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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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Nachdem das kunstvolle Gericht unter allgemeinem bewunderndem Gemurmel die Runde am Tisch gemacht hatte, wurde es vor den König gestellt, der sich gerade lange genug von seiner Unterhaltung mit Madame de La Tourelle abwandte, um eins der Küken aus dem Nest zu nehmen und es sich in den Mund zu stecken.

Knirsch, knirsch, knirsch machte es zwischen Louis’ Zähnen. Gebannt beobachtete ich die Bewegung seiner Halsmuskeln und spürte die Überreste der kleinen Knochen durch meine eigene Speiseröhre gleiten. Braune Finger griffen geistesabwesend nach dem nächsten Baby.

An diesem Punkt kam ich zu dem Schluss, dass es vermutlich Schlimmeres gab, als Seine Majestät zu kränken, indem man die Tafel verließ, und ich stürzte davon.

Als ich mich ein paar Minuten später aus dem Gebüsch erhob, hörte ich hinter mir ein Geräusch. In der Erwartung, mich einem verständlicherweise erzürnten Gärtner gegenüberzusehen, drehte ich mich schuldbewusst – um mich einem erzürnten Ehemann gegenüberzusehen.

»Verdammt, Claire, muss das denn immer sein?«, wollte er wissen.

»Mit einem Wort – ja«, sagte ich und ließ mich erschöpft auf den Rand eines Zierbrunnens sinken. Meine Hände waren feucht, und ich strich mir über den Rock. »Dachtest du, ich mache das zum Spaß?« Mir war schwindelig, und ich schloss die Augen und versuchte, mein inneres Gleichgewicht wiederzufinden, ehe ich in den Springbrunnen fiel.

Plötzlich spürte ich eine Hand in meinem Kreuz, und halb lehnte ich mich an ihn, halb fiel ich ihm in die Arme, als er sich neben mich setzte und mich an sich zog.

»O Gott. Es tut mir leid, a nighean donn. Geht es dir gut, Claire?«

Ich wich so weit zurück, dass ich zu ihm aufblicken und lächeln konnte.

»Es geht schon. Nur ein bisschen schwindelig, das ist alles.« Ich streckte die Hand aus und versuchte, ihm die tiefe Sorgenfalte aus der Stirn zu streichen. Er erwiderte mein Lächeln zwar, doch die Falte blieb, eine dünne senkrechte Furche zwischen seinen geschwungenen blonden Augenbrauen. Er tauchte die Hand ins Wasser und strich mir damit über die Wangen. Ich muss ziemlich blass ausgesehen haben.

»Es tut mir leid«, fügte ich hinzu. »Wirklich, Jamie, ich konnte es nicht verhindern.«

Seine feuchte Hand drückte mir beruhigend den Nacken und gab mir kraftvoll Halt. Ein feiner Sprühnebel aus dem Maul eines glubschäugigen Delphins befeuchtete mein Haar.

»Och, hör nicht auf mich, Sassenach. Ich wollte dich nicht so anfahren. Es ist nur …«, seine Hand beschrieb eine hilflose Geste, »… nur, dass ich mir wie ein riesiger Dummkopf vorkomme. Ich sehe, dass es dir schlechtgeht, und ich weiß, dass ich dir das angetan habe, und es gibt nicht das Geringste, was ich tun kann, um dir zu helfen … Warum sagst du mir nicht einfach, ich soll zum Teufel gehen, Sassenach?«

Ich lachte, bis mir unter dem engen Korsett die Seiten schmerzten, und hielt mich an seinem Arm fest.

»Geh zum Teufel, Jamie«, sagte ich schließlich und rieb mir die Augen. »Geh direkt dorthin. Geh nicht über Los. Ziehe keine zweihundert Dollar ein. So. Geht es dir jetzt besser?«

»Aye, das tut es«, sagte er, und seine Miene erhellte sich. »Wenn du anfängst, Unsinn zu reden, weiß ich, dass dir nichts fehlt. Geht es dir besser, Sassenach?«

»Ja«, sagte ich. Allmählich nahm ich wieder Notiz von meiner Umgebung. Das Gelände von Versailles stand der Öffentlichkeit offen, und kleine Gruppen von Kaufleuten und Arbeitern bildeten eine seltsame Mischung mit den buntgefärbten Adeligen. Sie alle genossen das schöne Wetter.

Plötzlich öffnete sich ganz in der Nähe die Terrassentür und spie die Gäste des Königs als plaudernde Woge in den Garten. Der Exodus vom Mittagsessen wurde durch eine neue Abordnung verstärkt, die anscheinend gerade aus den beiden großen Kutschen gestiegen war, die ich am Rand der Gärten auf die fernen Stallungen zufahren sah.

Es war eine große Gruppe von Männern und Frauen, nüchtern gekleidet im Vergleich mit den leuchtenden Farben der Höflinge ringsrum. Doch es war ihr Klang, nicht ihr Aussehen, der meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Wenn mehrere Menschen in einiger Entfernung Französisch sprechen, so erinnert das mit seinen nasalen Tönen sehr an das quakende Geplauder von Enten und Gänsen. Englisch dagegen hat einen langsameren Rhythmus und hebt und senkt sich weniger, so dass es aus der Ferne an die schroffe, freundliche Monotonie von Schäferhundegebell erinnert. Und der Massenexodus, der sich jetzt auf uns zubewegte, klang im Großen und Ganzen wie eine gackernde Gänseschar, die von einem Rudel Hunde zum Markt getrieben wurde.

Die Engländer waren etwas verspätet eingetroffen. Sicher schob man sie jetzt taktvoll in den Garten, während das Küchenpersonal hastig eine neue Mahlzeit zubereitete und den riesigen Tisch erneut für sie deckte.

Neugierig ließ ich den Blick über die Gruppe schweifen. Den Herzog von Sandringham kannte ich natürlich, da ich ihm bereits in der Burg Leoch in Schottland begegnet war. Seine rundliche Gestalt war nicht schwer zu finden; er schritt Seite an Seite mit Louis einher, dem er seine modische Perücke in höflicher Aufmerksamkeit zuwandte.

Die meisten anderen kannte ich nicht, obwohl ich vermutete, dass die stilvolle Dame in den mittleren Jahren, die gerade durch die Tür kam, die Herzogin von Claymore war, von der ich gehört hatte, dass sie erwartet wurde. Die Königin, die normalerweise in einem Landhaus blieb, um sich nach bestem Wissen und Gewissen selbst die Zeit zu vertreiben, war eigens für diesen Anlass herbeikutschiert worden. Sie unterhielt sich mit der Besucherin, und ihr liebenswürdiges, nervöses Gesicht war im Eifer der seltenen Gelegenheit errötet.

Die junge Frau gleich hinter der Herzogin fiel mir ins Auge. Recht schlicht gekleidet, besaß sie doch jene Art von Schönheit, mit der sie in jeder Menschenansammlung aufgefallen wäre. Sie war klein und zierlich, hatte aber dennoch eine hübsch gerundete Figur mit dunklem, glänzendem, ungepudertem Haar und ganz außergewöhnlicher, weißer Haut, die auf den Wangen zu einem klaren, tiefen Rosa verfärbt war, das ihr das Aussehen eines Blütenblatts verlieh.

Sie erinnerte mich an ein Kleid, das ich einmal besessen hatte, ein leichtes Baumwollkleid, das mit roten Mohnblüten verziert war. Aus irgendeinem Grund überkam mich bei diesem Gedanken eine plötzliche Woge des Heimwehs, und ich hielt mich an der Kante der Marmorbank fest, während mir die Sehnsucht unter den Augenlidern brannte. Es musste daran liegen, dass ich plötzlich ganz normales Englisch hörte, nachdem ich so viele Monate vom Singsang der Schotten und dem Gequake der Franzosen umgeben gewesen war. Die Besucher klangen wie daheim.

Dann sah ich ihn. Ich konnte spüren, wie mir das Blut aus dem Kopf wich, als mein ungläubiges Auge die elegante Rundung des Schädels nachzeichnete, dunkelhaarig und unverblümt inmitten der gepuderten Perücken ringsum. In meinem Kopf ertönten Alarmsignale wie Luftschutzsirenen, während ich darum rang, die Eindrücke, die auf mich einstürmten, zu akzeptieren und zurückzuweisen. Mein Unterbewusstsein sah den Umriss der Nase, dachte »Frank« und drehte meinen Körper, um auf ihn zuzulaufen und ihn willkommen zu heißen. »Nicht-Frank« kam das etwas höher angesiedelte, rationale Zentrum meines Gehirns und ließ mich erstarren, als ich die vertraute Linie eines angedeuteten Lächelns sah, und wiederholte: »Du weißt, dass es nicht Frank ist«, während sich meine Wadenmuskeln verkrampften. Und dann die plötzliche Panik, und Hände und Magen ballten sich zusammen, als die langsameren Prozesse des logischen Denkens dem Instinkt hartnäckig auf dem Fuße folgten, die hohe Stirn und die arrogante Kopfhaltung wahrnahmen, mir das Undenkbare bestätigten. Es konnte nicht Frank sein. Und wenn er es nicht war, blieb nur noch …

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