Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #2
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Bis zu unserem Ende soll meine Seele die deine sein.«
Kapitel 11
Sinnvoller Zeitvertreib
Wer ist dieser seltsame kleine Mann?«, fragte ich Jamie neugierig. Der fragliche Mann bahnte sich langsam den Weg zwischen den Gästen hindurch, die sich in Grüppchen im großen Salon des Hauses der de Rohans zusammengefunden hatten. Hier und da hielt er einen Moment inne, überflog die Gruppe mit kritischem Blick, dann zuckte er entweder mit den knochigen Schultern oder trat plötzlich dicht vor einen Mann oder eine Frau hin, hielt ihnen etwas vor das Gesicht und äußerte irgendeinen Befehl. Was auch immer er tat, schien beträchtliche Heiterkeit auszulösen.
Ehe Jamie antworten konnte, erspähte uns der Mann, ein kleiner, verwitterter Herr in grauem Serge, und sein Gesicht erhellte sich. Er stürzte sich auf Jamie wie ein kleiner Raubvogel auf ein großes, verschrecktes Kaninchen.
»Singt«, befahl er.
»Häh?« Jamie blinzelte die kleine Gestalt erstaunt an.
»Ich sagte ›singt‹«, antwortete der Mann geduldig. Er stieß Jamie bewundernd vor die Brust. »Mit einem solchen Resonanzkörper solltet Ihr eine herrlich voluminöse Stimme haben.«
»Oh, die hat er«, sagte ich belustigt. »Man kann ihn noch drei Straßen weiter hören, wenn er sich aufregt.«
Jamie warf mir einen schmutzigen Blick zu. Der kleine Mann umkreiste ihn, maß die Breite seines Rückens ab und pochte auf ihm herum wie ein Specht, der einen besonders geeigneten Baum beklopft.
»Ich kann nicht singen«, protestierte er.
»Unsinn, Unsinn. Natürlich könnt Ihr das. Und was für ein schöner tiefer Bariton«, murmelte der kleine Mann beifällig. »Exzellent. Genau das, was wir brauchen. Hier, eine kleine Hilfe. Versucht, diesen Ton zu treffen.«
Mit einer gekonnten Bewegung holte er eine Stimmgabel aus seiner Tasche, schlug sie fest gegen eine Säule und hielt sie Jamie an das linke Ohr.
Jamie verdrehte die Augen himmelwärts, zuckte aber mit den Achseln und sang gehorsam einen Ton. Der kleine Mann fuhr zurück, als hätte ihn eine Kugel getroffen.
»Nein«, sagte er ungläubig.
»Leider doch«, sagte ich mitfühlend. »Er hat recht, wisst Ihr. Er kann tatsächlich nicht singen.«
Der kleine Mann blinzelte Jamie vorwurfsvoll an, dann schlug er seine Gabel noch einmal an und hielt sie Jamie einladend hin.
»Noch einmal«, lockte er. »Hört einfach nur auf den Ton und lasst ihn genau so herauskommen.«
Geduldig wie immer lauschte Jamie sorgfältig auf das »A« der Gabel und sang noch einmal. Dabei brachte er ein Geräusch hervor, das irgendwo in der Lücke zwischen Es und Dis beheimatet war.
»Nicht möglich«, sagte der kleine Mann mit durch und durch desillusionierter Miene. »Niemand kann so dissonant sein, nicht einmal mit Absicht.«
»Ich schon«, sagte Jamie fröhlich und verneigte sich höflich vor dem kleinen Mann. Inzwischen hatte sich eine kleine Menge interessierter Zuschauer um uns gesammelt. Louise de Rohan war eine großartige Gastgeberin, und ihre Salons zogen die Creme der Pariser Gesellschaft an.
»Doch, er kann es«, versicherte ich unserem Besucher. »Er hat nämlich kein musikalisches Gehör.«
»Ich verstehe«, sagte der kleine Mann deprimiert. Dann fiel sein Blick kalkulierend auf mich.
»Bloß nicht ich!«, sagte ich lachend.
»Euch fehlt das musikalische Gehör doch gewiss nicht auch, Madame?« Mit glitzernden Augen wie die einer Schlange, die auf einen gelähmten Vogel zugleitet, bewegte sich der kleine Mann auf mich zu, und seine Stimmgabel zuckte wie eine Vipernzunge.
»Einen Moment«, sagte ich und bremste ihn mit ausgestreckter Hand. »Wer seid Ihr eigentlich?«
»Das ist Herr Johannes Gerstmann, Sassenach.« Mit belustigter Miene verneigte sich Jamie erneut vor dem kleinen Mann. »Der Gesangsmeister des Königs. Darf ich Euch meine Frau vorstellen, Lady Broch Tuarach, Herr Gerstmann?« Typisch Jamie, auch noch das letzte Mitglied des Hofes zu kennen, ganz gleich wie unbedeutend.
Johannes Gerstmann. Nun, das erklärte den schwachen Akzent, den ich unter der Förmlichkeit des höfischen Französischs entdeckt hatte. Deutscher, fragte ich mich, oder Österreicher?
»Ich bin dabei, einen kleinen spontanen Chor zusammenzustellen«, erklärte der kleine Gesangsmeister. »Die Stimmen brauchen nicht geschult zu sein, nur kräftig und treffsicher.« Er warf einen frustrierten Blick auf Jamie, der zurückgrinste. Er nahm Herrn Gerstmann die Stimmgabel ab und hielt sie fragend in meine Richtung.
»Oh, also schön«, sagte ich und sang.
Das Gehörte schien Herrn Gerstmann zu ermutigen, denn er steckte die Stimmgabel ein und betrachtete mich neugierig. Seine Perücke war etwas zu groß und neigte dazu, nach vorn zu rutschen, wenn er mit dem Kopf nickte. Das tat er jetzt, dann schob er die Perücke achtlos zurück und sagte: »Exzellenter Klang, Madame! Wirklich sehr schön, sehr, sehr schön. Ist Euch vielleicht Le Papillon vertraut?« Er summte ein paar Töne.
»Nun, zumindest habe ich es schon einmal gehört«, erwiderte ich vorsichtig. »Äh, die Melodie, meine ich; den Text kenne ich nicht.«
»Ah! Kein Problem, Madame. Der Refrain ist ganz simpel; er geht so …«
Da mein Arm im Griff des Gesangsmeisters in der Falle saß, wurde ich unausweichlich fortgezogen, auf die Cembalomusik zu, die in einem entfernteren Zimmer erklang. Dabei summte mir Herr Gerstmann ins Ohr wie eine verrückt gewordene Hummel.
Ich warf einen hilflosen Blick zurück zu Jamie, der jedoch wieder nur grinste und zum Abschied seinen Sorbetbecher hob, ehe er sich abwandte, um ein Gespräch mit Monsieur Duverney junior zu beginnen, dem Sohn des Finanzministers.
Das Haus der Rohans – wenn man denn ein schlichtes Wort wie »Haus« zur Beschreibung eines solchen Ortes benutzen konnte – wurde von einer Laternengirlande erhellt, die sich durch den Garten und über den Rand der Terrasse zog. Während mich Herr Gerstmann im Schlepptau durch die Korridore zog, konnte ich Dienstboten in die Speiseräume und wieder hinaushuschen sehen, wo sie die Tische für das bevorstehende Essen mit Leinen und Silber deckten. Die meisten Salons waren kleine, intime Anlässe, doch Prinzessin Louise de La Tour de Rohan hatte einen ausgeprägten Hang zur Ausschweifung.
Ich hatte die Prinzessin eine Woche zuvor bei einer anderen Abendgesellschaft kennengelernt, und sie hatte mich sehr überrascht. Sie war pummelig und nicht besonders hübsch, hatte ein rundes Gesicht mit einem kleinen runden Kinn, wimpernlose blassblaue Augen und einen sternförmigen falschen Schönheitsfleck, der seinem Daseinszweck kaum gerecht wurde. Dies war also die Dame, die Prinz Charles dazu hinriss, die Diktate des Anstands zu ignorieren?, hatte ich gedacht, während ich meinen Hofknicks machte.
Dennoch, sie strahlte eine Lebendigkeit aus, der man sich kaum entziehen konnte, und sie hatte einen hübschen roten Mund. Eigentlich war ihr Mund sogar das Lebendigste an ihr.
»Aber wie bezaubernd!«, hatte sie ausgerufen und meine Hand ergriffen, als man mich ihr präsentierte. »Wie wunderbar, Euch endlich kennenzulernen! Mein Mann und mein Vater loben Milord Broch Tuarach ständig in den höchsten Tönen, doch über seine entzückende Frau haben sie noch kein Wort verloren. Ich bin maßlos bezaubert, dass Ihr hier seid, meine liebste Dame – muss ich wirklich Broch Tuarach sagen, oder reicht es nicht, wenn ich nur Lady Tuarach sage? Ich bin mir nicht sicher, ob ich das alles behalten kann, ein Wort aber doch gewiss, auch wenn es so ein merkwürdiges Wort ist – ist es Schottisch? Wie bezaubernd!«
Tatsächlich bedeutete Broch Tuarach »Turm, der nach Norden zeigt«, aber wenn sie mich »Lady nordwärts« nennen wollte, war mir das auch gleich. Schließlich gab sie es ohnehin schnell auf, sich »Tuarach« zu merken, und nannte mich inzwischen einfach »ma chère Claire«.
Louise selbst hielt sich bei den Sängern im Musikzimmer auf und flatterte etwas schwerfällig, aber plappernd und lachend vom einen zum Nächsten. Als sie mich sah, huschte sie durch das Zimmer, so schnell es ihre Schleppe ihr erlaubte, und ihr schlichtes Gesicht leuchtete aufgeregt.