Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
»Reden wir nicht weiter davon. Als ich aus dem Gefängnisse herauskam, hatte ich 450 Franks in meinem Besitze, aber fast alles ist wieder flöten gegangen.« – »Was reden Sie von Gefängnis? Sie haben doch nicht schon gesessen?« fragte Rudolf. – »Ach! Das ist eine gar verwickelte Sache. Es passierte, als ich kaum zehn Jahre alt gewesen war.« – »Wer hatte bis dahin für Sie gesorgt?« – »O, ein paar recht brave alte Leute. Aber sie starben an der Cholera. Ich wußte da nicht, was ich anfangen sollte, und so ging ich auf die unserm Hause gegenüber liegende Wache und sagte zu dem schildernden Posten: Ach, lieber Herr Soldat, mir sind die Eltern gestorben, und ich weiß nicht, wohin ich mich wenden soll. Da kam ein Offizier herbei und ließ mich zur Polizei abführen, und er hatte nichts Eiligeres zu tun, als mich ins Stockhaus unter dem Vorgeben zu stecken, ich sei eine Landstreicherin. Herausgelassen wurde ich erst wieder, als ich das sechzehnte Jahr vollendet hatte.«
»Und Ihre Eltern?« – »Wer mein Vater gewesen, weiß ich nicht. Als ich die Mutter verlor, war ich sechs Jahre alt; sie hatte mich aus dem Findelhause zu sich genommen, nachdem sie mich zuerst dorthin hatte geben müssen. Die braven Leute, von denen ich spreche, wohnten in unserm Hause, waren kinderlos und nahmen sich meiner an, als sie hörten, daß ich die Mutter auch verloren hätte.« – »Was waren es denn für Leute?« fragte Rudolf; »ich meine, ihrem Stande nach.« – »Der Mann war Maurer, die Frau verdiente sich durch Sticken ihr Nadelgeld.« – »Und Sie hatten es gut bei ihnen?« – »Ach, sie ließen mir allen Willen, freuten sich, wenn ich recht lustig und vergnügt war, und an Lustigkeit hat es mir auch nicht gefehlt.« – »Daher wohl der Kosename, den Sie führen?« fragte Rudolf. – »Ganz recht, der Name rührt von meinem Pflegemütterchen her und ist mir auch geblieben. Es waren wirklich recht gute Leute, meine Pflegeeltern, lieber Herr Rudolf, und wenn ich auf sie mich besinne, könnte ich des Erzählens manchmal kein Ende finden. Aber jetzt will ich nur schnell den Schal vom Bette nehmen und um die Taille stecken, denn wir müssen gehen. Ehe wir alles für Morels gekauft haben werden, was sie brauchen können, wird geraume Zeit vergehen.«
»Wir wollen im Vorbeigehen bei Pipelets mit vorsprechen, damit sie wissen, was mit den Sachen geschehen soll, wenn sie hergebracht werden,« sagte Rudolf: »es muß natürlich alles in meine Wohnung geschafft werden, in die Morels ja vorläufig ziehen sollen.« –
Als sie wieder aus der Pförtnerstube traten, um sich auf den Weg nach einem Kaufhause zu machen, kam ein Mensch in Sicht, so dicht in einen Mantel gehüllt, daß man kaum die Augen sehen konnte, und fragte, ohne bis an die Tür der Pförtnerstube zu treten, ob Frau Burette zu Hause sei. – »Sie kommen doch nicht etwa aus Saint-Denis?« fragte Pipelet, ein pfiffiges Gesicht schneidend. – »Jawohl,« gab der Mann zur Antwort. »Ein Viertel auf zwei.« – »Na, dann gehen Sie dreist hinauf,« erwiderte auf die wunderliche Antwort der Pförtner, der noch immer das pfiffige Lächeln zeigte. – Der Mann war schnell auf der Treppe verschwunden. –
»Was hat das zu bedeuten?« fragte Rudolf. – »Hm, bei der Burette oben geht wohl was Besonderes vor; es bleibt in einem Hin- und Herrennen, und heute früh hat sie zu mir gesagt: ich solle alle, die aus Saint-Denis kämen und sagten, »jawohl; ein Viertel auf zwei«, ohne Umstände zu ihr hinauf lassen, sonst aber niemand.« – »Das nimmt sich ja gerade so aus wie ein Losungswort,« meinte Rudolf. – »Ganz recht; drum habe ich auch bei mir gedacht: es müsse was oben im Gange sein. Heut nacht ist übrigens der kleine Lahme, der beim Herrn Bradamanti im Dienst ist, in der zweiten Stunde mit dem Weibe, das den Spitznamen Eule hat, hergekommen. Die Eule ist bis gegen vier Uhr dageblieben, dann im Fiaker, der vorm Hause solange gewartet hat, weggefahren. Wohin, weiß ich nicht, und was sie hier gewollt hat, auch nicht. Aber ich denke, sie wird wieder herkommen, denn die Burette hat mir gesagt, die Eule könne ich ohne weiteres hinauf lassen, auch wenn sie das Losungswort nicht sagen sollte.«
Rudolf dachte sogleich, da sei doch wieder eine neue Missetat im Gange, hatte jedoch nicht die geringste Ahnung, daß sie ihn so nahe angehen sollte. – Drum sagte er jetzt zu der Pförtnerin: »Nun, liebe Frau, Sie vergessen doch nicht, was ich Ihnen über die Morels gesagt habe? Sie sorgen für eine kräftige Suppe und lassen für die Familie Essen aus dem nächsten Gasthause holen? Nicht wahr?«
Die Frau versprach es, Rudolf reichte dem Mädchen den Arm und verließ mit ihr Haus und Straße.
Achtes Kapitel.
Ein seltsamer Fund.
Auf den Schnee, der in der Nacht gefallen war, hatte sich eine empfindliche Kälte eingestellt. Das Pflaster der Straße war fast ganz getrocknet. Das junge Paar schlug den Weg zu dem großen und wunderlichen Kaufhause ein, das schon damals unter dem Namen »Temple« in Paris bestand. Es stand ungefähr in der Mitte der Rue du Temple, unweit von einem Brunnen an der Ecke eines großen Platzes, und bildete ein unregelmäßiges Parallelogramm, das mit einem Schieferdache gedeckt war und durch einen langen Gang, der es in der Mitte und Länge durchschnitt, in zwei ungefähr gleiche Hälften geteilt wurde, die ihrerseits wieder von einer Menge kleiner Seiten- und Quergäßchen nach allen Richtungen hin gequert, aber sämtlich durch das Schieferdach vor eindringendem Regen geschützt wurden. Von neuen Waren war in dem Kaufhause kein Stück zu finden, sondern nur allerhand Altwaren, die von vielen in Kasten streng voneinander geschiedenen Trödlern verschleißt wurden. Tuchreste, alte Schuhe, alte Stiefel, Herren- und Damenhüte, Schnuren, Troddeln, Seide, Baumwolle, Zwirn und was sonst von den Frauen zu ihren Handarbeiten gebraucht wird, Herren- und Damen-, auch Kindergarderobe waren auf der einen Hälfte, Wohn- und Wirtschaftsgeräte, Betten, Matratzen, Vorhänge, Ton- und Eisenware auf der andern Seite des Kaufhauses untergebracht.
Kaum hatte das Paar diesen Teil betreten, als es mit allerhand Angeboten sogleich überschüttet wurde. Eine gutmütige, korpulente Verkäuferin sprach sie als junges Ehepaar an. Das gefiel Rudolf, und er sagte zu seiner Begleiterin, daß sie bei Frau Bouvard – so lautete der Name, der auf dem Schilde des Verkaufsstandes stand– die nötige Bettware einkaufen wollten. Lachtaube musterte die ausliegende Ware mit Kennerblicken ... Frau Bouvard merkte auf der Stelle, daß sie es mit keiner unerfahrenen Person zu tun hätte, und sagte: »Bitte, meine liebe Dame, hier habe ich einen wunderhübschen Gelegenheitskauf: zweimal überzuziehen, ganz funkelnagelneu! Und dann sehen Sie sich doch mal den schönen Wäscheschrank an: ich handle ja in der Regel nicht mit Möbeln, aber die Leute, von denen ich den Schrank habe, mußten ihn aus Not verkaufen, und die Frau mochte sich gerade von dem Schranke gar nicht trennen, der ein altes Erbstück zu sein scheint.«
Rudolf betrachtete den alten Schrank aus Rosenholz jetzt aufmerksamer und gewahrte in der Mitte der mit verschiedenem Holz ausgelegten Klappe einen Namenszug, ein M und ein R mit einer Grafenkrone darüber. Hieraus schloß er, daß der Schrank dereinst einem Gliede der vornehmen Welt gehört haben müsse. Er musterte ihn aufmerksam, zog einen Kasten nach dem andern auf, bis er bei dem letzten sich durch ein zwischen geklemmtes Papier daran behindert sah. Mühsam gelang es ihm endlich, aber nicht wenig erstaunt war er, in dem Hinderungsgegenstande einen Brief folgenden Inhalts zu erkennen:
»Mein Herr! – Nur das allerschwerste Mißgeschick kann mich zu dem Schritte zwingen, den ich jetzt tue. Beim Tode meines Mannes fiel ein Vermögen von annähernd 800 000 Franks an mich, die durch meinen Bruder beim Notar Ferrand hinterlegt wurden. Ich hatte mich mit meiner einzigen Tochter nach Angers begeben. Dorthin sandte mein Bruder mir die Zinsen. Auf welche schreckliche Weise mein Bruder um das Leben kam, ist Ihnen bekannt. Er hatte sich durch unvorsichtige Spekulationen ruiniert und gab sich vor acht Monaten selbst den Tod. Kurz vorher schrieb er mir noch, daß er über die beim Notar Ferrand hinterlegte Summe keine Quittung bekommen habe. Das sei nun einmal bei diesem Notar nicht Brauch, da er auf seinen ehrlichen Ruf sich stütze. Ich würde, sagte mir der Bruder, nur bei dem Manne vorzusprechen brauchen, um alles Geld, was ich brauche, dort abzuheben. Es verging ein Jahr, ehe ich nach Paris kam und mich zu dem Notar verfügte. Sie können wohl denken, daß ich nun mit meinen Mitteln recht knapp war, denn wie schon gesagt, die bei Ferrand hinterlegte Summe bildete mein Gesamtvermögen, und andere Einkünfte hatte ich nicht. Es war indessen nicht früher möglich gewesen, die Reise nach Paris zu unternehmen, und auf Briefe hatte der Notar mir nicht geantwortet. Sie können sich nun meinen Schreck denken, als ich von dem Manne auf meine Frage nach dem Gelde hörte, ich befände mich in einem unentschuldbaren Irrtume, wenn ich meinte, mein Bruder habe bei ihm irgend ein Depot, sondern im Gegenteil bei ihm ein Darlehn von 2000 Franks aufgenommen. Ich, war außer mir, fragte, was denn sonst aus der Summe geworden sein könne; der Notar sah mich kalt an und erwiderte, das könne er freilich nicht wissen, da er doch meinen Bruder nicht gehütet habe. Ich war einer Ohnmacht nahe, denn ich wußte mir keinen Ausweg in der gräßlichen Not, in die mich diese Auskunft des Mannes stürzte. Ich erklärte dem Notar, ich könne so etwas von meinem Bruder, der die Redlichkeit selbst gewesen sei, nicht glauben, denn er hätte sich eher selbst alles Geldes entäußert, statt mich und mein einziges Kind in solches Elend zu stürzen. Der Notar blieb bei seiner Behauptung und verwies mich an das Gericht, falls ich in ihn Mißtrauen setzte. Mit dem Tode im Herzen verließ ich den Mann. Was sollte ich wider ihn machen? Ich hatte ja gar nichts in den Händen, weder von ihm, noch von meinem Bruder als dessen Zuschrift, daß er mir das Geld zu sehr hohen Zinsen unterbringen wolle. Geld hatte ich auch nicht mehr, und daß von irgendwelchem Anwalt ohne Geld ein Rat nicht zu haben sei, wußte ich ja doch zur Genüge. Darum mußte ich es lassen, wie es stand und lag, denn einen Prozeß zu führen, war ich nicht imstande, und so blieb mir weiter nichts übrig, als mit meiner Tochter ...«