Der Arzt von Stalingrad
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочее научное
Электронная книга - «Der Arzt von Stalingrad». Краткое содержание книги:
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FÜR ALLE, DIE NICHT ZURÜCKKEHRTEN FÜR ALLE, VON DEREN SCHICKSAL NIEMAND WEISS...
GEDULD IST DIE KUNST ZU HOFFEN VAUVENARGUES
»Man hat mir erzählt, daß Sie einem sowjetischen Kommissar ein Auge ausgeschlagen haben.«
Sellnow richtete sich auf. Er war ehrlich erschrocken. »Das habe ich nicht gewußt!« sagte er leise. »Ich habe ihn angegriffen, ja ... ich habe ihn zu Boden geschlagen. Dann sah ich plötzlich nichts mehr . was ich in vier Jahren erduldet habe, das brach plötzlich aus mir heraus, was ich tat, wußte ich nicht mehr. Aber daß Ku-wakino ein Auge dabei verlor . das bedauere ich wirklich.«
»Man hat vor, Sie vor ein Kriegsgericht zu stellen.«
»Damit habe ich gerechnet.« Sellnow lachte sarkastisch. »Nur soll man sich beeilen . sonst kann ich an der Verhandlung nicht mehr teilnehmen.«
»Sie sind Fatalist?«
Sellnow sah Passadowski spöttisch an. »Wenn Sie wollen, auch Nihilist! Dr. Kresin behauptete sogar, ich sei auf dem besten Wege, auch Kommunist zu werden.«
Passadowski atmete sichtlich auf. »Das wäre eine gute Lösung.«
»Unsinn wäre das!« sagte Sellnow grob.
Der Major zuckte zusammen. »Aber, aber, Kamerad!« stammelte er.
»Der Kommunismus ist für mich genauso ein Dreck wie der Nationalsozialismus! Die Idee - darüber wollen wir nicht streiten. Aber was man daraus gemacht hat . das ist ausgesprochener Mist.«
»Es fehlen die intelligenten Köpfe, Kamerad.«
»Zu denen Sie sich rechnen, was?« Sellnow lachte gequält. Ein Hustenanfall warf ihn zurück. Schmerzverzerrt preßte er die Hände gegen die Brust. Dabei brach kalter Schweiß aus seinen Poren. Passadowski sah auf den schwerkranken Mann und war geneigt, ihm seinen ätzenden Spott zu verzeihen.
»Sie kennen das Nationalkomitee Freies Deutschland, Kamerad?«
»In Moskau? Ja! Die Kerle, die mit Lautsprechern an die Gräben fuhren und herüberriefen: Lauft über - in Moskau warten Frauen auf euch, und dort gibt es süßen Reis! Und dann spielten sie: Hörst du mein heimliches Rufen. Gehören Sie zu dieser Bande?«
Passadowski wurde steif. »Wir sind ein Korps alter Offiziere. Namen, die Klang haben in der deutschen Kriegsgeschichte.«
Sellnow winkte ab. »Sie wollen mich zum Kommunismus bekehren, nicht wahr?« fragte er. »Woher nehmen Sie eigentlich die Frechheit, hier in dieses Saulager zu kommen, gesund, gepflegt, vollgefressen, vielleicht dem Bett einer schönen Saratower Hure entstiegen.?«
»Herr von Sellnow!« rief der Major empört.
»Herr Major! Putzen Sie ihr Monokel! Sie können sich als Zauberkünstler betätigen. Ebensowenig, wie Sie aus einem Scheißhaufen Butter machen können, machen Sie aus mir einen Kommunisten! Und jetzt gehen Sie . aber bitte etwas plötzlich . sonst neh-me ich meine letzte Kraft zusammen und schmeiße Sie hinaus!«
Major Wilhelm Passadowski prallte zurück. Schnell verließ er die Krankenbaracke und wischte sich in der kalten Schneeluft den Schweiß von der Stirn. »Ein unmöglicher Mensch«, murmelte er. »Und das war ein Arzt und ein Offizier! Der Krieg verroht die Menschen.«
Das war ein Trost, an dem es sich wieder aufrichten ließ. In strammer Haltung ging er zu der kleinen Wachbaracke zurück und betrat den Raum. Die MWD-Offiziere saßen mit dem Lagerkommandanten um den Tisch und tranken Wodka aus Wassergläsern. Das Zimmer war von Tabakrauch vernebelt. Sie lachten, als der Major eintrat. Er wußte nicht warum - vielleicht wußten sie, daß er eine Niederlage erlitten hatte. Er kniff die Lippen zusammen und blieb wie ein Schuljunge an der Tür stehen. Niemand bot ihm einen Stuhl an. Er fühlte, daß er trotz allem nur ein Plenni war, ein Ausgestoßener, ein Absteiger, Verachteter, trotz seines Parteibuches und der Sondervollmacht des Zentralkomitees. Man schnitt ihn . ihn, Major Wilhelm Passadowski, den ehemaligen Regimentskommandeur vor Smolensk.
Mit verbissenem Gesicht blieb er stehen, im Qualm, an der Tür, in der Hitze, mit dem dicken Pelz. Nur das Monokel klemmte er ein. Haltung ist alles, dachte er. Haltung auch in der Gefangenschaft. Der deutsche Offizier repräsentiert sein Vaterland!
Schwitzend, mit Monokel, stand er an der Tür. Eine Stunde lang. Dann brachen die beiden MWD-Offiziere auf. Sie gingen an ihm vorbei und überließen es ihm, mitzukommen. Wie ein Hund trottete er durch den tiefen Schnee hinter ihnen her. Am Tor standen die beiden SS-Ärzte. Als er an ihnen vorbeikam, nahmen sie stramme Haltung an und riefen: »Gute Fahrt, Herr Major!«
Blaß und beschämt stieg er in den Wagen und sah sich nicht mehr um.
Vor ihm dehnte sich die weite, weiße Fläche. Es schneite wieder. Die Wolga schälte sich aus dem wirbelnden Vorhang. Ein breites Band in einer Senke - gefroren und mit aufgetürmten, übereinandergeschobenen Eisschollen. Auf ihnen sah er schwarze, vermummte Gestalten mit Spitzhacken. Sie standen im Schnee und hieben in das Eis. Laut hallten ihre Schläge durch die Stille.
Am Ufer pendelten zwei Posten mit Maschinenpistolen. Major Wilhelm Passadowski sah zur Seite - zur anderen Seite, in den wirbelnden Schnee. Er wollte nicht vergessen, daß er Kommunist war.
Dr. Werner von Sellnow wurde noch einmal gerettet. Die heimliche Pflege der zum Tode verurteilten SS-Ärzte brachte ihn wieder auf die Beine. Vorgebeugt, ein alter Mann, schlich er durch das Lager 53/4 und wurde mit leichteren Arbeiten beschäftigt. Er durfte die Kommandantur putzen und den Boden mit einer kleinen Stahlbürste fast weiß scheuern. Der Leutnant schrie ihn an, wenn er einen dunklen Fleck auf den Dielen fand, und so schrubbte er jeden Tag ächzend und mit schmerzendem Kreuz, und fiel am Abend wie zerschlagen auf seinen muffigen, harten Strohsack.
Aber er lebte! Er atmete die eisige Luft des russischen Winters, der für ihn keine Schrecken mehr barg. Er kannte ihn in allen Spielarten. Im dünnen Sommermantel war er von Stalingrad vier Wochen durch den Schneesturm gezogen, ehe er ein festes Lager fand. Es war ein Todesmarsch. 95.000 Gefangene machte der Russe bei Stalingrad ... knapp 10.000 kamen in den Lagern an. Die anderen 85.000? Nitschewo. Sie waren verschwunden in Schnee und Eis, begraben an den Ufern der Wolga ... im Frühjahr tauten sie auf und verpesteten die Luft mit Leichengeruch.
Nitschewo.
Mitte Februar trafen die Stürme aus dem Osten ein ... die sibirischen Stürme, die die Stämme der Urwälder in der Taiga knickten, das Holz vor Frost mit jammerndem Krachen sprengten. Der Sturm, der alles Leben tötete. Nur die Plennis lebten . in den Baracken, die zuschneiten, deren Türen zufroren und die man morgens auftauen mußte, um Essen holen zu können. Die Posten auf den Türmen waren eingezogen . wenn die sibirischen Stürme kamen, gab es keine Flucht mehr. Selbst die Pendelposten außerhalb des Lagers taten keinen Dienst. Tot lagen die Baracken unter den pfeifenden Stürmen ... nichts rührte sich außerhalb der vereisten Bretterwände, nur ab und zu huschte eine Gestalt durch den Sturm, warf sich gegen den eisigen Wind und stürzte dann in eine andere Baracke. Es waren die Essenholer, die beiden Sanitäter, einer der SS-Ärzte, der gerufen worden war zu einem der unzählbaren Verhöre.
Auf der Wolga türmte sich das Eis. Es krachte in den Nächten. Heulend strichen die Wölfe um den Drahtzaun des Lagers und versuchten, ihn zu durchbrechen. Sie witterten die Wärme innerhalb der Holzhütten. Doch keiner kümmerte sich um sie . sie wurden nicht einmal beschossen ... sie lagen im Schnee, die Schnauze gegen den Wind, und wimmerten.
In dieser Zeit genas Sellnow vollends. Er wurde kräftiger, ruhte sich aus, lag viel unter den drei schmierigen Decken und las jetzt des öfteren in der Bibel. Das fiel ihm selbst auf. aber er verspürte das Bedürfnis. Ein aktuelles Buch, dachte Sellnow, um seine Erschütterung zu bagatellisieren. Er dachte nächtelang nach und lag schlaflos auf seinem Strohsack. Er hatte die Anwesenheit Gottes geleugnet, er hatte einmal zu Dr. Böhler gesagt: »Wenn ich einen Bauch aufschneide und wieder zusammenflicke, sehe ich nichts Göttliches dabei. Aber die Verwandten sagen dann: Gott hat ihn gerettet!« Und Dr. Böhler hatte geantwortet: »Die Fähigkeit, Bäuche aufzuschneiden, die haben Sie von Gott, Werner.« Da hatte er gelacht und gemeint, daß er gar nicht das Gefühl hatte, in der Universität einem Sprachrohr Gottes gegenüberzusitzen, als er den alten Professor Walter über Anatomie dozieren hörte. Und jetzt las er die Bibel und war ergriffen.