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Der Arzt von Stalingrad

Электронная книга - «Der Arzt von Stalingrad». Краткое содержание книги:

Das große Epos der Kriegsgefangenschaft: Mitten in der Hölle des Plenni-lagers sucht ein Arzt die Würde seines Berufs, die Würde des Menschen zu wahren. Vor dem Hintergrund des riesigen Lagers von Stalingrad spielt sich das erregende und erschütternde Geschehen ab. Dem Lagerarzt Dr. Böhler glückt jene legendäre Operation, die mit Windeseile in allen Gefangenenbaracken von Odessa bis Astrachan mythischen Ruhm gewinnt. Bei Petroleumbeleuchtung in einer eisumtosten russischen Bauernkate, mit nichts ausgerüstet als mit einem Drillbohrer, einem Schlosserhammer, einem Stemmeisen und dem alten Taschenmesser eines Landsers, hatte er die komplizierte Schädeloperation gewagt.
Sonderausgabe mit Genehmigung der Lichtenberg Verlag GmbH, München Printed in Western Germany • BK Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! ©
FÜR ALLE, DIE NICHT ZURÜCKKEHRTEN FÜR ALLE, VON DEREN SCHICKSAL NIEMAND WEISS...
GEDULD IST DIE KUNST ZU HOFFEN VAUVENARGUES
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Auf dem Platz stieß Markow in die Trompete. Sie wimmerte kläglich. Die Posten auf den Türmen kreischten vor Vergnügen. Drei junge Leutnants sangen einen Kosakenchoral vor der Tür der Sto-lowaja.

In der Stolowaja spielten sie einen Krakowiak. Sieben Tataren wirbelten über den Fußboden, und Worotilow klatschte den Takt. Dr. Kresin sang mit wodkaheiserer Stimme. Nur Kuwakino starrte mit seinem einen Auge böse auf das bewegte Bild. Markow kam wieder herein und blies in die Musik hinein. Man schrie vor Freude. Pjatjal kniff Bascha begeistert in die Brust.

Als der Morgen kam, schlief das Lager. Nur die Posten standen auf den Türmen, pendelten um den Zaun, durch die Lagergassen, wachten in Kälte und Schnee vor dem großen Einfahrtstor. Der erste Weihnachtstag.

Es schneite. Dicke Flocken. Der Himmel war grau und schwer, er hing über den Wäldern wie ein klumpiges Daunenbett.

Ein Wachleutnant suchte Männer für ein Schneeräum-Kommando. Die Straße mußte freigeschaufelt werden. Er jagte die Schlaftrunkenen mit Fußtritten aus den Betten und tobte.

Erster Weihnachtstag.

Kommissar Wadislav Kuwakino schrieb in seinem Zimmer. Nach Moskau. An die Zentrale des Politbüros.

Ich bitte um Entlassung.

Erster Weihnachtstag. Janina küßte Jens auf die Augen und schlief dann wieder ein, glücklich wie ein Kind.

Die Kasalinsskaja träumte und schlug im Traum um sich. Laß mich, schrie sie, laß mich.

Erster Weihnachtstag. Dr. Böhler stand im Operationsraum neben Schwester Martha Kreutz und Emil Pelz und operierte einen Blinddarm. Er war in der Nacht perforiert. Höchste Eile war geboten.

Erster Weihnachtstag.

Der Schnee rieselte ununterbrochen . es gab keinen Himmel mehr, keine Bäume, kein Lager, keine Baracken, keine Straße, keine Wachttürme, keine Rotarmisten, keine Plennis. Es gab nur noch Schnee. Die Welt löste sich auf in weiße Flocken.

»Tupfer«, sagte Dr. Böhler. »Schere. Klemmen. Binden Sie ab. Tupfer. Halten Sie die Schale bereit, Pelz. Tupfer. gut abbinden. Wo ist die Seide?. Tupfer.«

»Puls normal«, rief Schwester Martha Kreutz vom Kopfende her.

Der erste Weihnachtstag.

Schnee . Schnee . Schnee.

Friede auf Erden.

Zwischen Weihnachten und Neujahr kam eine neue Nachricht vom Lager 53/4 Nishnij Balykleij. Dr. von Sellnow lag im kleinen Revier des Lagers mit hohem Fieber. Lungenentzündung.

Dr. Kresin und Worotilow taten das einzige, was zu tun war, um neue Komplikationen zu vermeiden: Sie unterschlugen der Kasa-linsskaja gegenüber den Bericht.

»Jetzt ist es sowieso zu spät«, sagte Dr. Kresin ernst. »Ich glaube nicht, daß sie in 53/4 Penicillin an die Sträflinge vergeuden! Ich habe ja gewußt, daß wir Sellnow nicht wiedersehen.«

Die Meinung Dr. Kresins von seinen Kollegen in Nishnij Baly-kleij war nicht falsch, aber im Lager 53/4 lebten noch zwei deutsche Ärzte neben Dr. von Sellnow, zwei Ärzte der SS, denen man in Orscha und Minsk Versuche mit Bazillen und Cholerakulturen an Menschen zur Last legte und deren Leben in diesem Straflager nur eine Verlängerung ihrer Qualen war, ehe man sie hinrichtete. Ihr Tod war eine fest beschlossene Sache, sie wußten es und trugen es mit Standhaftigkeit. Sie arbeiteten wie Sellnow auf dem Eis und hieben Löcher in die Wolga. Am Abend aber schlichen sie von Baracke zu Baracke und halfen den Kranken, so gut sie konnten.

Die notwendigsten Medikamente - unter denen sich unerklärlicherweise auch eine Dose Penicillin befand! - bekamen sie von einem russischen Sanitätsfeldwebel, der 1943 in deutsche Gefangenschaft geriet, 1945 befreit wurde und in der Roten Armee blieb, um hier das kleine Revier des Straflagers zu übernehmen. Seine Sanitätskenntnisse beschränkten sich auf Verbinden von Wunden und Typhusspritzen in die Brustmuskeln. Es war den beiden SS-Ärzten bei aller Aufopferung fast unmöglich, das Lager auf einem gewissen Gesundheitszustand zu halten. Dr. von Sellnow aber konnte mit Hilfe des Penicillins gerettet werden.

In dieses Lager kam Mitte Januar bei starkem Schneegestöber ein Wagen aus Stalingrad. Drei vermummte Männer stiegen aus und rannten durch den Sturm zu der Wachbaracke. Dort schälten sie sich aus den dicken Mänteln und legten die Pelzmützen ab. Es waren zwei russische Offiziere und ein Deutscher. Ein Deutscher in der Uniform eines Majors. Er trug die volle Uniform. Sogar die Auszeichnungen hatte man ihm gelassen. Seine blanken Stiefel glänzten. Es war ein merkwürdiger Anblick, inmitten des verkommenen Lagers, zwischen stinkenden Uniformen und Läusen diese Eleganz zu sehen. Um sie zu verstärken, setzte der deutsche Major noch ein Einglas in sein gutgenährtes Gesicht und sah sich um.

Der Leutnant, der das Lager kommandierte, blickte erstaunt zu den beiden russischen Offizieren, die das Abzeichen des MWD an der Mütze trugen.

Geheimdienst!

Der Leutnant wurde still und wagte nichts zu sagen. Wenn die Wölfe ins Lager kommen, ist der Mensch wehrlos.

Der deutsche Major nickte. »Lassen Sie uns sofort beginnen«, sagte er auf russisch. »Wenn wir noch in die anderen Lager wollen, müssen wir uns beeilen.«

»Holen Sie bitte die beiden SS-Ärzte, Genosse Leutnant«, sagte der eine Russe, ein starker, breiter Hauptmann mit stoppelbärtigem Gesicht und kahlgeschorenem Schädel. Der Leutnant verließ eilig die Stube.

Der deutsche Major nahm ein Aktenstück aus seiner Mappe und legte es auf den Tisch. Gespannt schaute er auf die Tür, hinter der jetzt Schritte zu hören waren. Mit Schnee bedeckt, in dicken, oft geflickten Mänteln und mit Lumpen umwickelten Schuhen traten die beiden SS-Ärzte ein. Sie stutzten einen Augenblick, als sie den geschniegelten Major sahen, und preßten die Lippen aufeinander. Der Major verbeugte sich kurz und korrekt.

»Passadowski. Wilhelm Passadowski.«

Die beiden SS-Ärzte sahen ihn verschlossen an. Sie musterten seine tadellose Uniform, sein gepflegtes Äußeres, seinen guten Ernährungszustand, seine Ehrenzeichen, unter ihnen das Erinnerungskreuz der ersten Weltkriegsteilnehmer.

»Was willst du von uns?« fragte einer der Ärzte kurz.

Major Passadowski zuckte zusammen. Das Du machte ihn etwas verwirrt. »Ich wollte die Herren vertraulich sprechen«, antwortete er.

»Die Herren!« Der Arzt lachte gequält. »Bist wohl kein Plenni, was? Kommst aus Moskau, von der Seydlitz-Gruppe, was? Kleine Werbung für die antifaschistische Bewegung, wie ihr sie nennt?«

Major Passadowski sah sich nach den beiden russischen Offizieren um. Man wußte nicht, ob sie Deutsch verstanden. Gleichgültig rauchten sie ihre Zigaretten und musterten die beiden SS-Ärz-te.

»Es stimmt natürlich nicht, daß Sie, meine Herren, in Minsk Men-schenversuche machten«, nahm der Major die Unterhaltung wieder auf. »Dies ist eine Verdächtigung.«

»Nein!« Der andere Arzt steckte die Hände in die Tasche. »Wir haben Cholerabazillen verpflanzt, um einen schnellen Wirkstoff gegen die Cholera zu finden! Opfer muß die Wissenschaft bringen . wir hätten Tausende nach Abschluß der Forschungen retten können.«

»Das klingt ja ziemlich kaltschnäuzig, meine Herren!« Passadowski war entsetzt. »Sie gestehen eine Schuld ein, die Sie den Kopf kostet.«

»Das ist uns klar. Die Versuche lassen sich nicht leugnen. Wir stehen für sie gerade. Anders die Offiziere in der Seydlitz-Gruppe, die zu den Russen überliefen und dort eine Hetzkampagne gegen die deutschen Brüder entfesselten. Sie wurden Kommunisten, nur um ihr Leben zu retten!«

»Aber meine Herren!« Passadowski hob beide Hände. »Sie werden unsachlich. Ich bin gekommen, um Ihnen zu helfen. Ich kann Ihnen Stellungen in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands anbieten! Wir suchen gute Ärzte für unsere östlichen Krankenhäuser. Ich habe Ihnen vom Zentralkomitee Freies Deutschland das Angebot zu unterbreiten, eine dreimonatige Schulung des Politbüros in Moskau mitzumachen, um dann nach einer Verpflichtungserklärung in die Heimat entlassen zu werden. Es stehen Ihnen auch Offiziersposten in der Polizeitruppe der Ostzone, der Volkspolizei, zu. Sie können wählen.«

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