Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
24
Niemand, am allerwenigsten Da'ud ibn Yatom selbst, hatte damit gerechnet, daß er seinen Auftrag in so kurzer Zeit erfüllen würde. Zweifellos hatte schon der königliche Prunk, mit dem er als persönlicher Gesandter al-Hakams auf dessen dringenden Wunsch hatte reisen müssen, die christlichen Prinzen beeindruckt, doch hatte sie wohl eher noch der Anblick der Elitegarden, die den größten Teil des fürstlichen Gefolges ausmachten, in Angst und Schrecken versetzt. Die Garde war nur leicht bewaffnet, doch die Beweglichkeit der Krieger auf ihren geschmeidigen Araberpferden, vereint mit der blitzschnellen Geschicklichkeit ihrer Schwerter machte sie zu furchterregenden Gegnern für die christlichen Heere, die von ihren schweren Rüstungen behindert wurden. Hier tänzelte wieder einmal ein überlegener David um Goliath herum, hatte Da'ud leise lächelnd gedacht, während er auf dem edlen Roß einherritt, das ihm sein Herrscher geschenkt hatte und das den Schweif stolz und freudig erhoben trug. Da'uds schmale, dunkel gekleidete Gestalt stand in scharfem Kontrast zum perlgrauen Fell des Tieres. Kaum war die Kunde vom Nahen des Gesandten vom Hof des Kalifen bis zu den Palästen von Leon und Navarra und zu Fernan Gonzalez im abtrünnigen Kastilien vorgedrungen, da kamen ihm auch schon hochrangige Sendboten der Prinzen entgegen, um ihn zu begrüßen. Als ihnen die bedrohlichen Trommelwirbel und schrillen Trompetenklänge ins Ohr schallten, die den arabischen Zug begleiteten, begrüßten sie al-Hakams Leibarzt äußerst unterwürfig. Während sie sich verbeugten und Kratzfüße machten, warfen sie verstohlene Blicke auf die arabischen Reiter, die unruhig an den Griffen der Damaszenerdolche hantierten, die an ihren Gürteln blitzten.
Der Sprecher der christlichen Fürsten teilte Da'ud mit, daß ihre Herrscher Kunde von seiner Absicht erhalten hätten, zum Hofe Sanchos von Leon zu reisen, um dessen neugeborenen Sohn zu untersuchen. Deswegen seien sie höchst erfreut, sich diesen glücklichen Umstand zunutze machen zu können, um sich ihrer Schulden beim Herrscher der Gläubigen zu entledigen. Ihre Schatztruhen, so versicherten sie, seien schon von Burgos und Pamplona unterwegs nach Leon. Da'ud war sehr erleichtert. Er war nicht gerade erpicht darauf gewesen, auch noch die anstrengende Reise von Leon nach Burgos und weiter nach Pamplona auf sich zu nehmen, um die Schulden einzutreiben. Offenbar waren Leon und Navarra so sehr damit beschäftigt, das widerspenstige Kastilien in die Schranken zu verweisen, daß sie auf keinen Fall auch noch ihren muslimischen Oberherren provozieren wollten.
Sancho hatte Da'ud mit königlichen Ehren empfangen und ihm voller Stolz die Nachkommen vorgestellt, die er seit seiner Wunderheilung in Córdoba gezeugt hatte – und seit jener stürmischen Nacht im Harem des Kalifen, wie er sich erinnerte und dabei Da'ud mit einer vulgären Geste in die Rippen stieß, die der Höfling widerwärtig fand. Ein einziger Blick genügte, um ihn zu versichern, daß weder Sanchos Sohn und Erbe noch seine anderen Kinder auch nur eine Spur vom petit mal ihres Vaters zeigten. Trotzdem untersuchte er sie alle sorgfältig, um seinen Besuch zu rechtfertigen, und verschrieb ihnen eine bis ins einzelne festgelegte Kombination aus Diät, Bewegung und regelmäßigen Vollbädern.
»Vollbäder?« rief Sancho entsetzt aus. »Schön und gut im milden Klima von Andalusien, aber wie könnt Ihr hier, bei unseren strengen Wintern, so etwas Barbarisches verschreiben, wenn von den schneebedeckten Pyrenäen die eisigen Winde gefegt kommen und vom Meer her Stürme mit Schneeregen? Die armen Kinder werden schrecklich frieren und an Unterkühlung sterben.«
»Sauberkeit ist ein sine qua non für gute Gesundheit und Wachstum«, beharrte Da'ud. »Einmal schnell vor einem lodernden Kaminfeuer in einer Wanne mit heißem Wasser abgeschrubbt zu werden, das wird ihnen nicht schaden, ich verspreche es Euch.«
Sancho schmollte und war keineswegs überzeugt. Er hatte Da'ud gedrängt, seinen Aufenthalt noch zu verlängern und mit ihm jeden Tag ins gesprenkelte Sonnenlicht der Buchenwälder auszureiten, die der Arzt so sehr liebte. Aber Da'ud hatte dieses Angebot abgelehnt. Das harte Leben am christlichen Hof, die plumpen Manieren der Höflinge, all das bereitete ihm großes Unbehagen. Sobald die wohlgefüllten Geldtruhen aus Burgos und Pamplona angekommen waren, hatte er sich auf den Heimweg gemacht, hatte sein Gefolge immer wieder zu größter Eile angetrieben. Der vom Kalifen erzwungene Pomp und die Pracht dieser Reise behagten ihm nicht, denn sie gingen gegen alle Prinzipien, die nun schon seit über vierzig Jahren sein Verhalten bestimmten. Er hatte nur noch den Wunsch, zur vertrauten Behaglichkeit und in die Zurückgezogenheit seines Heims zurückzukehren, zu seinem bescheidenen Lebensstil, seiner geliebten Sari und seinem vergötterten Sohn Hai, dem Dreh- und Angelpunkt seines Lebens. War der Junge während seiner Abwesenheit wohl merklich gewachsen? Er hatte ihn lange nicht mehr an der Zypresse gemessen, so beschäftigt war er gewesen, warf er sich vor, während er seinem Pferd auf der letzten Strecke des Rückwegs nach Córdoba die Sporen gab. Wenn sie sich beeilten, würde er noch rechtzeitig ankommen, um den nächsten Sabbat mit seinen Lieben zu feiern …
Am Donnerstagabend bei Einbruch der Dunkelheit, sie waren etwa noch einen halben Tagesritt von Córdoba entfernt, befahl Da'ud seinem Gefolge, in der kühlen Nacht weiter in Richtung Heimat zu reiten, anstatt noch einmal in einer staubigen, übelriechenden Herberge abzusteigen und erst am Mittag des folgenden Tages zu Hause einzutreffen. Sogar ihn überraschte es, daß ihn seine ungeduldige Sehnsucht nach Saris tröstender Gegenwart mit der Gewalt jugendlicher Leidenschaft vorantrieb, aber so war es nun einmal. Mit den Jahren war seine Liebe zu ihr nicht geringer geworden. Im Gegenteil, ihrer beider Leben waren so eng miteinander verschlungen, daß diese Verbindung von nichts und niemandem aufgelöst werden konnte. Nicht einmal die Anwesenheit von Djamila und Amira unter dem gleichen Dach konnte ihrer Beziehung etwas anhaben, aber das lag, wie er wohl wußte, lediglich daran, daß er die beiden schlicht übersah. So hatte er sich das nicht vorgestellt, als er Djamila zu seiner zweiten Frau nahm, denn niemals hätte er erwartet, daß Sari ihm doch noch näherkommen würde, wie sie es schließlich getan hatte. So hatte ihm Djamila, ohne es zu wissen, den allergrößten Dienst seines Lebens erwiesen – wie er ihr, als er sie heiratete. Sie waren also quitt.
Aber jetzt? War es richtig, sie so völlig zu übersehen, nun, da er sie nicht mehr brauchte? War es richtig, ihr die Erfüllung als Frau, vielleicht weitere Kinder, zu versagen? War ihre gesellschaftliche Stellung als Mitglied seines Haushaltes hinreichende Entschädigung dafür, wie er sie behandelte? Trotz seiner lebenslangen Erfahrung als geschickter Lenker von Menschen und Situationen stellte Da'ud fest, daß er in einem Dilemma gefangen war. Sein natürliches Gespür für Ehre und Anstand und sein Ruf als Mann von Würde erlaubten es ihm nicht, Djamila mitsamt seiner Tochter aus dem Haus zu vertreiben, nicht einmal unter dem Mäntelchen einer arrangierten Ehe mit einem Mann, der bereit war, seine abgelegte Ehefrau zu heiraten. Und doch, wenn er sie im Haus behielt, verdammte er sie zu einer kalten und unfruchtbaren Zukunft. Vielleicht würde sich mit der Zeit eine Lösung finden, seufzte er und verbannte das Problem aus seinen Gedanken, als die Umrisse der Mauern, Kuppeln und Minarette von Córdoba auftauchten, dunkler als die Dunkelheit. Er hatte nun nur noch Gedanken für seine geliebte Sari. Sobald er innerhalb der Stadtmauer war, entließ er seine königliche Garde und ritt mit wenigen Begleitern weiter, die sich um die Sicherheit der Geldtruhen und seiner eigenen Habseligkeiten kümmerten.
Mit dem beinahe unheimlichen Gespür der Liebenden schrak Sari mitten in der Nacht auf und ahnte, daß Da'ud sich seinem Zuhause näherte. So unwahrscheinlich es auch schien, da Reisende kaum je nachts unterwegs waren, weil sie Räuber fürchteten, lauschte sie doch angestrengt, bis sie schließlich in der Stille der Nachtstunde Hufgetrappel vernahm. Sie stand sofort auf und lief, ihre Diener zu wecken. Schlaftrunken tappten sie herum, um Lampen und Kerzen zu suchen, die ihrem Herrn den Weg beleuchten sollten. Doch das Haus lag immer noch in beinahe völliger Dunkelheit da, als Da'ud, gefolgt von den Trägern mit seiner Habe, eintrat. Die Männer des Kalifen waren mit der Umgebung nicht vertraut und prallten mit den Hausdienern beinahe zusammen. Gepäckstücke wurden in alle Richtungen gezerrt. In der großen Verwirrung rammte jemand eine Truhe in die Nische mit Ya'kubs altem Almosenkästchen. Es schwankte eine Sekunde und fiel dann zu Boden. Das alte Holz zersplitterte in tausend Stücke.