Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
Was für eine jämmerliche Maskerade! schrie Djamilas Seele auf. Sie hatte sich in dem Netz verfangen, das sie selbst geknüpft hatte, und nun forderte man sie heraus, gegen jede Sitte zu handeln und ihren Prinzipien zu folgen, um einen Mann, der sie liebte, bei einem anderen, der sie verstoßen hatte, in Mißkredit zu bringen …
»Bis zu Da'uds Rückkehr ist die ganze Angelegenheit längst vergessen«, sagte sie leichthin, gab vor, die Sache nicht allzu ernst zu nehmen.
»Da wäre ich mir nicht so sicher. Da'ud hält ja wohl große Stücke auf Sauls Gelehrsamkeit. Es wird ihm gar nicht gefallen, wie feindselig Menahem gegen ihn hetzt.«
»Aber er hält auch große Stücke auf die Gelehrsamkeit seines Sekretärs. Niemand, sagt er, kann einen hebräischen Satz so rein und elegant formulieren wie er.«
»Nun, es hat keinen Sinn, daß wir uns aufregen«, erklärte Sitbora mit einer heftigen Aufwallung ihres herrischen Busens. »Es ist an den Männern, diese Dinge nach ihrem Ermessen zu regeln. Wo ist Amira heute morgen?« fragte sie, um das Thema zu beenden.
»Sie und Hai verbringen Stunde um Stunde damit, dem Papagei und dem Kanarienvogel das Sprechen beizubringen. Nichts kann sie da weglocken. Es ist sehr lustig, den beiden zuzusehen.«
Die beiden Frauen sprachen noch über dies und das, bis Djamila sich endlich verabschieden durfte. Unentschlossen wanderte sie durch die Straßen. Schlichte menschliche Freundlichkeit verlangte von ihr, daß sie bei Menahem vorbeischaute, die Furcht vor den Folgen einer so unbedachten Handlung hielt sie zurück. Sie durfte ihm nicht einmal ein mitleidiges Schreiben zusenden, denn der Bote könnte sie verraten. Wenn sie sich zu sehr für Menahems Wohlbefinden interessierte, würde sie nur mißtrauische Blicke ernten. In Gedanken versunken, erreichte sie auf ihrer ziellosen Wanderung den Marktplatz, kaufte Unmengen frisches Käsegebäck und nahm die Köstlichkeiten als Überraschung für die Kinder mit nach Hause.
Am folgenden Sabbatnachmittag besuchte sie ihren Vater wieder, wollte unbedingt seine Fassung der Geschehnisse vom Mittwoch hören. Zu ihrer Überraschung stimmte sie in allen Einzelheiten mit dem Bericht überein, den ihr Sitbora gegeben hatte.
»Alle in der Synagoge waren sprachlos vor Staunen über diese Geschichte. Alle sagten ihre Meinung dazu, wenn auch keiner genau wußte, worum es eigentlich ging. Was für ein Durcheinander!« berichtete Bahya und schüttelte den Kopf.
»Das ist doch absurd«, meinte Djamila, »ein solches Theater um ein paar Gedichtzeilen.«
»Nein, mein Kind, die Sache liegt tiefer. Es geht um die Grenzen zwischen harmonischer Anpassung an unsere Umgebung und Wahrung unserer Identität.«
»Die Moslems werden uns nie als gleichberechtigt anerkennen. Als Dhimmis hat uns Omar gebrandmarkt, und Dhimmis bleiben wir auch, Bürger zweiter Klasse im Haus des Islam.«
»Ich denke auch nicht, daß wir Gleichheit anstreben sollten. Gerade unser Anderssein schützt uns ja, denn unsere Herrscher vertrauen uns mehr als ihren eigenen Leuten, die alle potentielle Rivalen sind. Aber trotzdem gewinnen wir nichts, wenn wir mit Verachtung auf ihre kulturellen Errungenschaften herabsehen. Im Gegenteil, wir sollten von ihnen lernen, sollten ihre eleganten literarischen Stilmittel zu unseren eigenen Zwecken einsetzen, um unsere schöpferischen Leistungen zu verbessern. Je höher das Niveau, das wir nach ihren Maßstäben erreichen, desto größer der Respekt, den wir ihnen abverlangen, und desto weniger sind wir der traditionellen Verachtung des Islams für die Dhimmis in seiner Mitte ausgesetzt.«
»Du meinst also, Menahem irrt sich mit seiner Kritik?«
»Nicht vollständig. Es ist heilsam, daß sich von Zeit zu Zeit eine Stimme wie die seine erhebt, um Übertreibungen zu vermeiden, die zum Verlust unserer ureigensten Werte führen könnten.«
»Ich frage mich, ob Da'ud das auch so sieht.«
»Dein Gatte ist ein kluger Mann. Bisher hat er zwischen den beiden gegensätzlichen Strömungen das Gleichgewicht wahren können. Sollte aber nun dieser Zwischenfall zu einer dauerhaften Spaltung der Gemeinde führen, dann wird er sich wohl gezwungen sehen, eine Position zu beziehen. Wann erwartet ihr seine Rückkehr?«
»Spätestens vor dem Herbstregen.«
»Das sind also noch einige Wochen. Wir wollen hoffen, daß die Angelegenheit bis dahin in Vergessenheit geraten ist.«
Die Worte ihres Vaters hatten Djamila ein wenig beruhigt, und sie schlief besser als in den beiden vorangegangenen Nächten. Am Morgen stand sie erfrischt auf und beschloß, einen langen Spaziergang am Flußufer entlang zu machen. Als sie gerade auf die Straße treten wollte, hörte sie das Klappern eines Spazierstocks, der in unregelmäßigen Abständen auf die unebenen Pflastersteine stieß. Sie blinzelte in die Richtung, aus der das Geräusch zu kommen schien, schaute noch einmal hin und war sich dann sicher, daß es Menahem war, der unter Schmerzen am Stock auf sie zu gehumpelt kam. Sie rannte ihm beinahe entgegen und ging dann langsam mit ihm zum Haus zurück.
»Ich wollte Euch nur eine weitere Tracht Prügel ersparen, deswegen bin ich Euch nicht besuchen gekommen«, entfuhr es ihr. »Wie geht es Euch?«
»Gut genug, daß ich mich hierher bemühen und meine donnerstäglichen Pflichten erfüllen kann.«
»Ich wollte Euch ein Wort des Mitgefühls zukommen lassen, aber ich fürchtete mich, es einem Boten anzuvertrauen.«
»Daran habt Ihr gut getan. Ich wollte Euch versichern, daß die Prügel, die ich bezogen habe, mich nicht sehr mitgenommen hat, aber ich habe aus dem gleichen Grund darauf verzichtet. Stundenlang habe ich dagelegen und versucht, mir eine sichere Art der Verständigung mit Euch auszudenken, aber es ist mir keine eingefallen.«
Djamila zögerte einen Augenblick, ehe sie antwortete. »Nun, am Eingang zu Da'uds Gemächern, von meiner Seite des Hauses aus gesehen, befindet sich eine Nische mit einem Almosenkästchen. Jahrelang stand dieses Kästchen in Ya'kubs Laden auf der Theke, doch nach seinem Tod hat es der Mann, der das Geschäft übernommen hat, durch das aus Elfenbein ersetzt, das sich heute dort befindet. Ich habe ihn gebeten, mir das Kästchen zu geben, als Erinnerung an die Freundlichkeit, die mir Ya'kub trotz meiner bescheidenen Herkunft immer erwiesen hat. Niemand bemerkt, daß es dort steht. Ich bin die einzige, die es ab und zu herausnimmt und abstaubt. Wenn es absolut notwendig ist, könnt Ihr es als Briefkasten verwenden, zumindest bis zur Da'uds Rückkehr.«
»Es sei denn, ich wäre wieder bettlägerig«, meinte Menahem nachdenklich.
»Haltet Euch eine Weile zurück«, drängte ihn Djamila. »Es wäre töricht, Da'ud zu zwingen, in diesem Disput eine klare Position zu beziehen. Ihr würdet dann vielleicht als Verlierer dastehen. Ich staube das Almosenkästchen häufiger ab, ich verspreche es Euch, insbesondere am Donnerstagabend«, sagte sie, ehe sie ihn am Eingang zum Haus verließ. »Seht Ihr jetzt, wie nützlich es ist, wenn eine Frau schreiben und lesen kann?«
Menahem wagte nicht zu fragen, ob er hoffen dürfte, auch von ihr ab und zu einen Brief im Kasten zu finden. Ihm war es schon genug, daß sie bereit war, seine Briefe zu suchen – und daß sie in der Lage war, sie zu lesen.