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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Hier brach der Brief ab. Was nun folgte, war so stark durchstrichen, daß es nicht mehr zu entziffern war. Aber unten in der Ecke konnte Rudolf noch die Worte lesen: »an die Herzogin von Lucenay zu schreiben.«

Als er den Brief gelesen hatte, fiel ihm ein, wie niederträchtig sich derselbe Ferrand gegen Morel und dessen Tochter benommen hatte, und es nahm ihn nicht wunder, ihn jetzt auch im Licht eines Betrügers offenbart zu sehen. Anderseits meinte er, daß ihm der Zufall die Spur zu einem Unglück weise, bei dem sich Herz und Phantasie der Marquise von Harville werde betätigen können. Der Brief, den er eben gelesen, und der sicher nicht an die Person abgeschickt worden war, für die er bestimmt gewesen, zeigte auf einen stolzen Charakter, den jedes Ansinnen eines Almosens sicher empören würde. Es galt also hier, List anzuwenden, wenn man Hilfe bringen wollte.

Lachtäubchen riß Rudolf aus seinem Sinnen durch die Worte: »Nun, mein Lieber, ich denke, unsre Schützlinge können zufrieden mit der Einrichtung sein, die wir ihnen besorgen. Jetzt handelt es sich nur noch darum, zu bezahlen, was wir für sie eingekauft haben.« – »Daran solls nicht fehlen, meine Liebe,« erwiderte Rudolf, »aber da fällt mir ein, während ich die Rechnung bei Frau Bouvard abmache, könntest du eigentlich Garderobe für Frau Morel und für die Kinder aussuchen. Was du einkaufst, laß doch hierher bringen. Dann kann ja alles miteinander zu ihnen geschafft werden.« – »Gewiß, gewiß! Du hast ja immer recht! Warte also hier ein bißchen, lange bleibe ich ja nicht; ich kenne zwei Verkaufsstände, wo ich schon wiederholt gekauft habe und immer gut bedient worden bin. Dort finde ich auch alles, was sich für Morels eignet.«

Als sie hinweggeeilt war, meinte Frau Bouvard zu Rudolf: »Das muß man sagen, lieber Herr! Eine recht niedliche Hausgesponsin haben Sie sich ausgesucht. Die versteht ja ihre Sache aus dem ff.« – »Nicht wahr?« erwiderte Rudolf, »ich fühle mich auch wirklich recht glücklich, liebe Frau.« – »Na, und die Gesponsin gewiß auch!« – »Sie mögen recht haben, aber ich möchte nun doch auch wissen, was ich Ihnen schuldig bin,« sagte Rudolf. – »Hm, bis auf 330 Franks hat mich Ihre kleine Madame heruntergedrückt. Was verdiene ich an der Sache dabei noch? Keine fünfzehn Franks! So billig kauft man nämlich heute doch nicht mehr ein, wie es allgemein heißt, trotzdem die Leutchen, von denen ich die Sachen hier gekauft habe, in rechte großer Not waren.« –

»Den Schrank haben Sie wohl auch von ihnen?« fragte Rudolf. – »Allerdings, Herr. Wirklich, wenn man bloß daran denkt, könnte sich einem das Herz im Leibe herumdrehen. Kommt da vorgestern eine junge, hübsche Dame her, aber so bleich und hager, daß man es ihr auf den ersten Blick ansah, daß sie das liebe Leben nicht hatte. Ihre Garderobe war ja sauber, aber stark mitgenommen, aus allem guckte verschämte Armut hervor; sie fragte mich, während ihr die Röte auf die Wangen trat, ob ich zwei vollständige Betten und einen alten Wäscheschrank kaufen wolle, und als ich sagte, ich müßte mir die Sachen doch erst ansehen, bat sie mich, gleich mitzukommen, sie wohne auf der andern Boulevard-Seite, am Kanale des Saint-Martins-Kai. Es war ein gar armseliges Haus, wohin sie mich nun führte; bis in den vierten Stock hinauf! Dort klopfte sie an eine wurmstichige Tür, ein Mädchen von etwa vierzehn Jahren machte auf, die auch so bleich und hager war und ebenso in Trauerkleidern ging wie die ältere Dame. Ich merkte gleich, daß ich Mutter und Tochter vor mir hatte, wenn auch kein Wort zwischen den beiden Frauen gewechselt wurde. Alles, was in der Wohnung vorhanden war, beschränkte sich außer den beiden Betten und dem Wäscheschrank auf ein paar Stühle, einen alten Koffer, eine Kommode und auf ein Paket, das in ein Tuch eingewickelt war. Die ältere Dame bat mich, Matratzen, Betten, Decken und Vorhänge redlich abzuschätzen, und als ich die Tränen in den Augen des jungen Mädchens sah, konnte ich es nicht über das Herz bringen, mein eigenes Interesse scharf wahrzunehmen, sondern tat, wie ich auf Treu und Glauben versichere, mein übriges, und ob ich sonst keine Möbel kaufe, nahm ich doch den alten Sekretär auch mit und habe ihn, wie Sie mir glauben können, über den Wert bezahlt.«

»Nun, liebe Frau, den Schrank kaufe ich Ihnen ab,« antwortete Rudolf. – »Mir solls recht sein, lieber Herr,« sagte die Frau »denn sonst bleibt er mir vielleicht gar auf dem Halse. Als wir handelseins waren, sagte sie zu ihrer Tochter: »So, Klara! Nun nimm das Paket!« ... Ja, Klara war der Name: ich besinne mich ganz genau. – Dann gab sie mir den Schlüssel zu dem Sekretär, ich sah in ihren Augen eine Träne stehen; mir kam es vor, als ob ihr das Herz dabei blute, sich von dem alten Möbel trennen zu müssen: aber sie tat sich Zwang an, ihre Würde vor mir zu bewahren; ich zählte ihr das Geld auf den Tisch, zusammen 115 Franks, und ging, nachdem ich die Sachen weggeschafft hatte. Seitdem habe ich die Leutchen nicht wiedergesehen.«

»Wie hieß die Dame?« – »Ja, das kann ich nicht sagen.« – »Und wo wohnt sie?« – »Auch das kann ich nicht sagen,« sagte die Frau. – »In der früheren Wohnung muß sie aber doch bekannt gewesen sein?« – »Doch nicht, Herr! Als ich beim Torwart vorbeiging, sagte der: »Ach! Sie haben wohl oben im vierten Stock eingekauft? Na, wenn die armen Menschen sich nicht nur noch ein Leid antun! Vor einer Weile haben sie sich durch das Hinterhaus entfernt, ohne zu sagen, ob sie wiederkommen wollen ober wohin sie sich zu begeben denken. Ich weiß nicht, was aus ihnen noch werden soll.« Rudolfs Hoffnungen schwanden. Wie sollte er, ohne andern Anhalt als den Namen Klara, den Brief und den darin enthaltenen Hinweis auf die Herzogin von Lucenay, erwarten können, die Frau zu finden, von der diese Ausweise herrührten? Nur die Beziehungen, die zwischen der Herzogin und der Marquise bestanden, konnten vielleicht einigermaßen dazu helfen. Er bezahlte die Frau, worauf sie fragte, wohin sie die Sachen bringen solle. Als Rudolf die Hausnummer 17 in der Rue du Temple sagte, rief die Trödlerin, daß sie das Haus ja recht gut kenne.

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