Der Arzt von Stalingrad
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочее научное
Электронная книга - «Der Arzt von Stalingrad». Краткое содержание книги:
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FÜR ALLE, DIE NICHT ZURÜCKKEHRTEN FÜR ALLE, VON DEREN SCHICKSAL NIEMAND WEISS...
GEDULD IST DIE KUNST ZU HOFFEN VAUVENARGUES
»Auch in Kasymsskoje wird es Kranke geben.«
Kuwakino nickte. »Abber nicht Arzt!« Er grinste. »Du dort Ar-beitter! Wie alle! Nicht Arzt!«
Dr. Böhler erhob sich und wanderte im Zimmer hin und her. Die Blicke aus den Fuchsaugen des Kommissars wanderten mit. Er trat ans Fenster und sah, wie ein Lastwagen auf dem Platz ausgeladen wurde. Die Kasalinsskaja stand dabei und sprach erregt auf einen vermummten Mann ein. Sein Pelzmantel schleifte fast über den Schnee, die Mütze hatte er tief ins Gesicht gezogen. Jetzt drehte sich der Mann herum und blickte zum Lazarett. Dr. Böhlers Herz stockte einen Augenblick.
Werner von Sellnow.
Er kam, ihn abzulösen. Es war Ernst geworden.
Moskau schrieb den Arzt, den Chirurgen Dr. Fritz Böhler ab.
Hinter sich hörte er leises Atmen. Kommissar Kuwakino sah ihm über die Schulter.
»Nachfolgerr!« sagte er leise.
»Sie hätten keinen Besseren finden können. Dr. von Sellnow ist ein vorzüglicher Arzt.«
»Und Kommunist.«
»So?« Dr. Böhler wandte sich ab. Sellnow ein Kommunist? Sollte die Kasalinsskaja ihn ganz in ihr Lager hinübergezogen haben? Er schloß das Aktenstück, das auf seinem Tisch lag, und kam sich allein und von allen verlassen vor. Dr. Kresin ließ sich nicht blicken, Worotilow nicht, Dr. Schultheiß machte mit den Schwestern Visite, die Kasalinsskaja stand bei ihrem Geliebten, die Tschurilowa saß im Laboratorium. Er war allein. Allein mit Kuwakino.
»Wann werde ich abtransportiert?«
»Am Mittwoch nächster Woche.« Kuwakino lächelte. »Ohne Gepäck.«
Ohne Gepäck. Dr. Böhler kannte diesen Ausdruck. Ohne Gepäck hieß: Du brauchst keinen Ballast mehr, denn du kommst doch nie wieder zurück zu den Lebenden. Du bist abgeschrieben, du stehst in keiner Liste mehr . du bist Freiwild, eine Null, ein Nichts!
Kommissar Wadislav Kuwakino warf noch einen Blick auf den schweigenden Arzt, dann verließ er das Zimmer und prallte auf dem Flur mit Dr. von Sellnow zusammen, dem die Kasalinsskaja folgte. Sellnow war hochrot im Gesicht. Er bebte vor Zorn und stellte sich dem kleinen Asiaten in den Weg.
»Wo ist der Stabsarzt, Kommissar?« brüllte er.
»Im Zimmer.«
Sellnow schob Kuwakino zur Seite und rannte den Gang entlang. Er riß gerade die Tür auf, als der Kommissar leise zu der Kasalinsskaja sagte: »Wir müssen auch ihn beobachten! Er ist ein Deutscher! Er ist immer gefährlich! Er wird vielleicht der nächste sein.«
Dann ging er weiter. Mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen sah ihm die Kasalinsskaja nach.
Die kalte Hand Moskaus lag über dem Lager 5110/47.
Dr. von Sellnow stand im Zimmer. Er hatte sich gegen die Tür gelehnt, die er von innen verschlossen hatte. Seine Pelzmütze lag auf dem Boden zwischen ihm und Dr. Böhler.
»Guten Tag, Werner«, sagte Dr. Böhler freundlich.
Sellnow ballte die Fäuste. »Du Idiot!« zischte er. »Du heilloser Idealist! Du romantischer Feigling!«
»Ist das alles, was du mir nach so langer Abwesenheit zu sagen hast?«
»Ich könnte dir noch mehr sagen, ich könnte dir all das, was ich in mir aufgespeichert habe, ins Gesicht schleudern wie einen Eimer Dreck ... aber es hätte ja doch alles keinen Sinn!«
»Wie gut du mich kennst.« Dr. Böhler streckte den Arm aus, zu Sellnow hin. »Komm, gib mir die Hand.«
Sellnow rührte sich nicht. »Es stimmt, was man mir erzählt hat. Du hast gemeutert, und ich übernehme das Lazarett?«
»Ja.«
»Du kommst als gemeiner Plenni in ein Straflager?«
»Ja. Nach Kasymsskoje, in die Sümpfe von Westsibirien.«
»Das weißt du?«
»Kuwakino hat es mir eben gesagt. Mittwoch werde ich abtransportiert. Bis dahin hast du Zeit, dich wieder einzuarbeiten. Wir haben jetzt drei deutsche Schwestern, eine russische Laborantin.«
»Hör mir auf mit den Weibern!« Sellnow schleuderte seine Jacke ab. Vor Erregung vibrierend stand er vor Böhler. »Und du schämst dich nicht, uns zu verlassen?!«
»Ich gehe für unser Recht! Man hat an meinen Kameraden rechtlos gehandelt . und da mache ich nicht mit!«
»Recht! In der Gefangenschaft Recht! Wenn ich das höre! Man könnte sich vor soviel Blödheit die Haare raufen! Du kennst Kre-sin, kennst Worotilow . es sind gute Kerle, die oft anders müssen, als sie selbst wollen! Auch sie haben einen über sich, der mit der Naßaika winkt, wenn sie nicht spuren. Das weißt du alles ... und da stellst du dich hin, der Herr Stabsarzt Dr. Fritz Böhler, stellst dich hin in deiner ganzen Größe und spuckst große Bogen von we-gen Menschenrecht um jeden Preis.«
Dr. Böhler wandte sich ab. »Deine Unsachlichkeit hat in Stalingrad noch zugenommen«, sagte er ruhig. »Es geht hier um mehr als Äußerlichkeiten. Es geht um die Grundeinstellung! Man hat versucht.«
»Ich weiß, ich weiß!« Sellnow winkte mit beiden Armen ab. »Alexandra hat's mir erzählt. Sie haben den Walter Grosse in der Latrine ersäufen wollen, und du Idiot hast ihn gerettet.«
»Ich bin Arzt.«
»Herrlich! Ich bin Arzt! Wäre Grosse ersoffen, in der Scheiße untergetaucht, so hätte man sein Verschwinden lange nicht gemerkt. Beim Appell hätte einer für ihn >hier< gerufen, bis es Kuwakino aufgefallen wäre, daß keine Meldungen mehr eintrafen. Dann aber wären alle Spuren längst verwischt gewesen! So aber wird der Grosse aussagen ... man wird ihn kirre kriegen. Mit Foltern, mit Seelenmassage, mit der Drohung, seine Frau und Kinder als Geiseln festzunehmen. Das wirft den stärksten Seemann um! Und dann marschieren nicht du allein, sondern noch sieben andere Männer in die Sümpfe.«
»Wieso sieben?« Dr. Böhler sah Sellnow groß an.
»Weil ich sie kenne!« Er wurde ein wenig verlegen und sah an die Decke. »Ich habe in der Fabrik >Roter Oktober< nicht auf dem Mond gelebt. Ich habe die Namen am nächsten Tag gewußt.«
»Von wem?« Dr. Böhler trat einen Schritt vor. Als Sellnow auswich, faßte er ihn an den Rockaufschlägen und zog ihn zu sich heran. »Werner, ich will wissen, woher du die Namen kennst. Ich muß die sieben Männer schützen . ich muß sie vor Grosse und Kuwakino schützen. Sie bilden die einzige Gefahr. Sie müssen sicher sein, bevor ich am Mittwoch abtransportiert werde. Wer weiß die Namen noch?«
Sellnow senkte den Kopf. »Alexandra«, sagte er leise.
Verblüfft ließ Dr. Böhler ihn los. »Die Kasalinsskaja? Und sie schweigt? Sie . die gefürchtetste Frau im ganzen Bezirk Stalingrad.«
»Ja, sie schweigt.« Sellnow schob Dr. Böhler zur Seite und trat an den Tisch. »Aber das ist unwichtig. Alles ist unwichtig. Du darfst auf keinen Fall nach Kasymsskoje. Dort gehst du innerhalb von vierzehn Tagen vor die Hunde!«
»Das weiß ich. Aber ich bettle nicht. Worotilow hat mich bei Ku-wakino verraten. Das war meine größte Enttäuschung seit Jahren. Kresin kann mir gegen Kuwakino nicht helfen - ich werde also gehen.«
Sellnow schwieg. Er starrte auf die Tischplatte. In seinem Kopf entwickelte sich ein Plan, ein schrecklicher, ein verzweifelter Plan. Dr. Böhler beobachtete ihn verblüfft, er wollte etwas sagen, aber Sellnow drehte sich schon um und kam auf ihn zu.
»Was auch kommen mag, Fritz, versprichst du mir, ruhig zu bleiben?«
»Was soll das, Werner? Was hast du vor?«
»Willst du still sein, Fritz? Versprich es mir. Gib mir die Hand, daß du keinen Finger rühren wirst. Daß du nichts unternimmst.«
Dr. Böhler schüttelte den Kopf. Eine unbestimmte Ahnung hielt ihn zurück, sein Wort zu geben.
»Wenn ich nicht weiß, was es ist.«
Sellnow zögerte wieder, doch dann ergriff er seine Jacke, hing sie lose um die Schultern, setzte seine Pelzmütze auf den Kopf und schloß die Tür auf.
»Leb wohl, Fritz«, sagte er leise. Seine Stimme schwankte ein wenig. »Ich war manchmal grob und ein scheußliches Ekel. Ich habe euch oft Sorgen gemacht und dir viel gesagt, was ich eigentlich gar nicht so meinte. Vergiß alles, und bleibe so, wie du bist.«
Dr. Böhler kroch die Angst im Halse hoch. Er spürte, wie sie ihn würgte. »Was soll das, Werner?« sagte er drängend. »Du hast wieder eine Dummheit vor. Werner!«