Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
Jungfer Lachtaube trat aus ihrer Stube und trocknete sich mit ihrer Tändelschürze die Augen. – »Nicht wahr, hübsche Nachbarin,« sprach Rudolf sie an, »Herr Morel kann nichts Besseres tun, als die Zeit über, bis sein Gönner, in dessen Auftrage ich ja nur hier bin, eine passendere Wohnung für ihn gefunden, hinüber in die von mir hier im Hause gemietete zu ziehen?« – Jungfer Lachtaube schien so betroffen, daß sie keine Antwort fand. – »Ich muß für meinen Herrn,« nahm Rudolf wieder das Wort, »ein paar eilige Arbeiten machen; aber ich rechne darauf, daß Sie mir ein Plätzchen an Ihrem Arbeitstische für die kurze Zeit abtreten? Ich werde Sie ganz gewiß nicht stören. Morels könnten aber, wenn sich die Pförtnersleute für Geld und gute Worte bereit finden ließen, beim Umzuge zu helfen, ohne jeden Aufenthalt ihre alte Wohnung räumen und in die meinige einziehen.«
»Vater,« rief einer der Knaben, den Fuß auf den Flur hinaussetzend, »du möchtest zur Mutter kommen.« – »Gehen Sie, mein lieber Morel,« sagte Rudolf, ihm auf die Schulter klopfend, »sobald unten alles in Ordnung, lasse ich es Ihnen sagen.«
Darauf wandte er sich zu Lachtäubchen ... »Nun, schöne Nachbarin, hätte ich an Sie eine recht große Bitte: mich in den nächsten Laden zu führen, wo wir für unsere armen Freunde das Allernötigste kaufen können. Sie verstehen das gewiß recht gut, und ich möchte mich in aller Hinsicht dabei auf Sie verlassen.« – »O gewiß!« rief Lachtäubchen, von Begeisterung erfüllt, »ach! Ich will gewiß alles tun, was in meinen Kräften steht.«
Lachtäubchen stand ungefähr in dem gleichen Alter wie ihre einstige Mitgefangene, die Schalldirne; aber zwischen den beiden Mädchen bestand ungefähr der gleiche Unterschied, wie zwischen Lachen und Weinen; die eine war von Temperament zart, poetisch, empfindlich; die andere prosaisch, munter und mitleidig, eines jener Pariser Mädchen, die der Stille den Lärm, der Ruhe die Bewegung, dem sanften Rauschen des Windes, des Wassers und der Wellen die laute Orchestermusik in den Kolosseumsbällen usw. vorziehen, die lieber ein Feuerwerk sehen, als den Blick zum heiteren Sternenhimmel hinauf richten, die der Stille der Felder und Fluren den betäubenden Straßenlärm vorziehen. Und doch setzte sie den Fuß aus ihrem Stübchen bloß alle Morgen in der Frühe, um das Frühstück für sich und das tägliche Futter für ihre beiden Vögelchen zu holen, und an Sonntagen, aber anderswo als in Paris zu wohnen, hätte sie für ein Ding der Unmöglichkeit angesehen, und sie wäre, hätte man sie von dort in die Provinz verpflanzt, vor Verzweiflung in den ersten vier Wochen am Heimweh gestorben.
Lachtäubchen war kaum achtzehn Jahre alt, nicht groß, sondern eher klein zu nennen, aber von tadellosem Wuchse, fast übervoller Büste und rundlicher Fülle, doch genau den Verhältnissen von Körper und Größe angepaßt. Ihre flinken Bewegungen erinnerten an das zierliche Trippeln der Wachtel oder Bachstelze; sie ging weniger als schwebte gleichsam über das Pflaster, das sie mit ihren Füßchen kaum zu betreten schien.
Rudolf hatte Lachtäubchen immer nur in Morels dunkler Wohnung gesehen oder auf dem kaum helleren Vorsaale, und die strahlende Frische seiner kleinen Nachbarin blendete ihn jetzt förmlich. Das vorn schmale, weit nach hinten gerückte Häubchen zeigte zwei breite, dicke Flechten von glänzendem Schwarz, die weit über die Stirn hinein hingen. Die feinen schmalen Brauen sahen aus wie mit Tusche gemalt und rundeten sich über den beiden munteren, schalkhaften Augen von tiefem Schwarz. Ihre festen vollen Wangen hatten eine an den Hauch eines Pfirsichs erinnernde Färbung; ihr kleines Stumpfnäschen guckte keck in die Welt hinein; den eher großen als kleinen Mund mit den roten, feuchten Lippen und kleinen weißen Perlenzähnen umspielte ein neckisches Lachen; drei reizende Grübchen, zwei auf den Wangen, eines auf dem Kinn, nicht weit von einem schwarzen Schönheitsmale am Mundwinkel, liehen dem Gesicht einen Zug von schalkhafter Anmut.
Rudolf stand noch immer unbemerkt an der Tür und rührte kein Glied, während seine schöne Nachbarin noch immer allein zu sein dachte und sich mit der zierlichen weißen Hand das Haar glatt strich, dann den kleinen Fuß auf einen Stuhl stellte und sich bückte, um sich den Schuh zuzuschnüren. Natürlich konnte Rudolfs neugierigen Blicken der blendendweiße Strumpf und das Bein von untadelhafter Fülle der Form nicht entgehen.
Lachtäubchen war in Gedanken bei ihrem neuen Nachbar, der ihr recht gut gefiel, sowohl von Aussehen als von Charakter, hatte er sich doch gegen die arme Familie Morel so gütig gezeigt, ihr sein Zimmer abzutreten: ein Beweis von Herzensgüte, der ihm das Herz der kleinen Näherin auf der Stelle gewonnen hatte. So wünschte sie sich von Herzen Glück, daß ein Logisherr wie der Herr Rudolf, auf die bisherigen Mieter, den Herrn Cabrion und den Herrn Franz Germain, gefolgt war, hatte sie doch recht gebangt, daß das Zimmer entweder gar nicht oder an jemand vermietet werden möchte, mit dem sie nicht harmonieren könne.
Rudolf musterte das Stübchen, während sich das Mädchen noch immer mit ihren Schuhen zu schaffen machte. Es war ein recht schmucker, sauberer Ort. Die Wände waren mit grauen Papiertapeten bekleidet. Auf dem marmorartig gestrichenen Kamine standen ein paar schöne, grüne Blumentöpfe; in einem kleinen Uhrgehäuse hing eine silberne Taschenuhr, als bescheidener Ersatz für die sonst übliche Stutzuhr. Daneben stand ein spiegelblanker kupferner Leuchter, mit einem Wachslicht darin, auf der andern Seite eine ebenso blank geputzte Lampe. Ueber dem Kamine hing ein ziemlich großer Spiegel in schwarzem Holzrahmen. Bett und Fenster waren durch bunte Wollvorhänge verdeckt. Rechts und links vom Alkoven standen zwei Schränke, worin die Garderobe und das geringe Hausgerät aufbewahrt waren. Eine blankpolierte Nußbaumkommode, vier Nußbaumstühle, ein mit grünwollner Decke bedeckter Tisch, ein Lehnstuhl aus Strohgeflecht und eine Fußbank, auf der gewöhnlich Lachtäubchen saß, bildeten das ganze Mobiliar.
An einem der Fenster hing ein Käfig mit einem Paar Kanarienvögeln, den Kameraden des holden Mädchens. Auf dem Fensterbrett stand ein Kasten aus Holz, mit Erde gefüllt und zur Winterszeit mit Moos belegt. Ihn pflegte das Mädchen seinen Garten zu nennen, denn im Sommer zog sie allerhand hübsche Blümchen darin.
Als Rudolf jetzt eine Bewegung machte, drehte sich Lachtäubchen um, tat aber gar nicht verwundert, sondern, rief ihm, ohne ihre Stellung zu verändern, munter zu: »Ei, Sie da, Herr Nachbar?« – Aber im Nu verschwand der niedliche Fuß unter den weiten Falten des braunen Kleides. – »Sie sind wohl hereingeschlichen?« fragte sie schelmisch. – »Sie haben mich nicht kommen hören. Ich bin hereingekommen wie jeder andere Mensch, war aber vor Staunen über die saubere, niedliche Einrichtung so verdutzt, daß ich eine Weile ganz sprachlos war. Die Gardinen sind doch gar zu schmuck! Und die Kommode sieht aus, wie wenn sie aus Mahagoni wäre, so blank ... Es hat Sie viel Geld kosten müssen.«