Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Der böse Schock kam, als nach dem Abriß die sonst verborgenen und öffentlichkeitsscheuen Häuserrückseiten zum Vorschein kamen — also die Hoffassaden der boulevardabgewandten Häuserzeilen, die stehengeblieben waren. Diese Fassaden waren nie dazu bestimmt gewesen, innenhof-fremden Blicken ausgesetzt zu werden. Auch als diese Fassaden noch neu waren, mußten sie nicht sonderlich repräsentieren, sie sollten nur einigermaßen funktional sein, mehr nicht; jetzt waren sie zu allem Unglück noch unvorstellbar dreckig. Wir schämten uns plötzlich für ihre Nacktheit, schämten uns gemeinschaftlich, schämten uns wie der Großteil der noch nicht ganz abgestumpften Erwachsenen von Prag 6. Diese Scham schien sich außerdem unabhängig davon zu entfalten, wie stark man sich mit den verbliebenen Häusern und ihren Bewohnern verbunden fühlte. Und man begriff, wie geheim es war, daß diese zerschundenen Häuserrücken so unansehnlich waren. Der immaterielle Part des aktuellen verkehrsplanerischen Angriffs — hinterrücks auf dem Umweg über die Ästhetik — war besonders empörend. Hier kämpften nicht ehrlich und frontal bemannte Bagger gegen unbemannte Häuser oder umgekehrt, hier wurden einfach entblößte Schamteile der verletzbaren Stadtseele jedem hergelaufenen Spießer zum Drauftreten vorgesetzt.
Die Unterwäsche auf den Leinen flatterte plötzlich ungeschützt vor Spannern jedes Geladenheitsgrades, die verschönerten oder umfunktionierten Balkone unter zerfetzten Markisen waren den Kommentaren aller bastelwütigen Besserwisser ausgesetzt. Andersfarbig angepinselte Fensterumrandungen klagten sich selbst an — denunzierten sich im Grunde als konzeptionslose und egoistische Übergriffe. Zusätzlich weinten viele der entsprechenden Fensterbänke links und recht wie aus wimperlosen Augenwinkeln, weil die modernen sozialistischen Wandfarben nicht wirklich wasserfest waren. Wir hätten mit den beschämten Fenstern gern gemeinsam geheult. Der Hauptgrund unserer Trauer war aber ein anderer — alle unsere Hof-Verstecke, in denen wir uns vor brisanten Konflikten oder nach erfolgten Angriffen sammeln konnten, waren nichts mehr wert, alle unsere Fluchtwege waren für jedermann einsehbar und lagen wie auf einem Präsentierteller.
Infolge der Verbreiterung der Chaussee ging naturgemäß das ganze dortige Leben zugrunde, und weil der Publikumsverkehr ausblieb, verschwanden aus den umliegenden Straßen nach und nach auch andere wichtige Geschäfte. In den verlassenen Ladenräumen wurden daraufhin Verkaufsstellen für betrieblichen Spezialbedarf untergebracht. Man konnte sich — täglich, wenn man wollte — unförmige Dichtungen für irgendwelche Grubenpumpen besorgen oder passende Tresore bestellen. In dem Geschäft für Tresore standen zu allem Unglück nur unansehnliche Geldkassetten im Schaufenster, weil man dort auf irgendwelche Probleme mit der Statik der Fußböden gestoßen war. Ein Tresor soll sich sogar eigenständig durch den Fußboden in den Keller verdrückt haben. Eine Sparkassenfiliale blieb der Bevölkerung als einzige erhalten — das muffige Geldgetue an deren Schaltern ging uns Nicht-Erwachsene aber noch nichts an.
Die Rückseiten der stehengebliebenen Häuser wurden irgendwann neu verputzt und gestrichen, schäbig und schamhaft sind sie aber trotzdem für immer geblieben. Mich macht ihr Anblick jedenfalls bis heute wütend. Die Zeit, in der ich mich beim Klettern über die Hofzäune unvorstellbar dreckig machen und Rückzugsmöglichkeiten hinter irgendwelchen suppenden Mülltonnen gebrauchen konnte, ging allerdings schon bald nach der Schändung und Zerschneidung meiner Gegend zu Ende. Und irgendwann wollte ich meine Zeit fast ausschließlich mit meiner Clique und für alle Spießer gut sichtbar verbringen — lieber auf einem Bürgersteig als in einem Hof und möglichst dort, wo ich gemeinschaftlich stören und bewußt provozieren konnte.
Der Stubenhocker Petr Skopka blieb natürlich weiter mein Freund und war wie gewohnt immer schwer beschäftigt. Er hatte inzwischen kaum Zeit, parallel zu seinen Stubenaktivitäten auch noch draußen im Freien Unfug zu treiben. Außerdem hatte er drei kaputte Finger. Wir trafen uns aber auch in früheren Phasen unserer Freundschaft manchmal längere Zeit gar nicht, sahen uns nur in der Schule. Das lag unter anderem daran, daß Skopka riskante Aktionenmit übertriebenem Körpereinsatz immer schon mißbilligt hatte. Auch aus einem ganz praktischen Grund — wegen seiner starken Brille war er viel zu lahm und langsam. Bei anspruchsvolleren Kommandounternehmen wollte ihn deswegen niemand dabeihaben. Zu einem Bruch kam es zwischen uns beiden trotzdem nie. Kurioserweise verrieten wir in der Schule beide niemals restlos, wie viele Gemeinsamkeiten uns eigentlich verbanden. In der Cliquenzeit entfremdete ich mich meinem lieben Petr leider noch etwas mehr, viel mehr, als unserer Freundschaft guttat. Petr war für die clique-üblichen Umgangsarten psychisch aber wirklich nicht passend gerüstet. Und ich hätte ihn wegen des sich abzeichnenden Sitten- und Fleißverfalls dort sowieso nicht gern als Zeugen gehabt.
— Ihr steht die ganzen Nachmittage nur so herum, ist das nicht langweilig, Georg?
Er verabscheute Herumlungern wie die Pest. So reiften wir beide noch etwas unabhängiger voneinander als in der Vergangenheit, verloren uns aber trotzdem nie aus den Augen. Manchmal tauschten wir uns auf dem Schulweg aus — intensiv und wie unter Zeitdruck; Skopas Aufklärungskampagne, bei der reichlich Vaginalduft aufgewirbelt worden war, lag weit hinter uns. Die Themen wechselten sich schnell ab, und ich war froh, als Skopka wieder einmal schwach wurde. Er hatte als aufmerksamer Beobachter der Realität bemerkt, daß der auf den Hinterbeinen stehende Löwe im tschechoslowakischen Staatswappen außer einem Doppelschweif am Hintern auch vorn einen fast richtigen kleinen, allerdings hodensacklosen Schwanz hatte — getarnt in Form eines Fellzipfels. Der auf Kontinuität bedachte Skopka pflegte noch immer seine schon in der frühen Kindheit angelegte Briefmarkensammlung, und so konnten wir die wechselnde Gestaltung des tschechischen Löwen mit einer Lupe studieren. Wir waren erleichtert, daß niemand auf die Idee gekommen war, den tierischen Penis durch das slowakische Wappen oder den fünfzackigen Stern zu verdecken. Für Skopka war es ein besonderes Ereignis, als unser Arbeiterpräsident Novotny eines Tages überraschend zum schönsten Staatsmann der Welt gekürt wurde. Auf den Briefmarken sah er wirklich wie ein Edelmann aus. Diese Auszeichnung hatte ihm zwar nicht die UNO, die WHO oder UNESCO verliehen, sondern ein internationaler Philatelistenverband, aber immerhin. Skopkas Stolz auf unser Land fand ich in diesem Zusammenhang etwas übertrieben, auch weil unser Präsident eher als eine dumme Witzfigur angesehen wurde. Im Parteijargon hieß er sogar» Das blasse Nichts«. Aber bei allen unseren Differenzen — Petr und ich gingen miteinander immer vorsichtig und respektvoll um. Und er war seinerzeit beispielsweise froh, daß ich nie ein festes Mitglied der allseits verschrieenen Affenbande geworden war.