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Der Arzt von Stalingrad

Электронная книга - «Der Arzt von Stalingrad». Краткое содержание книги:

Das große Epos der Kriegsgefangenschaft: Mitten in der Hölle des Plenni-lagers sucht ein Arzt die Würde seines Berufs, die Würde des Menschen zu wahren. Vor dem Hintergrund des riesigen Lagers von Stalingrad spielt sich das erregende und erschütternde Geschehen ab. Dem Lagerarzt Dr. Böhler glückt jene legendäre Operation, die mit Windeseile in allen Gefangenenbaracken von Odessa bis Astrachan mythischen Ruhm gewinnt. Bei Petroleumbeleuchtung in einer eisumtosten russischen Bauernkate, mit nichts ausgerüstet als mit einem Drillbohrer, einem Schlosserhammer, einem Stemmeisen und dem alten Taschenmesser eines Landsers, hatte er die komplizierte Schädeloperation gewagt.
Sonderausgabe mit Genehmigung der Lichtenberg Verlag GmbH, München Printed in Western Germany • BK Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! ©
FÜR ALLE, DIE NICHT ZURÜCKKEHRTEN FÜR ALLE, VON DEREN SCHICKSAL NIEMAND WEISS...
GEDULD IST DIE KUNST ZU HOFFEN VAUVENARGUES
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Kuwakino senkte den Kopf. Mamuschka, dachte er. In seinem Auge stieg es heiß auf. die leere Höhle des anderen brannte. Mamusch-ka . was ist aus uns allen geworden.

Die Gefangenen sangen - laut und inbrünstig, mit gefalteten Händen. Neben dem Kruzifix flackerten vier hohe Kerzen. Michail Pjatjal hatte ranziges Fett für sie aus der Küche gegeben, und ein gefangener Chemiker hatte es mit irgendwelchen Mitteln gehärtet und Kerzen daraus gezogen. Die Tataren im Hintergrund nahmen ihre Mützen ab, die Offiziere starrten auf den Pastor. Leutnant Markow kaute Sonnenblumenkerne und spuckte sie in die Reihen der betenden Gefangenen. Aber als der Pastor für die Gesundheit aller betete, senkte auch er ergriffen den Kopf und legte die Finger zaghaft aneinander. Die Predigt war kurz. Erschütterung verhinderte den Pastor, lange zu sprechen.

Worotilow sah zu Dr. Kresin hin. Der hatte die Hand der Kasa-linsskaja genommen und streichelte sie mit linkischer Zärtlichkeit. Über die Wangen der Ärztin rannen Tränen.

Dann war der Gottesdienst vorüber . noch einmal sangen die Verdammten von Stalingrad. Das >Gelobet seist du, Jesu Christ, daß du Mensch geboren bist.< klang wie ein Aufschrei durch den Saal. Die aus Papier gefertigten Sterne und Kugeln an den Tannen, die rund um die Bühne standen, schwankten. Die Gedanken flogen hinaus aus der Enge der Stolowaja . über das verschneite Land . über die Wolga ... über Tausende von Kilometern.

Ein Baum in Köln . ein Baum in Gießen . in Koblenz . in einem kleinen Dorf bei Plön ... einer Kleinstadt in Franken. Kerzen flimmerten. Kinderstimmen sangen. Das Wunder der allmächtigen Liebe war gegenwärtig. Es roch nach Gebäck, nach Äpfeln, Nüssen, Tannen.

Die Köpfe sanken auf die Brust, auf die schmutzigen Steppjacken, auf die geflickten Hemden, die nach Schweiß und Kohlsuppe stanken.

Die Stille Nacht.

Die Kerzen knatterten in das Schluchzen der Männer. Der Pastor segnete die gesenkten Häupter.

».und gebe euch Frieden. Amen!« sagte die zittrige Stimme.

Dann war Schweigen. Langes, langes Schweigen.

Die Verdammten waren in der Heimat.

Die Herzen sprachen mit den Frauen und Kindern, mit den Müttern, Vätern, Brüdern, Bräuten. Sie weinten, und sie versprachen Hoffnung. Wir werden kommen, wir werden alle wiederkommen . glaubt es... glaubt es doch. Eure Liebe ist unsere Stärke in der Einsamkeit.

In der Stille bauten ein paar Plennis den Altar ab. Ein Vorhang aus billigem Stoff senkte sich vor die Bühne.

Langsam, einzeln, setzten sich die Gefangenen. Ihre Augen waren noch verschleiert, noch jenseits der Wolga. Nur langsam kehrten die Seelen zurück.

Das Lagerorchester stimmte die Instrumente. Der Dirigent war nervös und schimpfte leise. Hinter der Bühne rannte der Regisseur herum und ermahnte noch einmal die Darsteller, seine Anweisungen für besonders kritische Stellen nicht zu vergessen. Der Komponist saß in der Ecke und hatte nichts zu sagen ... wie immer beim Theater. Von den Textautoren sprach überhaupt keiner.

Worotilow wandte sich an Dr. Böhler. »Erstaunlich, was die Männer in der kurzen Zeit geleistet haben! Nach der Arbeit, mit der halben Portion Essen! Eine Operette, ein Orchester, Kulissen, eine Bühne.«

»Es ist der sichtbare Wille zum Leben!«

»Vergessen Sie nicht, daß er von Moskau mit der Verfügung vom

Kulturnaja shisnj gefördert wird.« Worotilow lächelte schadenfroh. »Sie werden sich nicht beschweren können, wenn Sie einmal zurück nach Deutschland kommen. Ich weiß, daß es in den deutschen Gefangenenlagern unseren russischen Brüdern schlechter ging! Dort zeigte sich der Deutsche als Barbar!«

»Wollen wir darüber streiten?« fragte Dr. Böhler. »Jetzt? Mir ist viel zu heimatlich zumute, um mit Ihnen über diese Dinge zu diskutieren. Wenn Sie wüßten, wie es jetzt in uns aussieht.«

Worotilow antwortete nichts. Er wandte sich Kommissar Kuwa-kino zu, der still und merkwürdig traurig neben ihm saß. Der Gedanke an seine Mutter erschütterte ihn in diesem Augenblick tief. Sein Weg war durch die Partei vorgezeichnet, es gab kein Zurück mehr, nur noch ein Vorwärts, das ihn hintrieb in ein Leben, das er nicht zu bestimmen wagte. Als ihn Worotilow leise anstieß, zuckte er zusammen und kroch in sich, als habe ihn jemand mit dem Kolben in den Nacken gestoßen.

»Was haben Sie, Genosse Major?« fragte er leise.

»Ich wollte Sie nur etwas fragen: Haben Sie schon etwas Neues von Dr. von Sellnow gehört?«

Kuwakino wurde blaß. »Lassen Sie mich in Ruhe!« zischte er wütend. Seine Augenwunde brannte.

Janina Salja saß neben Dr. Schultheiß. Sie sah den mächtigen Rük-ken des Majors vor sich, aber sie empfand nichts bei diesem Anblick, keine Erinnerung, kein Schaudern bei dem Gedanken an seine früheren brutalen Umarmungen. Sie saß Hand in Hand mit Jens und schaute auf die Bühne, deren Vorhang sich geheimnisvoll bauschte. Dann rauschte die Ouvertüre auf - eine lustige, flotte Musik im Tanztempo, eine Erinnerung an Peter Kreuder und Franz Grothe. Die Trompete Fischers schmetterte . einmal daneben, aber das nahm man nicht so genau. Karl Georg bediente das Schlagzeug mit Liebe und Hingabe. Leutnant Markow lächelte vor sich hin. Die Trompete! Sein Erbfeind! Aber es klang gut, was die deutschen Schweine da spielten, flott, lustig ... es ging in die Beine und ins Ohr. Es war eine moderne Melodie, eine Bourgeoisie-Angelegenheit, wie man in Moskau auf der Politschule sagen würde ... aber es war schön. Verflucht noch mal! Es gab noch etwas anderes als Dienst und Doktrin! Die Kalmücken und Mongolen im Hintergrund grinsten zufrieden. Bascha stand mit Michail Pjatjal hinter der Theke mit einer improvisierten Kantine, wiegte die starken Hüften und ließ die dicken Brüste wippen.

Nach der Ouvertüre zogen zwei Gefangene den Vorhang auf. Eine ländliche Gegend war auf der Bühne aufgebaut. Bäume, eine Bank, eine weite, deutsche Landschaft, gemalt auf einen Rundhorizont. Auf der Bank saß der gefangene Kammersänger und schien auf jemanden zu warten. Er zeichnete mit einem Stock Figuren in den Sand und sang dabei.

Die Operette dauerte ohne Pause anderthalb Stunden . sieben verschiedene Bilder, zündende Melodien, flotte Texte ... die Gefangenen bogen sich vor Lachen über den Buffo und klatschten auf offener Szene Beifall. Der Komponist hinter der Bühne strahlte, die Textdichter stritten sich darum, welcher Liedertext am besten angekommen war ... der Regisseur raufte sich schon wieder die Haare, weil zwei Darsteller steckengeblieben und man vergessen hatte, einen Souffleur einzusetzen ... der Darsteller der weiblichen Hauptrolle vergaß einmal seine hohe Stimme und sprach im Baß weiter, was den größten Erfolg bei den Zuhörern hatte ... als der Vorhang fiel, belohnte langanhaltender Beifall die Künstler. Sie traten an die Rampe wie in den Städten, aus denen sie kamen, und sie verbeugten sich und waren glücklich wie selten zuvor.

Major Worotilow erhob sich als erster. Er grüßte zur Bühne hinauf und wandte sich dann an Dr. Böhler. »Ein schöner Abend, Herr Doktor. Ich habe nicht bereut, oft die Augen zugedrückt zu haben.« Er sah zu Kuwakino hin und meinte laut: »Ich hoffe, daß auch die Zentrale in Moskau Kenntnis von diesem schönen Fest erhält!«

Kommissar Wadislav Kuwakino sah mit seinem ihm verbliebenen Auge schräg zu Worotilow hinauf. Er schwieg. Doktor Kresin lachte meckernd und sah zu Bascha hin, die die ersten Wodkagläser an die Wachoffiziere ausgab. »Vom Himmel hoch, da komm' ich her!« sagte er lustig. »Kommen sie, Genosse Kommissar! Sie erinnern mich an den einäugigen Zyklopen ... nur war er hundertmal größer als Sie!«

Wütend folgte ihm Kuwakino. Er hatte sich vorgenommen, Dr. von Sellnow zu vernichten, wie noch nie ein Mensch vernichtet worden war.

Das Weihnachtsfest dauerte bis in die Frühe. Beim Morgengrauen schwankte Leutnant Markow über den Appellplatz und übte auf Peter Fischers Trompete. Worotilow saß mit Dr. Kresin und Kuwakino in einer Ecke der Stolowaja und spielte Karten. Dr. Böhler tanzte mit der Tschurilowa und Ingeborg Waiden. Dr. Schultheiß und Ja-nina vermißte niemand. Selbst Worotilow nicht. Nur Karl Georg, der einmal auf die Latrine mußte, sah, wie hinter dem Fenster Janinas auf der Lungenstation sich zwei Schatten bewegten und dann das Licht erlosch.

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