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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Nach einer Stunde etwa kam er selbst ... »Sie sind wieder kränker,« sagte er, »das kommt von Ihrem Eigensinne her. Hätten Sie meinem Rate gefolgt, dann konnten Sie heute schon bei den braven Leuten sein, die Ihnen Unterstand geben wollten. Heute abend wird der Doktor Vincent kommen.« – Mich schüttelte die Furcht; ich erklärte, es sei unrecht von mir gewesen, Herrn Ferrands freundliches Anerbieten auszuschlagen, ich wolle es jetzt aber annehmen, es sei also unnötig, den Arzt herkommen zu lassen. Ich sagte das aber nur, um Zeit zu gewinnen, denn mein Wille war, aus dem Hause und zu meinem Vater zu gehen, noch immer in der Hoffnung, daß alles verschwiegen bleiben werde.

»Ich verließ nun den ganzen Tag das Bett nicht. In der Nacht, als alles im Hause schlief, fand ich Kraft, mich auf den Boden hinauf zu schleichen, um ein Beil zu holen. Damit grub ich ein Loch in die Erde, holte mein totes Kind, bettete es in den kleinen Blumenkasten und verscharrte es ... Ach! Wie schwer ist es mir geworden! Bittere Tränen habe ich vergossen. Endlich aber bin ich in meine Kammer zurückgeschlichen und habe mich wieder in mein Bett gelegt. Heftiges Fieber befiel mich. Früh am Morgen ließ Ferrand fragen, wie es mir gehe. Ich ließ ihm sagen, daß ich mich wohler befände und wohl am andern Tage die Fahrt aufs Land hinaus würde machen können. Ich mußte aber noch einen Tag länger im Bette bleiben, denn ich war noch immer sehr schwach, daß ich nicht gehen konnte. Am dritten Tage ging ich aber in die Küche hinunter, blieb bis zum späten Abend dort und ging dann in den Garten hinunter, um zu beten. Als ich wieder nach meinem Dachstübchen hinaufstieg, trat Herr Germain aus der Kanzlei, in der er bis dahin gearbeitet hatte; er sah sehr bleich aus, steckte mir aber schnell eine Geldrolle in die Hand und flüsterte mir zu: »Da, nehmen Sie! Ihr Vater soll morgen in aller Frühe wegen einer Wechselschuld von 1300 Franks verhaftet werden. Bringen Sie ihm das Geld morgen so zeitig wie möglich. Ich weiß erst seit heute, was ich von meinem Prinzipal zu halten habe; aber ich werde ihm die Maske vom Gesicht reißen. Sie dürfen jedoch niemand sagen, daß ich Ihnen das Geld gegeben habe.«

»Er ließ mir keine Zeit, ihm zu danken, sondern war sogleich wieder in der Kanzlei verschwunden ... Und nun,« schloß Luise, erschöpft und kaum noch imstande zu sprechen, aber in die Tasche greifend, aus der sie eine Rolle Goldstücke hervorlangte, »nun habe ich noch eine, wohl meine letzte Bitte: das Geld hier Herrn Franz Germain zurückzugeben. Freilich hatte ich ihm versprochen, niemand zu sagen, daß er es mir gegeben, und daß er bei Ferrand angestellt sei: Sie haben es ja aber schon gewußt, ehe ich es Ihnen sagte; ich begehe also keinen Vertrauensbruch, wenn ich Sie mit diesem Auftrage betraue – vor Gott, der mich hört, wiederhole ich feierlich, daß ich in allem die reine Wahrheit gesprochen habe, weder etwas hinzugetan, noch etwas davon genommen habe.« – Mit einem Male aber verfärbte sie sich, zeigte auf ihren Vater und schrie: »Jesus, Herr! Was geht mit meinem Vater vor?«

Der Steinschneider hatte den letzten Teil der Erzählung seiner Tochter mit düsterer Gleichgültigkeit angehört; sein Verstand war schon längere Zeit erschüttert, jetzt schwankte er eine Zeitlang hin und her, flackerte noch ein paarmal auf, verdunkelte dann aber plötzlich ... Jetzt wußte er nicht mehr, was um ihn her vorging, was neben ihm gesprochen wurde ... Luise trat zu ihm, von unsäglicher Angst erfüllt, und rief ihn an ... Morel sah sich scheu und unstet um ... dann blickte er die Tochter an ... dann antwortete er mit sanfter, trauriger Stimme: »Ja doch, ja doch, der Notar ... Ferrand ... muß 1300 Franks von mir bekommen ... ich bin sie ihm schuldig ... es ist der Blutpreis Luisens ... ich muß arbeiten, arbeiten ... um ihn zu bezahlen ... um ihn zu bezahlen ...«

»Jesus, Jesus!« schrie Luise, »ist das ein Unglück! Ist das ein Unglück! Und wer ist daran schuld? Wer außer mir!« – »Fassen Sie sich, Luise!« rief Rudolf, tief ergriffen, und wandte sich zu dem unglücklichen Vater: »Morel, Freund! Wir sind ja da ... Ihre Tochter ist ja doch bei Ihnen,; sie ist unschuldig, und ich will mit dafür sorgen, daß ihre Unschuld auch vor Gericht anerkannt wird!« Und wieder zu Luisen gewandt, wiederholte er: »Fassen Sie sich, Ihr Vater hat zuviel Schmerz gelitten, soviel Gram und Kummer kann kein Mensch ertragen; aber er wird wieder zu sich kommen, sein Verstand wird nicht für immer umnachtet sein Seien Sie überzeugt, daß Ihr Schicksal entscheidend sein wird für die Entlarvung und Bestrafung eines großen Verbrechers!« Er hob die Hand zum Schwure ... »Das schwöre ich vor Gott,« sprach er feierlich, »daß ich nicht eher ruhen will, als bis den Mann, dessen Verbrechen so klar zu Tage liegen, die Nemesis ereilt hat!«

Die Tür ging auf, und der Polizeikommissar trat ein.. »Es tut mir leid,« erklärte er, »Ihnen sagen zu müssen, daß die Zeit, die ich Ihnen für die Unterredung bewilligen konnte, abgelaufen ist.« – »Wir sind zu Ende,« versetzte Rudolf, »Luise hat ihrem Vater« – dabei zeigte er mit tiefem Schmerze auf Morel – »nichts weiter zu sagen, denn er kann nicht mehr fassen, was sie ihm sagt; sein Verstand ist umnachtet.«

Zwei Stunden nach Luisens Verhaftung wurde der geisteskranke Steinschneider mit seiner geisteskranken Mutter auf Rudolfs Veranlassung nach dem Irrenhause Charenton gebracht. Seiner kranken Frau teilte Lachtaube mit aller erdenklichen Schonung die beiden schrecklichen Nachrichten von der Verhaftung ihrer Tochter wegen Kindesmordes und von dem Wahnsinn ihres Mannes mit. Zuerst weinte die Frau die bittersten Tränen; allmählich fand sie aber Trost in der Wandlung, die ihre Verhältnisse zufolge der Fürsorge Rudolfs genommen hatten, und das wirkte so außerordentlich wohltätig auf sie, daß sich ihr Krankheitszustand langsam bessern zu wollen schien.

Sechster Teil.

Erstes Kapitel.

Jakob Ferrand.

Zu der Zeit, da diese Erzählung spielt, lief am einen Ende der Rue du Sentier noch eine lange, mit Kalk beworfene Mauer entlang, die Ferrands Garten eingrenzte und da an ein Gebäude stieß, das sich zur Straße hinwandte und nur ein Stock hoch war. Ein großes Tor, zu dessen beiden Seiten zwei große Schilder von vergoldetem Kupfer, den Notariatssitz anzeigend, hingen, führte zu einem bedeckten Gange hin. Rechts lag das Stübchen eines alten halbtauben Pförtners, der zur Schneiderzunft gehörte. Daneben führte eine schmale, finstre Wendeltreppe zur Expedition hinauf, die, wie eine Inschrift unten besagte, im ersten Stockwerk zu suchen war. Nach dem Garten zu hatte das Haus nur vier Fenster, denn zwei waren vermauert. Der Garten war von Gebüsch überwuchert. Kein einziges Beet war darin. Etwa ein halbes Dutzend Ulmen, ein paar Akazien, Fliedergesträuch, verblichener Rasen, Gänge, von Brombeerhecken überwuchert, im Hintergrunde ein niedriges Gewächshaus und als Horizont die hohlen kahlen Mauern der Nachbarhäuser mit wenigen, meist vergitterten Fensterchen: so sah es in dem Garten des Notars aus ...

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Главный герой
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