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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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— Mir gefällt die Arbeit.

— Wir nehmen Sie nicht.- Sie brauchen doch Leute, überall steht das.

— Ich kann Sie mit den Männern nicht zusammenarbeiten lassen, das stehen Sie niemals durch.

— Ich schaffe alles. Das sind eben richtige Männer, ich komme dort schon klar.

— Es kommt nicht in Frage, Sie wissen über die Arbeit gar nichts. Man steht um vier Uhr früh auf, alle sind etwas mürrisch. Manche Kollegen haben außerdem — ich meine HATTEN immer wieder mal — leichte Alkoholprobleme…

— Mir ist alles recht.

— NEIN!!! - und diese Antwort war endgültig.

Später habe ich es zwar doch noch geschafft, mich unter die Müllbeseitiger zu mischen, in Prag habe ich mir aber erst einmal einen anderen Traum erfüllt. Ich wurde Fahrer bei der staatlichen Wohnungsbauverwaltung im Zentrum unserer ergrauten Stadt, konnte den ganzen Tag mit einem Kleinlaster herumkurven, in den engen Straßen und auf dem wackeligen Pflaster Stadtrallye fahren, Menschen und andere rennende Hindernisse zur Seite scheuchen. Wenn ich schlechte Laune hatte, konnte ich das Auto, das mir nicht gehörte, nach Belieben quälen. Als ich eines Tages eine ganze Ladung Toilettenbecken geladen hatte, wurde ich regelrecht euphorisch. Ich hatte es fast geschafft! Ich war endlich ungefähr dort, wo ich die ganze Zeit hatte sein wollen — auch wenn ich mit dem Dreck erst einmal nur indirekt zu tun hatte. Meine Kloschüsseln waren unbenutzt, ich war vorläufig noch auf der saubereren Seite des Dreckgeschäfts.

Um mich herum wuchsen gleichzeitig Bedenken. Nachdem ich nach der Arbeit — wie ein richtiger Mann eben — in der einzigen ernstzunehmenden Kneipe unserer Gegend ein großes Bier bestellt hatte, wackelte der alte Kneipier ausnahmsweise schwermütig mit dem Kopf und sagte:

— Du trinkst jetzt also auch. Wie alle anderen. Wie heißt du eigentlich?

— Georg.Bis dahin hatte mich der sonst eher cholerische Mann nur als einen Frischling gekannt, der an seiner strategisch einzigartig liegenden Eckkneipe — sie liegt gegenüber dem barocken Tor und heißt bis heute» Na valech«, was so viel wie» Auf den Schanzen «bedeutet — immer nur brav vorbeigegangen war oder am massiv gemauerten Zaun auf der gegenüberliegenden Straßenseite mit anderen Halbstarken und ihren Bräuten stundenlang herumgestanden und sich des Lebens gefreut hatte. Die Bedenken der Intellektuellen, die um meine Mutter schlichen, waren noch ernster.

— Reise lieber aus, Georg, hau einfach ab, sagte einer immer wieder. Ihr verblödet hier alle. Eine ganze Generation ohne Bildung, das wird grauenhaft. Nur Trottel und politische Schleimer studieren noch. Geh in den Westen.

Solche Sprüche heizten in mir leider gewaltige Ängste vor Gehirnerweichung und meiner drohenden Degenerierung an. Ich fühlte mich intellektuell tatsächlich stark unterfordert. Ich wollte zwar Menschen und das rauhe Leben im Abseits studieren, über das alles irgendwann auch schreiben, verblöden wollte ich dabei aber auf keinen Fall. Meine Texte sollten Niveau haben, die Stärken von Hemingway, Dos Passos, Saroyan, Kerouac und Hrabal vereinen und mich aus den gesellschaftlichen Sümpfen irgendwann wieder nach oben bringen. Um nichts auf der Welt durfte ich — eine bessere Metapher dafür gibt es für mich bis heute nicht — zum onanierenden Schotten am Brunnenrand werden. Dieser Schotte aus einem typischen Schottenwitz war damals in aller Munde. Der onanierende Mann spritzt sich nebenbei Wasser aus dem Brunnen in den Mund und sagt:»Whisky und Frauen, das ist für mich das Allergrößte.«

Tagtäglich konnte ich sehen, daß der Sozialismus zwar nicht besonders gut funktionierte, trotzdem war es verwunderlich, daß er überhaupt noch funktionierte. Dazu gab es verschiedene Theorien. Ein philosophisch begabter Brötchenausfahrer, der früher Baßgitarrist einer bekannten Rockband war, offenbarte mir in einer Kneipe seine originäre Brötchen-Theorie. Die Bäcker stünden auch im Sozialismus unter dem Zwang, jeden Tag Unmengen von Brötchen zu backen — und das tun sie, weil sie auch welche essen wollen. Außerdem wollen morgens auch alle anderen Menschen frische Brötchen essen — sonst gäbe es im Land bald gefährliche Aufstände. Und so springe der Motor der ganzen Gesellschaft jeden Tag in der Frühe überhaupt an, meinte mein neuer Freund. Andere Arbeiter, so wie Ingenieure, Putzfrauen oder Wissenschaftler, wüßten dann ganz genau, daß sie auch ein bißchen würden arbeiten müssen, um beim Bäcker am nächsten Tag wieder ihre Brötchen zu bekommen. Sie würden nicht allzuviel arbeiten müssen, aber gerade so, daß das wirtschaftliche Gemeinwesen, an dessen Anfang die am frühesten aufstehende Bäckergilde stünde, am Funktionieren gehalten würde.

Der Sozialismus funktionierte in gewissen Grenzen tatsächlich. Und tatsächlich hatte er das der Initiative und Kraft vieler verantwortungsbewußter Menschen zu verdanken, die nicht stillsitzen konnten, die ihre Arbeit ernst nahmen und auch nicht zuließen, daß die antriebsschwächeren Teile der Gesellschaft mit einem Bummelstreik das Land lahmlegten. Viele dieser Fleißigen schufteten sich dabei — unglücklich über so viel Ignoranz und Idiotie um sie herum — regelrecht kaputt. Sie opferten sich für einen Staat, der nicht dankbar sein konnte, der sich selbstzerstörerisch auffraß und dessen Seele schon seit langem tot war.

nun haben wir, was wir wollten

In den goldenen Sechzigern belegte man etwas liberaler gesinnte Parteifunktionäre gern mit einem paraphrasierten Friedrich-Engels-Zitat:»DER ANTEIL DER OHRFEIGE AN DER MENSCHWERDUNG DES FUNKTIONÄRS«. Mit der allgemeinen Menschwerdung ging es damals tatsächlich vorwärts. Und man sah nicht allzugern zurück, die blutigen Siege sollten irgendwann doch lieber vergessen werden. Schließlich hatte unser schöner Präsident Novotny schon im Jahre 1960 den endgültigen Sieg des Sozialismus verkündet und damit alle Feinde des Fortschritts für abgeschafft erklärt. Die Inhaftierten wurden nach und nach im Stillen freigelassen, juristisch rehabilitieren wollte man sie vorsichtshalber aber nicht. Rehabilitiert wurde in den sechziger Jahren schließlich nur eine kleine Minderheit — die Opfer der innerparteilichen Säuberungen.

Was die fünfziger Jahre betrifft, waren für meine Mutter und ihre Freunde höchstens die Slänsky-Prozesse ein Thema gewesen. Dieses Justizverbrechen mauserte sich mit der Zeit zu einer Art Vorzeige-Schattenseite des damaligen Regimes. Dabei war Slänsky — parteiintern schon in den dreißiger Jahren» zrzavä potvora«,»DAS ROTHAARIGE MISTVIEH«, genannt — selbst ein furchtbarer Stalinist.

Bei uns zu Hause spielten die Verbrechen des Staates nur punktuell eine Rolle. Zum Beispiel wenn Herr Eisler zu Besuch war, der nach seiner Rückkehr aus der englischen Emigration verhaftet und zu zwölf Jahren wegen Spionage verurteilt worden war. Oder wenn man einem der gebrochenen» kleinbürgerlichen Elemente «zufällig auf der Straße begegnet war.- Er war ein großzügiger netter Mann, hatte die ruhigsten Hände, die ich je gesehen habe. Jetzt sieht er vollkommen durchsichtig aus.

— Wer war das? fragte ich nach der Begegnung.

— Ich habe in seiner Möbelfirma im Büro gearbeitet — vor dem Studium.

Meine Mutter erzählte mir im Laufe der Jahre über einige Begegnungen dieser Art. Manche der Menschen, die» Pech gehabt hatten«, erkannte man kaum wieder, sagte sie. Sie würden schleichen, statt zu gehen — als ob ihr seitlich orientiertes Humpeln mit der Gehrichtung nicht harmonieren würde.

— Ich habe Sie beinah nicht erkannt, begrüßte meine Mutter einmal einen bekannten Bohemisten, der als Katholik das kommunistische Regime von Anfang an nicht angenommen und viele Jahre im Gefängnis verbracht hatte.

— Schön, daß wir uns treffen! Bin so froh, gerade Sie zu sehen, rief Herr Professor begeistert. Mir geht es leider nicht gut, wissen Sie, ich lebe sehr isoliert — und weit draußen an der Peripherie. Außerdem bin ich vollkommen allein geblieben.

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