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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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Der Norden unserer Gegend war lange Zeit — bevor die Zerstörungskommandos ankamen — ausnahmsweise tatsächlich voller Frieden gewesen. Nur der Verkehr nahm immer mehr zu — und mit ihm wälzten sich auf mich und meineFreunde unausweichlich bitterböse tektonische Ereignisse heran. Diese wurden in den Köpfen zwar nicht militärischer, trotzdem ähnlich rücksichtsloser Planer ausgebrütet.

Unsere Hauptverkehrsader hieß»Boulevard der Verteidiger des Friedens«, dieser markierte die Grenze zu den nördlichen, stadthistorisch jüngeren Außenbezirken. In diesem Gebiet nördlich des Boulevards lagen alle unsere lebendigen Einkaufsstraßen — und der Boulevard selbst gehörte natürlich auch zu dieser Geschäftszone. Noch weiter im Norden lagen die chinesische und ägyptische Botschaft — und auch noch andere Botschaften — , außerdem das ruhige Residenzgelände der Amerikaner und weiter unten meine Schule. Unten im Tal dann der größte und älteste Prager Park Stromovka — das ehemalige Wildgehege unserer Könige. Unmittelbar um den» Boulevard der Verteidiger des Friedens «herum lag aber noch das, worüber ich jetzt erzählen möchte — es waren die wuchernden Innenhöfe der großen Wohnkarrees.

Die Innenareale der einzelnen Häuserblocks waren viel interessanter als die offenen Gärten oder mickrigen Höfe in meiner Straße — oder die Höfe der anderen, teilweise villendurchsetzten und nur einseitig bebauten Straßenzüge. Das charakterliche Innenleben der großen Häuserblocks, ihr seelischer RAUM-ATEM, war von Straßenkarree zu Straßenkarree jeweils sehr unterschiedlich; die planlose Gestaltung dieser Räume war mit der Zeit einfach in individuell geprägte Verkramung ausgeartet. Für Uneingeweihte waren diese abgekapselten Areale jedenfalls schwer zu überschauen und wirkten so gut wie unüberwindbar.

In den besseren, aber auch schlechteren Prager Vierteln gibt es gar keine Vorder- und Hinterhäuser, in Prag gibt es sowieso so gut wie keine mit Wohntrakts zugebauten Innenhöfe. In Prag hat jedes einzelne Haus seinen eigenen in der Regel abgezäunten und mehr oder weniger dreckigen kleinen Hof, der von den kleinen Höfen der anderen angrenzenden Häuser umzingelt ist — und die Summe dieser disparaten Einzelhöfe bildet das gerade beschriebene, von der Außenwelt abgeschottete Großraumbiotop.

Die gefühlten Eigentumsverhältnisse, die auf diesen parzellierten, trotzdem volkseigenen Flächen damals herrschten, waren ebenfalls bemerkenswert: archaisch, pervers kleinlich, zeitgefroren. Wenn auch dieser schrebergartenkolonie-ähnliche Raum damals niemandem wirklich gehören durfte, er gehörte den vielen Anrainern in ihrer Phantasie doch. Die jeweilige halb-anonyme Menschenansammlung empfand sogar stark dümmlich ihre Eigentumsrechte und vertrat sie unter Umständen verbissen.

— RAUS AUS UNSEREM HOF!!!

Bei unseren bandenmäßigen Unternehmungen war es in Gefahrensituationen trotz aller physischen oder menschenhassbedingten Hindernisse nie ein Problem, quer durch diese Höfe in eine der dahinter- oder umliegenden Straßen zu flüchten. Die Häuser wurden am Tag nicht verschlossen, die Hoftüren auch nicht. Und wir kannten alle Schwachstellen der vielen armseligen Barrieren, kamen dank irgendwelcher Mülltonnen, Garagen- und Schuppendächer, an den Teppichstangen entlang oder über dauerhaft aufgebaute Stützgerüste immer problemlos weiter.

Wir waren nie wirklich zu fangen und schwer einzuschüchtern. Wenn man uns in den Hausfluren oder aus den Fenstern anbrüllte, waren wir am Ende der Schimpfkanonade schon längst auf einem der benachbarten Grundstücke. Wir konnten uns meistens zwischen mehreren unterschiedlichen Fluchtrichtungen entscheiden, in größter Not waren wir außerdem in der Lage, durch die dichten Kronen der auf der Mittellinie wuchernden Büsche zu schwimmen. Das machte auch die verbissensten Verfolger oft sprachlos — dabei wäre besonders hier ein Lamento mehr als angebracht, weil bei diesem Rudern im Grünbereich Unmengen an kleinen und größeren Ästen zu Bruch gingen. UnserHauptfeind und der Hauptgrund, die Tauglichkeit unserer Fluchtwege regelmäßig zu prüfen, war der freiwillige Parkwächter und Helfershelfer der Polizei, der von uns DER LEDERNE genannt wurde. Er trug das ganze Jahr über einen — wie wir dachten — von der Gestapo abgestaubten Ledermantel, der allerdings eher grün als blauschwarz war. Die schlimmste Waffe des Ledermannes waren sein Jagdfernrohr und seine auf Hunderte von Metern nervtötende Trillerpfeife. Auf dem Grasbuckel des Stadttors waren wir vor seinem Fernrohr beispielsweise nur hinter den Sträuchern und breiten Schornsteinen sicher.

Der staatsbrutale Angriff gegen unser Bandenwesen und die heilig-heilen Innenhöfe kam vollkommen unerwartet. So etwas wie eine Bürgerbefragung gab es zu diesem Großvorhaben am VIERTEN HORN meines Fünfzacks selbstverständlich nicht. Die Verkehrsader von Prag 6, der» Boulevard der Verteidiger des Friedens«, war für den zunehmenden Verkehr in einem Abschnitt zu eng geworden — und Schuld an dieser langgezogenen Abwürgung hatten unter anderem auch zwei von unseren beliebtesten Häuserkarrees. Hier staute und sammelte sich alles, was in die westliche Richtung, also zu den Außenbezirken und auf die Ausfallstraßen hinauswollte. Das gleiche galt natürlich für den in die Stadt einfallenden Gegenverkehr. Die Zeit drängte.

Bei einer der Engstellen handelte es sich ausgerechnet um den geschäftigsten Ort unserer Gegend. Dieser Abschnitt des Boulevards bestand vorwiegend aus dreistöckigen Bürgerhäusern aus dem neunzehnten Jahrhundert, in ihnen residierten alle unsere wichtigen Geschäfte. Die Bürgersteige waren aus Raumnot eng und quollen dauernd über. Hier befanden sich die Fleischerei, der Bäcker, der Friseur, die Konditorei, der Feinkostladen, die Schreibwarenhandlung, die Apotheke, zwei Kioske und vieles mehr. Zum Beispiel auch ein spezieller Laden, der für uns viel wichtiger war alsdie Konditorei und der ausschließlich Bonbons und andere trockene Süßwaren führte. Natürlich war hier auch die Drogerie, in der wir uns mit den meisten Zutaten für unsere Wurfbomben versorgen konnten. Und mein geliebter Stoffladen gehörte zu diesem Ensemble und versorgte mich und meine Cousine mit billigen Stoffen, als wir uns das Nähen mit der fußbetriebenen Nähmaschine beibringen wollten. Das Schaufenster des Optikers ging mich nichts an — ich hatte gute Augen — , um so mehr interessierte mich das Miedergeschäft und das Geschäft mit orthopädischen und medizinischen Hilfsutensilien. In die letztgenannten Läden sind ich und meine Freunde allerdings nie eingetreten.

Daß der» Boulevard der Verteidiger des Friedens «zu eng war, fiel den Stadtplanern schon in den dreißiger Jahren auf, als dieser Boulevard noch Belcredi-Straße hieß. In den dreißiger Jahren hatte man aber schon an unser aller Zukunft gedacht und zwei Neubauten um etwa acht Meter zurückgesetzt. Die Nischen, die vor diesen weiterhin modern wirkenden Häusern entstanden waren, waren Orte der Ruhe und der Ausdehnung, im Sommer hatten sie dank der kunstvoll gestutzten Zierbäume fast etwas Mediterranes. Der Pedikör, Herr Bamsa, lud bei schönem Wetter seine Damen hinaus aus seinem Laden und plazierte sie auf Stühle, die er auf dem Bürgersteig in eine Reihe stellte. Man sah dort oft mehrere zufriedene Frauen mit nackten Beinen sitzen, ihre Füßen steckten in emaillierten Waschschüsseln mit warmem Wasser — und man stellte sich bildhaft vor, wie ihre überschüssige Hornhaut quoll und immer heller wurde. Herr Bamsa benutzte zum Sitzen eine niedrige gepolsterte Fußbank. Er arbeitete abwechselnd und unterschiedslos gründlich an den einzelnen Zehen und Fußsohlen — unterhielt sich allerdings mit allen Damen auf einmal. Wenn wir auf der Flucht vor dem ledernen Gestapomann waren, mußten wir aufpassen, nicht über die Damenbeine zu stolpern oder in die seitlich abgestellten Schüsseln zu treten.Das Tempo der kommenden Zerstörung war für sozialistische Verhältnisse enorm. In kürzester Zeit wurden ganze Häuserreihen entmietet, etliche meiner Mitschüler mußten auch die Schule wechseln und verschwanden unwiederbringlich in irgendwelchen grausigen Siedlungen am Stadtrand. Dann kamen die Abrißbirnen angewackelt und die Bagger angestunken. Manche dieser Fahrzeuge prahlten schamlos mit einem großen Schriftzug — dem sprechenden Namen ihrer Firma: Volkseigener Betrieb DEMOLICE. Das Spezialgerät wie die Abrißbirnen kam von der Firma DE-STRUKTA. Die Demolierung hatte noch etwas Aufregendes an sich, und wir sahen sogar ein, daß auch die zurückgesetzten modernen Prachthäuser für die neue Verkehrsader nicht weit genug zurückgesetzt worden waren. Und man konnte sich aus einem Grund sogar freuen: Endlich würde auch Schluß sein mit den unschönen Szenen bei den alljährlichen Militärparaden am 9. Mai. In der Engstelle kam es immer zu gewissen Quetschungen der sonst tadellosen soldatischen Marschblocks. Die neue Zeit sollte nach Prag 6 einfach Tag für Tag problemlos und vielspurig angerollt kommen — egal ob auf Lastautos, in dicken sowjetischen Wolgas oder durchgeschüttelt in den Zweitaktern aus der DDR. Prag 6 sollte für die ankommenden Gäste, bevor sie in der Enge der Innenstadt steckenblieben, etwas von der Monumentalität einer Großstadt vermitteln. Großzügig breite Straßen waren in Prag tatsächlich Mangelware.

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