Die Vereinigung jiddischer Polizisten
- Автор: Чабон Майкл
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: dtv
- ISBN: 978-3-423-13793-5
- Переводчик: Andrea Fischer
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Vereinigung jiddischer Polizisten». Краткое содержание книги:
Mit einem jüdischen Staat am Rande des ewigen Eises hat Michael Chabon ein irrwitziges literarisches Szenario für seinen packenden Whodunnit geschaffen: »Michael Chabon erzählt eine fesselnde Kriminalgeschichte und erfindet dabei augenzwinkernd die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu«, schreibt Simone von Buren in der ›NZZ am Sonntag‹.
»Woher wissen Sie, dass ich hier wohne?«, fällt ihm plötzlich ein. »Ihr Schwiegersohn?«
»Nein, Detective, der hat mir das nicht erzählt. Ich habe es von dem anderen Detective Landsman erfahren. Mit dem Sie verheiratet waren.«
»Sie hat Ihnen von mir erzählt?«
»Sie rief heute an. Vor vielen Jahren hatten wir einmal Probleme mit einem Mann, der Frauen verletzte. Ein sehr böser Mann, ein kranker Mann. Das war damals in Harkavy, auf der S. Ansky Street. Die Frauen, die verletzt worden waren, wollten nicht mit der Polizei sprechen. Ihre Exfrau hat mir damals sehr geholfen, ich stehe immer noch in ihrer Schuld. Sie ist eine gute Frau. Eine gute Polizistin.«
»Zweifellos.«
»Sie gab mir zu verstehen, dass es nicht völlig falsch wäre, Ihnen ein wenig zu vertrauen, falls Sie zufällig vorbeikommen sollten.«
»Das war lieb von ihr«, sagt Landsman völlig aufrichtig.
»Sie hat in höheren Tönen von Ihnen gesprochen, als ich mir vorgestellt hätte.«
»Wie Sie schon sagten, Ma’am: Sie ist eine gute Frau.«
»Trotzdem haben Sie sie verlassen.«
»Nicht weil sie eine gute Frau ist.«
»Sondern weil Sie ein schlechter Mann sind?«
»Ich denke schon«, sagt Landsman. »Sie war nur zu höflich, das zu sagen.«
»Es ist viele Jahre her«, sagt Mrs. Shpilman. »Aber so wie ich mich erinnere, ist Höflichkeit nicht unbedingt eine große Stärke dieser speziellen Jüdin.«
Sie betätigt den Knopf, der die Verriegelung aufhebt. Landsman schiebt die Tür auf und steigt aus der Limousine.
»Ich bin jedenfalls froh, dass ich dieses grässliche Hotel noch nicht kannte, sonst hätte ich Sie niemals in meine Nähe gelassen.«
»Es ist nicht viel«, sagt Landsman, und der Regen prasselt auf seinen Hut. »Aber es ist mein Zuhause.«
»Nein, ist es nicht«, sagt Batsheva Shpilman. »Aber es macht es bestimmt einfacher für Sie, sich das vorzustellen.«
27.
»Die Vereinigung jiddischer Polizisten«, sagt der Kuchenmann.
Über die Edelstahltheke seines Ladens wirft er Landsman einen Blick zu und verschränkt die Arme, um ihm zu zeigen, dass er die Tricks der Juden durchschaut. Er kneift die Augen zusammen, als versuche er, einen Druckfehler auf dem Zifferblatt einer gefälschten Rolex zu erkennen. Landsmans Amerikanisch ist gerade gut genug, um nicht verdächtig zu wirken.
»Allerdings«, sagt Landsman. Er ärgert sich, dass von seinem Mitgliedsausweis der »Hände Esaus«, der internationalen Bruderschaft jüdischer Polizisten, Ortsgruppe Sitka, eine Ecke abgebrochen ist. Unten rechts ist ein kleines sechseckiges Symbol. Der Text ist Jiddisch. Der Ausweis bevollmächtigt zu nichts und hat keinerlei Bedeutung, nicht einmal für Landsman, der seit zwanzig Jahren angesehenes Mitglied dieser Vereinigung ist. »Wir sind über die ganze Welt verteilt.«
»Das wundert mich kein bisschen«, sagt der Kuchenmann nachdrücklich schroff. »Aber ich verkaufe nur Kuchen, Mister.«
»Wollen Sie nun Kuchen oder nicht?«, fragt die Frau vom Kuchenmann. Wie ihr Gatte ist sie stattlich und blass. Ihr Haar hat die farblose Farbe von Alufolie in fahlem Licht. Die Tochter steht hinten, zwischen den Beeren und Teigen. Bei den Buschpiloten, Jägern, Rettungsmannschaften und anderen Stammkunden, die regelmäßig den Flugplatz Yakovy aufsuchen, gilt es als Glücksfall, einen Blick auf die Tochter des Kuchenmanns zu erhaschen. Landsman hat sie seit Jahren nicht gesehen. »Wenn Sie keinen Kuchen wollen, gibt es keinerlei Grund, hier am Tresen rumzutrödeln. Die Leute hinter Ihnen wollen ihr Flugzeug erreichen.«
Sie nimmt ihrem Mann den Ausweis ab und reicht ihn Landsman zurück. Er kann ihr ihre Ruppigkeit nicht verübeln. Für die Rechtsverdreher, Scharlatane, Diplombetrüger und Grundstücksstrohmänner dieser Welt ist der Flugplatz von Yakovy eine Schlüsselstation auf dem Weg nach Norden. Für Wilderer, Schmuggler, ungeratene Russen. Drogenkuriere, kriminelle Indianer, verbrecherische Yankees. Der gerichtliche Zuständigkeitsbereich von Yakovy wurde nie endgültig festgelegt. Juden, Indianer und Klondikes stellen gleichermaßen Ansprüche. Der Kuchen dieser Frau hat eine höhere Moral als die Hälfte ihrer Kundschaft. Die Kuchenfrau hat keine Veranlassung, Landsman mit seinem Talmi-Ausweis und der kahlgeschorenen Stelle am Hinterkopf zu vertrauen oder auf ihn einzugehen. Und doch verspürt Landsman angesichts ihrer Grobheit einen stechenden Schmerz des Bedauerns, seine Dienstmarke eingebüßt zu haben. Hätte er sie noch, könnte er jetzt sagen: Die Leute hinter mir können mich mal am Arsch lecken, Madam, und Sie können sich gern mal einen netten Boysenbeereneinlauf machen. Stattdessen mustert er demonstrativ die in einer mäßig langen Schlange hinter ihm anstehenden Personen: Fischer, Kajakfahrer, Geschäftsleute, einige Wirtschaftsvertreter.
Jeder Einzelne signalisiert ihm mit den Augenbrauen oder einem Geräusch, dass er begierig auf Kuchen ist und langsam die Geduld mit Landsman und seinem eselsohrigen Ausweis verliert.
»Ich nehme ein Stück Apfelstreusel«, sagt Landsman. »Daran habe ich schöne Erinnerungen.«
»Apfelstreusel ist mein Lieblingskuchen«, sagt die Kuchenfrau und wird etwas milder. Mit einem Nicken schickt sie ihren Mann an die hintere Theke. Da steht der Apfelstreusel auf einem schimmernden Sockel, frisch, noch nicht angeschnitten. »Kaffee?«
»Ja bitte.«
»A la mode?«
»Nein danke.« Landsman schiebt das Bild von Mendel Shpilman über den Tresen. »Und? Schon mal gesehen?«
Die Frau beäugt das Foto, die Hände sorgfältig in die jeweils gegenüberliegende Achselhöhle geschoben. Landsman spürt, dass sie Mendel Shpilman sofort erkennt. Dann dreht sie sich um und nimmt ihrem Mann den Pappteller mit dem Stück Streuselkuchen ab. Sie stellt den Teller zusammen mit einem kleinen Styroporbecher Kaffee und einer in eine Papierserviette gerollten Gabel auf ein Tablett.
»Zwei fünfzig«, sagt sie. »Setzen Sie sich zu dem Bären.«
Der Bär wurde in den Sechzigern von Jids erschossen. Nach ihrem Aussehen auf dem Foto zu urteilen, waren es Ärzte mit Skimützen und Pendleton-Mänteln. Sie verbreiten die seltsame, bebrillte Männlichkeit aus den goldenen Jahren des Distrikts Sitka. Neben der Aufnahme dieser fünf fatalen Männer klebt ein auf Jiddisch und Englisch beschriebenes Schild. Es informiert den Betrachter, dass der Bär, der bei Lisianski erlegt wurde, ein drei Meter siebzig großer, vierhundert Kilo schwerer Braunbär war. Nur sein Skelett wird heute noch in dem Glaskasten aufbewahrt, neben den sich Landsman nun mit seinem Apfelkuchen und dem Kaffeebecher setzt. Er hat hier schon viele Male gesessen und bei einem Stück Kuchen dieses furchtbare elfenbeinfarbene Xylophon betrachtet. Das letzte Mal war er hier mit seiner Schwester, vielleicht ein Jahr vor ihrem Tod. Er war mit dem Gorsetmacher-Fall beschäftigt. Sie hatte gerade eine aus der Wildnis zurückkehrende Gruppe Fischer abgesetzt.
Landsman denkt an Naomi. Die Erinnerung ist ein Luxus, wie ein Stück Kuchen. So gefährlich und begehrenswert wie Alkohol. Er ersinnt ein Gespräch mit Naomi, die Worte, mit denen sie sich über ihn lustig machen und ihn verspotten würde, wenn sie hier wäre. Wegen seines blutigen Überschlags im Schnee bei diesen trotteligen Zilberblats. Weil er mit einer frommen alten Dame im Fond einer hypertrophen Limousine Ginger Ale getrunken hat. Weil er glaubt, sein Alkoholproblem aussitzen und lange genug high bleiben zu können, um den Mörder von Mendel Shpilman zu finden. Weil er seine Dienstmarke eingebüßt hat. Weil ihm die angemessene Hektik angesichts der Reversion abgeht, weil er keine Meinung dazu hat. Naomi behauptete, Juden zu hassen, weil sie sich dem Schicksal demütig unterwerfen, weil sie Gott und den Christen bedenkenlos vertrauen. Aber Naomi hatte eine Meinung zu allem. Sie kontrollierte und wartete ihre Meinungen, polierte und pflegte sie. Und sie hätte, denkt Landsman, seinen Entschluss kritisiert, den Kaffee nicht à la mode zu nehmen.