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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Schön,« sagte der Lahme wieder, »das will ich der Eule stecken!«

Malicorne sagte zu Morel, er möge doch die Steine mitnehmen, in Clichy lägen sie doch so sicher wie auf der Bank. »Doch nun geschwind! Wir wollen still hinausgehen, damit die Frau nichts merkt!« Morel nahm einen Moment wahr, in welchem Frau und Kinder sich mit der kleinen Leiche befaßten, und verließ vorsichtig die Stube. Kaum aber war er auf die Treppe getreten, so hörte er die Stimme seiner ältesten Tochter ... »Vater, Vater! Gott sei Dank, ich komme noch gerade zurecht!« rief Luise und stürmte die Treppe hinauf... Eine rauhe Stimme von unten rief: »Keine Bange, Kind!« – und sie gehörte niemand, als Frau Pipelet, die mit Luisen hergerannt war, aber fast keinen Atem mehr hatte, »keine Bange! Ich stelle mich vorm Hause mit meinem Manne auf, und lasse niemand heraus, ehe Sie Ihre Sache ausgerichtet haben.« »Bist du es wirklich, Luise?« rief Morel, während ihm Tränen in die Augen traten; »aber was fehlt dir? Du siehst ja schrecklich bleich aus!« – »Mir fehlt nichts,« versetzte Luise, stotternd; »ich bin nur so schnell gerannt ... Da ist das Geld, Vater, du bist frei! Laß die Menschen laufen!« Und sie übergab Malicorne eine Rolle mit Goldstücken.

»Wo hast du das Geld her, Luise?« fragte Morel, dem Mädchen angstvoll in die Augen starrend. –

Unterdessen zählte Malicorne nach ... »Ja,« sagte er. »es stimmt. Der Stamm wäre in der Ordnung. Aber wie stehts mit den Kosten und Zinsen? Das macht noch beinahe ebensoviel!« – »Aber, Vater, es waren doch bloß 1300 Franks, die du an Ferrand zu bezahlen hattest? Nicht wahr?« fragte Luise, voll lebhafter Bestürzung zu dem Vater aufschauend. – »Ganz recht, aber Kosten und Zinsen machen auch beinahe 200 Franks aus!«

»Ach du lieber Gott!« klagte Luise, »daran habe ich nicht gedacht! Ich bezahle den Rest später, lieber Herr, rechnen Sie, was ich jetzt bezahlt habe, auf Abschlag! Bitte, bitte!« – »Auf so etwas dürfen wir uns nicht einlassen, liebes Fräulein. Das wäre wider die Instruktion. Wenn Sie die 200 Franks zusammenhaben, kommen Sie damit nach Clichy. Dann werden die Leute dort Ihren Vater schon freilassen; aber – vergessen Sie dann auch nicht, daß Sie das Geld noch für Unterhalt Ihres Vaters zu bezahlen haben. Der Tag wird mit 4 Franks gerechnet.«

Luise bettelte um Nachsicht ... »Na, da haben wirs!« rief Malicorne, »nun geht das Gewinsel von frischem an! Das kriegt man aber satt!« – Und zu Morel sich wendend, sagte er: »Marsch nun! Und wenn Sie sich noch immer dagegen sperren, so nehme ich Sie am Kragen und zerre Sie die Treppe hinunter.«

»Ach, lieber Gott!« klagte Luise, »und ich dachte, ihn gerettet zu haben!«

»Nein!« rief Morel verzweifelt, »es gibt keinen Gott! Mögen die Pfaffen reden, was sie wollen!« und er stampfte wild mit dem Fuße ... »Und doch gibts einen gerechten Gott!« sagte eine Stimme, die von der andern Seite des Daches her klang, »der sich der rechtschaffenen Menschen immer annimmt, wenn sie in unverschuldeter Not sind ...« – Und Rudolf trat in die Tür, blassen Angesichts und tief ergriffen...

Die beiden Büttel traten unwillkürlich einen Schritt zurück, als sie den fremden Mann erblickten. Auch Morel und seine Tochter waren außer sich vor Bestürzung ... Rudolf nahm ein paar Bankscheine aus seiner Brieftasche und behändigte sie Malicorne mit den Worten: »Da haben Sie, was Stamm, Zinsen und Kosten zusammen betragen. Geben Sie dem armen Mädchen die Goldstücke wieder, die sie Ihnen bezahlt hat.«

Der Büttel nahm das Geld, beguckte es von allen Seiten, ehe er es einsteckte, faßte dann Rudolf mit inquisitorischem Blicke ins Auge und fragte, ob er auch mit vollem Recht über soviel Geld verfügen dürfe... Rudolf war schlicht gekleidet, auch durch sein Verweilen mit Pipelet in der Dachstube mit Staub bedeckt ...

»Hast du nicht verstanden,« versetzte Rudolf schroff, »daß du dem Mädchen das Geld wiedergeben sollst?« und als der Mann keine Anstalten dazu machte, packte er ihn so fest am Handgelenk, daß er auf die Knie niederstürzte und zu winseln anfing. – Kaum aber hatte ihn Rudolf losgelassen, so trat er zornig auf ihn zu und fragte, wie Rudolf dazu komme, ihn mit du anzureden? – Rudolf drohte, ihn wieder zu packen... Da zauderte aber Malicorne nicht länger, sondern gab Luisen das Geld zurück und rannte, da er Stamm, Zinsen und Kosten durch Rudolf bekommen, die Treppe hinunter und aus dem Hause heraus.

Siebentes Kapitel.

Lachtäubchen

Des Steinschneiders Tochter Luise war ein Mädchen von auffallender Schönheit, eine große, schlanke Erscheinung, in der Regelmäßigkeit der Züge der Juno, in der Zierlichkeit der Gestalt der Diana vergleichbar. Der gebräunte Teint, wie auch die durch Arbeit angegriffenen Hände und ihr schlichtes Kleid taten dem schönen Gesamteindruck, den sie machte, keinen Abbruch. Sie war zwar heute recht bleich und auch sichtlich bekümmert, trotzdem ihr Vater aus den Händen der Schergen, die ihn ins Gefängnis hatten führen wollen, befreit worden war; es fiel wohl beides aber niemand außer Rudolf auf, der den Vater in den Vorsaal hinausgezogen hatte und aus Besorgnis, eine allzu große Freigebigkeit möchte sein Inkognito in Gefahr bringen, anderseits aber bekümmert um die arme Familie, die Gedanken des Mannes, um nach keiner Seite behindert zu sein, auf eine andere Fährte lenken wollte. »Gestern früh,« fragte er, »ist doch eine junge Dame hier gewesen?« – »Jawohl, Herr, und allem Anschein nach hatte sie reges Mitgefühl mit unserer Armut.« – »Nicht mir, sondern ihr haben Sie nächst dem allgütigen Gott zu danken, daß Ihnen Hilfe in Ihrer Kümmernis zu teil wird. Sie hat gestern Erkundigungen über Sie und Ihre Familie eingezogen, und Sie hatten nur allzu recht, heute morgen zu ihrer Frau Magdalene zu sagen: »Ach, Frau, wenn nur die reichen Leute wüßten ...« –

»Aber wer hat Ihnen das gesagt? und woher kennen Sie den Namen meiner Frau?« – »Ich war seit heute früh in Ihrer Nähe: versteckt in der Bodenkammer neben Ihrer Stube.« – »Jesus! Und warum?« rief Morel. – »Wo hätte ich bessere Auskunft über Sie bekommen sollen als durch Sie selbst?« erwiderte Rudolf: »mir mußte es in erster Linie auf ungeschminkte Wahrheit ankommen. Der Pförtner sprach von der Kammer in der Absicht, sie mir als Holzstall zu geben. Ich habe sie mir heute früh angesehen, mich eine Stunde darin aufgehalten und die Meinung gewonnen aus den Reden, die ich von Ihnen in dieser Zeit hörte, daß es keinen rechtlicheren und biederen Charakter geben könne als den Ihrigen. Es traf sich gestern so gut, daß ich einige Schulden einziehen konnte. Was ich daraus gewann, reichte gerade hin, der wohltätigen Dame, die sich für Sie interessiert, das zur Tilgung Ihrer Schuld notwendige Geld zur Verfügung zu stellen. Sie haben alles Unglück, das Sie betroffen, so standhaft und ohne sich Ihrer Würde und Ehre zu begeben, ertragen, daß Hilfe, wenn irgendwo, so hier am Platze ist, und um deswillen ist es mir eine Freude, Ihnen im Auftrage Ihrer Wohltäterin sagen zu dürfen, daß Sie hinfort keine unmittelbaren Lebenssorgen mehr haben sollen.«

»Sprechen Sie im Ernst? O, nennen Sie mir zum wenigsten den Namen der edlen Dame, damit ich sie in mein Gebet einschließen kann.« – »Ich kann Ihren Wunsch nur unter der einen Bedingung erfüllen, daß Sie den Namen keiner zweiten Person sagen, sei es, wer es sei.« – »Ich gebe Ihnen mein heiliges Versprechen,« rief Morel begeistert. – »Nun, der Name der Dame ist Marquise von Harville.« – »Er wird nie aus meinem Gedächtnisse, nie aus meinem Gebete schwinden. Wie soll ich ihr danken, daß sie mir meine Frau und meine Kinder rettet? Ach, Herr, wenn unsre liebe, gute Luise bei uns bleiben kann und uns in unsrem Haushalte unterstützen kann, dann werden wir uns vorkommen in unsrer ärmlichen, bescheidenen Wohnung wie im Paradiese.«

»Nun, Luise soll Sie nicht mehr verlassen. Das soll der Lohn sein für Ihre Standhaftigkeit und Rechtlichkeit,« antwortete Rudolf; »jetzt aber sagen Sie mir, dieser Jakob Ferrand ...« – Ueber Morels Stirn huschte eine finstere Wolke. – »Dieser Jakob Ferrand,« nahm Rudolf wieder das Wort, »ist doch der Notar in der Rue de Sentier?« – »Allerdings, Herr. Sie kennen ihn doch nicht etwa?« rief Morel; »wenn mein armes Kind nur nicht ...« – Es war ihm nicht möglich, den Satz zu vollenden. Er schlug die Hände vor das Gesicht. Rudolf erriet den Grund seines Kummers. – »Ich sollte meinen,« sagte er, »gerade dieses rücksichtslose Vorgehen des Mannes, lieber Morel, müßte Sie beruhigen! Sicher hat er Sie ins Schuldgefängnis setzen lassen wollen, um Ihre Tochter, die sich ihm widersetzte, mürbe zu machen. Ich habe übrigens alle Ursache, den Mann für einen höchst unredlichen Charakter zu halten. Aber,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort, »sollten Sie recht haben, lieber Morel, sollten Ihre Befürchtungen sich bestätigen, dann glauben Sie auch, daß Ihnen ein Racheengel erschienen ist, der den Mann, wenn er sich wirklich an Ihrer Tochter vergangen hat, mit unerbittlicher Strenge verfolgen wird.«

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