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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Pfui Teufel,« rief der erstgeschilderte der beiden Männer Malicorne hieß, »stinkt's aber hier nach armen Leuten!«

Durch die halboffne Tür guckte das hämische Gesicht des lahmen Jungen, der die beiden Männer die Treppe hinaufgeführt hatte und jetzt lauschte und spionierte.

»Was wünschen Sie hier?« fragte Morel, der sich rasch die Jacke wieder angezogen hatte; über die Grobheit der Männer empört, wollte er ihnen die Tür weisen, da fragte Bourdin, der letzteingetretene der beiden, seinen Ueberrock aufknöpfend und mit seiner goldnen Kette spielend: »Sie sind wohl der Steinschneider Morel?« – »Jawohl.« – »Na, Kamerad,« sagte Malicorne, der andere der beiden, »da werden wir wohl kaum was finden! Denn wäre was da, da wäre der Vogel doch gewiß ausgeflogen, wie Musje Saint-Remy, von dem wir eben kommen.« – »Stimmt, Bourdin, Ungeziefer, wie das hier, klebt immer am Loche.«

»Jesus!« rief Magdalene, »nimm doch deine Steine in acht, Morel! Wer weiß denn, was das für Leute sind! Dann könntest du wieder dafür aufkommen.« – Morel trat an seinen Arbeitstisch und breitete beide Hände, wie schützend, über die Steine, die er in Arbeit hatte. Der lahme Junge sah das von der Tür aus und dachte bei sich: »Seh einer an! Wenn Morel, wie es immer heißt, bloß falsche Steine schliffe, dann hielte er doch die Hände nicht so drüber! Wahrscheinlich heißt's bloß immer so, damit keiner Lust zum Mausen bekommt. Warte, Kujon! Das stecke ich der Eule!«

Morel trat auf die beiden Männer zu und drohte ihnen, wenn sie nicht gleich wieder gingen, mit der Wache. – Die beiden lachten hell auf. Dann sagte Malicorne: »Wache? Na, mein guter Herr, das kommt uns zu, nicht aber Euch, damit zu drohen ... Seht doch her, was wir Euch hier zu präsentieren haben. Bezahlt mal das Wechselchen, sonst marschiert Ihr mit nach Clichy, versteht Ihr?«

Morel fuhr entsetzt auf ... »Was? Ich ins Gefängnis?« rief er, »wer läßt mich denn einstecken? Ich habe nichts verbrochen.« – »Aber bezahlt habt Ihr dem Gläubiger nicht, was Ihr ihm schuldig seid!« sagte Bourdin. »hier habt Ihr das gerichtliche Urteil! Dem Notar sollt Ihr bei Vorzeigung dieses 1300 Franks nebst Zinsen vom Verfalltage ab und den durch die Klage entstandenen Kosten zahlen, widrigenfalls Ihr ins Schuldgefängnis wandert. Da steht's, Urteil vom 13. September dieses Jahres, wider Euch gefällt vom Pariser Handelsgericht und bestätigt vom Appellgericht.«

»Und Luise? Luise?« rief Morel, fast von Sinnen, »wo ist sie? Ist sie denn aus Ferrands Hause? Sonst ließe er mich doch nicht ins Gefängnis führen! Jesus! Was mag aus unserm Kinde geworden sein?« – »Na, marsch, wenn Ihr nicht bezahlen könnt!« rief Malicorne grob, »aus diesem Loche sehnt sich jeder, der noch riechen kann! Hier ist's ja, wie verpestet!«

Morel hörte kein Wort von dem, was gesprochen wurde; plötzlich aber trat ein Ausdruck heller Freude auf sein Gesicht ... »O, gewiß hat Luise dem Notar den Dienst aufgekündigt. Nun, so kann ich leichten Herzens ins Gefängnis wandern! Aber,« setzte er hinzu, »wer wird meine Frau und meine Kinder ernähren? Im Gefängnis werde ich doch keine Steine schleifen dürfen. Man wird denken, ich sei wegen liederlichen Wandels eingesperrt worden ... Will denn dieser Mensch den Tod der Meinigen? Will er unser aller Tod?«

Der Schlag, der Morel drohte, war so schrecklich, so unvermutet, daß ihn die Kräfte zu verlassen drohten. Er saß bleich, mit stierem Blicke, auf seinem Schemel, ließ die Arme hängen, den Kopf auf die Brust gesenkt, ganz in sich zusammengesunken... »Na, wird's nun bald?« rief Malicorne, Morel an der Achsel packend, und suchte ihn zur Tür hin zu drängen. Die Kinder fingen an zu schreien, die Frau warf sich vor den beiden Männern auf die Knie, und die blöde Großmutter winselte in ihrem Winkel wie ein Hund ... Da sollte eine schaurige Episode die Szene noch schauriger machen ... »Mutter, Mutter!« rief das älteste der Mädchen, das bei ihrem kranken Schwesterchen auf dem Strohsacke kauerte, »unsre Adele starrt mich in einem fort an, und mir kommt's ganz so vor, als ob sie gar nicht mehr atmete!«

Das Schwesterchen, das an der Schwindsucht litt, war sanft entschlafen, ohne einen Laut der Klage, das Auge auf die Mutter gerichtet. Morel fuhr aus seinem Stumpfsinn auf, war mit einem Satze neben dem Strohsacke und hob sein vierjähriges Kind in die Höhe ... Es war tot. Kälte und Hunger hatten sein Ende beschleunigt. Die schwächlichen Glieder waren schon kalt und starr.

Sechstes Kapitel.

Luise.

Morels Verstand schien unter all den harten Schlägen wanken zu wollen. Die Frau rief nach dem Kinde ... »Ja doch, ja doch,« antwortete der Mann, »eins nach dem andern, Mutter! sie kommen alle an die Reihe!« Die Hände vor das Gesicht schlagend, fing er laut an zu jammern, während seine Frau die kleine Leiche in das Stroh ihren Lagerstatt legte. Die andern Kinder weinten bitterlich.

Einen Augenblick hatte dies unsägliche Elend auch die beiden Gerichtsbeamten mitleidig gestimmt; doch dauerte die Empfindung nicht lange, und Malicorne forderte den armen Steinschleifer von neuem auf, sich zu dem Gange fertig zu machen, indem er sagte: »Na ja, das Kind mußte nun auch nicht gerade jetzt sterben, aber was kanns helfen? Sterben müssen wir doch einmal alle, der eine wird früher abkommandiert als der andere, einer schon in seiner Jugend, andere erst im hohen Alter. Dagegen gibts nun mal keinerlei Kraut! – Aber jetzt marsch weiter! Wir haben, noch jemand anders abzuholen, an Arbeit fehlt's für uns nicht, und wenn ich nicht sehr irre, so bekommen Sie unterwegs noch recht gute Gesellschaft.« Morel hörte nichts von diesen Worten, sondern stand, in finsteres Sinnen vertieft, mit dem toten Kinde auf den Armen da... »Der Mensch verliert schließlich noch seinen Verstand,« meinte Bourdin zu seinem Kameraden; »sieh doch nur, was für Augen er macht! Man könnte sich schier vor ihm fürchten.« – »Aber wir müssen doch einmal zu Rande kommen,« sagte Malicorne, »die Spesen zahlt halt der Gläubiger, denn hier ist ja nichts zu holen ... Also, Mann,« wandte er sich wieder zu Morel, ihm auf die Achsel klopfend, »Zeit zu warten haben wir nicht mehr; machen Sie sich zum Mitgehen fertig und zwingen Sie uns nicht erst zu Gewaltmaßregeln, was ja doch keinen Zweck hätte.« –

Da trat ein junges, niedliches Mädchen in die Dachstube ... »Was sagen Sie?« fragte sie die beiden Männer, »ins Gefängnis sollen Sie, Herr Morel?« – »Ach, liebes Fräulein,« rief eines von den Kindern, »helfen Sie doch dem Vater!« – Und ein anderes Kind rief: »Ach, liebes Fräulein, die kleine Adele ist tot!«

»O, über all den Jammer!« wehklagte Lachtaube; und ihre Augen füllten sich mit Tränen ... »wie soll da ich helfen? Ich bin doch auch nur ein armes Ding!« – »Ja, wir können's auch nicht ändern,« sagte Malicorne höhnisch, »wenn kein Geld da ist und keins geschafft werden kann, dann hilfts eben nicht; dann muß der Mann mit!«

Morel hatte auf einen Augenblick das Bewußtsein seiner Lage wiedergefunden ... »Ich darf die Diamanten nicht hier zurücklassen,« sagte er, auf die auf dem Tische herumliegenden Steine zeigend, »denn meine Frau ist nicht mehr recht bei sich, und die Person, die mir die Arbeiten vermittelt, wollte heute herkommen und sie abholen. Die Steine haben doch keinen geringen Wert!«

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