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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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Als meine Cliquenzeit anbrach, gab es die berüchtigte Affenbande nicht mehr. Lange Jahre hatte ich mich allerdings — fast durchgehend und trotz vielschichtiger Bedenken — von dieser Vereinigung stark angezogen gefühlt. Und als es einmal zu einer vorübergehenden Annäherung gekommen war, war ich überglücklich. Die geplante Kooperation hatte mir neue Perspektiven eröffnet, und ich konnte hoffen, wieder vergleichbar aufregende Dinge wie bei der Herstellung der Wurfgranaten zu erleben. Der Anführer der Bande war niemand sonst als der Bulgare Dschagarow — der ehemalige erfolglose Verderber unseres kambodschanischen Prinzen. Mit Dschagarow kam ich nur außerhalb der Schule schlecht klar. In der Schule waren wir uns wesentlich näher, er war so etwas wie ein Parallelentwurf von mir. Er hatte wie ich keinen richtigen Vater vorzuweisen und war als Bulgare sogar noch gebrandmarkter als ein einheimischer Jude. Nur mein kraushaariger zukünftiger Cliquenkumpel Sternküker — ein Sprößling aus einer hinterkaukasischen Familie — konnte sich mit ihm als Exot einigermaßen messen. Dschagarow brachte mir in der Schule die schlimmsten bulgarischen Schimpfwörter bei, allerdings mit der Warnung, sie auf keinen Fall zu verwenden.

— Wenn du so etwas zu einem Bulgaren sagst, schlägt er dich mit den Fäusten tot oder durchlöchert dich mit einem Maschinengewehr!

Da er beim Prinzen keinen Erfolg gehabt hatte, versuchte er nicht nur mich, sondern auch andere anfälligere Individuen zu verrohen — zunehmend mit Hilfe seiner exotischen Schimpfwörter. Die allerschlimmste dieser Beschimpfungen klang lautmalerisch und sogar ausgesprochen maschinengewehr-rhythmisch:»MAMATA GAMATA PUTKA MRSNA. «Da ich mich etwa vierzig Jahre lang an das Nutzungsverbot gehalten habe, konnte ich die versprochene Wirkung dieses Zauberspruchs nie nachprüfen — auch nicht die Richtigkeit dieses phonetisch so eindrucksvollen Satzes. Heute weiß ich: Dschagarow beherrschte seine Vatersprache nicht wirklich. Eine dreckige Mutterfotze kommt in dem Spruch zwar vor, vom Ficken ist darin allerdings — und in einem verbalen Angriff dieses Kalibers wäre dies ein Muß — nicht die Rede. Und» gama(ta)«bedeutet komischerweise» Tonleiter(die)«. Seinen magischen Phantasiespruch» Mamata gamata putka mrsna«übersetzte mir Dschagarow damals frei und einigermaßen richtig als» DIE FOTZE DEINER MUTTER IST DRECKIG«. Eine Tonleiter fehlte in der Übersetzung allerdings, statt» gamata «hätte es sowieso» gadna«(widerlich) heißen müssen — also» Mamata gadna…«.

Weil die Mitglieder der Affenbande sich im Hirschgraben und außerdem in den wilden Hängen, mit denen das Letnä-Plateau zur Moldau hinabfiel, perfekt auskannten, waren sie zum Zeitpunkt meiner Quasi-Aufnahme wie berufen dazu, die in diesem Gebiet stattfindenden Bauarbeiten auszuspionieren. Das Prager Volk munkelte damals, die Partei- und Staatsspitze baue sich dort einen Atombunker undverbinde durch Tunnel alle wichtigen Regierungsgebäude der Stadt miteinander. Diese Vermutung entsprach — wie man heute weiß — größtenteils auch der Wahrheit. Das geheimnisumtratschte Bauareal befand sich zwischen dem Gelände des ehemaligen Stalindenkmals und dem steil abfallenden Abkürzungspfad für Fußgänger — im Volksmund das» Mauseloch «genannt. Von unserem Haus aus gesehen lag es in südöstlicher Richtung. Damit bin ich bei der letzten Spitze meines fünfzackigen Drudenfußes angelangt, die letzte Lücke schließt sich — und ich habe inzwischen genügend Anhaltspunkte dafür, den Ort, an dem ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe, als vollständig umstellt zu empfinden.

Die Affen waren wegen des baulichen Angriffs auf ihr Gebiet schwer verärgert. Im Grunde agierte der Staat auf dem von ihnen beanspruchten Gelände, er schlug in die südöstliche, besonders unzugängliche Hälfte des Affenlandes tiefe Schneisen. Daß aus geographischer Sicht das Wirkungsgebiet der Bande durch das» Mauseloch «und die für den übrigen Verkehr bestimmte Serpentine immer schon zerschnitten war, war dagegen nie ein Problem gewesen. Man agierte gern in beiden Hälften des Hangs, hatte dank einer zwischen den beiden Teilen errichteten Fußgängerbrücke sogar die Möglichkeit, sich schnell auf das gegenüberliegende Gebiet zurückzuziehen. Die Affenbanditen waren sowieso immer viel beweglicher als alle ihre Rivalen. Als das Blut-Wasser-Gemisch in den Schienen ins Tal hinunterlief, umgingen sie durch ihre geheimen Pfade das polizeilich gesperrte» Mauseloch «und waren unten auf der Kleinseite schneller angekommen als das verdünnte Blut.

Für einen Bunker war die südliche Spitze des Letnä-Plateaus aus strategischer Sicht ideal. Die Prager Burg, der offizielle Sitz des Präsidenten, war relativ nah. Und mit Hilfe eines entsprechenden Verbindungstunnels konnte auch die nahe gelegene Militärakademie problemlos eingebundenwerden. Die dort gerade unterrichtende oder im nahen Generalstabsgebäude sicher oft anwesende Generalität mußte bei einem atomaren Schlag unbedingt mitgeschützt werden. Meine Straße befand sich ausgerechnet auf der geometrischen Verbindungslinie des Bunkers und der Burg, und ich hatte eine Zeitlang das Gefühl, aus der Tiefe kommendes Knattern von Preßlufthämmern zu spüren. Viele Jahre später war ich mir so gut wie sicher, diese Geräusche beim Bau der zweiten Prager U-Bahn-Strecke wiederzuerkennen. Die Metrolinie A wurde tatsächlich direkt unter unserem Haus gebuddelt — allerdings quer zu der seinerzeit nur phantasierten Bunkerverbindung zur Prager Burg. Wie ich jetzt weiß, wurde ein derartiger Geheimtunnel nie gebaut und war nicht einmal geplant worden.

In der Nähe der zukünftigen zentralen Bunkerblase lagen noch andere, für das Land überlebenswichtige Gebäudekomplexe. Das fliesenweiß leuchtende Innenministerium stand protzig nur einen Sprung hinter dem Gelände des Stalindenkmals, das Amtsgebäude des Ministerpräsidenten und der Regierung lag gleich unterhalb des» Mauselochs «an der Moldau. Der dazugehörige Eingang in die Eingeweide des Bergs war hier unten sogar sichtbar — getarnt als ein Tor zu einem Hochspannungstransformator. In der Nähe befanden sich — und das war mehr als günstig — außerdem noch das riesige Gebäude der zentralen Planungskommission und weitere Ministerien, wenn auch am anderen Flußufer. Dort thronte vor allem auch das eigentliche Machtzentrum des Landes — das Zentralkomitee. Und zum Zentralkomitee der Partei gehörte nun mal sein zentraler Wasserkopf — das schlagkräftige Politbüro, das den Schutz zuallererst nötig hatte.

Unter dem Areal des Stalindenkmals hatte man schon immer ausgedehnte Bunkeranlagen vermutet. Diese brauchten jetzt mit dem sich weiter ins Berginnere hineinfressenden Superbunker nur verbunden zu werden. Unsere ganzeGegend war sowieso schon voller unterirdisch geführter Rohre und geheimer Leitungen. Da man neben dem Hradschiner Burgareal und dem Veitsdom keinen hohen Schornstein aufstellen konnte, leitete man die Fernwärme zur Burg und anderen staatswichtigen Gebäuden aus einem weitentfernten Kraftwerk in Prag 7. Die Geometrie dieser heißen Verbindungen sah man deutlich im Winter, weil auf ihnen der Schnee nie liegenblieb. Sichtbar waren diese Spuren besonders auf den Rasenflächen der Parks. Eine dieser Tauspuren konnte ich direkt aus meinem Fenster sehen.

Der neue Bunkerkomplex wurde aber nicht nur beheizt, er war angeblich auch mit jedem anderen erdenklichen Komfort ausgestattet. Mitten im Berg sollte sich sogar ein modernes Krankenhaus befunden haben. Und nicht zu vergessen: An der äußersten Spitze des Letnä-Plateaus stand auch noch die bombastische Kramäf-Villa, die die Regierung als Gästehaus für hohe Staatsbesuche nutzte. Ein Staatsgast hätte im Notfall einfach mit dem Fahrstuhl oder mit einer Rutsche in das Innere des Berges hinabsausen und beispielsweise — wenn er Fidel Castro hieße — in der klimatisierten Intensivstation des Krankenhauses eine Zigarre rauchen können.

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