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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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Über die technische Seite der Schreckensherrschaft der Prager Müllarmee sollte man einiges wissen: Die Mülltonnen der Firma MEVA hatten damals nicht nur keine eingepreßten Chips in ihren Bodys wie ihre heutigen Schwestern, sie hatten nicht einmal eigene Räder. Und sie waren auch im leeren Zustand — weil sie aus massivem verzinktem Blech gefertigt waren — relativ schwer. Sie hatten aber wenigstens keine Ecken und konnten von den Entsorgungsspezialisten in Schräglage auf der Kante fortbewegt werden. Sie wurden unter Zuhilfenahme des Deckelgriffs, der so als Knauf genutzt wurde, GEROLLT. Das geschah einhändig und sah überraschend ästhetisch aus. Wenn genug Platz da war und viele der rundlichen Tonnen gleichzeitig entsorgt werden mußten, rollte ein Mann in der Regel zwei Tonnen auf einmal — mit jeder Hand eine, gegenläufig, versteht sich. Beide Tonnen waren dabei zu seinem Körper hin geneigt — die linke drehte sich im Uhrzeigersinn, die rechte andersherum — , und so ging es schnell geradeaus. Die geschickte und gestählte Muskelmasse des Mannes, die Trägheit der Tonnen oder vielmehr die Trägheit des gesamten Körper-Tonne-Gesamtgefüges dominierten dann das Geschehen. Ein unvergeßlicher, göttlicher Anblick war das!

Bei dem Rollmarsch dieses panzerähnlichen Mensch-Tonnen-Vehikels hatte — wenn der Tonnenlenker sich dem Spottseiner Kollegen nicht ausliefern oder die Häme seitens der Bevölkerung nicht einhandeln wollte — seitlich nichts zu wanken, der Steuermann durfte sich die Richtung nicht von den Tonnen diktieren lassen, er und nur er hatte bei seiner Fahrt das Gewaltmonopol. Die Männer wußten natürlich, daß sie gleichzeitig Objekte der Bewunderung waren — und sie genossen es im Verborgenen auch. Sie waren so etwas wie Magier, Akrobaten und Dompteure in einem, Tänzer der Schwergewichtsklasse, für mich waren sie die Meister aller Schwergewichtstanzverbände der Welt. Sie waren jederzeit in der Lage, einer fast unzähmbaren, wild rotierenden Doppelmasse eine gewisse Ruhe zu geben und einen konstanten Richtungsvektor vorzuschreiben — und dies ausgerechnet mit Hilfe ZWEIER Lenkräder. Wo gibt es auf der Welt etwas ähnlich Unmögliches? Was sie uns regelmäßig vorführten, war einfach hohe Kunst.

Das Vorwärtskommen bedurfte allerdings eines hohen Grades an Konzentration. Ein starrer, schräg zum Boden gerichteter Blick gehörte dazu. Und so gesehen konnten dabei Fußgänger, Kinderwagen oder Haustiere unmöglich beachtet und geschont werden, plötzliche Ausweichmanöver wären auch beim besten Willen nicht durchführbar. Die Fußgänger und ihre Hunde mußten selbst sehen, wo sie blieben, wohin sie sich in Sicherheit bringen konnten. Sie hatten frühzeitig oder eben im richtigen Moment zur Seite zu springen. Auch die tauben, blinden oder behinderten Menschen unter ihnen sollten das Zittern der Bürgersteige in ausreichender Vorwarnzeit spüren lernen.

Die Arbeit der Männer konnte in Prag niemand auf die leichte Schulter oder unter die leise Fußsohle nehmen. Wenn diese oft bärtigen Bärenmänner — es waren tatsächlich richtige MÄNNER! — ihren großen Auftritt hatten, dann herrschte Krieg. Die meisten Menschen, die gerade unterwegs waren, achteten auf einen ausreichenden Sicherheitsabstand, blieben ebenfalls lieber in Bewegung — siewechselten flink die Straßenseite, verteilten sich dynamisch um das Epizentrum des Sturms. Nur Dummköpfe blieben stehen und glotzten. Wenn eine Tonne nach dem Um- und Auskippen ausgeklinkt und auf die Pflastersteine der Straße fallengelassen wurde, hörte sich das an wie ein Kanonenschuß. Die Tonnen wurden anschließend gegen Bordsteinkanten geknallt, sie wurden über Stufen, Treppen und Treppchen gerollt — und wenn es nötig war, führte die Rolltour auch durch Hausflure, Durchfahrten, Höfe und Einfahrten. In resonanzstarken Gewölben dröhnte es dann wie in der Hölle, wie in den Kathedralen der gefallenen Engel. Und wenn die Männer weitergezogen waren, sah es — nach der überall verstreuten Asche oder den verschütteten farbenfrohen Flüssigkeiten zu urteilen (oft waren rote oder rotbraune Soßen dabei) — tatsächlich wie nach einem Krieg aus. Man konnte sich ohne weiteres vorstellen, durch die Straßen wären gerade feindliche Kämpfer gezogen, mordend und brandschatzend.

Auf einer solchen Tour hätte man beinah die Leiche meiner Großmutter Lizzy zurückgelassen. Die gewissenhafte Lizzy sah auf dem Bürgersteig ein Stück Abfall und hob es in ihrem sittlichen Streben nach gemeinschaftlicher Vervollkommnung der Stadt umgehend auf. Der ankommenden Tonnenwalze wollte sie es anschließend übergeben und dem Tonnenlenker mitteilen, daß dieses Abfallstück einem vorauseilenden Kollegen aus einer der bereitgestellten Tonnen herausgefallen war. Zu der Übergabe kam es nicht. Lizzy wurde mit voller Wucht angerollt und umgeworfen.

— Blöde Kuh, schrie sie der Mann an, wo hast du deine Arschaugen?

Ein jüngerer Müllmann erschrak und wollte der alten Frau wieder auf die Beine helfen, in Sekundenschnelle bekam er dafür einen kaltblütigen Faustschlag in den Rücken.

— Renn lieber um die Ecke, du Idiot! Wenn ich dort warten muß, gibt es noch mehr davon!Mein Schlachtplan für die nächste Zukunft war klar: Wenn schon auf den Müllgrund sinken, dann wirklich, wenn schon manuell arbeiten, dann dort, wo der Sozialismus am häßlichsten war. Ich wollte mich ekeln und den zivilisatorischen Überresten so nah wie möglich kommen. Es sollte mich aber noch viel Mühe kosten, bis ich in meinen erträumten Dreck eintauchen durfte. Die Müllabfuhr sollte es aber unbedingt sein. Ich hatte das Getue der Müllmänner sowieso schon lange im Visier, und der seltsam stabile, fast inhaltsunabhängige Gestank ihrer Tonnen lag seit meiner Kindheit fest in meinem Geruchsgedächtnis gespeichert. Und als klar wurde, daß ich bei der Prüfung meines Haßfaches» Die Geschichte der Arbeiterbewegung «nur durchfallen konnte — es hätte aber, wenn ich unvorsichtig oder sogar ausfällig geworden wäre, noch schlimmer kommen können — , verließ ich eines Tages meine grauenhaft verschulte und ideologisch immer wachsamer werdende Universität. In dieser hochschulähnlichen Einrichtung, die man nach heutigen Maßstäben schwer eine Universität nennen könnte, fühlten sich nur kindische, politisch vertrottelte Kleinstadtelemente und Halbgeister wohl. Ich mußte mir jeden Tag ansehen, wie meine Mitstudenten nach den mit ordinärem Klingeln beendeten Vorlesungen wie Herdenwesen die Treppen heruntertrampelten und dabei vergnüglich juchzten. Und ich mußte mich dagegen wehren, mich von ihrer Fröhlichkeit animieren zu lassen. Sie, die mehrheitlich aus der Provinz kamen, waren voller Begeisterung auch aus dem Grund, weil sie ihren Provinzstädten entfliehen und die Hauptstadt Prag bevölkern durften. Sie ahnten nicht, wie grauenhaft sich Prag inzwischen verändert hatte. Ich hatte mich von diesen Leuten nicht einmal verabschiedet, war frei und ging in das zentrale Personalbüro des Müllimperiums.

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