprich! Ich will alles wissen! Sage du es mir, weshalb dich die Polizei verfolgt. Laß es mich nicht hören aus fremdem Munde! Sprich sprich! – Ich kann es eher tragen, wenn ich es aus deinem Munde höre.« –
Aber Luise schwieg, und der Kommissar, um dem Auftritte ein Ende zu machen, sprach: »Des Kindesmordes ist Ihre Tochter angeklagt! Aber ...« setzte er hinzu, als er sah, wie leichenblaß der Vater wurde, »fassen Sie sich. Mann! Sie steht ja nur unter der Anklage. Bewiesen ist ihr das Verbrechen nicht.« – Da löste sich Luisens Zunge, und sich mühsam in die Höhe richtend, sagte sie, leise zwar, aber fest und bestimmt: »Nein, nein, Vater! Es ist nicht wahr! Ich habe das Kind nicht umgebracht, es kam schon tot zur Welt, das schwöre ich dir bei allem, was mir heilig ist! Aber, Vater, ich hatte all meine Besinnung verloren, wußte nicht, was mit mir vorging, und nur das ist mein Vergehen! Nur das, und kein anderes! Wie kannst du denken, daß ich imstande gewesen wäre, das Kind, dem ich das Leben gegeben, das Leben wieder zu nehmen!«
Beide Hände gegen Luisen erhebend, wie wenn er sie durch Wort und Gebärde vernichten wollte, rief Morel mit schrecklicher Stimme: »Hinweg von mir, Elende! Solchen Schimpf auf deines Vaters Haupt zu laden!« – Luise brach zusammen ... »Gnade, Gnade, Vater!« stammelte sie, »Gnade, Gnade!« –
Eine Pause gräßlichen Schweigens trat ein. Dann wandte Morel sich mit Eiseskälte zu dem Kommissar und sprach: »Führen Sie das Geschöpf hinweg! Sie ist mein Kind nicht länger!« Er wollte gehen, aber Luise fiel vor ihm nieder, umklammerte seine Knie und rief, bitterlich weinend und flehentlich zu ihm aufschauend: »Vater, Vater! Fluche mir nicht! Ich will dir ja alles, alles sagen, wie es gekommen, wie es zugegangen ist! So schlecht wie du meinst, ist dein Kind nicht!« – »Gott, mein Gott! Mein Kind!« rief Morel, voll Verzweiflung dem Umsinken nahe. – Da trat Rudolf zu ihm und sagte leise: »Fassen Sie sich. Mann! Wie, wenn sie sich geopfert hätte, um Sie zu retten?«
Rudolfs Worte machten einen niederschmetternden Eindruck auf den unglücklichen Vater. Die Zähne zusammenpressend, maß er sein Kind mit einem Blicke voll unsäglichen Schmerzes und stammelte: »Ferrand? Ferrand?« – Luise wandte sich, ihre Fassung einigermaßen wiedergewinnend, zu dem Kommissar: »Herr,« rief sie, »vergönnen Sie mir ein paar Worte mit meinem Vater und mit diesem Herrn da! Vielleicht sehe ich keinen von beiden wieder. Ich möchte mich vor ihnen rechtfertigen.« – Stumm nickend, trat der Kommissar in den Hintergrund. – Luise, totenbleich, einer Ohnmacht nahe vor Schmerz über die Enthüllung, die sie geben sollte, nahm zitternd die magere, arbeitsharte Hand des Vaters. Und als er sie ihr nicht entzog, brach sie in klägliches Schluchzen aus und bedeckte sie mit Küssen... Sein Zorn war verraucht; die lange zurückgehaltenen Tränen rannen ihm über die Wangen..
»Ach, Vater,« stammelte sie, »wenn du wüßtest, wie tief, wie tief ich zu beklagen bin!« – »Mein Kind, diesen Gram werde ich nimmer vergessen, solange mir der gütige Gott noch das Leben läßt! Jesus, Jesus! Du im Gefängnisse! Du auf der Anklagebank! Wer kann es ausdenken? Und ich außerstande, dir zu helfen! Doch nun rede, Kind! Aber im Namen Gottes keine Unwahrheit! Ich beschwöre dich, Luise! Keine Unwahrheit! und mag es noch so gräßlich sein, was du mir sagen mußt!«
»Vater,« antwortete Luise, »ich will dir alles, alles sagen, nur versprich mir, niemand ein Wort davon zu sagen! Hörst du niemand! Wüßte er, daß ich gesprochen,« fuhr sie fort, am ganzen Leibe zitternd, »dann wärest auch du verloren, verloren wie ich, denn du kennst die Bosheit und die Macht dieses Menschen nicht!« – »Ferrands?« fragte Morel. – »Ja,« antwortete Luise, sich umschauend, wie wenn sie fürchtete, von jemand gehört zu werden ... Nach einigem Besinnen fuhr sie fort: »In meiner Erzählung wird von jemand die Rede sein, der mir einen großen Dienst getan, und der sich gegen dich und meine Angehörigen sehr gütig gezeigt hat; ihm habe ich versprechen müssen, ihn ungenannt zu lassen.« – Rudolf dachte auf der Stelle an Germain und sagte: »Sollten Sie den jungen Mann meinen, der bei diesem Notar in Stellung ist und meines Wissens Franz Germain heißt, so dürfen Sie völlig beruhigt sein: ich werde über ihn nicht das geringste sprechen, sondern seinen Namen gegen jedermann verschweigen.« – Luise sah Rudolf verwundert an ... »O, Sie kennen Franz Germain?« – Und auch Morel rief: »Sie kennen den jungen braven Menschen, der ein Vierteljahr im Hause hier gewohnt hat? Aber auch du, Luise, hast doch immer getan, als kenntest du ihn nicht!«
»Vater, es war so abgemacht zwischen uns,« antwortete Luise, »Germain hatte triftigen Grund, niemand wissen zu lassen, daß er bei Ferrand in Stellung sei. Die Stube bei uns im vierten Stock zu mieten, habe ich ihm seinerzeit geraten, weil ich recht gut wußte, daß er einen guten Nachbar abgeben werde.«
»Eine Frage, Morel!« sagte Rudolf; »durch wen ist Ihre Tochter zu dem Notar gekommen?« – »Als meine Frau so schwer erkrankte, habe ich die Frau Burette, die Pfandleiherin in unserm Hause, die mit der Haushälterin des Notars bekannt war, gebeten, sich bei dem Manne für sie zu verwenden, falls ein Mädchen für den Dienst im Hause gebraucht würde.« – Rudolf wandte sich zu Luisen: »Ich bin zwar über einige Umstände, die Ferrands Haß wider Ihren Vater zugrunde liegen, unterrichtet, möchte Sie aber bitten, mir kurz zu sagen, was zwischen Ferrand und Ihnen vorgegangen ist, seit Sie bei ihm in Dienst getreten sind. Für Ihre Verteidigung in dem Prozesse, der doch wider Sie ohne Frage eingeleitet werden wird, kann das nur von Nutzen sein.«
»In der ersten Zeit habe ich keine Ursache gefunden,« erwiderte Luise, »zu irgendwelcher Klage. Arbeiten mußte ich freilich sehr viel, die Haushälterin war sehr streng, Zerstreuung wurde mir gar keine gegönnt, aber ich habe alles mit Geduld ertragen. Der Herr zeigte immer ein strenges, finsteres Gesicht, besuchte regelmäßig die Kirche und bekam sehr oft Besuch von geistlichen Herren. Ich hätte ihm in keiner Weise gemißtraut. Außer dem Hausverwalter und der Frau Seraphim – so heißt die Haushälterin – war niemand weiter in dem Hause, einem großen, einzeln stehenden Gebäude zwischen Hof und Garten. Im obersten Stock, fast unterm Dache, lag meine Kammer. Saß ich dort allein, beschlich mich öfter Furcht. Nachts war es mir zuweilen, als ob sich unter mir zu ebener Erde dumpfe Geräusche hören ließen. Ich wagte nicht, mich zu rühren, dann hörte ich, daß unten tagsüber Herr Germain arbeite, und daß sich seine Kasse dort befände. Eine der Türen unten war mit Eisen beschlagen, die beiden Fenster waren hoch hinauf zugemauert. Eines Abends hatte ich sehr lange zu tun; und als ich mich endlich zu Bette legen wollte, hörte ich auf dem Flure leise Schritte. Zuerst dachte ich, die Haushälterin sei es; vor meiner Tür machten die Schritte Halt; ich fragte, wer da sei, bekam aber keine Antwort; ich ängstigte mich und rückte meine Kommode vor die Tür; die Nacht verging aber ohne weitere Störung. Am andern Morgen bat ich die Haushälterin, ein Schloß vor meine Tür zu legen; Herr Ferrand aber meinte, indem er mit den Achseln zuckte, ich müsse wohl eine recht große Närrin sein, mich so zu fürchten, und ich getraute mich nicht, meine Bitte zu wiederholen. Kurz darauf ereignete sich die unglückliche Geschichte mit Vaters Diamantenverlust. Wir waren in Verzweiflung, wußten wir doch nicht, wie wir uns aus dieser schwierigen Sache herauswinden sollten. Ich erzählte es der Haushälterin des Notars. Sie sagte mir: »Sprechen Sie doch mal mit dem Herrn. Vielleicht tut er was für Ihren Vater.« –