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Der Arzt von Stalingrad

Электронная книга - «Der Arzt von Stalingrad». Краткое содержание книги:

Das große Epos der Kriegsgefangenschaft: Mitten in der Hölle des Plenni-lagers sucht ein Arzt die Würde seines Berufs, die Würde des Menschen zu wahren. Vor dem Hintergrund des riesigen Lagers von Stalingrad spielt sich das erregende und erschütternde Geschehen ab. Dem Lagerarzt Dr. Böhler glückt jene legendäre Operation, die mit Windeseile in allen Gefangenenbaracken von Odessa bis Astrachan mythischen Ruhm gewinnt. Bei Petroleumbeleuchtung in einer eisumtosten russischen Bauernkate, mit nichts ausgerüstet als mit einem Drillbohrer, einem Schlosserhammer, einem Stemmeisen und dem alten Taschenmesser eines Landsers, hatte er die komplizierte Schädeloperation gewagt.
Sonderausgabe mit Genehmigung der Lichtenberg Verlag GmbH, München Printed in Western Germany • BK Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! ©
FÜR ALLE, DIE NICHT ZURÜCKKEHRTEN FÜR ALLE, VON DEREN SCHICKSAL NIEMAND WEISS...
GEDULD IST DIE KUNST ZU HOFFEN VAUVENARGUES
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Dr. Böhler sah ergriffen zu Boden. »Es ist furchtbar, daß er es tat, um mich zu retten. Sie hatten mich angezeigt, Major.«

»Ich bin Russe!« Worotilow erhob sich steif und abweisend. »Ich dulde keine Meuterei! Auch nicht von Männern, die ich schätze! Die äußere Disziplin hat mit der inneren Einstellung nichts zu tun! Es gab einmal einen Offizier - in Ihrer Wehrmacht, Herr Dr. Böhler -, der sagte: >Im Dienst bin ich ein Schwein - und ich bin immer im Dienst!< Daran habe ich gedacht, als ich Sie bei Kuwakino meldete.« Er hob die Schultern. »Das Leben ist grausam ... ich habe mich damit abgefunden.«

Er sah aus dem Fenster und schüttelte den Kopf. An dem Lastwagen stand die Kasalinsskaja und verhandelte erregt mit einem Leutnant. Worotilow klopfte mit den Fingern auf die schmale hölzerne Fensterbank. »Die Genossin Ärztin will nach Nishnij Balykleij fahren«, sagte er sinnend, als spräche er mit sich selbst. »Sie versucht, den Transportoffizier zu überreden.«

Bei den Wachbaracken herrschte reges Leben. Die Kisten wurden weggeschleppt. Waffen und Munition wurden von den Wachoffizieren gezählt... noch drei Lastwagen kamen die Straße herauf und fuhren brummend in den Hof. Hochgebaute Ford-Sons, noch aus der amerikanischen Materiallieferung an Rußland stammend, gute, schwere, robuste Wagen mit einem V-8-Reihenmotor, winterfest und geländegängig. Die Monatslieferungen für die Wachmannschaften kamen an, die Auffüllung der Kantinen, der Küchenbestände, Wodka traf in großen 20-Liter-Flaschen ein, Sonnenblumenöl, Gefrierfleisch, riesige Mengen mit Eis überzogenen

Kohls, Medikamente, Trockenkartoffeln, grobgemahlenes Mehl und große Säcke mit Hirse. Es galt, im Lager 5110/47 675 sowjetische Soldaten und 21 Offiziere zu verpflegen. Von den Wachttürmen riefen die Soldaten den ausladenden Kameraden Witze zu. Michail Pjatjal, der Küchenleiter, erschien mit seiner drallen Bascha und beschwerte sich, daß einige Waren, die er bestellt hatte, nicht mitgekommen waren. Plennis, die Lagerdienst hatten, schleppten die Säcke in die Vorratskeller der großen Küche. Auch Peter Fischer und Karl Georg, kurz darauf auch Hans Sauerbrunn, tauchten inmitten des wimmelnden Menschenhaufens auf und schleppten Kisten und Beutel mit. Dabei stahlen sie, was nur zu stehlen war. Büchsen, Fett und Taschen voll Hirsekörner ... im Keller bearbeitete Peter Fischer fluchend ein großes Lendenstück Gefrierfleisch und schnitt nach vielen Versuchen ein fast fünfpfündiges Stück heraus. Er steckte es unter seine Steppjacke, verbiß sich die Schauer, die das gefrorene Fleisch durch seinen Körper jagte, und schlich zur Baracke zurück. Dort stopfte er das Fleisch und zwei Büchsen unter den Strohsack von Karl Eberhard Möller, der in Stalingrad auf einem Bau arbeitete. Hans Sauerbrunn erschien plötzlich mit vier Büchsen Fett und fünf Taschen voll Hirse. Karl Georg stand Schmiere und kundschaftete neue Möglichkeiten aus. Eine Kiste mit Eiern fiel ihm auf -er trat einem Soldaten, der sie in die Küche tragen wollte, in den Hintern und rief: »Dafür hat man mich eingeteilt, du sollst das Mehl schleppen!« Dann wuchtete er die Eierkiste auf seine Schulter und trabte an Pjatjal vorbei, der ihm nachdenklich zusah, in den Keller. Dort lockerte er am unteren Teil der Kiste ein Brett und fing die einzeln herausrollenden Eier auf, bis er alle Taschen vollgestopft hatte. Pfeifend ging er dann wieder an Michail Pjatjal vorbei über den Platz und betätigte sich mit seinen vollen Taschen noch bei der Hirseabladung, ehe er unauffällig in die Baracke entwischte und die Eier unter seinem Bett versteckte.

Hans Sauerbrunn blieb von diesem Augenblick an in der Baracke und bewachte die hereingeholten Schätze. Er zählte und legte eine peinlich genaue Liste an: Neun Dosen Fett, fünf Pfund Gefrierfleisch,

Rindslende, etwa fünf Pfund Hirse, 27 Eier, eine Literflasche Wodka - Karl Georg hatte sie an sich genommen, bevor er die Eierkiste sah. Peter Fischer brachte noch einen länglichen Beutel, in dem sich getrocknete Kartoffelschnitzel befanden.

»Jetzt wird gefressen zu Weihnachten«, sagte er grinsend. »Und wenn ich platze ... ich fresse so lange, bis ich mit 'm Finger oben dran fühlen kann.«

Michail Pjatjal kam aus dem Keller. Sein Kopf war rot wie eine Tomate. Er hatte das angeschnittene Lendenstück bemerkt und zitterte vor Wut.

»Wer hat getraggen Fleisch?!« brüllte er über den Platz.

Keiner der Plennis antwortete.

»Wer?!«

Die Gefangenen arbeiteten ruhig weiter. Sie schleppten jetzt die Munition in die Wachbaracken. Dabei tauschten sie gestohlenen Tabak gegen Rubelstücke oder Fett ein. Michail Pjatjal tobte. Er sah Bascha an, die die Listen der ausgeladenen Lebensmittel prüfte. »Sie haben geklaut wie die Raben!« sagte er wild. »Ich lasse das ganze Lager untersuchen! Mein schönes Fleisch!« Und zu den Plennis schrie er grelclass="underline" »Alles weggg! Ich traggen allein! Weggg!«

Die Kasalinsskaja verhandelte noch immer mit dem jungen Leutnant. Ihre schwarzen Augen brannten.

»Es geht nicht, Genossin Kapitän«, sagte der Leutnant bedauernd. »Ich fahre nach Stalingrad zurück. Ich habe meine Befehle. Und nach Nishnij Balykleij fährt überhaupt keiner von unserer Transportbrigade. Das Lager wird gesondert beliefert, von einer Spezialabteilung der Division. Du müßtest dich an Väterchen General wenden . vielleicht, daß er.«

Er zuckte mit den Achseln. Seine breiten Schulterstücke glänzten in der kalten Wintersonne. Er war ein hübscher Kerl, jung, eben erst von der Kriegsschule in Moskau gekommen, wo Offiziere der Gruppe >Nationalkomitee Freies Deutschland< in Taktik und Kriegsgeschichte ausbildeten. Er war stolz, ein Rotarmist zu sein, und musterte erstaunt und innerlich abweisend die schöne Ärztin, die rangmäßig über ihm stand, aber so viel Interesse für deutsche Gefangene hatte, für diese Deutschen, die den Kommunismus ausrotten wollten, das Idol der russischen Jugend.

»Welche Transportbrigade bringt denn die Sachen nach Lager 53/4?« fragte die Kasalinsskaja. »Sie müssen doch auch von Stalingrad aus verpflegt werden.«

»Soviel ich weiß, unterstehen sie dem Kommando über die Sakljut-schonnyis. Das Straflager 53/4 und die Lager der zivilen Strafgefangenen sind verpflegungstechnisch miteinander verbunden. Sie liegen auch nebeneinander an der Straße nach Saratow.« Er hob beide Hände und wandte sich ab. »Ich kann dir nicht helfen, Genossin Kapitän.«

Die Kasalinsskaja drehte sich um und lief über den Platz zurück zum Lazarett. In ihrem Zimmer setzte sie sich hin und überdachte die Lage. Sie sah die Wolga vor sich, das breite Band, das durch die Ebene zog, und an deren Ufer die kleine Stadt Nishnij Balykleij lag, an die Erde hingeduckte Hütten, in denen Schiffer und Fischer wohnten, arme Bauern und einige Händler, die Felle aus den Wäldern aufkauften oder kleine Schleppkähne den Fluß hinauf- und hinabschickten. Eine Stadt ohne Gesicht, eine Siedlung, die im Schnee aussah wie weit verteilte Maulwurfshügel - und nahe bei ihr ein kleines Lager: acht Wachttürme, zehn Baracken, ein hoher doppelter Drahtzaun, elektrisch geladen. Ein Leutnant und 59 Mann. Kalmücken, Tataren, kleine, braune Freiwillige aus Aserbeidschan, Kirgisen und Schlitzäugige vom Baikalsee bei Irkutsk. Der Wind heulte um die Baracken . der Schnee trieb über sie hinweg, das Eis der Wolga krachte. In den Wäldern heulten die hungrigen Wölfe . in der Nacht kamen sie bis an das Lager und umschlichen den Drahtzaun. Die Wölfe, die man von den Türmen aus erschoß, wurden von den anderen zerrissen . das warme Fleisch verschlungen, das Blut aus dem Schnee geleckt. Am Morgen lagen die abgenagten Felle um das Lager.

Die Kasalinsskaja schauderte. Sie sah Sellnow auf dem Eis der Wolga stehen und Löcher in die dicke Decke hacken. Ein Kalmücke stand hinter ihm und beobachtete ihn. »Dawai! Dawai!« schrie er und hieb auf ihn ein.

Alexandra Kasalinsskaja drückte beide Hände gegen die Augen, als könne sie die Bilder damit verscheuchen. Ihr Entschluß stand fest, es gab kein Besinnen mehr, nur noch die Tat, über alle Hemmungen hinweg, über alle Ordnung, über alle Doktrin der Partei und der Roten Armee. Sie sprang auf und packte einen Koffer mit den nötigsten Dingen zusammen. Einige Kleider, Unterwäsche, Seife, einen kleinen, aber sorgfältig gefüllten Medizinkasten, ein chirurgisches Reisebesteck, Injektionsspritzen, Ampullenschachteln und zwei Phiolen mit Zyankali.

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