Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
Luise machte eine Pause, um tief Atem zu schöpfen; dann griff sie sich mit beiden Händen an die Stirn und ließ einen tiefen Seufzer hören ... »Am nämlichen Abend,« fuhr sie dann fort, »trat Herr Ferrand selbst auf mich zu, als ich in die Stube trat, um das Geschirr aufzuräumen, und sagte: »Wie ich höre, fehlen deinem Vater 1300 Franks. »Geh gleich zu ihm und sage ihm, er könne sich das Geld morgen in der Kanzlei von mir holen; ich weiß ja, daß er ein rechtschaffener Mann ist, und will ihm gern beistehen.« Sie können denken, daß mir Freudentränen in die Augen traten, und daß ich kaum wußte, wie ich dem Manne danken sollte, der mit seinem gewohnten barschen Wesen mich abwies ... »Schon gut, schon gut,« sagte er zu, mir, »ich tue ja bloß, was Christenpflicht ist!« – Ich rannte abends, als ich mit meinen Arbeiten im Haushalte fertig war, zum Vater und meldete ihm die frohe Kunde. Um mich Herrn Ferrand dankbar zu erweisen, verdoppelte ich meinen Fleiß. Nun aber fing die Haushälterin an, mich zu Hassen und zu peinigen, wo sie irgend konnte. Herr Ferrand hatte das Geld auf ein Vierteljahr vorgestreckt. Wenn die Haushälterin zugegen war, verhielt er sich nach wie vor barsch und unfreundlich gegen mich; wenn wir zusammen allein waren, guckte er mich immer häufiger von der Seite an auf eine Weise, die mich in Verlegenheit setzte; wenn ich dann rot wurde, fing er an zu lachen. Einmal nachmittags ging die Haushälterin ganz wider ihre Gewohnheit aus. Die Schreiber waren auch außerhalb beschäftigt. Ich war mit Herrn Ferrand ganz allein und hatte im Vorzimmer zu tun. Da klingelte er mir. Ich traf ihn in seinem Schlafzimmer, wo er vor dem Kamine stand; er winkte mich zu sich heran, und mit einem Male umschlang er mich mit beiden Armen. Ich sah, daß er ganz rot im Gesicht war, daß seine Augen funkelten; ich war so erschrocken, daß ich mich nicht rühren konnte; aber dann überkam mich plötzlich eine solche Angst vor dem Manne, daß ich all meine Kraft zusammennahm und ihn von mir stieß. Es gelang mir, wieder ins Vorzimmer zu flüchten. Dort hielt ich mit beiden Händen die Tür zu; aber mit vor Zorn zitternder Stimme rief er mir durch den Türspalt zu: »Du bringst bloß deinen Vater ins Unglück, wenn du dich gegen mich sperrst; er ist mir 1300 Franks schuldig, und bekomme ich mein Geld nicht, so lasse ich ihn in das Schuldgefängnis stecken. Bloß du kannst ihn vor diesem Schicksal bewahren, wenn du mir zu Willen bist.«
»Ich flehte ihn um Gnade an, erklärte, mich in jeder Hinsicht dankbar zu erweisen, die nicht wider meine Ehre verstieße; da hörte ich, daß er die Vorzimmertür abschloß, die er, trotzdem es finster war, gefunden hatte, und nun wußte ich, daß ich in seiner Gewalt war. Er kam bald mit einer Lampe in der Hand wieder. Wieder suchte ich mich mit aller Kraft zu wehren; ich ließ mich schlagen, kratzen, bis mir das Blut von den Wangen lief...«
»Jesus!« rief Morel, »und für solche Verbrechen soll es keine Strafe geben?« – »Vielleicht doch,« versetzte Rudolf, nachdenklich werdend; dann sagte er zu Luisen: »Erzählen Sie weiter – erzählen Sie alles!«
»Es dauerte lange, bis mich die Kräfte verließen; im letzten Augenblicke jedoch trat der Hausverwalter mit einem Briefe in das Vorzimmer; Ferrand drohte mir, als er Schritte hörte, nicht bloß mich, sondern auch meinen Vater ins Verderben zu stürzen, sobald ich ein Wort darüber verlauten ließe, was zwischen uns vorgegangen sei; den Vater ließe er wegen seiner Schuld, mich aber wegen Diebstahls einstecken. Tags darauf ging ich nach Hause, um meinem Vater alles zu bekennen. Aber ich fand die Mutter schwerkrank, die Meinigen brauchten das bißchen Geld, das ich bei dem Notar verdiente, und so sagte der Vater, ich solle deshalb nicht aus dem guten Dienste gehen ... Was sollte denn werden, wenn ich nicht bloß keinen Dienst hätte, sondern vielleicht gar ins Stockhaus käme!« –
»Ja,« nahm nun Morel das Wort, »Luise redet die Wahrheit; wir waren so tief in unser Elend gesunken, daß wir uns nicht aufraffen konnten, das Mädchen zu uns zu nehmen, sondern daß wir sie wieder zurück zu dem alten Sünder schickten! Gott! Ach, Gott! Und ich will dem armen Mädchen jetzt zürnen, daß sie zuletzt doch dem Wüstlinge unterlag?«
Er schaute stier vor sich hin. Solches Unglück war zu schwer für ihn... »Und was hat er dir ferner angetan, der Böse?« lallte er. – »Vater, Vater! Das Böseste kommt noch. Fasse dich, fasse dich! O Gott! Ich kann den Blick nicht ertragen, mit dem du mich anstierst!« Und nach einer Pause, in der sie, Hilfe suchend, den Blick zu Rudolf gewandt hatte, fuhr sie fort: »Als ich mich Mutter fühlte, leugnete er, mich nachts durch Opium eingeschläfert und gemißbraucht zu haben, und wollte mich aus dem Haufe werfen. Ich flehte ihn um Erbarmen an, sagte ihm, daß die Meinigen in größter Not seien, daß sie auf den geringen Verdienst, den ich bei ihm hätte, angewiesen seien, und gelobte ihm, gegen keinen Menschen etwas über meinen Zustand verlauten zu lassen. Darauf behielt er mich in seinem Dienste. Fünf Monate verflossen unter schrecklichen Qualen und Aengsten; noch immer war es mir geglückt, die Leute im Hause zu täuschen; im letzten Vierteljahr meiner Schwangerschaft war das aber nicht mehr möglich, und nun drohte mir Ferrand wieder mit Entlassung. Es folgte eine schreckliche Nacht. Wohin sollte ich mich flüchten? Da kam mir ein schlimmer Gedanke. Die Pförtnersfrau hatte mir gesagt, es wohne ein Mann im Hause, der allerhand Wunderkuren verrichte. Ich schrieb an diesen Mann ...«
»Vorvorgestern, nicht wahr?« fragte Rudolf, »und beim Schreiben hatten Sie unglückliches Kind geweint? Und Tränen waren auf das Papier gefallen und hatten die Schrift verlöscht?« – Luise heftete einen Blick des Entsetzens auf Rudolf. – »Woher wissen Sie das?« stotterte sie. – »Aengstigen Sie sich nicht!« antwortete Rudolf; »ich war in der Pförtnerstube, als der Brief dort abgegeben wurde, und konnte ihn zufällig sehen.« – »Nun denn, Herr, ja! Ich habe dem Manne, der mir als ein Herr Bradamanti genannt worden war, geschrieben, ohne mich zu nennen, und ihn, da ich mich nicht zu ihm hingetraute, gebeten, ins Chateau d'Eau zu kommen. Ich hatte den Kopf verloren. In der Absicht, ihn um Rat zu fragen, ging ich nun aus Ferrands Hause, sah aber bald ein, daß ich auf gar schlimmen Wegen wandelte, und kehrte wieder um. Ferrand wußte darum, daß ich den Gang machen wollte. Er glaubte, ich könne erst in zwei Stunden wieder da sein. Als ich an die kleine Gartenpforte kam, stand sie halb offen, was mich nicht wenig verwunderte, denn in der Regel wurde sie fest verschlossen gehalten. Ich ging hinein und trug den Schlüssel in Ferrands Zimmer, wo er gewöhnlich seinen Platz hatte. Es lag gerade vor der Schlafstube und im hintersten Teile des Hauses. Die laufenden Geschäfte wurden immer vorn in der Kanzlei besorgt; hier hinten gab er solchen Leuten Gehör, die intimere Aufschlüsse von ihm haben wollten. Gerade als ich den Schlüssel auf den Tisch legte, ging die Schlafstubentür auf. Ich sah, daß in der andern Stube Licht brannte, und daß ein Mann bei Ferrand war. Kaum hatte mich dieser gesehen, als er mich an der Gurgel packte und mich schüttelte. Und dann hörte ich ihn rasend vor Wut schreien: »He? Du spionierst? Warte, das will ich dir austreiben. Steh mir Rede, was du hier wolltest! Oder ich erwürge dich!« Er besann sich aber bald eines andern, jagte mich, ohne weiter etwas zu sagen, in die Eßstube Zurück und schloß hinter mir die Tür ab.«