Der Arzt von Stalingrad
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочее научное
Электронная книга - «Der Arzt von Stalingrad». Краткое содержание книги:
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FÜR ALLE, DIE NICHT ZURÜCKKEHRTEN FÜR ALLE, VON DEREN SCHICKSAL NIEMAND WEISS...
GEDULD IST DIE KUNST ZU HOFFEN VAUVENARGUES
Er lief ihm nach - aber Sellnow war schon im Flur und rannte ihn entlang. Plötzlich wußte Dr. Böhler, was er plante, und eine wilde Verzweiflung erfaßte ihn.
»Werner! Bleib!« schrie er durch das Lazarett. Die Kasalinsskaja tauchte am Ende des Ganges auf und stellte sich dem davonstür-menden Sellnow in den Weg.
»Halten Sie ihn fest, Alexandra!« schrie Dr. Böhler. »Er macht eine Dummheit! Halten Sie ihn!«
In vollem Lauf prallte Sellnow gegen die Ärztin, er wirbelte sie mit sich herum, stürmte an ihr vorbei und riß die Außentür auf. Ingeborg Waiden, die aus der Lungenstation kam, war nicht fähig, den rennenden Mann aufzuhalten. Sie sah entsetzt zu, und erst der Aufschrei der Kasalinsskaja weckte sie aus ihrer Erstarrung.
Sellnow rannte über den vereisten Platz. Seine Jacke flatterte ... sie wehte davon, fiel in den Schnee als ein dunkler, welliger Haufen. Sellnow merkte es nicht. Er hetzte über den weiten Platz, er rannte zur Kommandantur, vor der gerade Kommissar Kuwakino seine Stiefel bürstete.
Die Kasalinsskaja jagte mit flatternden Haaren ihm nach. Dr. Böhler stand an einem offenen Fenster und brüllte die von der Küche kommenden Soldaten an: »Aufhalten! Haltet ihn fest! Festhalten!!«
Sellnows Atem flog. Wie ein Besessener rannte er über das Eis ... dann hatte er den Kommissar Kuwakino erreicht.
Ehe Alexandra bei ihm war oder die Soldaten zugreifen konnten, hatte er sich auf den kleinen Asiaten gestürzt und schlug ihm mit beiden Fäusten ins Gesicht. Kuwakino schrie auf. die Trillerpfeifen der Posten auf den beiden Türmen schrillten ... aus dem Postenhaus rannten die Russen. Worotilow erschien am Fenster . ungläubig, erblassend sah er auf die Szene vor seiner Kommandantur.
Sellnow hieb auf Kuwakino ein, der wimmernd zu Boden fiel. Dann trat Sellnow auf seinem Körper herum, es war, als wollte er ihn in das Eis stampfen. Dabei hielt er die Augen geschlossen und trat . trat.
Dr. Böhler sank mit dem Kopf gegen das Fenster. Er zitterte und kämpfte mit einem lauten Schluchzen.
Aus! dachte er nur. Aus! Aus!
Die ersten Posten waren bei der Gruppe . ein Kolbenhieb warf Sellnow neben Kuwakino in den Schnee.
In die Arme des herausstürzenden Worotilow fiel die Kasalinss-kaja. Sie schrie noch einmal grell auf, ehe sie besinnungslos zusammenbrach.
Und um sie herum standen die deutschen Gefangenen . stumm, unbeweglich, mit harten Augen.
Sanitäter eilten herbei . sie luden den blutüberströmten, kaum noch atmenden Kuwakino auf eine Bahre und rannten zurück zum Lazarett. Dr. Kresin erschien und raufte sich die Haare.
»Dynamit her!« schrie er über den Platz. »Dynamit, um das ganze Lager in die Luft zu sprengen!«
Ruhig, als sei nichts geschehen, trotteten die Plennis zu den Baracken zurück. Sie kümmerten sich nicht um die Befehle, die Wor-otilow hinausbrüllte . seit Tagen aßen sie die halbe Portion . was gab es noch Schlimmeres als das?
Bis in die Nacht hinein arbeiteten Dr. Kresin, Dr. Böhler und die beiden Schwestern Martha Kreutz und Erna Bordner im Operationssaal an Wadislav Kuwakino. Dann hatten sie seine Rippenbrüche und seine Schädelverletzungen verbunden, eine Bluttransfusion gemacht und die Knochen geschient. Die Kasalinsskaja lag in ihrem Zimmer. Sie hatte einen Nervenzusammenbruch. Ingeborg Waiden gab ihr Morphium, die Tschurilowa wachte bei ihr.
Dr. Kresin blickte auf Dr. Böhler, als sie sich nebeneinander die Hände wuschen. Der Russe war erschöpft ... er atmete rasch und keuchend.
»Er wird auf einem Auge blind bleiben«, sagte er leise. »Der Stiefelabsatz hat das Auge ausgeschlagen.«
»Ich habe es gesehen«, antwortete Dr. Böhler erschüttert.
»Das ist das Todesurteil für Sellnow.« Kresin sagte es, als sei es sein eigenes Urteil.
Stumm wandte sich Dr. Böhler ab und verließ den Raum. Auf dem Flur lehnte er den Kopf gegen die Holzwand und schluchzte.
So fand ihn Dr. Schultheiß ... er zog ihn in sein Zimmer, drückte ihn auf das Bett und löschte das Licht.
Zwei Tage später wurde Dr. von Sellnow von einem Lastwagen der Division in Stalingrad abgeholt. Worotilow stand dabei und kaute an der Unterlippe.
Vier Mongolen führten den Arzt, in Ketten, mit einem verquollenen, zerschlagenen, blutunterlaufenen Gesicht.
Nur einmal zögerte Sellnow und blickte zurück zu der großen, schönen Lazarettbaracke. Dr. Böhler stand an einem der Fenster, bleich und übernächtig.
Ein Kolbenstoß in den Rücken. Sellnow bestieg den Lastwagen . die vier Mongolen schwangen sich hinterher ... die Plane fiel. Dr. Kresin saß in seinem Zimmer und hörte, wie der Motor aufheulte. Da warf er die Hände an die Ohren und brüllte, um das Rattern der Maschine zu übertönen.
Langsam fuhr der Wagen aus dem Lager ... allein stand Major Worotilow am großen Tor und blickte ihm nach. Er wurde kleiner . die Straße senkte sich etwas an der Kurve hinter dem Wald. Noch einmal sah er die schaukelnde Plane . dann war nur noch der Schnee da . die grenzenlose Weite . das Schweigen des Landes an der Wolga.
Am Abend dieses Tages schnitt sich Alexandra Kasalinsskaja beide Pulsadern auf. Wadislav Kuwakino würde gesunden. Aber sein linkes Auge war nicht zu retten gewesen.
Die Kasalinsskaja lief mit bandagierten Handgelenken herum. Dr. Böhler hatte sie mit zwölf Bluttransfusionen, von denen drei die Schwester Martha Kreutz spendete, vor dem Hinüberdämmern bewahrt. Zurückgeblieben war bei ihr ein Nervenschock, der sich in plötzlichen Schreikrämpfen äußerte und in tiefen Ohnmächten. Dr. Kresin hatte bereits mit Stalingrad telefoniert und war beim General vorstellig geworden, um eine elektrische Schockbehandlung durchzusetzen.
»Mit diesen Schocks treiben wir ihr auch die Mannstollheit aus!« sagte er giftig zu Dr. Böhler. »Wenn die wieder gesund ist, kennt sie sich selbst nicht mehr und muß sich vor dem Spiegel vorstellen: Gestatten, Genossin Kasalinsskaja.«
Leutnant Piotr Markow lief wieder herum. Sein Gesicht war noch etwas bläulich, aber er nahm schon wieder den Kampf gegen das Lagerorchester auf, was ein sicherer Beweis dafür war, daß er sich wohl fühlte. Mit Dr. Böhler vermied er zu sprechen. Er wußte, daß er ihm sein Leben verdankte, und er war zu sehr Kommunist, um einem deutschen Plenni zum Dank die Hand zu drücken. Nur ab und zu merkte man, daß er so etwas wie ein Schuldgefühl im Herzen trug. Dann sah er bei gewissen Dingen einfach weg, bei denen er früher wie ein Stier gebrüllt hätte.
Von Dr. von Sellnow hatte man keine Nachricht mehr. Sosehr die Kasalinsskaja ihre Beziehungen in Stalingrad und in der Partei spielen ließ, sosehr sie Janina Salja anflehte und diese über die Sanitätsbrigade alle Stellen anrief. man hatte seit dem Abtransport nichts wieder von ihm gehört. Dr. Kresin nahm an, daß er bereits tot sei, daß er das Straflager gar nicht mehr erreicht habe.
Von einer Verlegung Dr. Böhlers in die Sümpfe wurde nicht mehr gesprochen. Er blieb, auch als der Mittwoch kam und die Transporte der leeren Kisten aus der Lagerküche nach Stalingrad zusammengestellt wurden. Somit war der Sinn des Überfalls auf Kuwakino erfüllt. Sellnow hatte sich geopfert, um Dr. Böhler im Lager zu lassen. Keiner sprach darüber, selbst der grobe Markow nicht -nur Dr Böhler trug schwer an der inneren Last und wurde stiller als zuvor, verschlossen, in sich versenkt. Das Opfer seines Freundes blieb ihm im letzten Grunde unverständlich. Worotilow ging ihm aus dem Weg, um ihm keine Erklärungen geben zu müssen. Die einzigen Russen, mit denen er sprach, waren die Kasalinsska-ja, die Tschurilowa, Dr. Kresin und ab und zu Janina Salja.
Seitdem Vorsatz, Dr. Schultheiß zu erschießen, war mit ihr eine große Wandlung vorgegangen. Sie war ruhiger geworden, gefaßter. Dr. Kresin hatte nicht darüber gesprochen, was er an diesem Vormittag getan hatte, als er in das Zimmer trat und die Janina vor sich sah, den Zeigefinger am Drücker. Er hatte nur schnell die Tür geschlossen und die plötzlich Zusammensinkende aufgefangen. Dann hatte er sie erst einmal geohrfeigt, regelrecht geohrfeigt, wie ein Vater sein Kind züchtigt, wenn er es auf einer schlimmen Tat ertappt. Janina hatte es stumm ertragen und Dr. Kresin nur aus großen Augen flehend angesehen. Die Pistole lag auf der Erde mitten im Zimmer. Der Lauf war durchgeladen, der Sicherungsflügel weggeklappt.