Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Jeder gesellschaftliche Aufstieg — oft aber auch schon ein bescheiden organisierter Nicht-Absturz — wurde in der Nach-Invasionszeit ausschließlich denjenigen erlaubt, die es mit der Moral nicht allzu streng nehmen wollten. In mir steckte viel zu viel an sturer, in der Familie tradierter Moral.
Und ich hatte niemanden zu ernähren, ich mußte niemandenbeschützen. Ich konnte es mir leisten, die frisch angebrochene und mit Knochenfäule befallene Zeit mit Abenteuern zu verbringen, und wünschte mir nichts anderes, als irgendwo ganz unten zu landen. Meine einzige konkrete Aufgabe bestand darin, mir passende Härteprüfungen auszusuchen, die zu meiner gründlichen und nicht allzu quälenden Reifung beitragen würden. Anschließend wollte ich an der Seite einer reizenden Frau nur noch glücklich werden, mehr nicht.
Vor mir lagen lauter unbekannte und aufregend süße Dinge. Im Gegensatz zu den politisch Abgestraften war ich jung und fühlte mich jeder harten Arbeit gewachsen. Und von Bohumil Hrabal wußte ich sowieso, daß Glück, Wahrheit und andere weltbewegende Dinge überall zu finden waren. Von Hrabal wußte damals allerdings jedermann, wie witzig und lebendig es in den Enklaven der einfachen Leute, in den schmuddeligen Kneipen und den Quartieren aller möglichen Randgestalten zugehen konnte. Die unzähligen Schwerenöter aus seinen Büchern waren so etwas wie Zeitgenossen und Brüder von jedem, der sich in sie beim Lesen verliebt hatte. Man vermutete sie überall.
Dazu muß man wissen: Hrabal schrieb schon seit seiner Jugend, konnte aber unter den Nazis, anschließend auch unter dem neuen Regime nicht publizieren. Als in den sechziger Jahren seine Erzählungen nach und nach herausgebracht werden durften, waren es reife Meisterwerke. Sie waren schockierend anders als alles, was es sonst zu lesen gab, sie waren so tief und zugleich so einfach zu verstehen, daß sich auch Jugendliche auf sie stürzten, die sonst überhaupt keine Literatur lasen. Und weil Hrabal seine Texte sehr lange zurückhalten mußte, erschienen seine Bücher hintereinander in erschreckend schnellem Rhythmus. Hrabal hat das Tschechische gereinigt und bereichert, keine Übersetzung in eine Fremdsprache wird diese Qualitäten widerspiegeln können. Die Leute machten dauernd hrabal-schwere Anspielungen, man sprach und intonierte etwasanders, man ließ spontan und hemmungslos jeden Unsinn aus sich fließen — mit der Überzeugung, etwas Tiefe würde sich darin, wie bei Hrabal eben, schon finden. Wenn man auf den Straßen junge Leute — meine Zeitgenossen — vor Lachen laut brüllen hörte, konnte man sicher sein, daß sie sich gerade über die neusten Hrabalgeschichten ausgetauscht hatten. Etwas anderes las man eine Zeitlang gar nicht. Einen kleinen Haken gab es dabei allerdings: Viele der Geschichten von Meister Hrabal spielten nicht in der Gegenwart, sie waren teilweise in einer so gut wie versunkenen Welt angesiedelt. Jeder Leser mit Phantasie wurde trotzdem ein Teil dieser rückverwurzelten Kunstwelt. Daher war man, besonders wenn man — wie ich — in den sechziger Jahren zu lesen begonnen hatte, nicht ganz von dieser Welt. So gesehen leisteten sich die Tschechen, leisteten wir uns alle in dieser Zeit den Luxus, in unserem Alltag Literatur zu leben. Erst die Russen brachten uns die Realität wieder.
Die Jahre bis zum Einmarsch waren dagegen voller unschuldiger Naivität und Optimismus, man leckte sich an den neuen Freiheiten überall satt, löffelte, wo es nur ging. Von den kommenden Abstürzen ahnte man noch nichts, man freute sich ungehemmt auf alles, was die Zukunft noch bringen sollte. Und jedermann versuchte — frei nach Hrabal eben — , wenigstens punktuell auch die einfachsten Dinge des Alltags wie Weltereignisse zu feiern. Man ärgerte sich grundsätzlich nicht, genoß die kleinen oder größeren Absurditäten des Lebens und lachte über sie so viel wie möglich — egal, wie weit man vom vernünftigen Weg schon abgedriftet war. Bildlich gesprochen: Man öffnete im Winter die Fenster und wärmte sich weit draußen die Hände — wie in Hrabals Erzählung» Prager Krippenspiel«. Ein Mann reibt sich dort seine Hände im Schneegestöber, weil es im ausgekühlten Gebäude, in dem er gerade zu tun hat, noch wesentlich kälter ist. Das Gebäude ist zu alledem eine ehemalige Synagoge voller abgestellter Theaterkulissen — daherauch voller ehemaliger Inszenierungen. Vielleicht haben wir es dem von Hrabal unabsichtlich eingeleiteten mentalen Training zu verdanken, daß das tschechische Volk rechtzeitig auf seine spätere Nacheinmarsch-Proletarisierung vorbereitet wurde. Als der Kahlschlag dann begann, stand man im Grunde in den Startlöchern.
Nachdem unser Land von den befreundeten Armeen befriedet worden war, kam es allerdings nicht zur Bildung einer großen subkulturellen Gemeinschaft aus weisen und fröhlichen Individuen. Dazu war die Realität nicht witzig genug — und auch die humorvollsten und weisesten Männer des Landes wurden in ihren niederen Berufen irgendwann müde und tiefernst. Die meisten Tschechen kehrten sowieso nach und nach — trotz Hrabal — wieder zu ihrem Pragmatismus und ihrer Verschlagenheit zurück. In den vergangenen Jahrhunderten war unseren Vorfahren meistens auch nichts Besseres übriggeblieben.
Ich hatte vor, unbedingt zu den vielen Alt- oder Neuproletariern zu fliehen. Das schien mir der einzig klare Radikalschritt und einzig mögliche Ausweg zu sein. Dort unten wollte ich vor allem — verdreckt wie nur möglich — für spätere Zeiten sauber bleiben. In dieser häßlichen Zeit, dachte ich, müßte das Leben gerade dort ganz wahrhaftig sein, den substantiellen Dingen jedenfalls am nächsten. Einfache Straßenkehrer kannte ich schon — ein mit meiner Mutter befreundeter Schriftsteller war einer — , dieses Leben fand ich aber nicht aufregend genug. Und nur bedingt lustig. Dieser Bekannte fegte sich im Park — ganz in Gedanken versunken — einmal an einer echten Leiche vorbei und wurde daraufhin von der Polizei verhört.
— Sie fegten einfach weiter und beachteten den toten Körper gar nicht? Diesen Unsinn sollen wir Ihnen glauben?
— Es war viertel nach sechs, und ich war furchtbar müde, sagte der Mann — und die Polizisten freuten sich.
— Seid ihr Schriftsteller überhaupt Menschen?Die Müllabfuhr hatte im Sozialismus den furchtbarsten Ruf, die Müllabfuhr war das allerletzte. Allerdings schon lange vor der russischen Invasion. Übelgelaunte bis aggressiv geladene Müllmänner gehörten in Prag schon seit meiner Kindheit zum Stadtbild. Glühende Wildheit auszustrahlen war für diese Leute Pflicht und Bestandteil ihres Berufskodex, kleine Kinder mit dreckigen Händen oder noch dreckigeren Handschuhen zu erschrecken war ihr Kulturprogramm. Aber üble Wut mußte immer im Spiel sein. Der Lohn für die Beseitigung von jedermanns Dreck beinhaltete einfach das Recht auf Rache, das Recht auf das Rückschleudern von Absonderungen, die irgendwo übergequollen waren und in die geordnete Wirklichkeit nicht paßten. Und wenn es schon nicht der stinkende und materielle Dreck sein durfte, dann wenigstens der abgrundtiefe seelische. Wenn einer dieser Dreckfürsten freundlich gewesen wäre, hätte er sich der gröbsten Imageschädigung schuldig gemacht.
Alle diese Männer hatten in ihrem Leben schon viel zu viel Schmutz gesehen, trugen Unmengen an Stinkbildern in sich — das sah man ihnen an. Sie waren aber nicht einfach SCHLECHT GELAUNT, gaben ihre Brutalität nicht nur durch den Äther ab, die Folge ihrer Geladenheit war, daß sie auch real, das heißt physisch gefährlich waren. Sie wirkten immer gehetzt und arbeiteten unter — was den Arbeitsschutz betrifft — extrem ungünstigem Zeitdruck. Daß sie als gemeingefährliche Zeitbomben in Anmarsch waren, spürte man schon auf Hunderte von Metern. Wenn sie dann anrückten, erschrak man noch zusätzlich, weil etwas Grundsätzliches gar nicht mitgekommen war — ihr Denken und Fühlen schien von ihnen weit entfernt zu sein. Sicher waren die Seelen dieser Männer — ohne daß man es bemerkt hatte — wie ein Vorauskommando an einem vorbeigerauscht. Eine andere Erklärung für die erschreckend bewußtheitsarmen Auftritte der Müllarbeiter gab es nicht. Sie waren nie ganz bei sich.Natürlich wollten sie ihre Tagesrouten vor allem aus dem Grund schnell abgrasen, weil sie ihre geheimnisumwitterten Pausen so lange wie nur möglich zelebrieren wollten. Außerdem reagierten sie sich bei ihrem donnerlauten Treiben einfach ab. Sie konnten vollkommen legal Fußgänger gefährden, konnten zeigen, wer der Herr der Prager Straßen war. Und jedermann wußte Bescheid: Wenn eine Müllmannschaft wie eine kompakt zusammengefügte Tonnenwalze unterwegs war, konnte man leicht zum Krüppel gemacht, im schlimmsten Fall zu Biomasse zerquetscht werden.