Бесплатная библиотека
Читайте книгу на сайте или телефоне
Georgs Sorggen um die Vergangenheit - Читать Любимую Русскую Полную Книгу 👉 Read-E-Book.com

Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
1 ... 49 50 51 52 53 54 55 56 57 ... 141
Перейти на страницу:

— Endlich ein Schritt in die richtige Richtung! Auf zur Apokalypse! wieherte es lautlos aus ihren aufgerissenen Mündern.

Nachdem die Verletzten abtransportiert worden waren, mußte die Kreuzung gesäubert werden. Die Feuerwehr bespritzte die Pflasterung so lange und gründlich, daß sich das gerötete Wasser bis nach unten ins Moldautal vorarbeiten konnte; es rann durch die Rillen der Schienen und folgte brav auch den schärfsten Kurven. Kurz vor der kleinseitner Haltestelle bildeten sich einige rote Pfützen. Seit dem Großunfall wurden auf dieser abschüssigen Strecke mehrere Sicherheitsstops eingerichtet, die später auch die neuzeitlichen Straßenbahnzüge einhalten mußten.

Diese steile Schienenrutschbahn lag südlich meiner Wohnung, und ich hatte ausgerechnet ihren brisantesten Streckenabschnitt und die zu ihm gehörenden Gefahren pausenlos im Rücken — allerdings nicht in Sichtweite. Gelegentlich konnte man die Bremsmanöver aber hören. Wenn ein Triebwagen quietschte, daraufhin Bremssand auf die Schienen ejakulierte, kreischte er ganz sonderbar — und machte dabei den Eindruck einer in Schreckstarre geratenen Kreatur.

Völlig anderer Natur war die Gefahr, die vom nordöstlich unserer Straße residierenden Vulkan ausging. Im Vergleich zu diesem Unruheherd NUMMER ZWEI waren die Achterbahnkunststücke unserer altertümlichen Straßenbahnen relativ harmlos. Unser Vulkan konnte — wenn ihm danach war — die gesamte Gegend jederzeit und urplötzlich in Schrecken versetzen. Als ich klein war, dachte ich in manchen Zusammenzucksekunden, in der Nähe würde ein überdimensionierter Löwe hausen. Der Vulkan füllte sich regelmäßig und hauptsächlich an den Wochenenden, er füllte sich mit emotional aufgeheizter Lava und hieß Sparta Praha. Sparta war einer der großen Prager Fußballklubs der (meistens jedenfalls) ersten Liga. Ich kannte den Spielkessel allerdings nur von außen — sah immer nur die häßlichen Rückseiten der hohen Holztribünen. Und auf mich wirkte das Ungetüm tatsächlich wie ein zum Himmel geöffneter, stinkender und nicht begehbarer Berg. Ich spielte zwar dauernd Fußball, in das Stadion ging ich aus gutem Grund aber nie. Die darin brodelnde Menschenschmelze war mir unheimlich. Es konnte auch gar nicht anders sein — das dort unter Druck stehende Magma machte jeden familiären Zusammenhang lächerlich, negierte jede Individualität, verwirrte auch manche gestandenen Kerle im Erwachsenenalter. Und mich prägte der Spartavulkan schon seit meinen ersten Lebenstagen — es waren gewaltige Stoßseufzer von Zehntausenden, Eruptionen eines Eintopfs aus miteinander verschmorten Seelen, das Aufheulen eines riesigen Leviathans, der Siegesjubel eines aufgeputschten Wasserkopfs ohne Gewissen, die mich bedrohten. Daß von diesem Vulkan eine massengeballte Bedrohung ausging, war auf eine Entfernung von Hunderten von Metern zu spüren. Man wußte einfach: Dieser ungeheuren Kraftmasse durfte sich nichts in den Weg stellen, diese Masse würde — nachdem sie sich aus den mit Bierrückständen vollgepißten Ausgängen ergossen hatte — alles Erdenkliche niederwalzen. In dieser Masse hatte ein zartes Bürschchen wie ich nichts zu suchen, besonders in den Jahren, wenn Sparta Praha in die zweite Liga abgerutscht war. Wann die Spiele stattfanden, wußten wir nie, das Gebrüll überraschte uns alle immer wieder von neuem. Wenn sich das Ungeheuer plötzlich aufrichtete und seinen Riesenkopf in den Himmel oberhalb der Tribünen hob, hörte man zeitversetzt:

— HHHHHAAAAAAAAAAAAAAAÜ!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Kurz bevor diese im Ton abfallende Botschaft voller Enttäuschung (einer hatte sicher daneben geschossen) bei uns ankam, drückte uns die dazugehörige Druckwelle die Vorhänge ins Zimmer.

— HHHHHHHHHHHUUUUÜ!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! war kürzer. Es hieß eher, daß der Torwart gehalten hatte. Genau wußte das aber niemand von uns.

Wenn die Sparta-Mannschaft ein Tor (GGGOOOOOOO-OOLLLLLLLÜÜ!) geschossen hatte, gab es einen Aufschrei, den schriftbildlich adäquat wiederzugeben leider unmöglich ist. Zur Illustration dieser Tor-Ekstasen muß hier reichen, daß dabei von den Dächern oft lockere oder gesprungene Dachziegel flogen.

Zu einer Kindheit gehören robuste Kulissen, die im Gedächtnis nicht allzu leicht zerbröseln oder sich von späteren Erinnerungen nicht kleinkriegen lassen. Neben unserembarocken Tor, den üppigen Resten der Festungsmauern, den unzugänglichen Hängen der Affenbande unterhalb der Parks im Süden (hinter der steilen Strecke der Straßenbahn) waren es die monumentalen Gebäude der bislang noch nicht erwähnten Militärakademie im Westen, die zu diesem Ensemble von Kulissen zählten. Diese Akademie — die NUMMER DREI des besagten Fünfzacks — besaß ein großes, gutbewachtes Areal, auf dem besonders fruchtbare und für uns unerreichbare Kastanienbäume wuchsen. Sonnabend nachmittags konnte man in den nahe dem Seiteneingang gelegenen Kinosaal gehen und sich einen Kriegsfilm ansehen. Etwas anderes als Kriegsfilme zeigten die Militärs nie — ich wäre aber trotzdem gern hingegangen, wenn ich nicht zu meinem Vater hätte pflichtfahren müssen. Die Akademie — im Volksmund» Kadetka «genannt — lag in der Nähe der Burg und war von meinem Haus etwa so weit entfernt wie das Stadion. Aufgrund dieser strategisch ausgewogenen Lage gehörten zu meinem Leben — als Ausgleich zu den Fußballfans — viele Offiziersanwärter und ihre ebenfalls uniformierten Offiziersdozenten, die sich jeden Tag von den Straßenbahn- und Bushaltestellen zum Unterricht schleppten. Mit meinen und Skopkas Knallgranaten ließen sich nicht nur die Fußballfans aus dem Hinterhalt effekvoll attackieren, auch die Männer in den grünen Ausgehuniformen zuckten ganz hübsch.

Nachdem sich die nur dem müden Lernprozeß verpflichtete Soldateska aus den Verkehrsmitteln ergossen hatte, lief sie meist wesentlich langsamer» zur Arbeit «als die übrige arbeitende Bevölkerung. Von Marschieren oder wenigstens würdigem Schreiten konnte bei diesen Auftritten nie die Rede sein. In den Händen oder auf den Schultern der Männer sah man sowieso nie irgendwelche Waffen, auch nicht an ihren Gürteln. Diese Soldaten trugen nur Aktentaschen, Stoffnetze oder Papiertüten mit Brötchen und Speckwürstchen.Dazu muß man wissen: Die Eliten unserer im Jahre 1939 aufgelösten Armee wurden während des Protektorats gnadenlos dezimiert. Die entlassenen Offiziere hatten ihre Strukturen für den konspirativen Widerstand genutzt und gingen in immer neuen nachrückenden Wellen in die Folterkammern der Gestapo und in den Tod. Die verbliebenen Reste, selbstverständlich auch die Rückkehrer aus den westlichen Armeen, erwartete nach dem Krieg ein ähnliches Schicksal — sogar auch ohne jegliche Beteiligung am neuen Widerstand. Die Verfolgungswelle begann gleich nach der 48er Machtergreifung — die Offiziere wurden verhaftet, gefoltert, außergerichtlich oder gerichtlich umgebracht; die Verschonten in die Armut getrieben, entehrt, vergessen. Nur ein Teil setzte sich ab. Die vakanten Offiziersposten wurden anschließend mit in Schnellkursen ausgebildeten jungen Kommunisten, möglichst Arbeitersöhnen besetzt.

In meiner Zeit lagen alle Kriege dieser Erde in weiter Ferne, und ich konnte mir nie vorstellen, daß die an mir vorbeischlendernden Kampfausbilder oder gar ihre Kampflehrlinge anderen Menschen weh tun könnten, es sogar gern wollen sollten. Trotzdem — sie waren tagtäglich genau mit solchen und noch schlimmeren Dingen beschäftigt. Die einen leiteten die anderen an, trieben sie vor sich her, gaben ihr auslöschendes Können weiter. In meiner unmittelbaren Nähe wurden pausenlos Kriegsszenarien simuliert, Siegeschancen durchgerechnet, Menschenmassen auf Waagschalen geworfen. Der Zaun der Akademie war massiv, leicht zu überwinden, wir betraten das Gelände trotzdem nie. Ganz in der Nähe der Akademie residierte auch noch der Generalstab der Armee.

1 ... 49 50 51 52 53 54 55 56 57 ... 141
Перейти на страницу:
0
Сюжет
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Атмосфера
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Главный герой
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Общее впечатление
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
Итоговая оценка: 0.0 из 10 (голосов: 0 / История оценок)