Der Arzt von Stalingrad
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочее научное
Электронная книга - «Der Arzt von Stalingrad». Краткое содержание книги:
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FÜR ALLE, DIE NICHT ZURÜCKKEHRTEN FÜR ALLE, VON DEREN SCHICKSAL NIEMAND WEISS...
GEDULD IST DIE KUNST ZU HOFFEN VAUVENARGUES
Dabei überraschte sie Dr. Kresin. Er sah sich um, nickte über die Unordnung, den ausgeräumten Schrank, die herumliegenden Kleider und den halbgepackten Koffer und setzte sich auf einen noch freien Schemel.
Die Kasalinsskaja sah ihn von der Seite an. Die schwarzen Locken hingen ihr ins Gesicht. Sie spürte die Gefahr, die von Dr. Kresin ausging. Mit bebenden Händen packte sie weiter.
»Sagen Sie jetzt bloß nicht, daß ich hierbleiben soll«, sagte sie dabei.
»Keineswegs. Sie müssen wissen, was Sie tun.« Dr. Kresin hob ein Kleid in die Höhe und betrachtete es. »Guter Wollstoff.Sieht man selten im Mütterchen Rußland. Wohl Import?«
»Ja, aus der Türkei.«
»Sehr gut. Janina wird es sich umändern ... etwas enger vielleicht . die Länge könnte passen.«
Die Kasalinsskaja blieb stehen und stützte sich auf den Kofferdeckel. »Sind Sie schneekrank, Dr. Kresin?«
»Nicht ganz. Aber einer muß doch die Kleider auftragen, wenn die russische Kapitän-Ärztin Alexandra Kasalinsskaja wegen Zersetzung der sowjetischen Wehrkraft zum Tode verurteilt wird.«
Alexandra ließ die Arme sinken. Eisiger Schrecken durchfuhr sie. Dr. Kresin legte das Kleid wieder zurück und betrachtete einen weißen Büstenhalter aus Atlasseide. »Der dürfte für die Salja zu groß sein. Schade um die Brüste, die er straff hielt! In sie werden sich die Maden zuerst 'reinfressen. Schön fett werden sie werden.«
»Hören Sie auf, Sie Sadist!« schrie die Kasalinsskaja. »Ich fahre zu Sellnow! Auch wenn ich nachher wirklich zum Tode verurteilt werde!« Sie riß ihm den Büstenhalter aus der Hand und warf ihn in den Koffer. »Was geht Sie meine Brust an! Und wenn Millionen Maden in ihr nisten.«
»Es ist nur meine Pflicht, Genossin Kasalinsskaja, Sie darauf hinweisen, daß das, was Sie jetzt vorhaben, Selbstmord ist. Man würde Sie überhaupt gar nicht in das Lager 53/4 hineinlassen. Auch nicht, wenn Sie in Uniform kommen! Der Besuch der Straf- und Schweigelager erfordert einen besonderen, vom Zentralkomitee in Moskau ausgestellten Paß. Selbst ich als Divisionsarzt käme nicht in die Sakljutschonnyis. Sogar die Natschalniks, die die Zwangsarbeiter aussuchen für ihre Betriebe, kommen nicht ins Lager. Sie bekommen Listen und wählen sich daraus die Facharbeiter aus. Eine russische Ärztin« - Dr. Kresin schüttelte den dicken Kopf - »die gilt überhaupt nichts in den Straflagern.«
»Aber ich muß ihn sehen!« schrie die Kasalinsskaja wild und unbeherrscht.
»Die Umgebung der Lager ist ebenfalls gesperrt. Selbst auf dem Eis der Wolga kannst du ihn nicht sehen, mein Täubchen«, sagte Dr. Kresin mild. »Die Posten haben Anweisung, sofort und ohne Anruf zu schießen, wenn sich einer dem Sperrgürtel nähert. Und sie schießen, meine Taigarose . es sind Asiaten, denen ein Leben nichts gilt.«
»Aber ich muß ihn sehen«, sagte sie wie ein ungezogenes Kind. »Er muß weg von dort. Er hat doch nichts getan!«
»Er hat einen Mann halb blind geschlagen. Einen Kommissar der Partei!«
»Kuwakino ist ein Mistvieh!«
»Die erste Vorbedingung, Karriere zu machen.« Dr. Kresin lachte leise. »Meine liebe Alexandraschka - du müßtest doch wissen, wie morsch es wird, je weiter du nach oben gehst. Die wirklichen
Kommunisten sind noch die kleinen Leute, denen man so schöne Dinge erzählt und die so blöd sind, es zu glauben. Die nichts anderes gesehen haben als ihre Kate und ihren Lehmofen, auf dem sie im Winter schlafen und wo das älteste Kind zusieht, wie das jüngste entsteht. Sie wissen nicht, wie es außerhalb ihres Dorfes aussieht. Sie können sich nicht denken, daß es überhaupt woanders nicht so aussieht. Und kommen sie mal in solch ein Drecknest wie Kislowo, dann gehen sie durch die Straßen wie durch ein Märchen. Aber hinter Kislowo hört dann die Welt endgültig auf. Das sind die Träger der sowjetischen Idee! Die Männer im Sonnenblumenfeld, die drallen Weiber am Ziehbrunnen, die dreckigen Kinder im Stall, die Matkas, die im Sommer im Heu liegen und wie die Karnickel hecken.« Dr. Kresin schnaubte durch die Nase und stieß den Kofferdeckel zu. »Das sind die Gefolgsleute des Genossen Kommissar Kuwakino. Er muß ein Mistvieh sein ... aber deswegen schlägt man ihm noch lange kein Auge aus!«
Hilflos saß die Kasalinsskaja zwischen ihren verstreuten Kleidern. Sie hatte den Kopf in beide Hände gestützt und stierte vor sich auf den rohen Dielenboden. Um ihre Handgelenke lagen noch immer die Pflaster und schmale Gummimanschetten.
»Man sollte Schluß machen«, sagte sie dumpf. »Schluß mit allem! Warum lebt man eigentlich noch?«
»Weil das Leben schön ist, mein Täubchen . trotz allem! Oder war es nicht schön?«
»Es begann, schön zu werden, als Werner bei mir war.«
Dr. Kresin schüttelte wieder den Kopf. »Mein Gott, gibt es nichts anderes als die Männer?« brummte er. »Sieh doch hinaus. Der Wald . wie herrlich steht er im Schnee. Geh zur Wolga, wenn es Frühling ist. Du könntest singen mit dem Rauschen ihrer Wasser. Wandere doch im Sommer hinaus in die Steppe: du riechst den Atem von Mütterchen Rußland. Er ist herb, voll Natur, er ist unsterblich. Die Blüten leuchten in der Sonne, der Himmel ist weit wie ein endloses blaues Leinentuch, auf das eine unsichtbare Hand vor deinen Augen weiße Rosen stickt.«
Die Kasalinsskaja sah auf. In ihren Augen stand großes Staunen. »Dr. Kresin.«, sagte sie verblüfft.
Der Arzt senkte den Kopf. »Verdammt«, schimpfte er. »Was solch ein Weib alles kann! Jetzt werde ich wie Puschkin und besinge das Land.« Er erhob sich und trat gegen den Koffer. Er fiel vom Stuhl, öffnete sich, und der Inhalt flog über die Dielen. »Schluß!« schrie er in seiner üblichen Art. »Du bleibst hier, du streunende Katze! In einer Stunde untersuchst du die Blocks 10 bis 15! Der Bauunternehmer Serge Kislew braucht 25 Mann für den Bau eines Verwaltungsgebäudes bei Krassnaja Sloboda! Sie müssen gesund und kräftig sein! Morgen ist die erste Schicht! Verstanden?!«
»Ja«, sagte die Kasalinsskaja widerstrebend. »Ja ... ich werde untersuchen.«
Aber als Dr. Kresin fort war, packte sie weiter.
Die Weihnachtsfeier im Lager 5110/47 war das ergreifendste Fest der Gefangenschaft. Schluchzend trug der kleine Pastor das große, geschnitzte Kruzifix zum Altar, den man auf der Bretterbühne der Sto-lowaja errichtet hatte. Eine ganze Weile stand er stumm vor dem leidenden Antlitz Christi, ehe er sich umwandte und den Blick über den gefüllten Saal schweifen ließ. Ein Chor, begleitet von den Streichern des Lagerorchesters, sang das Lied von Christian Fürchtegott Geliert >Dies ist der Tag, den Gott gemacht, sein werd' in aller Welt gedacht; ihn preise, was durch Jesum Christ im Himmel und auf Erden ist.<
Im Hintergrund an der Tür standen einige russische Offiziere und Rotarmisten. Leutnant Markow lehnte an einem der verklebten Fenster, Major Worotilow saß in der ersten Reihe vor der Bühne neben Dr. Kresin, Kuwakino, der Kasalinsskaja, der Tschurilowa und Dr. Böhler. Dr. Schultheiß, das Pflegepersonal und Janina Salja saßen in der zweiten Reihe.
Der kleine Pastor hob die schmale, ausgedörrte Hand. Seine dünne Stimme zitterte durch den Raum.
»Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste. Amen.«
Als sich alle erhoben, um die ersten Bibelworte stehend anzuhören, blieb nur Dr. Kresin sitzen. Sogar Kommissar Kuwakino erhob sich. Als er Kresin sitzen sah, wurde er rot und nahm wieder Platz. Kre-sin grinste ihn an. Wütend blickte Kuwakino weg auf das Kruzifix. Er mußte plötzlich an seine Mutter denken, die bei der Revolution erschossen wurde. Sie starb mit dem Kreuz auf der Brust.