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Der Arzt von Stalingrad

Электронная книга - «Der Arzt von Stalingrad». Краткое содержание книги:

Das große Epos der Kriegsgefangenschaft: Mitten in der Hölle des Plenni-lagers sucht ein Arzt die Würde seines Berufs, die Würde des Menschen zu wahren. Vor dem Hintergrund des riesigen Lagers von Stalingrad spielt sich das erregende und erschütternde Geschehen ab. Dem Lagerarzt Dr. Böhler glückt jene legendäre Operation, die mit Windeseile in allen Gefangenenbaracken von Odessa bis Astrachan mythischen Ruhm gewinnt. Bei Petroleumbeleuchtung in einer eisumtosten russischen Bauernkate, mit nichts ausgerüstet als mit einem Drillbohrer, einem Schlosserhammer, einem Stemmeisen und dem alten Taschenmesser eines Landsers, hatte er die komplizierte Schädeloperation gewagt.
Sonderausgabe mit Genehmigung der Lichtenberg Verlag GmbH, München Printed in Western Germany • BK Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! ©
FÜR ALLE, DIE NICHT ZURÜCKKEHRTEN FÜR ALLE, VON DEREN SCHICKSAL NIEMAND WEISS...
GEDULD IST DIE KUNST ZU HOFFEN VAUVENARGUES
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Die beiden SS-Ärzte sahen sich kurz an. Dann wandten sie sich um und wollten wortlos den Raum verlassen. Major Passadowski erbleichte. Der Leutnant und Lagerkommandant trat den beiden in den Weg und hieb ihnen ins Gesicht. Stumm blieben sie stehen und wandten sich um. Passadowski hob bedauernd beide Hände.

»Das war nicht meine Absicht, meine Herren! Der Sieger ist rauh. Aber auch Sie werden sich inmitten der anderen Kameraden, die zu einer neuen Weltanschauung gefunden haben, wohl fühlen! Die Ideologie des Kommunismus hat etwas Edles an sich, etwas Menschenwürdiges . sie reißt die Klassenschranken ein und läßt uns alle Brüder werden. Wir verfügen in Moskau über schöne, große Schulungsräume, über ein Kasino, Sportplätze, wir können die russischen Theater besuchen, die Kinos, Kunstausstellungen. Wir diskutieren oft mit Vertretern der ostzonalen Regierung, die uns besuchen kommen. Wir hatten selbst Gelegenheit, hohe Führer Rußlands - Malenkow, Berija, Budjennyi, Woroschilow - zu sprechen und mit ihnen interessante Unterhaltungen zu führen. Ilja Ehrenburg ist oft unser Gast. General von Seydlitz hat dafür gesorgt, daß wir deutschen Offiziere wieder geachtet werden von unseren sowjetischen Kameraden.« Major Passadowskis Gesicht glühte vor innerer Begeisterung. »Was der Nationalsozialismus zerstörte, was eine Clique NS-Generäle in den Dreck zog - unsere Offiziersehre -, hat General von Seydlitz wiedergewonnen. Wir haben nach dem Fall von Stalingrad eingesehen, daß eine Weiterführung des Krieges Selbstmord des deutschen Volkes ist, wir haben erkannt, daß wir einen Irren an der obersten Führung hatten, daß ein Adolf Hitler der Totengräber einer tausendjährigen europäischen Kultur wurde. Da haben wir uns abgesetzt und uns um die Vernunft geschart. Wir opponierten gegen diesen Krieg mit allen Mitteln, wir riefen den deutschen Soldaten zur Desertion auf, wir hatten von Moskau aus nur das einzige Kampfmittel in der Hand: die moralische Zersetzung der Truppe! Daß es uns nicht voll gelungen ist, war eine Folge der drakonischen Gegenmaßnahmen Hitlers und der Denkfaulheit des deutschen Soldaten. Wir scheiterten an dem Trägheitsgesetz des Militarismus. Um so mehr liegt uns daran, unseren gefangenen Kameraden den Weg aus der Verdammung zu zeigen und sie zurückzuführen in eine bessere Gemeinschaft.«

Major Passadowski atmete tief. Er hatte sich in Erregung geredet. Die beiden SS-Ärzte nickten. »Sind Sie jetzt fertig?«

»Ja, meine Herren.«

Einer der Ärzte trat einen Schritt vor. »Wir gehören nicht zu den Unbelehrbaren«, sagte er ruhig. »Wir waren Ärzte der SS, warum es leugnen? Wir haben Versuche gemacht... wir geben es zu. Es war menschenunwürdig, abscheulich, eine Vergewaltigung des Individuums . aber so vieles war in diesen Zeiten unwürdig und abscheulich! Das ist keine Entschuldigung für unser Tun, und wir sind bereit, dafür zu sühnen, obgleich wir es rechtlich nicht einsehen, warum gerade der Russe, der grausamste von allen, unser Richter sein soll. Aber das tut nichts zur Sache. Es geht hier darum, daß Sie uns locken, in das kommunistische Lager zu wechseln, ein Charakterlump zu werden, um die eigene Haut zu retten. Wir haben viel gesehen in diesem Rußland ... wir waren in Asbest bei Swerdlowsk, wir waren in Workuta, in Wladimir, in dem schrecklichen Lager 5110/40 zwischen Ob und Irtysch, und wir sind jetzt in 53/4! Was wir gesehen haben, genügt uns, um lieber das Leben zu opfern, als uns zu diesem System der Vergewaltigung, der Entrechtung, der Kollektivierung der Seele und der Mißachtung jeglicher Menschenwürde zu bekennen! Sie leben in Moskau - Sie haben es selbst gesagt - dick und fett wie eine Made! Sie haben ein Kasino, Sie sitzen im Kino und sehen sich den schönen Film von Zar Peter dem Großen an. Aber in Workuta am Eismeer sterben täglich über hundert Gefangene an Entkräftung und unter den Schlägen der Rotarmisten ... in Asbest fallen sie in den Gruben um wie Fliegen. Darf ich Sie daran erinnern, daß die neue Eismeerstraße mehr als ein-undeinehalbe Million Menschen - deutsche Gefangene und russische zivile Sträflinge - gekostet hat? Und nun kommen Sie hierher und werben für dieses System? Sie reden von einer neuen Offiziersehre, während Hunderttausende unserer Brüder in Schweigelagern vegetieren und am Verhungern sind? Man sollte Ihnen einfach in die dumme, dreiste Fresse schlagen, Herr Major!«

Wilhelm Passadowski war rot geworden. Er griff nach seinem schönen Pelzmantel und zog ihn an. »Sie sind nicht zu belehren«, knurrte er. »Ich bedaure es, meine Herren! Ich wollte Sie hier herausholen.«

»Und die anderen? Was soll mit denen geschehen? Die armen Kerle, die jetzt im Schneesturm auf dem Eis der Wolga stehen und Löcher in die meterdicke Decke hacken? Warum nicht auch die?«

Passadowski zuckte mit den Schultern. »Allen zu helfen ist unmöglich. Wir können nur aus den Hunderttausenden eine kleine Auswahl treffen, die sich meistens auf Offiziere beschränkt.«

Die beiden Ärzte wechselten wieder einen kurzen Blick. Dann trat der eine vor und spuckte dem Herrn Major ins Gesicht.

»Du verdammtes Schwein!« stieß er hervor. Dann drehte er sich um und ging. Der andere folgte. Ruhig, teilnahmslos blieben die beiden MWD-Offiziere im Hintergrund und rauchten. Auch der Lagerkommandant hielt die Ärzte nicht mehr zurück. Reglos stand Wilhelm Passadowski mitten in dem kleinen Zimmer. Er war bleich wie ein Toter. Die Augen hatte er geschlossen. Sein Monokel baumelte an einer Schnur vor der Brust.

So stand er einen Augenblick, ohne sich zu rühren. Dann wandte er sich an die beiden Offiziere und den Lagerleutnant. Seine Stimme klang jetzt schon etwas weniger forsch.

»Sie haben doch noch einen Arzt im Lager?« fragte er in russischer Sprache.

»Ja. Er ist krank. Liegt im Revier. Nummer S 34924/4.«

»Kann ich ihn sprechen?«

Der Leutnant zuckte mit den Schultern und rief nach einem Soldaten. Er befahl ihm, den Deutschen zu dem Krankenrevier zu führen, und sprach dann mit den beiden MWD-Leuten weiter, als sei Passadowski gar nicht im Raum.

Gedrückt und stumm folgte der Major dem Russen, stemmte sich gegen den Schneesturm und erreichte keuchend die kleine Krankenbaracke. Ein Geruch von kaltem Kohl und der offenen Latrine schlug ihm ekelerregend entgegen. Es würgte ihn im Hals, als er die Krankenstube betrat. Der beißende Gestank verdunsteten Urins lag im Zimmer. Auf einem der Betten im Hintergrund lag Dr. von Sellnow und starrte an die Decke. Sein Gesicht war in der kurzen Zeit eingefallen, grau und knöchern geworden. Die Augen hatten ihren Glanz verloren, sein Körper war zum Skelett abgemagert. An den Fingern hatten sich Frostbeulen gebildet, die niemand beachtete. Sein Kopf glühte im Fieber ... wenn er hustete, brannte die Brust wie Feuer . durch die Lunge zog ein schmerzhaftes Stechen. Er machte sich über seinen Zustand keinerlei Illusionen ... mit dem Interesse des Arztes verfolgte er an sich selbst seinen schnellen Verfall und rechnete sich aus, wann er nur noch ein knöchernes Wrack war, das rapide dem Tode zueilte.

Er blickte zur Seite, als sich die Tür öffnete und Major Wilhelm Passadowski eintrat. Der russische Posten zeigte auf Sellnows Bett und verließ die Baracke. Passadowski trat näher.

»Kamerad von Sellnow?« fragte er höflich.

»Ja.« Sellnow sah ihn abwartend an. Kamerad! Kam dieser Mann aus einer anderen Welt? Er bemerkte das Monokel, das aus dem Pelzmantel heraushing und verschneit war. Mühsam griff Sellnow unter die Decke und holte ein schmutziges, zerrissenes Taschentuch hervor. Er hielt es Passadowski hin.

»Bitte«, sagte er mit heiserer Stimme. »Leider habe ich kein besseres.«

Der Major starrte auf das dreckige Tuch. »Was soll ich damit?« fragte er verblüfft.

»Ihr Einglas ist beschlagen. Sie müssen es putzen.«

Passadowski wurde hochrot und schob das Monokel in seinen Pelz. Er schluckte, ehe er zu sprechen begann . in seinem Gesicht spiegelte sich die Niederlage bereits wider . er erwartete auch hier nichts mehr als eine Ablehnung.

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