Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
— Das tut mir furchtbar leid.
— Als ich im Gefängnis war — vielleicht haben Sie davon gehört — , hat sich meine ganze Familie mit Pilzen vergiftet. Ich durfte nicht mal zur Beerdigung.
— Ja, natürlich, ich weiß das. Wir alle waren furchtbar empört. Sie haben noch viele Bewunderer, wissen Sie das? Viele Ihrer Schüler denken oft an Sie.
— Das freut mich, das freut mich sehr.
— Wissen Sie, ich bin gleich nach dem Krieg und dem Lager Kommunistin geworden, nicht erst nach Achtundvierzig. Im Krieg haben die Kommunisten die meisten Opfer gebracht.
— Das sagt die offizielle Geschichtsschreibung, meineLiebe — unter uns gesagt. Ich gebe euch jungen Menschen aber keine Schuld, Ihnen schon gar nicht. Aber wissen Sie, wen ich neulich getroffen habe?
— Ja?
— Den blinden Klaudius, er lief völlig allein herum. Er war auch mein Schüler, als ich noch unterrichten durfte. Er macht sich bis heute furchtbare Vorwürfe wegen der Säuberungen von damals. Die jungen Kommunisten haben an der Fakultät furchtbar gewütet — das ist wahr.
— Klaudius ist bald selbst unter die Räder gekommen.
— Zum Schluß haben wir zusammen sogar gesungen, stellen Sie sich das vor. Ich habe meine Lebendigkeit auch nicht ganz verloren.
— Kläda singt ja so gern.
— Und er hat auch Humor. Wir gingen in eine Kneipe, tranken etwas und sangen dann — leise, versteht sich — das alte Aufbaulied:»Ted' kdyzmäme, co jsme chteli…«-»DA WIR NUN HABEN, WAS WIR WOLLTEN«. Aber lassen wir das, das Leben geht weiter. Sie sind so wunderbar jung geblieben — trotz des Lagers!
— Sie haben doch viel mehr hinter sich, Herr Professor, bei mir waren das nur drei Jahre — und ich war viel jünger.
— Es war nicht so schlimm, für meine Familie war es viel schlimmer. Was mich betrifft, habe ich furchtbar viel Zeit verloren. Acht Jahre — meine Arbeiten bestehen aus einem Haufen von Fragmenten. Und jetzt spielen meine Augen nicht mehr mit.
ihre Waschlappen waren voller hautpartikel, hautfett und hautbakterien
Dana besuchte ich in größeren Abständen weiter, natürlich heimlich, und wir schliefen fleißig miteinander. Mir war sowieso nicht klar, wie diese Gewohnheit beendet werden sollte. Körperlich ging alles wunderbar widerstandslos von der Hand und vom Glied — außerdem wie immer wortlos, ohne anstrengende Vorspiele mit Annäherungsdiskussionen oder Fragestunden. Wenn ich Lust hatte, konnte ich ihr dort, wo sie gerade war, die Hose herunterziehen und sie in den unmöglichsten Stellungen besamen. Auf dem Küchentisch, im Bad auf der Waschmaschine, im Flur an der Wand oder sonstwo einfach freistehend — ob sie momentan gerade ihre Tage hatte oder nicht. Beim Planen meiner Besuche konnte ich mich danach gar nicht richten. Als aus ihr einmal ein ganzer Rühr&Gerinn-Blutkuchen mit Spermagarnierung herausfiel und auf den Fußboden klatschte, kommentierten wir es lieber nicht.
Weil es wegen unserer Stummheit nie klar war, ob und wann Dana einen Orgasmus hatte, gewöhnte ich mir an, oft als erstes ihre Klitoris mit dem Mund zu verschlingen, bis sie sich durch ihre Atmung verriet. Wirklich behaglich war mir bei unserem körperreduzierten Getue irgendwann nicht mehr. Wir wurden und wurden uns trotz der vielen Schleimitäten überhaupt nicht vertrauter. In meiner eingenebelten Zukunft kam Dana vorsichtshalber nicht vor. Und sie ließ mich im Gegenzug auch einfach zappeln — einfach aus Ratlosigkeit, denke ich. Wie konkret sie sich mit ihrer eigenen Zukunft beschäftigte, wußte ich nicht.
— Woran denkst du, traute ich mich manchmal zu fragen.
— An gar nichts weiter.- Ich sehe schon an deiner Körperhaltung, wenn du ganz woanders bist.
— Es waren gar keine Gedanken, nur schwimmende Bilder.
— Aber an etwas hast du dabei doch gedacht.
— Ich habe nur gebildert.
Zum Ausgleich führten wir gelegentlich überraschend geistbeladene, aber vollkommen unpersönliche Gespräche. Mich trieb mein postpubertäres Bedürfnis, mich fürs Höhere vorzubereiten, und ich hörte Dana oft einfach nur geduldig zu. Ich bewunderte sie, und sie genoß es. Dabei hantierte sie beim abstrakt-formalen Theoretisieren schon immer mit nur angedeuteten Denkfiguren, und ihre Zuhörer schreckte sie damit normalerweise eher ab. Bei uns zu Hause wurde über ihre Art zu philosophieren gelegentlich gelästert. Die von ihr produzierten Gedankensplitter wirkten berührungsscheu und waren aufeinander nur sehr lose bezogen — trotzdem bis zur völligen Unbrauchbarkeit miteinander verknotet. Im Zusammenhang mir ihrer Arbeit verabscheute Dana dagegen jede Theorie und war im Grunde nie gezwungen, ihre Gedankengebilde auf Stringenz prüfen zu lassen.
— Stell dir das vor wie drei Schienenstränge, die versuchen, sich nicht zu treffen — es aber müssen. Und es sind immer drei. Auf dem unvermeidlichen Schnittpunkt steht dann der alte, frisch aus der Eierschale geschlüpfte Baum. Er war von Anfang an vollkommen… wie die jungen Blätter, über die wir neulich gesprochen haben. Weißt du noch? Dort, wo man hinstrebt, ist schon alles fertig. Man muß immer nur das Sterben neu gestalten. Weißt du, was ich meine, Georg?
— Ja, ungefähr.
— Ich habe in der letzten Zeit auch viel über das Sprechen nachgedacht, über das in der Stimme steckende Vermögen, Nuancen auszudrücken. Hier höre ich manchmal tagelang nur dieses Kreischen, Klappern oder Quieken. Du hast neulich in Prag Gitarre geübt und gesungen. Hier wäre das deplaziert — das Landleben läßt es im Grunde nicht zu, es wäre Verschmutzung. Diese Art von Rhythmus oder Takteinteilung produziert die Natur von sich aus nicht — zum Glück, aber aus gutem Grund, denke ich. Sie braucht es einfach nicht, und so soll es auch bleiben. Das Atmen und der Herzschlag sind eher dazu da, nicht wahrgenommen zu werden, oder? Aber die Stimmen — die sind gefährlich, sie sind einerseits Ausstoß, andererseits eine potentielle und wie unter Zwang entgegenzunehmende Penetration. In das Taktmaß und in Resonanzgefäße eingezwängte Stimmen kommen bei mir regelmäßig als Schmerz an. Deswegen vertrage ich hier kein Radio. Vibrationen haben immer mit dem Überschreiten von irgendwelchen Schwellen zu tun. Diese federn sich gern eigenmächtig ab, bäumen sich auf, liegen eine Weile scheinbar ruhig auf dem Boden, richten sich aber plötzlich wieder auf — womöglich sogar kerzengerade. Es ist eine Illusion zu denken, man schreite voran, indem man irgendwelche Stufen überwindet. Bei der Fortbewegung — dem FortSCHRITT sozusagen — kommt es höchstens darauf an, nicht mit den eigentlich störenden Strömungen in Konflikt zu kommen. Ich kann keine Uhr tragen, sonst hätte ich nie eine klare Linie zeichnen oder eine Rundung glätten können.
Anfangs fiel es mir leicht, mich für ihre Monologe zu begeistern, jetzt hatte ich manchmal das Gefühl, daß sie mich — oder andere Zuhörer — kraft ihrer Rätsel eher in Schach halten und nebenbei Bewunderungszoll kassieren wollte. Ob ihr ihre Bedürftigkeit bewußt war, wußte ich nicht. Auf ihre Wortflüsse zu reagieren hatte jedenfalls gar keinen Sinn. Sie erwartete es nicht und fühlte sich eher gestört, wenn jemand versuchte mitzureden. Und ich stellte mit Erschrecken fest, daß sich zwischen uns etwas mischte, was ich auch von zu Hause gut kannte. Zu Hause nannte ich es die ENTFERNUNGSABHANGIGE MUTTERALLERGIE. Wenn ich meine Mutter einige Tage nicht gesehen hatte, freute ich mich, sie zu Hause wieder anzutreffen. Ich freute mich immer noch, wenn ich sie in einer gewissen Entfernung vor mir sah — wenn sie dann aber direkt vor mir stand, mich mit ihren Augen verschlang und manchmal vor Freude kindisch mit den Armen wedelte, war es mit der Zuneigung auf einen Schlag vorbei.
Zwischen mir und Dana verkeilte sich langsam eine sanfte Gereiztheit. Sie war an mich de facto fest gebunden, ich war dagegen die ganze Zeit frei. Ihr lief die Zeit davon — mir aber nicht. Die Tiere schienen die unharmonischen Schwingungen zwischen uns zu wittern. Der Storch Alfons wurde irrationalerweise eifersüchtig und attackierte mich, zwischen den Papageien gab es ungewöhnlich heftige Streitigkeiten, und die Eichhörnchen wirkten depressiv. Bei einem Beischlaf in der Küche überraschte mich einmal eine furchtbare Beklemmung in der Brust, und ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, daß ich irgendwann später herzkrank werden könnte. Auf jeden Fall schnürte mich so etwas wie ein Schuldgefühl ein, und ich war mir so gut wie sicher, etwas grundsätzlich Unrechtes zu tun. Kurz danach wurde ich tatsächlich bestraft — und ziemlich hart. Dana hatte einen Blechkuchen aus ENTkernten Kirschen gebacken, ein einziger Kern war aber doch dringeblieben. Als ich mit voller Wucht auf ihn biß und mir die Hälfte eines Backenzahns abbrach, war ich darüber nur kurz entsetzt. Wütend war ich überraschenderweise gar nicht. Ich war sogar zufrieden — als ob ich eine Art Strafe abgebüßt hätte. Mir war, als ob von mir sowieso erwartet worden wäre, vivisezierte Organteile abzugeben — für Dana, für meine Mutter oder für eine andere Frau, die ich wegen der aktuellen Verstrickung irgendwo warten ließ.