Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
An Dana störten mich plötzlich Dinge, die ich früher eher reizend fand, und was mich schon immer gestört hatte, störte mich jetzt dreifach. Teilweise begann ich mich voreinigen Dingen bei ihr zu ekeln. Die überall vorhandenen Dreckkulturen rüsteten weiter auf und waren dabei, auch meine eigenen Körperöffnungen und Schleimhäute anzugreifen — vollkommen kulturlos.
— Ausfluß — so etwas hatte ich noch nie! Ist das Ausfluß? Die ganze Sudelwirtschaft, das Unkonventionelle daran, verlor rapide an Frische und Anziehungskraft. Und ich sah Danas Keimaufzuchtsfarm immer mehr ihre wenig putzigen Perspektiven an. Einmal entdeckte ich in der uralten Waschmaschine nasse» saubere «Wäsche, die Dana vergessen hatte aufzuhängen.
— Wie lange liegt das Zeug schon drin?
— Hab ich vergessen… drei, vier Tage vielleicht.
— Das Zeug gärt schon. Und stinkt! Hast du überhaupt Waschpulver?
Was im Haus außerdem stank, waren alle Wisch-, aber auch Waschlappen. Danas Lappen für die Körperpflege wurden grundsätzlich nie in die Dreckwäsche getan. Außerdem wurden sie, weil sie nicht luftig aufgehängt wurden, nie richtig trocken. Der Faulgeruch, den sie nach einer gewissen Zeit verbreiteten, war immer der gleiche. Nach der Theorie von Dana wuschen sich die Lappen bei der Säuberung der Körperoberfläche selbst mit. Dank Seife, Reibung und gründlicher Spülung seien sie die Sauberkeit selbst, meinte sie. Daß die Lappen voller abgeschabter Hautpartikel, Hautfett, Hautbakterien sein mußten, ließ sie nicht gelten. Ich versuchte es mit kurzen Vorträgen.
— Die ganze Feuchtigkeit zieht aus dem Bad nicht weg und kondensiert. Und deine Lappen sind voller Leben, zucken schon. Biologie ist langweilig, einiges habe ich inzwischen aber mitbekommen.
— Ich schmeiß die Lappen ab und zu weg. Sie fühlen sich mit der Zeit etwas klebrig an, vielleicht hast du recht.
— Dein Bad ist eine einzige Schimmelzelle — dein grüner Salon.Danas Küche sah in der Regel auch gräßlich aus. Daß Tassen und Teller mehrmals genutzt wurden, war noch das geringste Problem. Dana ließ auch ungewaschene Töpfe und Pfannen tagelang herumstehen, bis alle daran klebenden Reste festgetrocknet waren und sich tatsächlich schwer abwaschen ließen. Das Fett wurde ranzig, verharzte nach und nach auch auf den Metall- und Holzgriffen. Für den Kampf gegen die diversen Verkrustungen erfand Dana irgendwann eine naturnahe Methode. Sie trug die unerfreulichsten Krustenträger zu einem nahe gelegenen Bach, legte sie in die Strömung und beschwerte sie mit Steinen. Manchmal vergaß sie dort die Töpfe oder Pfannen tagelang, fuhr weg. Nach starken Regenfällen mußte sie in hohen Gummistiefeln ihre Küchenausrüstung suchen gehen. Oft waren die einzelnen Stücke auf Hunderten von Metern verteilt, manche verschwanden in verschlammten Biegungen des Baches für immer. Danas Reinigungsmethode hatte noch einen Schwachpunkt: Im kalten Wasser blieb alles Fette weiter fett, nach dem Einsammeln mochte man nichts anfassen — man blieb an der Fettschicht regelrecht kleben. Ich kannte das von meinem Vater.
Danas Haushalt hatte mich früher allerdings auch mit beglückenden Erlebnissen beliefert — mit Zeugnissen der fluidalen Selbstreinigung beispielsweise. Ich hatte beobachtet, daß die allgemeine Verdreckung nicht so stark anwuchs, wie sie aufgrund des ständigen Neuzuwachses theoretisch hätte wuchern müssen. Ein Teil des Drecks war mit der Zeit doch verschwunden — irgendwann, irgendwohin, ohne jegliches Fegen, Wischen oder Wienern, ganz und gar unauffällig. Die in Ruhe gelassenen Dreckpartikel verteilen sich offenbar eigenständig, setzen sich neu zusammen — und diejenigen, die sich gerade in einem Bewegungs- oder Transformationsprozeß befinden, werden gerechtigkeitshalber nicht zum Dreck gezählt. Während der umfangreichen Selbstreinigungsprozeduren werden die eigentlichen Dreckpartikel notgedrungen dauernd zerdrückt, eingerieben, weitergereicht — oder sie fressen sich eigenständig in irgendwelche geheimen Verstecke ein. Nebenbei werden sie ab und zu abgeleckt, eingezutscht, resorbiert, bei gegenläufigen Aktivitäten wiederum sauber ausgeschieden, aufnahmefreudig verdünnt, verlustreich pulverisiert — und sie fliegen anschließend mit irgendwelchen Vögeln als Kot in Richtung Mittelmeer. Mit diesem reinigenden Abtransport beziehungsweise der oberflächenaktiven Tiefenzirkulation schien es bei Dana irgendwann vorbei zu sein.
Einmal überraschte uns eine größere Gruppe Bekannter, die Dana spontan besuchen wollte. Das erste, was wir von diesen Leuten zu sehen bekamen, war ein Schuh mit einer zertretenen Kackwurst. Eine junge Frau war knapp vor Danas Hof in einen Hundehaufen getreten.
— Muß ich irgendwie abwaschen, sagte sie und ging schnurstracks zum Spültisch.
Niemand hielt sie auf, niemand sagte etwas, Dana schon gar nicht. Ich wollte eine Weile nicht glauben, daß das, was diese Frau möglicherweise vorhatte, tatsächlich passieren würde. Im Abwaschbecken lagen noch ungewaschene Teller und Bestecke. Die Frau drehte den Wasserhahn auf und ließ den Dreck von ihrem Schuh herunterlaufen und herumspritzen. Der ursprüngliche Tellerdreck erstrahlte kurz in seiner gerade beendeten Noch-Eßbarkeit. Man hätte es als eine anschließende Rache bewerten können, daß die Gemüsesuppe, die Dana ganz und gar unschuldig zu kochen begann, voller seltsamer kleiner Nudelchen war — für Teigwaren sah diese Einlage aber viel zu organisch, um nicht zu sagen lebendig aus. Als ich beim Essen begriffen hatte, daß es sich um Würmer handelte, kippte ich meinen Teil der Wurmkolonie in den Ausguß — also zu den inzwischen fast vergessenen Kotspritzern. Allerdings mußte ich die anderen Gäste zu Ende essen lassen.
Nebenbei hatte ich wenigstens Zeit, die Würmerquelle zusuchen. Die Reste der Brut fand ich schließlich im Gefäß mit getrocknetem Wurzelgemüse. Die Würmer zappelten nicht, waren irgendwann mitdehydriert worden. Die gutgewürzte Suppe wurde von allen gelobt. Daß Dana ihre Gäste bewirtete, war an sich eine Ausnahme. Normalerweise kümmerte sie sich um nichts weiter, wenn Besuch kam. Sie wartete eher, bis die Leute ihre Verpflegung und/oder auch Unterbringung selbst in die Hand nahmen — und beobachtete interessiert, wie unterschiedlich sie es taten.
Die vielen organischen Reste, die in der Küche überall gut erreichbar lagerten, lockten seit langem unterschiedliche Ameisenvölker ins Haus. Ihre Wander- und Umzugsrouten wurden regelmäßig frequentiert, und die Streckenführung quer durch die Räume blieb relativ konstant. Wenn im Abwasch etwas Leckeres übriggeblieben war, nahmen die Ameisen gern auch einen größeren Umweg in Kauf. Hinterher war alles blitzblank. Besonders rege waren die winzigen Pharaoameisen — und diese kamen eines Tages sogar direkt aus dem Ausguß gekrochen. Dana unternahm auch gegen diese Plage nichts weiter, da sie von anderen Heimgesuchten Bescheid wußte:
— Die wird man sowieso nicht los.
Daß mich Danas Hygiene-Ignoranz anfangs so anzog, wurde mir langsam unheimlich. Bei uns zu Hause wären manche Dinge nie möglich gewesen, nie zugelassen worden. Eines war bei der Anzahl von Frauen allerdings nicht zu verhindern — bei uns wurde dauernd menstruiert, pausenlos sah man irgendwo breitgeklatschte Blutstropfen liegen, und mir hatte diese — kriegsbedingte, dachte ich — Bluterei früher so viel Angst gemacht, daß ich über ihre fortpflanzungstechnische Seite lange nichts wissen wollte. Dabei war sie mir irgendwann diffus erklärt worden. Trotz (oder wegen?) der harten Lager jähre — in der Zeit blieb die Menstruation grundsätzlich weg — bluteten manche der Damen bis ins hohe Alter, jedenfalls überraschend lange.Eine wirklich scheußliche Angelegenheit passierte bei uns zu Hause nur ein einziges Mal. Schuld daran war allerdings die von den Tschechen übernommene Leidenschaft für Kuttelflecke. Die zerklüfteten Kutteln stammen bekanntlich aus dem ersten Rindervormagen, dem Zottenmagen. Dort finden zwar zum Glück lediglich die ersten Zersetzungsprozesse statt, trotzdem müssen die Kutteln ordentlich gewaschen werden. Großmutter Lizzy war einmal etwas verträumt und warf die Kutteln, die vom Schlachter nur grob abgespült worden waren, leider gleich ins kochende Wasser. Die Suppe wollte später allen, die sich für sie angemeldet hatten, nicht so recht schmecken. Nachdem das Geschmacksproblem analysiert worden war, einigte man sich auf eine positive, egal wie halbkorrekte Abschlußformeclass="underline"