Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Der ganze Berg, auf dem sich meine Straße befand, wurde nach und nach also ausgehöhlt und von innen mit meterdicken Betonwänden ausgekleidet. Das konnte ich aus meinen eigenen Beobachtungen schlußfolgern. Der im angrenzenden Park Tag und Nacht arbeitende Förderturm war gut sichtbar, die Zementsilos schickten periodisch häßliche Staubwolken in die Luft, man hörte pausenlos große Betonmischmaschinen brummen. Von den Wachen am Baustellentor wurden außerdem in regelmäßigen Abständen riesige Lastwagen voller Schiefer-, Quarz- und Sandsteingeröll hinausgewunken. Die stark geschichtete Gesteinsstruktur des Berges kannte ich gut, beim Klettern in den Hängen — am» Mauseloch «beispielsweise — kam man mit den gefährlich bröckelnden Pelokarbonat-Schichten oft in Berührung. Die schwerbeladenen riesigen Laster kamen natürlich nie leer zur Baustelle zurück — die meisten waren randvoll mit Kies, Stahlruten oder dicken Stahlplatten beladen.
Mein Antrieb, sich der Affenbande anzuschließen, speiste sich noch aus einer anderen Quelle. Es gab Gerüchte, die Partei- und Staatsführung horte irgendwo dort im Untergrund (unter dem marmornen Stalin-Sockel?) die besten Kartoffeln, die der tschechische Boden hergab — und die Kader würden die begehrten länglichen» Hörnchen «nur unter sich verteilen. In den Läden sah man diese Delikatesse tatsächlich nie. Meine Mutter empörte sich, diesmal aber nicht gegen unsere Bonzen. Sie fand es unwürdig, solchen Gerüchten Glauben zu schenken, und unanständig, sie ungeprüft zu verbreiten.
— Das kann nicht stimmen. So etwas dürfen die Parteileute nicht, so etwas tun sie auch nicht! Unser Vorteil — also der der Affenbande und nun auch meiner — war, daß unsere Staatsführung sich damals keiner aktuellen terroristischen Bedrohung ausgesetzt fühlte. Videokameras gab es damals zwar schon, man nannte sie» industrielles Fernsehen«- diese Technik war aber aufwendig, und die Kameras waren viel zu groß. Überwachungstechnik wurde auf der Baustelle also nicht installiert, offenbar auch keine Lichtschranken, keine Stolperfallen, von Selbstschußanlagen aus DDR-Produktion gar nicht zu sprechen. Besonders mannstark schien dieses geheime Objekt auch nicht umstellt worden zu sein. Das Volk wußte, daß es einiges nicht wissen durfte, und lugte meistens nicht einmal zwischen die Bretter der Zäune. Die Wachen hatten zwar einige Hunde, diese waren aber offensichtlich — abgestumpft durch die vielen Laster-Abgase und übersättigt von den Gerüchen aus einer Ausfluggaststätte in der unmittelbaren Nähe — etwas indifferent bis riechfaul geworden. Das hatte die Affenbande schon im Vorfeld in Erfahrung gebracht. Und obwohl man von den Bäumen der Umgebung das ganze Gelände problemlos überblicken konnte, entschied Dschagarow eines Tages, ein Kommandounternehmen zu starten.
— Eine Prüfung vor Ort ist immer besser. Dschagarow war ein erfahrener Anführer. Er teilte die Mannschaft in zwei Vorausspäher für die» eigentliche Operation «und in einen Basistrupp, der direkt auf dem Gelände Stellung beziehen sollte. Dieser Basistrupp sollte von einer ausgemachten Stelle aus die Fluchtwege — also die Schwachstellen des Zauns — überwachen und nach Möglichkeit freihalten. Dann gab es noch den» Schmiertrupp«. Ich stand als untergeordneter Räubergast also Schmiere — ganz allein. In der gerade laufenden Probephase hatte ich nur den Status eines Geduldeten. Während der Vorbereitung waren mir allerdings alle geheimen Kriegspfade der Bande im Hang unterhalb der sowieso immer bewachten Kramäf-Villa gezeigt worden — an sich schon ein großer Gewinn für mich. Ebenfalls vor der Aktion hatte ich von Dschagarow erfahren, woher er sein Wissen für derartige Einsätze bezog: Wenn seine tschechische Mutter nicht zu Hause war, sah er sich oft Kriegs- und Spionagefilme an, besonders gern bulgarische Spionagestreifen, die damals nicht zufällig so beliebt waren — sie hatten offenbar ein gewisses Niveau. Sie besaßen vielleicht sogar so etwas wie Realitätsnähe.
Unser Angriff auf die Verteidigungsbastion des Staates verlief völlig unspektakulär. Als einer der Späher hinter einem Sandhaufen einige Arbeiter mit Bierflaschen erschreckt hatte, kam es zu einem nicht besonders geordneten Rückzug der gesamten Mannschaft.
— Haut bloß hier ab, Mann! schrien die Männer gedämpft.
Auf dem freien Gelände hinter dem Zaun rannten wir anschließend nicht im Pulk auseinander und nicht in dieselbeRichtung. Daß wir uns so weitflächig verteilt hatten, war eher panikbedingt, entsprach nur teilweise unserem Plan» C«. Ich lief bis nach unten zur Moldau und dann sogar bis zui übernächsten Brücke. Anschließend wechselte ich auf die andere Moldauseite, ging am Landwirtschaftsministerium, an der Parteizentrale, an der Zentrale der weltumspannenden Gewerkschaftsbewegung und an der Juristischen Fakultät vorbei — und kehrte erst über die Karlsbrücke und die Kleinseite zurück. Als wir uns an einer verabredeten Stelle im Chotek-Park nach etwa zwei Stunden trafen, erfuhr ich, daß auf der Baustelle überhaupt nichts Verdächtiges zu sehen gewesen war. Natürlich auch keine einzige fallengelassene Kartoffel. Als ich meinem Vater von unserer Aktion und den Gerüchten über die Kartoffeln und das Krankenhaus — leise auf seinem Balkon — erzählte, sah ich ihn zum ersten Mal blaß werden. Er verriet mir nichts und verbot mir, Dschagarow in der Zukunft als meinen Kumpel zu betrachten. An den Wochentagen hatte mein Vater allerdings keinerlei Macht über mich.
In meiner unterbunkerten und umstellten Gegend reiften und wüteten — in anderen Bandenformationen als ich oder Dschagarow — unter anderem auch die rabiaten Monik-Brüder. Diese beiden hatten eine Schwester, die ich damals persönlich leider nicht kannte. Sie hieß Libuse Monikovä und sollte viel später eine bekannte Schriftstellerin werden. Libuse war in ihren jungen Jahren, wie ich jetzt weiß, im Gegensatz zu ihren Brüdern ein eher sanftes Wesen. Sie war um einiges älter als ich und fiel damals auch anderen Zeitgenossen nicht sonderlich auf — in motorisch-negativer Hinsicht wie ihre Brüder schon gar nicht. Der große Fünfzack hat uns allerdings alle geprägt.
Die Baustelle des Bunkers wurde irgendwann fertiggestellt und anschließend mit Erdreich abgedeckt. Die entsprechende Ecke des Park wurde wieder begrünt. Oberirdisch sichtbar blieben dort nur die vergitterten und in Friedenszeitennicht verbarrikadierten Schächte der Belüftungsanlage. Diese breiten Öffnungen wurden geschickt in einen Teil der alten Festungsmauer eingelassen. So etwas wie einen Eingang für das Volk gab es nicht. Unweit des Bunkerareals standen damals noch die kubistischen, schwarzgetünchten Holzbaracken des Studentenwohnheims KOLONKA. Dort hatte Anfang der fünfziger Jahre — also vor und nach meiner Geburt — der Schriftsteller Milan Kundera gewohnt, gelernt und als studentischer Vertreter gewirkt. An Dramatik hat es in meiner Gegend nicht gemangelt.
man wärmte sich die hände im Schneegestöber
Nach dem Einmarsch der befreundeten Armeen begann — wie schon berichtet — der massenhafte gesellschaftliche Abstieg der landeseigenen Eliten. Mutters Chefredakteur und etliche andere ihrer Kollegen wurden Fensterputzer oder einfache Arbeiter, viele Schriftsteller verschwanden in Heizungskellern, Historiker, Politologen und Philosophen mußten sich umgewöhnen und an ihren Werken nachts arbeiten, weil sie Nachtwächter geworden waren. Die gefährdeten Meinungsführer emigrierten vorsorglich — bei weitem aber nicht alle. Der blinde Klaudius hatte als Behinderter das Recht auf eine Schonfrist und durfte eine Weile namenlos seinen Untergebenen von früher zuarbeiten; nachdem er schließlich entlassen wurde, durfte er nur von Blindenwerkstätten beschäftigt werden. Meine zweisprachig aufgewachsene und viersprachig bewanderte Mutter wurde Übersetzerin. Wie es damals üblich war, brauchte sie dazu mindestens einen physisch existierenden und politisch unbelasteten Menschen, der ihr seinen Namen zur Verfügung stellte — die Übersetzungen wurden dann unter diesem Namen veröffentlicht. Diese Helfer hießen im Volksmund» Dachdecker«. Sie kassierten pro forma die Honorare und reichten sie weiter. Mindestens eine gutwillige Seele auf der Auftraggeberseite wußte auch Bescheid.